Mein Vater war kreativ. Er filmte nicht nur im Urlaub, sondern hat auch andere Filme gedreht. Einer seiner Filme wurde besonders gut bewertet und wäre sogar fast im Rahmen irgendeines Wettbewerbs im ZDF gezeigt worden. Der Film hieß „Wenn ich einmal reich wär’“ und mein Vater spielte einen Bettler, der auf dem Rüttenscheider Markt Geige spielte, dabei konnte er gar keine Geige spielen. Der Ton lief vom Band, aber die Leute merkten es überraschenderweise nicht und warfen ihm sogar wirklich Almosen in den Hut während der Dreharbeiten. Und der Mann mit den zerlumpten Klamotten und dem mit Grafit imitierten unrasierten Gesicht nahm das Geld aus dem Hut und ging zum Friseur, zum Herrenausstatter und in die Kneipe. Hier ließ er sich rasieren, frisieren, neu einkleiden und ein Eisbein servieren. Aber kaum, dass er in das Bein beißt, bellt ein Hund und weckt den Bettler aus seinem Tagtraum am Marktplatz. Aber mein Vater drehte nicht nur Filme mit Geschichte oder Dokumentationen über osteuropäische Städte, er filmte auch die Familie, wie man das so machte als Amateurfilmer der 60er und 70er. Außer meinen Radkünsten musste ich auch im Schwarzwald beim Spazierengehen mein Gesicht in die Kamera halten und durfte nicht hineingucken, niemals in die Kamera gucken, Herr Michel Eichhorn, als fräße sie dich dann auf, guck nicht rein, lauf weiter, auf dem Weg, ich hatte keine Lust, war quengelig, trug tagelang dieselben Klamotten, „für den Film“, und haute meine ältere Schwester, weil ich Diva keine Lust aufs Drehbuch hatte, das sie knallhart durchzog. Bei diesem Urlaub waren meine Schwester und ich mit unserer Mutter vorgefahren zur Verwandtschaft nach Ulm, zur Großtante, dahin, wo meine Mutter den Krieg überlebt hat, obwohl Flieger auf sie geschossen hatten. Die Großtante hatte Mann und Hof und Kinder und Lumpi, einen kleinen grauen Schnauzer, mit dem ich viel spielte.

Totte auf dem Motorrad

Totte auf dem Motorrad

Und meine dortigen Cousins, die fuhren Trecker und Motorrad, das fand ich toll und darauf wollte ich mitfahren, aber ich durfte auf dem Motorrad nur mal sitzen, als es stand, mit Helm zwar, aber nicht fahren, und Trecker fand ich weniger toll, denn auf dem Trecker konnte ich auch mitfahren bei den Bauern im Dorf, in dem unser Ferienhaus stand, das kannte ich schon von wenn alle Kinder mal mithelfen auf dem Feld und da waren immer viele Bremsen, die stachen und bissen und nervten. Aber in Ulm half ich nicht auf dem Feld, ich spielte mit Lumpi und pflückte Gänseblümchen auf der Wiese vor dem Haus und brachte sie meiner Mutter in die Küche, wo sie der Tante beim Essen half.

Lumpi, der Hund meiner Großtante

Lumpi, der Hund meiner Großtante

Die Tante konnte noch richtig Spätzle machen, vom Brett runter den Teig schneiden ins kochende Wasser. Und einen Abend, ich lag schon im Bett, da kam mein Vater und weckte mich sanft und stellte eine Playbig-Figur, einen Taucher, neben mein Bett und ich schlummerte wieder ein und von hier fuhren wir in den Schwarzwald.

Mein Vater und ich in Ulm

Mein Vater und ich in Ulm

Da spazierten wir viel durch die Wälder, nicht nur für die Kamera, auch um die Natur zu genießen, und mein Vater erklärte mir den Unterschied zwischen links und rechts, nachdem ein Reh von links nach rechts über den Weg gesprungen war, vielleicht 20 m vor uns. Aber das kann auch ein anderer Wald gewesen sein, ich bin mir nicht sicher. Und mein Vater erklärte mir auch Nie Ohne Seife Waschen und wo man am Baum erkennt, wo Westen ist. Und im Schwarzwald waren wir auch auf einem Spielplatz, mitten im Wald. Da war eine große lange Schaukel in Form eines Krokodils, gemacht aus einem Baumstamm. Das war sehr lustig, da zu schaukeln mit Mama, Papa, Onkel Matthis. Noch lustiger war sicher nur das Hansaland, das wir von Malente aus besucht haben, wo wir Gold waschen konnten und ein kleines Legoland war. Ähnlich kleine Häuser, aber nicht aus Lego, kannte ich nur von MiniDOM, das war ein kleiner Park bei Mülheim, gleich an der A52, am Kreuz Breitscheid. Da hatten sie berühmte Bauwerke in klein nachgebaut und eine offene Bühne, auf der war mal ein Zauberer aufgetreten und der konnte echt zaubern und zauberte Papphasen von der einen Seite der Bühne auf die andere Seite. Und wir waren mal in einem Hotel gewesen, das muss in Hessen gewesen sein, wo wir mal den Geburtsort meines Opas besucht haben, den Ort kannte mein Vater daher, dass er da auch mal Schlitten gefahren war im Winter mit viel Schnee. Und in diesem Hotel bestellte sich der Vater einer anderen Familie zum Frühstück ein Bier und meine Eltern fanden das unmöglich und lästerten darüber. Und als wir von da aus irgendwo hinfahren wollten, aber noch auf etwas warteten, da lehnte ich mich ans Auto mit der linken Hand und meine Schwester schloss von innen die Tür, denn sie saß immer hinter dem Beifahrer. Die Tür hatte Kindersicherung drin und meine Schwester konnte die Tür von innen nicht öffnen, was aber dumm war, weil die obersten Fingerglieder meines kleinen und Ringfingers in der Tür steckten. Ich schrie wie Tarzan, so erzählte ich es später meinen Freunden, muss also Weißmüller schon gekannt haben, kam aber selbst nicht an den Türgriff und mein Vater hechtete ums Auto, um die Tür zu öffnen. Die Nägel waren kaputt, ich bekam Pflaster und Pusten und gute Sprüche. Und irgendwann in diesem Urlaub bekam ich auch ein Plastik-U-Boot für die Badewanne, ich badete nämlich gern und setzte mit meiner Schwester das Badezimmer unter Wasser. Vielleicht sollten auch deshalb erst mal keine Boxen im Bad stehen.