Doc Tottes Welt

Essays, Skizzen und Gedanken

Kategorie: 2015 gelesen

Golo Mann, Wallenstein

Wer hier öfter liest, kennt vielleicht meine Einsatzrezi zu Allens Zelig, einem meiner absoluten Lieblingsfilme. Aufs Detail möchte ich hier gar nicht eingehen, wer den Film aber nicht kennt, möge wissen, dass ein wichtiger Auslöser der Geschichte das Buch Moby Dick ist, das die Hauptfigur Zelig in der Schule nicht gelesen hat.

Den Gag, der aus diesem Ursprungsproblem entsteht, finde ich so amüsant, dass ich Bücher, durch die ich mich einfach nicht durchkämpfen kann, gern als meinen Moby bezeichne – wobei der Witz zugegebenerweise ist, dass ich ausgerechnet den gelesen habe, wenn auch nicht im Original (in dieser Hinsicht ist Moby Dick auch mein Moby Dick, um die Selbstreferenzialität ins Absurde zu treiben).

Golo Manns Wallenstein war so ein Moby Dick für mich. Ein Riese, der mir im zweiten Semester von einem Prof ans Herz gelegt wurde als Beispiel für wohlformulierte wissenschaftliche Arbeit. Ich, damals noch im Wahn, mir eine ausgiebige Bibliothek zuzulegen, die mir in schwachen Momenten heute eher wie ein Klotz am Bein vorkommt, ging natürlich in die Unibücherei und erwarb das Monster. Ja, ich begann sogar kurz darauf mit der Lektüre, brach sie aber bereits nach etwas über 100 Seiten ab, weil ich es furchtbar zu lesen fand: so viele Figuren und Personen, die Mann kaum näher erklärt, sie stattdessen kurz anreißt und mit ihnen arbeitet, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt, jeden Hinz und Kunz des 17. Jahrhunderts zu kennen, der mal irgendwo an einem Hof Europas den Mund aufgemacht hatte.

Es war eine Schmach für mich. Ich, der ich mit dem Ansatz an praktisch jedes Buch gehe, es zu Ende lesen zu müssen, weil ich es nicht beurteilen möchte, bevor ich es nicht ganz kenne. Man denke nur an Eco: Wie viele seiner Bücher fangen mit superlangweiligen ersten 100 Seiten an, bevor sie richtig durchstarten?

Auch heute gibt es nur eine Handvoll Bücher, die ich ernsthaft angefangen und nicht zu Ende gelesen habe (Sartres Sein und Nichts z.B.; bislang zwei Versuche, beide kurz nach Seite  200 gescheitert). Daher war es nur eine Frage der Zeit, mich irgendwann noch mal an Mann zu versuchen.

Es ging einher mit einer Ausrümpelaktion meiner Bibliothek. Ich wollte das Buch loswerden, nicht aber, bevor ich es gelesen hatte. Als begann ich. Und litt. Im Prinzip an denselben Problemen übrigens wie damals, obwohl mein historischer Horizont mittlerweile um ein Vielfaches gewachsen ist. Es war eine Qual. Kaum las ich drei Absätze, konnte ich schon einschlafen. (K)Eine perfekte Bettlektüre also. Trotzdem kroch ich nach und nach durch die Seiten, erst zu Dutzenden, dann en gros, irgendwann – ich prüfte natürlich permanent, wie viele Seiten noch anstanden – blieben nur noch wenige Hundert Seiten. Dann kam der totale Durchhänger. Ich ließ das Buch auf dem Nachttisch liegen, als Erinnerung. Irgendwann mutierte es eher zum Mahnmal, schließlich zum Möbel, das ich bequem ignorierte, um mein bisschen freie Zeit unterhaltsamer zu verbringen. Dort lag das Möbel ungelogen und unaufgeschlagen fast zwei Jahre.

Vor wenigen Wochen ging es mir dann doch auf den Keks, dass dieser Block neben meinem Wecker Platz beanspruchte, den ich sinnvoller nutzen wollte. Ich nahm Wallenstein also in die Hand und stellte zu meinem Vergnügen fest, dass ich nur noch schmale 150 Seiten zu lesen hatte (von knapp 1.000 eng bedruckten Seiten, der Rest sind für meine Zwecke uninteressante Anmerkungen). Diese positive Überraschung spornte mich an. Ich nahm den Ziegel also in Hand, quälte und ärgerte mich weiter über diesen geschraubten Schrott, der fraglos super recherchiert war. So super, wie ich vermute, dass Mann schließlich seine Gehirnfalten in die pathetische Hinrissigkeit gebogen hatte, dass er nicht mehr normal schreiben konnte und selbst noch die schlimmsten Wurstsätze seines Vaters toppt.

Und ja, ich habe es schließlich geschafft: Der Mist ist durch. Dem Professor könnte ich für diese „Empfehlung“ heute noch auf dem Flur ein Bein stellen. Zu unser beider Glück hatte er aber auch ein paar Empfehlungen auf Lager, die ich wesentlich gewinnbringender umsetzen konnte – daher verzichte ich mal auf diesen Gewaltausbruch.

Mal was anderes – Buch zu verschenken: Golo Manns Wallenstein. Eins a Liegeware, erst einmal gelesen. Abholung oder gegen Porto.

Jonathan Franzen, Unschuld

Franzen ist für mich ein seltsames Phänomen. Auf ihn gestoßen wurde ich erst spät, entsprechend nachzüglerisch arbeitete ich mich durch seine Werke. Als nun etwas Neues von ihm erschien, freute ich mich sehr. Zugleich hatte ich den praktischen Vorteil, den Band direkt zum Geburtstag geschenkt zu bekommen. Ich verschlang ihn – meinen aktuell etwas eingeschränkten zeitlichen Möglichkeiten entsprechend – recht zügig. Und trotzdem mir die Geschichte gefiel, obwohl mir etliche Sätze, Absätze und Ideen imponierten oder mich an zum Teil Jahrzehnte alte eigene Überlegegungen erinnerten, merkte ich schon während der Lektüre, was ich als Schwäche bei ihm empfinde.
Seine Sprache, seine Erzählung – das alles ist vorzüglich und enorm unterhaltsam. Nur stelle ich leider bei jeder Franzen-Lektüre fest, dass bei mir praktisch nichts hängen bleibt. Es fehlt die Intensität des Eintauchens wie z.B. bei Murakami, irgendwie verbinde ich emotional nichts mit Franzens Geschichten. Schweres Beben? Öh, worum ging es da noch gleich? Korrekturen? Äh, ja, hab ich gelesen. Freiheit? Tja, zusammenfassen kann ich es sicher nicht. Warum ist das bloß so bei ihm? Ich finde es sehr schade, denn ich fühle mich ja gut unterhalten!

Als amüsante Lektüre kann ich Unschuld dennoch empfehlen, dieses Buch, das die Spätphase der DDR durchaus clever mit modernem Whistleblowertum und einer bizarren Familiengeschichte verknüpft.*

Nebenbei war es doppelt amüsant, Franzen mit Sidekick Denis Scheck in Köln bei einer Lesung auf Deutsch zu erleben. Nun habe ich schon die ein oder andere Lesung hinter mir (von beiden Seiten des Lesepults), aber was ich hier für ein Fanwesen erleben durfte, war mir in diesem Zusammenhang neu.

* Ja, es ist Absicht, dass ich hier nur einen einzigen farblosen Satz über das Buch selbst fallen lasse.

James Ellroy, Der Hilliker-Fluch

Ich persönlich kannte Ellroy hauptsächlich als Autor der Schwarzen Dahlie (nebenbei gehöre ich offenbar zu der winzigen Gruppe der Menschen, die die Verfilmung nicht für gänzlich gescheitert halten). Das Buch selbst hatte ich zwar nicht gelesen, kenne aber zumindest die Hörbuchfassung (Asche auf mein Haupt, aber beim Lenken eines Kraftfahrzeuges sind Hörbücher meist etwas praktischer als gedruckte Werke).

Als nun sein Hilliker-Fluch bei Zweitausendeins angepriesen wurde, war ich zumindest neugierig. Im Buch sollten wichtigste Punkte in Ellroys Leben geschildert sein, darunter der frühe Tod seiner Mutter und die daraus sich entwickelnden Folgen.

Nach der Lektüre muss ich sagen: hm. Richtig, der Tod der Mutter ist eine Art Ausgangspunkt. Auch schildert er unentwegt, was seiner Meinung nach alles damit zusammenhängt. Das ist aber praktisch nichts anderes als seine dauernde Suche nach „der“ Frau. Und hier wird es einerseits größtenteils erschreckend langatmig, andererseits zerfetzt sein Schreibstil aus abgehakten Sätzen vielfach einen lesefreundlichen Stil. Er bellt Sätze mehr heraus, als sie zu schreiben.

Uninteressant fand ich das Buch nun nicht, es gab auch den ein oder anderen klugen Gedanken, den ich mir für späteres Erinnern notiert habe. Aber eine Empfehlung möchte ich eher nicht aussprechen; es könnte mir übel ausgelegt werden.

Sabine Bode, Kriegsenkel

„Die Erben einer vergessenen Generation“ – so ist das kleine Buch untertitelt und das drängt den Gedanken auf, dass es Erbe gibt, das man leider nicht ausschlagen kann.

Aber konkret: Im Buch geht es um die Frage, wie sehr sich die Jahrgänge der 60er und 70er Jahre damit herumschlagen müssen, was ihre Eltern und ihre Großeltern an ungelösten psychischen Problemen aus dem zweiten Weltkrieg mitgeschleppt und unbewusst weitergegeben haben. Warum es so oft eine große emotionale Barriere zwischen heute 40-/50-Jährigen und deren Voreltern gibt. Manches, da muss ich Kritik anbringen, dürfte auch modischen Entwicklungen geschuldet sein (unsereiner hat eben auch eine andere Vorstellung von Leben und Selbstverwirklichung als unsere Eltern), einiges, und da war ich selbst sehr erschreckt, kommt einem aber sehr bekannt vor, wenn man Bodes Fallstudien über kaputte Familien liest. Es fallen typische Familiensätze, die ich genau so wortwörtlich auch kenne. Einzelne Details waren für mich persönlich nicht ganz leichte Kost, die ich selbst noch geistig verdauen muss, bevor ich sie sinnvoll in meine Lebenswelt lassen kann.

Daher möchte ich – trotz eines seltsam holprigen Stils und einer etwas gewöhnungsbedürftigen Zeichensetzung – das Buch empfehlen.

PS: Das Buch hat mich indirekt darauf gestoßen, dass es kein Zufall ist, dass ich meine Mutter seit Jahren dränge, mehr aus der Vergangenheit zu erzählen, und dass ich auch häppchenweise Dinge erfahre, die viele Jahrzehnte ein absolutes Tabu in der Familie waren.

Karl Kraus, Aphorismen

In diesem Taschenbüchlein sind Kraus’ Aphorismen aus den Bänden Sprüche und Widersprüche, Pro domo et mundo und Nachts miteinander vereint.

Oft recht amüsant, fast durchweg beißend, bisweilen sehr nachdenklich machend stolpert man hier durch eine Welt zwischen Wien und Berlin, zwischen Kaffeehaus und Straße, zwischen Frauen und Männern, zwischen Künstlern und Spießern und wird mehrheitlich unterhalten.

Trotzdem muss ich gestehen, dass ich die Lektüre insgesamt etwas zäh fand und dass ich erstaunlich lange dafür gebraucht habe. Nichts für jeden Gemütszustand.

Max Frisch, Andorra

Es gibt ja Lesedramen und Spieldramen (und den ganz seltenen Fall von Dramen, die sowohl gelesen als auch gespielt Vergnügen bereiten). Ich möchte nicht ausschließen, dass Andorra auf der Bühne gut funktioniert, zu lesen fand ich es ehrlich gesagt weniger schön. Dieses recht wenig bewegte Hin und Her, ob die Hauptfigur jetzt Jude ist oder nicht oder wer mit wem warum verwandt ist oder wer wen warum gesteinigt hat – es ist zu früh durchschaubar und dementsprechend öde.

James Joyce, Briefe

Diesen Band hatte ich schon ziemlich lange im Regal stehen, u.a. deswegen, weil ich davon überzeugt war, ihn kurz nach dem Kauf gelesen zu haben. Ein Irrglaube, wie ich beim durcharbeiten meiner Regalreihen feststellen musste. Da ich zurzeit an einem Punkt angekommen bin, an dem ich mir wenig Neues zulege, finde ich nun endlich auch die Zeit, Liegengebliebenes zu lesen.

Joyce’ Briefe waren dazu ein wunderbarer Start. Ich glaube, viel interessanter als seine Schreibe finde ich sein Leben, den Menschen, der hinter seinen Zeilen steckt. Man kann sicher nicht behaupten, dass er ein einfacher Mensch gewesen ist, im gegenteil wird er für seine Umgebung oft genug sehr anstrengend gewesen sein, nach allem, was wir wissen. Aber dennoch gehört er zu den historischen Figuren, die ich gern kennengelernt hätte. Ein Abend mit ihm wäre ganz bestimmt ein unvergessliches Erlebnis gewesen.

Diesen spannenden, oft bittenden und bettelnden, witzigen und fordernden, immer aber menschlichen Joyce findet man an so vielen Stellen in dieser Briefauswahl wieder. Und auch, wenn sie gewiss nur einen müden Abklatsch des wahren Menschen liefern können, bleiben sie für uns Nachkommende so wichtig.

Hans Christian Andersen, Märchen in drei Bänden

Hey, H.C. Andersen! Den kennt doch jeder! Das hässliche kleine Entlein, die Prinzessin auf der Erbse, das Mädchen mit den Streichhölzern, des Kaisers neuen Kleider, die roten Schuhe, nicht zu vergessen die kleine Meerjungfrau! Was kann da schon beim Lesen schiefgehen?

Hab ich jedenfalls gedacht, ich ich vor Jahren den Insel-Taschenbuch-Dreibänder erstanden hatte. Den ersten Band hatte ich noch recht flott verschlungen. Beim zweiten brauchte ich schon länger und im dritten Band wurde dermaßen der Rest gesammelt, dass ich ihn nur unterbrochen durch zwei längere Pausen ertragen konnte. Und bei der Lektüre der letzten hundert Seiten war ich wirklich sehr genervt von dieser Sprache, diesem „Stil“ und diesen Themen.

Wer lediglich die bekanntesten Andersen-Märchen kennt, weiß es sicherlich nicht, aber die Mehrheit seiner Texte sind von einem derart pietistisch-schwülstigen, ja um nicht zu sagen: animistisch-tuntigen Ton erfüllt, dass man echt die Hirnkrätze bekommt. Schlimmer sogar: Kommen Kinder in den Texten vor, ist ihre Beschreibung fast durchweg mit einem klebrigen Lack überzogen, dass man ihn aus heutiger Sicht nicht anders als pädophil angehaucht bezeichnen kann.

Aber zum Abschluss möchte ich doch noch auf eine positive Überraschung hinweisen, auf das Märchen vom kleinen und vom großen Klaus. Es sticht nicht nur durch seine Brutalität aund ihre ungewöhnlich neutrale Schilderung aus den Andersen-Texten hervor, sondern beinhaltet einen Witz, den ich in fast allen anderen Andersen-Texten schmerzlich vermisse. Zumindest dafür hat sich die Lektüre also gelohnt – aber dazu hätte ich keine drei Bände benötigt.

Andreas Kinast, „Das Kind ist nicht abrichtfähig“ – Euthanasie in der Kinderfachabteilung Waldniel 1941–1943

Wie ich neulich schilderte, ist nicht ausgeschlossen, dass meine Familie mehr oder weniger von Euthanasie betroffen war, wenn auch der Grad selbst nicht mehr zu klären ist. Autor Kinast lernte ich bei einer Führung auf dem Gelände der ehemaligen Kinderfachabteilung Waldniel kennen. Dort erzählte er auch von seinem Buch, das damals sprichwörtlich frisch vergriffen war (den letzten Band hatte er wenige Minuten zuvor einem Lokalpolitiker verkauft). Im Zuge unseres kurzen Kontakts bat ich ihn, mich darüber zu unterrichten, wann es eine Neuauflage geben würde.

Als ich das Buch schließlich bekam, lieh meine Mutter es sich zuerst aus. Sie war verständlicherweise besonders daran interessiert, was mit Kindern wie ihrem älteren Bruder damals passierte. Und nach der Lektüre war sie umso entsetzter. Leider erlaubte es mir meine immer schlechter werdende Zeitplanung lange nicht, mit der Lektüre zu beginnen, aber vor kurzem war es dann so weit. Wie zuvor meine Mutter war nun auch ich umso entsetzter.

Kinast, der immerhin kein studierter Historiker ist, hat hier nach ausführlichsten Studien in Archiven Informationen zusammengestellt, vor denen ich als promovierter Wissenschaftler nur den Hut ziehen kann (ich kenne jedenfalls Arbeiten, die deutlich schlechter recherchiert und geschrieben sind, aber trotzdem für einen guten Abschluss reichten). Fundiert und detailreich schildert er, welche Grundlagen es für die Euthanasie gab, welche Ärzte und Funktionäre darin verwickelt waren. Er stellt beispielhaft ausgewählte Opfer und deren Angehörige vor sowie verantwortliche Pflegerinnen. Außerdem macht er deutlich, wie die frisch gegründete Bundesrepublik mit der Euthanasie und ihren Protagonisten umgegangen war. Wo es noch möglich war, sprach er direkt mit Opfern und Tätern, wo nicht, versuchte er zumindest über Nachkommen und Verwandte an Informationen zu gelangen.

Persil wäscht auch Kittel rein

Ja, dass Nazis direkt nach dem Krieg fleißig alte Seilschaften für Persilscheine nutzten und westlich der Elbe auch ohne größere Verzögerung wieder in entscheidende Positionen kamen, war mir allgemein nicht neu. In diesem speziellen Fall sind die Abläufe aber vielfach noch widerlicher.
Nachdem erste Fälle ruchbar wurden, dass staatliche Stellen „unwertes Leben“ vernichteten, gab es starken Widerstand von der Kirche, besonders durch den Münsteraner Bischof Clemens August Graf von Galen (nebenbei: zur Abwechslung mal ein positives Beispiel dieses Vereins). Danach wurde die Reichskanzlei vorsichtig und arbeitete lediglich mit einem Runderlass. Außerdem wurde die Euthanasie eher still durchgeführt, also nicht mehr durch Vergasung, sondern durch die medikamentöse Förderung von Krankheiten, die Unterversorgung und miserable Ausstattung von Kinderheimen. Es gab also im dritten Reich anders als bei der Verfolgung anderer Minderheiten kein Gesetz, das die Euthanasie erlaubte – daher konnte sich hinterher kein Arzt auf irgendeinen Befehlsnotstand herausreden. Das Glück der meisten Ärzte und Pflegerinnen bestand nun darin, dass sie die Todesumstände so geschickt verborgen hatten, dass man ihnen auch hinterher nur wenig direktes Töten nachweisen konnte. Dabei deckten sich vor allem die Ärzte gegenseitig selbst und landeten so schnell wieder auf Entscheiderpositionen in der medizinischen Versorgung Westdeutschlands. Trotzdem gab es auch Ausnahmen, so wie den Waldnieler Arzt Wesse. Der hatte, nachdem er von Waldniel in eine hessische Fachabteilung versetzt worden war, schriftlich um Nachschub für die Euthanasie gebeten. Das kann man angesichts der Rechtslage in den 40er-Jahren einerseits schon nicht mehr anders als dämlich nennen. Andererseits war es für die Gerechtigkeit natürlich ein Glücksfall, weil auf diese Weise wenigstens einem der zahllosen involvierten Unmenschen die Verantwortung für den Tod vieler Kinder nachgewiesen werden konnte.

Wenigstens ein Fall von Gerechtigkeit

Wesse, der sich zudem offenbar den Doktortitel erschlichen hatte, verbrachte etliche Jahre hinter Gittern. Da für seinen Fall zwei Bundesländer verantwortlich waren (NRW und Hessen) entstand zusätzlich Chaos bei seinen Anträgen auf Begnadigung, sodass er besonders lange für seine Taten büßen musste. Kollegen konnten sich dagegen entsprechend decken, dass sie nichts gewusst hatten, oder am besten noch Widerstand aus dem System heraus geleistet hätten. Andere waren bei neuen Ermittlung Anfang der 60er-Jahre körperlich so krank, dass sie Atteste über Verhandlungsunfähigkeit vorlegen konnten, anschließend aber noch gesund und munter weitere dreißig Jahre auf dem Erdenball verbrachten (der geneigte Leser mag sich ausmalen, wie ein mordender Mediziner zu einem entsprechenden Attest kommt, ich persönlich hab da eine Theorie).

So sehr mich das Durchgreifen der Gerechtigkeit im genannten Fall freut, so sehr widert es mich also an, dass Hunderte Täter aus diesem Bereich schon Anfang der 50er-Jahre wieder fleißig praktizierten und oftmals als Kinderarzt tätig waren. Was müssen das für Menschen gewesen sein?
Zurück zum Buch: Abgesehen von einer persönlichen Betroffenheit kann ich es jedem empfehlen, der mehr über das Euthanasieprogramm im dritten Reich erfahren möchte. Das Buch kann direkt beim Böhlau-Verlag bestellt werden.

Gustave Flaubert, Bouvard und Pécuchet

Es fällt schwer, die beiden Pole der Kritik zusammenzubringen. Als äße man eine Suppe, bestehend nur aus Wasser, aber versetzt mit einer exakt aufeinander abgestimmten Kräutermischung.

Der Stil des Romans ist in der Tat blendend gut. (Übersetzer Wolfgang Skwara betont zudem, dass er sich sehr an Flauberts Stil anzulehnen versucht hat, indem er etwa die Aufteilung von Sätzen oder Wortwiederholungen Flauberts ebenfalls übertragen hat). Aber der Inhalt ist eine dermaßen belanglose Aneinanderreihung von Titeln, Ereignissen und Theorien, dass der feine Stil schon nach wenigen Seiten nicht darüber hinwegtäuschen kann: Diese Suppe schmeckt nach nichts.

Farblose Figuren in einem noch nicht einmal absurd anmutenden Kasperltheater der komprimierten Langeweile machen die Lektüre bisweilen zu einer einschläfernden Qual und man fragt sich viel zu oft: Wann, ja wann wird dieses Kapitel endlich enden?

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