Doc Tottes Welt

Essays, Skizzen und Gedanken

Kategorie: 2014 gelesen (Seite 1 von 3)

Golo Mann, Wallenstein

Wer hier öfter liest, kennt vielleicht meine Einsatzrezi zu Allens Zelig, einem meiner absoluten Lieblingsfilme. Aufs Detail möchte ich hier gar nicht eingehen, wer den Film aber nicht kennt, möge wissen, dass ein wichtiger Auslöser der Geschichte das Buch Moby Dick ist, das die Hauptfigur Zelig in der Schule nicht gelesen hat.

Den Gag, der aus diesem Ursprungsproblem entsteht, finde ich so amüsant, dass ich Bücher, durch die ich mich einfach nicht durchkämpfen kann, gern als meinen Moby bezeichne – wobei der Witz zugegebenerweise ist, dass ich ausgerechnet den gelesen habe, wenn auch nicht im Original (in dieser Hinsicht ist Moby Dick auch mein Moby Dick, um die Selbstreferenzialität ins Absurde zu treiben).

Golo Manns Wallenstein war so ein Moby Dick für mich. Ein Riese, der mir im zweiten Semester von einem Prof ans Herz gelegt wurde als Beispiel für wohlformulierte wissenschaftliche Arbeit. Ich, damals noch im Wahn, mir eine ausgiebige Bibliothek zuzulegen, die mir in schwachen Momenten heute eher wie ein Klotz am Bein vorkommt, ging natürlich in die Unibücherei und erwarb das Monster. Ja, ich begann sogar kurz darauf mit der Lektüre, brach sie aber bereits nach etwas über 100 Seiten ab, weil ich es furchtbar zu lesen fand: so viele Figuren und Personen, die Mann kaum näher erklärt, sie stattdessen kurz anreißt und mit ihnen arbeitet, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt, jeden Hinz und Kunz des 17. Jahrhunderts zu kennen, der mal irgendwo an einem Hof Europas den Mund aufgemacht hatte.

Es war eine Schmach für mich. Ich, der ich mit dem Ansatz an praktisch jedes Buch gehe, es zu Ende lesen zu müssen, weil ich es nicht beurteilen möchte, bevor ich es nicht ganz kenne. Man denke nur an Eco: Wie viele seiner Bücher fangen mit superlangweiligen ersten 100 Seiten an, bevor sie richtig durchstarten?

Auch heute gibt es nur eine Handvoll Bücher, die ich ernsthaft angefangen und nicht zu Ende gelesen habe (Sartres Sein und Nichts z.B.; bislang zwei Versuche, beide kurz nach Seite  200 gescheitert). Daher war es nur eine Frage der Zeit, mich irgendwann noch mal an Mann zu versuchen.

Es ging einher mit einer Ausrümpelaktion meiner Bibliothek. Ich wollte das Buch loswerden, nicht aber, bevor ich es gelesen hatte. Als begann ich. Und litt. Im Prinzip an denselben Problemen übrigens wie damals, obwohl mein historischer Horizont mittlerweile um ein Vielfaches gewachsen ist. Es war eine Qual. Kaum las ich drei Absätze, konnte ich schon einschlafen. (K)Eine perfekte Bettlektüre also. Trotzdem kroch ich nach und nach durch die Seiten, erst zu Dutzenden, dann en gros, irgendwann – ich prüfte natürlich permanent, wie viele Seiten noch anstanden – blieben nur noch wenige Hundert Seiten. Dann kam der totale Durchhänger. Ich ließ das Buch auf dem Nachttisch liegen, als Erinnerung. Irgendwann mutierte es eher zum Mahnmal, schließlich zum Möbel, das ich bequem ignorierte, um mein bisschen freie Zeit unterhaltsamer zu verbringen. Dort lag das Möbel ungelogen und unaufgeschlagen fast zwei Jahre.

Vor wenigen Wochen ging es mir dann doch auf den Keks, dass dieser Block neben meinem Wecker Platz beanspruchte, den ich sinnvoller nutzen wollte. Ich nahm Wallenstein also in die Hand und stellte zu meinem Vergnügen fest, dass ich nur noch schmale 150 Seiten zu lesen hatte (von knapp 1.000 eng bedruckten Seiten, der Rest sind für meine Zwecke uninteressante Anmerkungen). Diese positive Überraschung spornte mich an. Ich nahm den Ziegel also in Hand, quälte und ärgerte mich weiter über diesen geschraubten Schrott, der fraglos super recherchiert war. So super, wie ich vermute, dass Mann schließlich seine Gehirnfalten in die pathetische Hinrissigkeit gebogen hatte, dass er nicht mehr normal schreiben konnte und selbst noch die schlimmsten Wurstsätze seines Vaters toppt.

Und ja, ich habe es schließlich geschafft: Der Mist ist durch. Dem Professor könnte ich für diese „Empfehlung“ heute noch auf dem Flur ein Bein stellen. Zu unser beider Glück hatte er aber auch ein paar Empfehlungen auf Lager, die ich wesentlich gewinnbringender umsetzen konnte – daher verzichte ich mal auf diesen Gewaltausbruch.

Mal was anderes – Buch zu verschenken: Golo Manns Wallenstein. Eins a Liegeware, erst einmal gelesen. Abholung oder gegen Porto.

Hans Christian Andersen, Märchen in drei Bänden

Hey, H.C. Andersen! Den kennt doch jeder! Das hässliche kleine Entlein, die Prinzessin auf der Erbse, das Mädchen mit den Streichhölzern, des Kaisers neuen Kleider, die roten Schuhe, nicht zu vergessen die kleine Meerjungfrau! Was kann da schon beim Lesen schiefgehen?

Hab ich jedenfalls gedacht, ich ich vor Jahren den Insel-Taschenbuch-Dreibänder erstanden hatte. Den ersten Band hatte ich noch recht flott verschlungen. Beim zweiten brauchte ich schon länger und im dritten Band wurde dermaßen der Rest gesammelt, dass ich ihn nur unterbrochen durch zwei längere Pausen ertragen konnte. Und bei der Lektüre der letzten hundert Seiten war ich wirklich sehr genervt von dieser Sprache, diesem „Stil“ und diesen Themen.

Wer lediglich die bekanntesten Andersen-Märchen kennt, weiß es sicherlich nicht, aber die Mehrheit seiner Texte sind von einem derart pietistisch-schwülstigen, ja um nicht zu sagen: animistisch-tuntigen Ton erfüllt, dass man echt die Hirnkrätze bekommt. Schlimmer sogar: Kommen Kinder in den Texten vor, ist ihre Beschreibung fast durchweg mit einem klebrigen Lack überzogen, dass man ihn aus heutiger Sicht nicht anders als pädophil angehaucht bezeichnen kann.

Aber zum Abschluss möchte ich doch noch auf eine positive Überraschung hinweisen, auf das Märchen vom kleinen und vom großen Klaus. Es sticht nicht nur durch seine Brutalität aund ihre ungewöhnlich neutrale Schilderung aus den Andersen-Texten hervor, sondern beinhaltet einen Witz, den ich in fast allen anderen Andersen-Texten schmerzlich vermisse. Zumindest dafür hat sich die Lektüre also gelohnt – aber dazu hätte ich keine drei Bände benötigt.

Michael Rudolf (Hrsg.), Der Pilz-Rabe

Ob es Zufall ist, dass ich nach dem eher enttäuschenden lebendigen irischen Raben schon wieder einen hier vorstelle, den ich überraschend langweilig finde, ich weiß es nicht. Eigentlich sollte man ja glauben, dass man beim Thema Pilze einiges zusammentragen können sollte, aber was Rudolf hier präsentiert, fällt eher unter Humorlimbo. Praktisch konnten mich nur zwei Texte überzeugen: Henschels Schilderung von Brunos Pilzsuppe („Selbst für Pumanasen wäre der Geruch, den Brunos Suppe machte, eine Provokation gewesen.“) und Harald Lipperts Schilderungen der Ereignisse in der Raumstation MIR, die zahlreichen Besuch empfängt in Form eines vielköpfigen sowjetischen Blockflötenorchesters, amerikanischer Astronauten und verdienter Kolchosbauern, die eigentlich einen Urlaub in Kuba erwartet hatten und allerlei typisch russische Spezereien ins All tragen.

Tja. Der Rabe Nr. 53.

Flann O’Brien, Goldene Stunden

Ich hatte schon einmal angemerkt, dass ich es schade finde, lediglich die schmalen Auszüge, die unter Trost und Rat erschienen sind, von Flanns bzw. Myles’ Kolumnen zu kennen. Ich wusste, dass die Kolumnen im Original viele Seiten füllen (und wenn ich viele schreibe, meine ich wirklich viele). Umso überraschter, und zwar im positiven Sinne, war ich, als ich in der angesprochenen Zweitausendeins-Ausgabe neben dem schmalen Trost-und-Rat-Bändchen ein zweites Buch fand, das Kolumnen aus dieser Reihe enthielt. Jeder mag sich ausmalen, mit welcher Spannung und Freude ich mich darauf gestürzt habe – und maßlos enttäuscht wurde.

Der grandios absurde Humor aus der einen Zusammenstellung kommt hier jedenfalls nur marginal vor, schlimmer: Fast jeder Text rekurriert auf irgendeinen Dubliner oder von der nördlichsten Klippe Irlands stammenden Schauspielerpolitikerautor, den kein Mensch mehr kennt, weshalb in viel zu vielen Fußnoten umständlich der Kontext erklärt werden muss. Man kennt diesen Effekt bei Witzen: Ist man gezwungen, die Pointe zu erklären, ist der Witz nicht (mehr) witzig. Dazu gesellt sich die Tatsache, dass man merkt, dass O’Briens Aberwitz hier oft genug unübersetzbar war. Zwischen den Zeilen gewinnt man den Eindruck, dass auch Harry Rowohlt etwas unzufrieden mit den eigenen Lösungen war, weil sie kaum mehr als ein bleicher Abklatsch werden konnten.

Kurz: Dieser Band ist leider die einzige Enttäuschung im O’Brien-Paket, verrät mir aber zugleich, dass ich den Teufel tun werde, mir irgendwelche Myles-Kolumnen im Original zu besorgen, denn ich weiß jetzt, dass ich kaum den Furz einer Ente verstehen werde von dem, was dort präsentiert wird.

Flann O’Brien, Aus Dalkeys Archiven

Ein Text – die Bezeichnung Roman lehnte O’Brien selbst ab – der sich mit allerlei Kuriosem beschäftigt, darunter dem Einfrieren der Zeit, dem Wiederauffinden des noch lebenden James Joyce (der leugnet, mit Ulysses etwas zu tun zu haben) und einigen Verschränkungen mit dem dritten Polizisten wie Figuren und Motiven.

Erneut amüsanter Spaß, aber ich sage jetzt schon voraus, dass ich in zwei Monaten kaum noch etwas über das Buch werde sagen können.

Habt ihr eigentlich schon mal über die Verschwörung der Fahrräder nachgedacht?

Flann O’Brien, Durst

Ja, ich meckere oft darüber, was aus dem Haus Zweitausendeins geworden ist, weil das Angebot längst viel zu viel Mist auf Weltbild-Niveau bietet. Aber ich gestehe auch, dass es hin und wieder Perlen gibt, die zum Kauf mehr als einladen.

Aktuell ist diese Perle die achtbändige Ausgabe der gängigen Werke O’Briens (im Schuber). Leider ist sie nicht vollständig, wie selbst ich als O’Brien-Laie weiß, da die Myles-na-gCopaleen-Kolumnen „Trost und Rat“ bis heute nur bruchstückhaft in Deutschland bekannt und erhältlich sind.

Sei es, wie es sei. Dieses Paket ist eine wunderbare Gelegenheit, die derzeit auf Deutsch erhältlichen O’Briens zu einem günstigen Preis geschlossen zu erhalten, daher habe ich sie auch sofort bestellt, obwohl ich die Hälfte der Texte längst besaß (interessanterweise wirklich jedes Buch in einer eigenen Ausgabe, die nichts mit den anderen zu tun hatte).

Kommen wir zum eigentlichen Thema: Durst. Durst ist nicht nur ein amüsanter Text, in dem O’Brien mit einer sehr trockenen Geschichte einen Sergeant dazu bringt, über die Polizeistunde hinwegzusehen, sondern auch der Name einer Sammlung kürzerer Texte und Fragmente. Darunter Slatterys Sago-Saga, Die Krone des Märtyrers, John Duffys Brüder, Faustus Kelly und der Essay Wie man im Tunnel ein Faß aufmacht.

So manches enthält lustige Ideen und zeigt die typischen O’Brien-Schrullen. Anderes wie Faustus Kelly machte mir deutlich, dass der Mann zwar so einiges konnte, aber keine Bühnenstücke.

Aber unabhängig davon, was O’Brien konnte oder nicht konnte, sei an dieser Stelle noch einmal die Werksausgabe empfohlen. Günstiger geht zurzeit nicht und es ist für jeden Irlandfan ein wunderbares Weihnachtsgeschenk.

Orlando Figes, Krimkrieg

Es ist erst ein paar Monate her, da spazierte ich mit einer guten Freundin in Köln herum. Wir schauten uns die vielen neu errichteten Häuser an und irgendwann kamen wir auch am Malakoffturm vorbei. Obwohl ich Köln schon seit meiner Kindheit sehr schätze, muss ich gestehen, dass ich bis zum Spaziergang nicht wusste, warum der Turm so hieße. Das erfuhr ich nun auf einer der frisch angebrachten Tafeln: zu Ehren der Eroberung des Forts Malakows in Sewastopol durch französische Truppen im Zuge des Krimkriegs Mitte der 1850er-Jahre.

Bei der Gelegenheit erwähnte ich, dass ich schon länger mal gern mehr über diesen ersten Krimkrieg erfahren würde. Mein Wissen beschränkte sich nämlich auf so dünne Fakten wie: erster moderner Krieg; erster Krieg, von dem Fotografien vorliegen; erster Krieg, der mit modernen Mitteln der Telekommunikation verknüpft war. Aber etwa da hörte es schon auf. Ich wusste nicht mal, so peinlich mir das sein müsste, worum es in dem Krieg überhaupt ging. Lediglich die teilnehmenden Parteien waren mir im Großen und Ganzen bekannt.

Die Freundin hatte nicht nur ein gutes Ohr, sondern auch ein gutes Gedächtnis und schenkte mir kurz darauf zum Geburtstag Figes’ Wälzer. Ich war erfreut, zugegebenerweise aber auch ein wenig überrascht, dass so wenig Fotos abgedruckt waren (da kannte ich aus dem Kopf bereits mehr). Wie dem auch sei – ich las zunächst ein anderes Buch zu Ende und kümmerte mich dann um Figes.

Und was ich hier las, öffnete mir die Augen. Nach und nach entblättert Figes hier ein Panoptikum an Konflikten und Streitigkeiten, das – wie ich zu meinem historischen Entzücken feststellte – praktisch einen Großteil der Geschichte bis über die Mitte des 20. Jahrhunderts hinaus erklärt. Ob man es glaubt oder nicht: Die Gründe und Anlässe für die Katastrophe des Ersten Weltkrieges (und insofern auch für den zweiten), für die Probleme im Nahen und Mittleren Osten, an denen wir heute noch knabbern(!) – sie alle beginnen bereits in den Jahrzehnten vor dem ersten Krimkrieg und werden durch ihn verschärft.

Es ist einfach unglaublich, was in dieser Zeit zusammenkommt: das gefälschte Testament Peters des Großen, in dem quasi die russische Weltherrschaft postuliert wurde; britische Diplomaten, die sich im untergehenden Osmanischen Reich den Landweg zu ihren Kolonien sichern wollten und dabei zu jeder Schandtat bereit waren, übrigens meist mit Handelsinteressen begründet, nur falls das jemanden interessieren sollte (dürfte bekannt vorkommen); die Türkei, die nachweislich die britische Schmutzpresse mitfinanzierte, um die britische Regierung durch die Bevölkerung unter Druck zu setzen; Napoleon III., der dringend politische Erfolge brauchte und im Zuge des Krieges bzw. im Anschluss in Italien so mitmischt, dass er Frankreich wieder vergrößern kann; Österreich-Ungarn, das sich Ende der 1840er-Jahre im Zuge polnischer Revolten von den Russen noch den Arsch retten ließ, um Moskau kurz darauf wie eine heiße Kartoffel fallenzulassen (nach dem Krimkrieg sinkt Österreich-Ungarn in die Bedeutungslosigkeit: Der Entschluss, keiner Seite beizustehen, sorgt schließlich dafür, dass das Land für länger als ein halbes Jahrhundert bei Kriegen ohne Verbündete bleibt und immer stärker schrumpft); Frankreich und England beginnen im dahinsiechenden Osmanischen Reich mitzumischen, namentlich in Persien und Arabien; auch die modernen Konflikte im Kaukasus inklusive Tschetschenien gab es fast durchweg schon damals – ach, ich könnte endlos so weitermachen hier!

Allerdings möchte ich auch nicht verschweigen, dass es das ein oder andere gab, was mich am Buch gestört hat. Zunächst die technischen Sachen. Ich hasse Bücher, die mit Endnoten arbeiten, die am Ende nach Kapiteln sortiert jeweils mit 1 beginnen und nicht durchzählen. Auf diese schwachsinnige Idee können auch nur Leute kommen, die nie mit Fußnoten gearbeitet haben.

Am Anfang des Textes sind ferner mehrere Karten abgebildet: vom Schwarzen Meer, von einzelnen Schlachten und Belagerungen. Erstens nervt es mich, dass die Karten nicht da gedruckt sind, wo man sie braucht. Zweitens sind die Karten miserabel bearbeitet: sehr viele Orte, die im Text wichtig erscheinen, sind schlicht nirgendwo verzeichnet. Und drittens fehlen einfach sinnvolle Karten. Warum gibt es beispielsweise keine einzige Karte, die mal die ganze Krim zeigt?

Inhaltlich möchte ich ferner noch anmerken, dass insbesondere der Anfang auffallend russlandfreundlich formuliert ist. Ich weiß auch, dass das eine Kritik ist, die dem am Londoner Birkbeck-College lehrenden Figes vorgeworfen wird. Dabei ist der Witz, dass er einfach nur die historischen Tatsachen für sich sprechen zu lassen braucht. Sie sind entlarvend genug. So beschwert sich Zar Nikolaus in einer Notiz über die Doppelmoral des Westens, der sich selbst exakt all das erlaubt, was er Russland verbieten will – bei wem es hier nicht im Oberstübchen Sturm klingelt, der hat die letzten Jahrzehnte keine einzige Nachricht mitbekommen!

Kurz, der Figes ist eine wahre Fundgrube für jeden Leser, der das Geschehen der Moderne verstehen und mehr über die Geschichte Europas erfahren möchte.

PS: Ganz nebenbei bin ich mir ferner darüber bewusst geworden, welchen Einfluss die kriegerischen Auseinandersetzungen im nördlichen Orient auf die Literatur hatte. Als ich parallel zum Figes Flauberts Gemeinplätze las, stolperte ich über eine Reihe von Begriffen und Gemeinplätzen, die direkt aus diesem Krieg stammten. Auch ging mir ein Licht auf, wie es ein paar Jahrzehnte später dazu kommen konnte, dass ein Engländer namens Stoker auf die Idee kommt, von einem Grafen Draculea zu erzählen. Das Vorspiel zum Krimkrieg in den Fürstentümern Walachei und Moldau ist der Startschuss dafür, dass sich die Briten im östlichen Donauraum umtun. In dieser Zeit dürften über Soldaten und Diplomaten also zahlreiche Einflüsse aus der Gegend zwischen Balkan und Schwarzem Meer nach Großbritannien gelangt sein (zu Bestätigung dieser Theorie sollte ich allerdings bei Gelegenheit eine Stoker-Biografie konsultieren).

Gustave Flaubert, Das Wörterbuch der Gemeinplätze

Nachdem mir ans Herz gelegt wurde, doch einmal ein bisschen Flaubert zu lesen, nutzte ich nun die Chance, die Zweitausendeins seit ein paar Wochen bietet, und bestellte mir ein bisschen Flaubert, darunter dieses Wörterbuch.

Irgendwie gehört es in eine Reihe mit dem Bierce’ Wörterbuch des Teufels und Henscheids Dummdeutsch. Ob es der Ausgangspunkt solcher und vergleichbarer Arbeiten ist, mag ich nicht beurteilen. Bierce fand ich bei jeder Lektüre bisher irgendwie unbefriedigend (sein Leben scheint mir spannender als seine Literatur). Das Dummdeutsch weiß mich zumindest in Teilen zu amüsieren.

Mein fehlender Flaubert-Jubel fällt schon auf, oder? Tja, wie soll ich es sagen. Man merkt, dass Flaubert gut beobachtet, an etlichen Stellen auch hübsch böse zu sein weiß. Aber es krankt. Es krankt vor allem an der Übersetzung. Die ist zwar nicht merklich schlecht, aber oft stumpf und uninspiriert. Ich bedaure wirklich, dass mein Französisch mittlerweile zu miserabel ist, als dass ich mir zutrauen könnte, die Gemeinplätze im Original zu lesen. Ins Deutsche übertragen leidet der Text aber an den vielen in Fußnoten verbannten notwendigen Erklärungen. Außerdem wirkt auffallend vieles so … unelegant, dass es selbst an den besseren Stellen zu kaum mehr als einem Schmunzeln reicht.

Nein, wirklich bemerkenswert fand ich es eigentlich in einer speziellen Hinsicht, auf die ich im Lauf der kommenden Wochen noch zu sprechen kommen werde.

Stefan Schwarz, Ich kann nicht, wenn die Katze zuschaut

Es hat mal eine Zeit gegeben, da habe ich – so würde ich es heute nennen – recht bescheuert geschrieben. Kein Satz kam ohne wenigstens einen Neologismus aus, und der wurde noch so zwischen die anderen Satzteile geschwurbelt, dass Schnelllesern bisweilen schwindelig geworden sein muss.

Irgendwann wird man gesetzter; spätestens wenn man einen ordentlichen Hintergrund hat, um zu verstehen, dass gute Literatur mehr bietet als Spielereien und intelligente Witzchen. Man schreibt klarer, eindeutiger und ja, ich verzichte bewusst in meiner aktiv genutzten Sprache auf viele Wörter, die wohl nur ein Bruchteil der Deutschen anzuwenden weiß – vom Verstehen ganz zu schweigen.

Und da kommt mir diese Kolumnensammlung von Stefan Schwarz in die Quere. Ich muss gestehen, bevor mir dieses Buch geschenkt wurde, kannte ich ihn überhaupt nicht. Den Klappentext fand ich in Kombination mit dem Buchtitel lahm, aber ich dachte: Lass dich mal drauf ein. Und dann amüsierte ich mich. Text um Text. Satz um Satz und Wort um Wort.

Es wäre vermessen, Schwarz der Hochliteratur zuzurechnen. Aber die Art, wie er auch eigentlich uninteressante Ereignisse aus seinem Familienleben schildert, hat mich auf jeden Fall für zwei Stündchen aus dem Alltag gerissen. Wer weiß, vielleicht sollte ich auch mal wieder etwas mehr aufdrehen – und sei es nur als Ausgleich für die meist zu Monotonie gezwungenen Schreibe meines Berufslebens.*

* Bedanken möchte ich mich bei meinen Hirnwindungen für den heutigen Ohrwurm „Monotonie in der Südsee“.

Paul Watzlawick, Anleitung zum Unglücklichsein

Der eigentliche Trick dieses Buches besteht darin, dass jeder, der etwas dagegen zu sagen wagt, wie ein doofer Spielverderber aussieht, der keinen Spaß versteht. Allein diese Tatsache macht mich sauer. Denn eigentlich bin ich gut gelaunt an die Lektüre gegangen. Ich war sogar überzeugt davon: Hey, dieses Buch (ein Geschenk, Anm. DocTotte) ist genau das richtige Buch für dich. Und das, obwohl ich die Anwesenheit eines Buchs auf Bestsellerlisten gerade nicht als Ausweis für Qualität erachte.

Gut, ich begann die Lektüre, fand den Ansatz zu Beginn auch durchaus unterhaltsam. Aber schon bald musste ich feststellen, dass diese verquarkte Verbindung alter und – schlimmer! – flacher Witze mit pseudophilosophischen Überlegungen, die sogar noch flacher als die Witze sind, auf die Dauer die Hirnmuskeln erschlaffen lassen. Schade, eine gute Idee, leider flau umgesetzt.

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