Doc Tottes Welt

Essays, Skizzen und Gedanken

Vladimir Nabokov, Ada oder das Verlangen

Ich weiß gar nicht recht, wo ich bei dem Buch anfangen soll. Entdeckt hatte ich es ja kurz vor meinem letzten Geburtstag bei Zweitausendeins. Und da ich noch etwas anderes „brauchte“, legte ich es gleich mit in den Warenkorb. Hier lag es dann fast ein halbes Jahr, weil mir dauernd andere Bücher in die Quere kamen. Monatelang freute ich mich auf den Nabokov und neulich war es dann so weit: Ich packte mir das wirklich sehr hübsch gestaltete Buch in die Tasche, um mich bei der Pendelei angenehm unterhalten zu lassen. Doch schon nach wenigen Seiten begann das Erstaunen.

Kein Witz: Bevor ich die ersten 40 Seiten zu Ende gelesen habe, hatte ich dreimal auf dem Umschlag kontrolliert, ob das Buch auch wirklich von DEM Vladimir N. ist und nicht von irgendeinem Halbbruder oder entfernten Cousin verfasst wurde.

Ja, schon der Anfang von Ada tut weh. Es ist ein krauses Feld an Schwurbeleien, bei dessen Lektüre man das Fragezeichen überm Kopf problemlos beim Wachsen beobachten kann.

Dann irgendwann kam der Bruch. Es begann, eine erzähltechnisch halbwegs normale Geschichte zu werden. Gut, ich wunderte mich über vereinzelte Anachronismen, bis ich merkte, dass sie kein Fehler Nabokovs waren, sondern dass das, was ich hier las, in einer Art Parallelwelt spielen sollte. Diese Parallelwelt entwickelt sich technisch etwas anders, auch politisch und in Bezug auf Landesgrenzen.

Nabokov hat das Buch 1969 geschrieben, daher kam es mir an vielen Stellen so vor, als sei es ein Gedankenspiel, wie sich Russland und die russische Kultur im Verhältnis zu anderen Ländern entwickelt hätten, wenn es keine Revolution gegeben hätte.

Denn in der Hauptsache geht es um die Geschichte von Ada und Van. Die Eltern von beiden sind über Kreuz miteinander verheiratete Zwillinge, und obwohl Ada und Van bereits als Teenager herausfinden, dass sie gar nicht Cousin und Cousine, sondern mindestens Halbgeschwister, wenn nicht richtige Geschwister sind, entwickelt sich zwischen beiden eine Beziehung. Und wer jetzt „Inzest!“ denkt, liegt nicht falsch. Denn anders als bei Nabokovs Lolita, das im Volksmund unberechtigterweise für Schweinkram berühmt ist, dreht er in Ada das große Rad.

Dabei gibt es eigentlich nicht viel Sex, das Meiste spielt sich in oder hinter Gebüschen ab und wird eher verblümt angedeutet. Aber es ist doch durchgehend klar, was die beiden miteinander treiben.

Insgesamt erzählt das Buch mehr oder weniger die Lebensgeschichte Vans, etwa in der Art eines psychologischen Berichts. Der Text ist gespickt mit Anleihen aus der französischen und russischen Literatur. Überhaupt gibt es zahlreiche Sprachspiele und Wortwitzeleien auf Russisch, Französisch, Englisch, die zwar weitgehend im Anmerkungsapparat kurz erklärt sind, aber für meinen Geschmack unangenehm blass bleiben. Was bei Joyce oder Schmidt noch Spaß macht, ist bei Nabokovs Ada einfach aufgesetzt und stellenweise gezwungen. Trotzdem, und gerade deswegen habe ich das oft quälende Buch zu Ende gelesen, gibt es immer wieder ein Bündel Seiten, die viele nachdenkenswerte Überlegungen und philosophische Betrachtungen, beispielsweise zur Zeit beinhalten. Und dann kommen wieder Seiten, bei deren Lektüre man eigentlich vor Schmerz nur laut schreien möchte.

Ich weiß nicht genau zu sagen, woran diese Wechsel liegt. Mein erster Verdacht war, dass es daran liegt, dass der Text von zwei Übersetzern übertragen wurde. Wenn ich die Lektüre nicht so furchtbar quälend gefunden hätte, würde ich vielleicht ins Original schauen. Aber ehrlich: Meine Zeit ist mir zu schade, nur um das zu prüfen.

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  1. Es ist ein sehr blumig-blümerantes Buch und verliert sich in Metaphorik. Dennoch hat es eine eigene, künstlerische Schönheit und eine so versteckte, aber dennoch poetische Erotik, dass ich immer wieder gern in Ada blättere, sie entblättere und in Nabukovs Sprache die Natur der Worte suche. Literarische Geilheit mit Niveau? Keine Ahnung.

    • Du verwendest eine Reihe von Begriffen, die ich bei Ada sehr passend finde: blumig-blümerant, in Metaphorik verloren, Poetik, blättern. Ich kann mir vorstellen, dass es sich als Buch sehr gut dazu eignet, nach der Lektüre immer wieder zum Herumblättern und Herumstübern in die Hand genommen zu werden. Trotzdem finde ich es schade, dass ich bei der eigentlichen Lektüre so viele Wortspielereien so schal fand. Wer weiß, vielleicht greife ich eines Tages doch noch mal zum Original.

  2. Ich habe mich dereinst schon durch Lolita gequält und bin sehr froh, dass ich mir das Buch nicht auch noch antun muss.

    • Darf ich fragen, was Dich daran gequält hat? Der Inhalt oder die Schreibe? Denn die mühselige Schreibe bei Ada ist mit der leichtlebigen bei Lolita überhaupt nicht zu vergleichen – leider.

      • Das war ganz klar der Stil. Irgendwie habe ich den zäh in Erinnerung. Vielleicht hat mich auch das Thema beklommen gemacht. Ist schon lange her.

        • Oha, dann ist Nabokov definitiv nichts für dich, denn Lolita ist für seine Verhältnisse stilistisch noch gut geschrieben. 🙂

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