Doc Tottes Welt

Essays, Skizzen und Gedanken

Kategorie: 2013 gelesen (Seite 1 von 2)

Uwe Johnson, Jahrestage

Es ist lange her, dass ich kurz angesprochen hatte, die Jahrestage zu lesen. Nun konnte ich die Lektüre beenden, die überraschend fast genau ein Jahr in Anspruch genommen hat.

Hauptthema des Buchs ist ein Jahr im Leben der Gesine Cresspahl, von August 67 bis August 68. Gemeinsam mit ihrer Tochter befindet sie sich in den USA (meist New York). Sie schildert, Tagebucheinträgen ähnlich, was in New York passiert, was die N.Y. Times (die alte Tante) so berichtet und erzählt darüber hinaus ihrer Tochter die Geschichte ihrer Familie „für wenn ich tot bin“.

Johnson, der als Genosse Autor sogar leibhaftig in Gesines Erzählung angesprochen wird, verknüpft so auf sehr geschickte Weise Ereignisse wie die Unruhen in den USA, die Kämpfe in Vietnam und den Prager Frühling samt Niederschlagung mit der Rezession der Zwanziger- und Dreißigerjahre in Norddeutschland, dem Aufstieg der Nazis, dem zweiten Weltkrieg, der Besatzungszeit in Mecklenburg und der Gründung wie den ersten Jahren in der DDR.

Das Buch ist in vier Großteile gegliedert; vor allem die Niederschrift des letzten Teils scheint für Johnson schwierig gewesen zu sein. Einerseits hat er sehr lange gebraucht, um diesen Teil (und somit das Buch) zu beenden, andererseits merkte man es dem Buch meines Erachtens auch bei der Lektüre an. In den vorhergehenden Teilen glänzt Johnson mit einem Füllhorn an Informationen, eigenen, aber doch sehr exakten Wortverbindungen und einer Vielzahl wunderbarer Formulierungen. Das lässt zum Ende leider etwas nach; der Inhalt scheint immer gedrängter präsentiert, die Fabulierlust verliert sich etwas. Und doch war ich nun ein Jahr lang gefesselt an der Seite Gesine Cresspahls.

Die Lektüredauer war ursprünglich nicht so geplant, wurde aber durch verschiedene äußere Einflüsse erzwungen. Schon bald ergab sich daraus aber eine amüsante jahreszeitliche Parallelität zum Inhalt. Fror Gesine im New Yorker Winter, befand auch ich mich auch bei der Lektüre im Winter. Litten die Menschen unter sommerlichen Temperaturen an der Ostküste, brannte auch hier der Lorenz (also im Prinzip, nicht tagesaktuell).

Dadurch und durch die nahezu tägliche Lektüre schlich sich Gesine Cresspahls Familie auf eine ganz ungewöhnliche Weise in meine Gedankenwelt. Es war oft fast, als würde mir eine Freundin häppchenweise ihre (Familien-)Geschichte erzählen; bei einem Treffen diesen Teil, bei einem anderen Treffen jenen Teil. Und genau wie man durch diese Teilerzählungen langsam eine Vorstellung von der Person entwickelt und diese Person immer besser kennenlernt, so lernte ich in diesem Jahr Gesine kennen. Gerade die Abschweifungen, die Splitter, was sie selbst erlebt hat, was ihr erzählt worden war, was sie aktuell erlebt – all das machte gerade die Figur aus. Hierin sehe ich die besondere Qualität des Buchs. Denn mir ist auf Buchseiten selten ein Charakter so persönlich vorgestellt worden wie hier.

Alles in allem halte ich es bei allen Schwierigkeiten daher für ein wichtiges und gutes Stück deutscher Literatur. Trotz der Gesamtqualität bin ich jedoch realistisch genug zuzugeben, dass es keine Lektüre für jedermann ist.

Nebenbei empfehle ich den Farblinolschnitt von Valentino.

Doug Niven, Chris Riley (Hrsg.), Ein anderes Vietnam. Bilder des Krieges von der anderen Seite

Ich hatte schon mal bei Marlantes’ Matterhorn erwähnt, dass ich mich ein wenig mit Vietnam und in Sonderheit mit den militärischen Aktionen während der 60er- und 70er-Jahre beschäftigt habe.

Als ich daher zufällig über das Buch gestoßen bin, das Doug Niven und Chris Riley herausgegeben haben, griff ich gleich zu. Ich kann sagen, ich habe es noch keine Sekunde bereut. Sicher, fast jeder kennt das ein oder andere (amerikanische) Foto über den Vietnamkrieg. Und fraglos finden sich dabei bereits Bilder, die deutlich machen, warum die USA hier nichts gewinnen konnten. Aber in dieser Menge hatte ich noch keine Bilder von vietnamesischen Fotografen versammelt gesehen. Bilder, die den Stolz, den Willen und die Kraft der Vietnamesen zeigen. Die die Umstände zeigen, unter denen sie kämpften. (Richtig, ich enthalte mich mit Absicht einer Bewertung der Sache, für die sie damals kämpften und was sie heute davon haben.)

Es sind allesamt beeindruckende Zeugnisse eines unbarmherzigen Krieges und dabei handelt es sich in den seltensten Fällen um Propagandafotos. Dieser Band ist wirklich sehr zu empfehlen!

Thomas Bernhard, Elisabeth II.

Als ich das letzte Mal in Wien war, erzählte ich meinen Gastgebern, dass ich mir eigentlich als Mitbringsel einen Bernhard genehmigen wollte, was ich leider zeitlich nicht geschafft habe. Da meldete sich die Gastgeberin und erzählte davon, dass sie mal im Burgtheater ein Spiel von ihm gesehen hatte, bei dem es den Volltext im Programmheftchen gab. Kaum in ihrer Wohnung angekommen grub sie den Text aus und gab ihn mir mit (ich muss gestehen, dass mir noch nicht ganz klar ist, ob es ein Geschenk oder leihweise war, das muss ich noch klären). Nach meinen ersten Bernhard-Erfahrungen war ich hochgespannt, ob diese Qualitäten auch hier erfüllt würden, wurde aber zunächst etwas enttäuscht. Gut, die Hauptfigur der Nichtkomödie ist Menschen gegenüber zwar ähnlich freundlich gestimmt, wie Bernhard an sich, aber mir war es doch etwas zu milde im Vergleich zu dem, was ich bereits von ihm kannte. Aber zum Glück gab es zusätzlich zum Theatertext hinten auch ein paar Seiten, auf denen Bernhard ein wenig aus seinem philosophischen Schatzkästlein plaudert. Und hier dreht er wieder hübscht auf. Also ein nettes Geschenk (oder Leihexemplar, siehe oben), aber ich erwarte doch etwas mehr von Bernhard.

Norbert Golluch, Crazy Christmas. Total verdrehte Weihnachten

Das Schöne an Sprache ist unter vielem, dass selbst „eine“ Sprache etliche Untersprachen enthält. Darunter Dialekte, Sprachen für Eingeweihte oder Berufssprachen. Damit lässt sich viel Schabernack treiben.

Das Schöne am Künstlerischen besteht unter anderem daraus, sich selbst einen gewissen Rahmen zu setzen, der für eine Aufgabe nicht überschritten werden darf. Das kann in der bildenden Kunst die Selbstbeschränkung auf Material, Größe oder Form sein. Ein aktuelles Beispiel sind Tweets: Jeder wirklich gute Tweet ist solch eine Selbstbeschränkung in der Größe. Selbstbeschränkungen in Form und Material gehen oft Hand in Hand.

Arno Schmidt hat beispielsweise in Kaff – auch Mare Crisium wunderbar das Nibelungenlied als Binnenerzählung in die Zeit des zweiten Weltkriegs tradiert. Ich selbst habe mir vor Jahren die Freude erlaubt, das Hildebrandslied in den Wilden Westen zu verlegen (ich war selbst überrascht, wie gut es da passte – die geschilderten Personen und Eckdaten wie ihre Teilnahme an den genannten Schießereien und dem Chisholm-Trail sind keineswegs ausgedacht, sondern historisch verbürgt!).

Was eine Einleitung!

Norbert Golluch war so frei – passend zur anbrechenden Saison –, sich in vergleichbarer Weise der Weihnachtsgeschichte anzunehmen und sie gleich in acht Versionen zu erzählen. Es finden sich gerappte, genachrichtensprochene oder Marketing-Fassungen einer Geschichte, die im hiesigen Kulturkreis auch dem größten Atheisten minnigstens grob bekannt sein dürfte. Besonders fein ist meines Dafürhaltens die amtsdeutsche Geschichte geraten, bei der man eine Ahnung bekommt, wie die christliche Religion wohl bereits im Anfang verhindert worden wäre, hätten dieselben Beamten vor 2000 Jahren bereits gedient.
Doch zurück zum Buch. Es ist als Kindle-Ausgabe in einem großen Online-Versandhaus erhältlich. Und wer mault, dass es mit ca. 19 Seiten nicht sooo viele Seiten hat, sei daran erinnert, dass die Originalweihnachtsgeschichte™® ja nun auch nicht gerade durch epische Breite glänzt. Zumal der Preis der Golluch-Fassungen wohl nur durch eine Gideon-Bibel zu toppen ist.

Ernsthaft. Wer aus welchen Gründen auch immer mit einem familiären Handicap geschlagen ist (Kinder, Hamster, Beamte) und die Geschichte braucht, kann hiermit für Abwechslung sorgen. Und wer wie ich froh ist, mit dem ganzen Brimborium nichts am Hut zu haben, kann sich für sich amüsieren.

Uwe Johnson, Mutmaßungen über Jakob

Wie ich neulich schon kurz erzählte, lese ich derzeit Johnsons Jahrestage (deren Besprechung wird sicher noch etwas dauern, weil ich das Buch in sehr kleinen Häppchen genieße und sich die Lektüre angesichts der zahlreichen Seiten noch über einige Wochen oder Monate hinziehen wird). Ich hatte die Jahrestage kaum angefangen, da hatte ich günstige Gelegenheit, einen weiteren Johnson zu erwerben. Als ich – bis dahin noch ahnungslos – erfuhr, dass die Mutmaßungen im Universum derselben Protagonisten spielen, dachte ich: Perfekt – ein dünnes Buch für die Bahn, das die Jahrestage inhaltlich ergänzt.

Die Mutmaßungen, das kann ich an dieser Stelle gleich verraten, hat Johnson recht früh geschrieben. Es war sogar die erste größere Veröffentlichung (wenn auch nicht sein erstes Buch, denn das wurde erst postum verlegt). Vor Beginn der Lektüre hatte ich zumindest schon mitbekommen, dass die Kritik sehr gespalten reagiert hatte, als die Mutmaßungen Ende der 50er-Jahre erschienen waren. Karlheinz Deschner verriss es wegen sprachlicher Mängel, Hans Magnus Enzensberger lobte es über den Klee als Detektivroman zum Mitmachen. Wer sich jetzt wundert, dass ich das erzähle, wird sofort den Grund erfahren. Denn ich selbst war beim Lesen sehr gespalten:

Johnsons Schreibe ist in den Mutmaßungen oft verstümmelt, Zeichensetzung findet seltener statt als eigentlich nötig. Und trotzdem blüht hin und wieder eine Formulierung auf, die zeigt, dass es kein Unvermögen war, sondern dass Johnson hier sehr bewusst geschrieben hat, wie er geschrieben hat. Und trotzdem gab es etliche Seiten, bei denen meine Gedanken einem anderen bekannten Schreiber und Literaturkritiker galten: Kurt Tucholsky.

Der hatte nämlich 1927 in der Weltbühne unter dem Pseudonym Peter Panter die Goyert-Übersetzung des Joyce’schen Ulysses besprochen. Diese unterhaltsame Kritik kulminierte in der Aussage:

„Hier ist entweder ein Mord geschehen oder eine Leiche fotografiert.“

Ich weiß nicht, wie oft ich beim Lesen der Mutmaßungen an diesen Satz gedacht habe. Aber es war sehr häufig. Das lag häufig daran, dass es ganze Absätze gibt, bei denen man nur durch längeres Nachdenken erfährt, wessen Sicht sie gerade schildern. Das mag dem Leser, der einen Text strukturalistisch auseinander nimmt, große Freude machen. Mich, der ich meist in der Bahn als Wortgourmand lese, hat es einige Male zu oft geärgert. Völlig verwirrt stolperte ich durch Sätze, mutmaßte diesen oder jenen Charakter hinter den Aussagen, nur um am Ende der Seite zu erfahren, dass es doch wieder jemand anders war. Und es hat mich übrigens noch aus einem anderen Grund geärgert: Die Parallellektüre der Jahrestage verriet mir, dass Johnson diese Sprünge auch deutlich besser beherrschte (jedenfalls später in seiner Karriere). Hier hopst er zwar auch innerhalb eines Absatzes durch drei Epochen und die Leben von acht Figuren – aber man merkt es wenigstens beim Lesen und braucht die Puzzlestücke im Kopf lediglich zu sortieren. Aber halt! Dies ist noch nicht die Zeit, die Jahrestage zu besprechen! Noch geht es um die Mutmaßungen. Und mein Fazit dazu lautet: ein interessantes Stück deutscher Literaturgeschichte – aber Lektürespaß ist was anderes.

Thomas Bernhard, Ja

Es ist sicher nicht von der Hand zu weisen, dass ich mich lange, viel zu lange, um genau zu sein, gesträubt hatte, etwas von Bernhard zu lesen, obwohl mir ein Exkollege seit Jahren schon, da war er noch nicht einmal Exkollege, als seine Empfehlungen begannen, den Bernhard ans Herz gelegt hatte, weil ich ihn dringend lesen sollte; er ahnte, oder besser: wusste wohl, dass ich gedanklich eine gewisse Verwandtschaft mit diesem Lästermaul besitze, dass ich mich wunderbar hineindenken kann in diese nicht enden wollenden Sätze, Überlegungen und Wiederholungen, genau wie die Empfehlungen übrigens, die sich ja auch über die Jahre wiederholt haben, in nahezu jeder E-Mail sogar und jetzt, endlich, jetzt habe ich zugegriffen, wegen eines Angebots, wie ich zugebe, eines günstigen Angebots, bei dem ich nicht Nein sagen konnte oder nein, eigentlich wollte, denn ich war ja durchaus neugierig, was es denn jetzt mit der Schreibe dieses Ösis auf sich hat und warum sie mir gefallen sollte, also bestellte ich das Buch, bekam es auch, und obwohl ich gerade ein anderes, viel dickeres Buch begonnen hatte (dazu später mehr), dachte ich: Na toll, lieste den dünnen Bernhard eben in der Bahn, brauchste dir dann auch keinen Bruch nicht zu heben mit der Gesamtausgabe der Jahrestage, und ich las und las, keine zwei Tage Pendelei per Bahn brauchte ich, dann hatte ich Ja durchgelesen und mich, ja ich gebe es doch zu!, amüsiert gehabt, denn es ist ein gutes Buch, auch wenn ich einräume, dass ich mich die ersten Seiten erst ein wenig daran gewöhnen musste, weil es wie ein Schwall kalten Wassers war, der mir da ins Gesicht schoss – oder soll ich „schoß“ schreiben, dem österreichischen Idiom gemäß? –, aber spätestens nach 20 Seiten war ich so begeistert, dass ich es kaum aus der Hand legen konnte und wie nur bei wenigen Büchern die Bahn verfluchte, dass sie trotz Verspätung schon angekommen gewesen war und ich aussteigen und zur Arbeit beziehungsweise am Abend eben nach Hause gehen musste, verfluchte Teufelei, ich werde mehr lesen müssen und Bernhard ob des Suchtfaktors verfluchen, denn ja, genau das ist es doch, eine Droge, eine Lesedroge, die anfällige Wortjunkies wie mich in ihren Bann zieht und nicht mehr loslässt, wenn sie einmal angefixt sind, so betrachtet ist es sogar eine Unverschämtheit, dass er überhaupt so geschrieben hat, so atemlos, so herabsetzend, so sich selbst aufpeitschend, und dass er mir empfohlen wurde und überhaupt, aber was schreibe ich hier eigentlich, das liest ja sowieso niemand, ich sollte meine Kräfte lieber für die nächste Rezension aufsparen Punkt.

Haruki Murakami, Die unheimliche Bibliothek

Bisher kannte ich ja „nur“ 1Q84 von Murakami. Zwischen diesem Mammutwerk und der Bibliothek liegen Welten. Nicht nur angesichts der Textmenge, sondern auch inhaltlich. Zwar baut beides auf Märchenelemente, aber die Geschichte aus der Parallelwelt 1Q84 bietet doch wesentlich mehr Realismus als die Bibliothek. Letztere scheint eher einem oder mehreren Träumen Murakamis entsprungen, natürlich literarisch überarbeitet. Er erzeugt war stellenweise in der Tat unheimliche Szenen und Figuren, aber sie entwerten sich fast durchweg selbst durch nachfolgende Brüche.

Ausnahmslos beeindruckend übrigens die tollen Grafken von Kat Menschik. Lob gilt jedoch insgesamt der insgesamt gelungenen Aufmachung! Im Ganzen also eher etwas für den Sammler des schönen Buchs als für den Fan unheimlicher Geschichten.

Wolfgang Herrndorf, Sand

Mein zweiter Herrndorf nach Tschick und eine noch ungewöhnlichere Geschichte. In einem seltsamen Storymix aus Camus-Landschaften, Agententhriller und Beatnikleben steckt Herrndorf hier allerlei Figuren in eine, nein, in eine Reihe von Geschichten, die eigentlich nur wenig miteinander gemein haben, aber dennoch immer wieder zusammenfinden. Manchmal tun sie das sogar, ohne dass man es als Leser sofort merkt. Erzählerisch arbeitet Herrndorf eigentlich wie ein klassischer Magier: Er streut dem Leser mit der einen Hand Sand in die Augen, um mit der anderen Hand einen Zaubertrick zu vollführen – und nicht immer begreift man den Trick sofort.

Stilistisch weiß er auch mit interessanten Eigenheiten aufzuwarten. So schätze ich im hiesigen Buch eine Technik, mit der Herrndorf die indirekte Wiedergabe von Dialogen extrem lebendig gestaltet. Er zerhackt manche Dialoge einfach in kurze Sätze und lässt einzelne Wörter aus, ohne dass der Sinn verlustig geht. So entsteht nicht nur eine enorme Verdichtung, sondern man kommt sich stellenweise auch vor, als berichtete ein Nachbar so ganz beiläufig über gemeinsame Bekannte.

Am besten bringe ich mal ein Beispiel (wobei es ausgerechnet da weniger um einen Dialog, als vielmehr um den Monolog eines Nachrichtensprechers geht; aber so verrate ich wenigstens nichts Entscheidendes):

Der Sprecher stockte kurz, und schon zeigte ein Einspieler einen Mann mit einem weißen Sonnenhütchen auf dem Kopf und Schuhcreme im Gesicht, der sich mit einer Gruppe von Anzugsträgern unterhielt. Andere Männer in flotten Trainingsanzügen turnten mit Maschinengewehren über die Flachdächer des olympischen Dorfes. Der Freiheitskampf des palästinensischen Volkes würde. Der Münchner Polizeipräsident habe. Alle Geiseln seien. Anschließend minutenlanges Interview mit einem hohen geistlichen Würdenträger, der scharfsinnig die Lage analysierte.

Wie gesagt, das ist nur ein flaues Beispiel, in dem aber die Technik deutlich wird.

Summa summarum: ein gutes Buch, ein spannendes Buch, oft genug auch ein witziges Buch. Bei der Lektüre sollte man aber aufpassen, mit den Gedanken nah am Text zu sein, damit man nicht irgendeinen magischen Trick verpasst, weil man sich den Sand nicht rechtzeitig aus den Augen gerieben hat. Ja, ich glaube sogar, dass bei diesem Buch eine Zweitlektüre sehr hilfreich sein kann, weil ich mir sehr sicher bin, dass vorn Spuren gelegt werden, die man erst erkennt, wenn man die ganze Geschichte kennt.

Charlotte Brontë, Jane Eyre

Es gibt vermutlich in meiner näheren Umgebung nicht ausreichend Asche, die ich auf mein Haupt schütten könnte, weil ich so spät zum ersten Mal einen Roman aus dem Hause Brontë gelesen habe. Ich weiß auch gar nicht recht, warum sich das so lange hingezogen hat: Eine frühere Freundin hat sie sehr ausgiebig gelesen (sogar das Angria-und-Gondal-Gezumsel, das qualitativ in einer wesentlich tieferen Liga spielen dürfte) und auch Schmidt, einer meiner Leib- und Magenautoren, hat sie ausgiebig gelobt. Trotz allem, irgendwie kam es nicht dazu. Nun hatte ich aufgrund einer Buchtauschaktion die Gelegenheit, Jane Eyre erst meiner Bibliothek und dann meinem Lektürezentrum einzuverleiben.

Nun zu meinen Eindrücken. Die ersten zwei, drei Seiten haben mich überrascht. Ich war verwundert, weil ich die Sätze lang, verschlungen und stellenweise unvorteilhaft fand. Nicht schlecht, wohlgemerkt, aber umständlich. Doch bevor ich mich versah, versank ich im Treibsand der Buchstaben und Wörter. Es gab Kapitel, da war ich im Text versunken wie sonst nur bei Murakami. Allerdings muss ich auch anmerken, dass dieses Versunkensein immer seltener vorkam, je mehr ich mich dem Ende näherte. Ich vermute, es lag daran, dass der St.-John-Indien-Komplex dann doch etwas zu retardierend war. Zumal die Entdeckung eines bislang unbekannten Familienzweigs mich ohnehin an die schwächsten Stellen von Goethe & Co. erinnerte. Ich gehe davon aus, dass man diesen Quark dem Zeitgefühl verdankt – was schade ist, weil sich der Text in seiner Ichsicht und Entwicklung gerade von Zeitgenössischem verabschiedet. Ein klein bisschen Radikalität hätte ihm daher auch in der Story nicht geschadet.

PS: Es war natürlich typisch, dass auf Arte eine vierteilige Verfilmung gezeigt wurde, während ich das Buch zu Ende gelesen habe.

Jeffrey Eugenides, The Virgin Suicides

Ein lieber Münchner Freund* versorgt mich bisweilen mit englischsprachigen Buchpäckchen. So kam erst die Tage eine neue Zusammenstellung an, auf die ich schon sehr gespannt bin. Besonders amüsiert mich, dass dieses neue Päckchen ausgerechnet dann ankam, als ich das letzte Buch seines letzten Carepakets beendet hatte. Und dieses Buch war The Virgin Suicides.

Ich muss gestehen: Ja, das Cover, die ganze Aufmachung haben mich nicht vom Hocker gerissen, weswegen ich das Buch auch etwas stiefmütterlich im Regal liegen hatte und andere Bücher gern vorgezogen habe. Als ich es nun aber doch in die Hand nahm, war ich begeistert.

Ihr wisst ja: Ich mag Geistergeschichten. Allein deshalb muss ich dieses Buch schätzen. Ob es um Geister geht? Im eigentlichen Sinne nicht, auch wenn eine der Hauptfiguren eine seiner Töchter in einer Szene für das Gespenst einer anderen, bereits verstorbenen Tochter hält. Aber dennoch ist es praktisch ein Buch über Seelen aus dem Jenseits.

Das beginnt bereits mit dem ersten Satz. Sofort verrät Eugenides die Pointe: Die letzte Tochter der Familie Lisbon wählt den Freitod. Ab da schildert der Wir-Erzähler, was in diesem einen Jahr passiert ist, in dem sich fünf Töchter auf verschiedene Art und Weise das Leben nehmen und was dazu geführt hat. In dieses Wir-Erzählen bindet er „Beweisstücke“, Aussagen von Nachbarn, Mitschülern und auch spätere Aussagen mit ein. Das ist ein besonderer Kniff, weil Eugenides sehr einfach auf verschiedene Perspektiven eingehen kann, sich dabei aber auch immer wieder auf das Hörensagen beschränken muss.

Das Leben der Töchter wird fremdbestimmt vor allem durch die Mutter, in Teilen auch durch den Vater. Bei dem einzigen Schulball, den die Töchter gemeinsam besuchen dürfen, tragen sie sackartige Kleider, die mich in der Form bereits an Gespensterlaken erinnerten. Die ganze Familie isoliert sich immer stärker, zieht vor allem die Töchter massiv aus dem öffentlichen Leben zurück. Und spätestens hier setzt der Punkt ein, an dem ich die Geistergeschichte sehe. Die Töchter sind kaum noch zu sehen, tauchen – immer abgemagerter und vor allem bleich – nur noch hinter total verdreckten, beinah blinden Fensterscheiben auf. Überhaupt verkommt das ganze Haus der Familie, wird selbst zu einem Haunted House, zu dem sich kaum noch jemand traut.

Trotz der Isolation gelingt es den Jugendlichen aus dem Örtchen, mehrfach mit den Töchtern zu telefonieren. Aber was tun sie? Sie spielen sich gegenseitig Lieder vor, um sich mit den Titeln Nachrichten zu übermitteln. Schon das erinnert an Versuche, mit dem Jenseits in Kontakt zu treten. Schließlich erscheinen die Töchter nachts an den Fenstern, geben Lichtzeichen, zünden Kerzen und Räucherware an. Und die Kinder und Jugendlichen aus der Nachbarschaft hängen wie gebannt davor, versuchen das Rätsel dieser Zeichen zu lösen. Sie bekommen sogar Nachrichten per Post, die die Töchter nachts in der Straße verteilen, ohne dass sie jemals dabei beobachtet werden. Auch dies eine Art der Kontaktaufnahme derjenigen, die bereits im Jenseits sind, auch wenn sie zu diesem Zeitpunkt juristisch noch leben.

Das ganze Buch behält von Anfang bis zum Ende einen atemlosen Tonfall bei, der dafür sorgt, dass man es kaum weglegen möchte. Jetzt habe ich nur noch einen Wunsch: Es gibt eine Verfilmung von Sofia Coppola, deren Fähigkeiten als Regisseurin ich bislang für äußerst mau gehalten habe. Ich hoffe, dass sie wenigstens dieses gute Buch nicht auch versemmelt hat, werde es aber definitiv überprüfen.

* Wie der Historiker weiß, ist in der Völkerwanderungszeit so ziemlich jeder Stamm durch das heutige Bayern gezogen, weswegen ich sehr lange die berechtigte Vermutung hegte, dass die jeweils ihre größten Trottel dort zurückgelassen haben, bevor es über die Alpen ging. Frühere Bekanntschaften bestätigten diese Vermutung massiv. Erst der besagte Freund bewies mit Nachdruck, dass es auch von dieser Regel Ausnahmen gibt. (Und inzwischen gesellten sich ein paar weitere Ausnahmen hinzu.)

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