Obwohl ich immer das Gefühl hatte, mehr über die Kindheit meiner Mutter zu wissen als über die meines Vaters, muss ich zugeben, dass mir auch ihre Vergangenheit recht rudimentär bekannt ist, oft nur vage. Neben den Legenden wie Peterchens Mondfahrt und den Dosen unterm Bett sind es Schlaglichter, einzeln gestreut. Wie meine Mutter zum Beispiel mal im Schulsport eine Eins bekam und fünf Mark von den Eltern, weil sie sich getraut hatte, einen Kopfsprung vom 10-m-Brett zu machen. Wie sie mit ihren Eltern und ihrem Bruder on Cuxhaven Urlaub gemacht und dort irgendeine alberne Taufe von Neptun bekommen hatte (es gibt viele Fotos davon, die ich schon als Kind gesehen hatte).

Viele Jahre später bin ich mit ihr einen Nachmittag nach Cuxhaven gefahren. Sie hatte mich in Holstein besucht und ich hatte überraschend einen Termin im Süden Cuxhavens und nahm sie mit. Nach dem Termin fuhren wir in die Stadt rein und meine Mutter erzählte hier- und davon.

Sehr eindringlich war ein Foto, das lange in unserer Wohnung hing, ein Kinderbild, meine Mutter als kleines Mädchen, aber große Schwester neben meinem vielleicht zweijährigen Onkel. Aufgenommen vor einer rotten Wand, irgendwann in der Endkriegszeit, die Kinder in Klamotten, die man heute leicht zerlumpt nennen würde, aber trotzdem auf eine sorgfältige Art herausgeputzt, dass klar ist, es ist ein professionelles Foto eines Fotografen, kein Schnappschuss. Die Haare meiner Mutter in einer seltsam erwachsenen 40er-Jahre-Art hergerichtet, das Gesicht meines Onkels pausbäckig-trotzig, beide leicht kritisch blickend.