Doc Tottes Welt

Essays, Skizzen und Gedanken

Kategorie: 2016 gelesen (Seite 1 von 2)

Gerhard Polt, Von Heimat und Geschichte

Zweitausendeins bietet nicht mehr oft, aber immer wieder mal nette Zusammenstellungen. Seit ein paar Monaten ist es aus dem Hause Kein & Aber eine schöne elfbändige Polt-Ausgabe.

Inzwischen steht sie bei mir schon ein paar Wochen und kämpft gegen den Bücherberg an, der mir von anderen angetragen wurde. Es war daher nachgerade ein Akt wildesten Rebellentums, dass ich aus dieser quasi erzwungenen Leseliste ausgebrochen bin und mir den ersten Band Polt geschnappt habe.

Der hat mich doch arg zum Schmunzeln gebracht. Denn er bringt rund um die Themen (bayrische) Heimat und (bayrische) Geschichte eine Reihe von Klassikern wie » Toleranz, die auch gelesen ein großer Zwerchfellschmaus sind.

Lesetipp und nebenbei Geschenktipp für Weihnachten!

Truman Capote, In Cold Blood

Es war ein hochinteressanter Vergleich, nach » Hemingway einen Truman Capote in die Hand zu nehmen, den ich im Hinterkopf schon länger angepeilt hat (was für ein schiefes Bild, ich werde seekrank). Die Wahl fiel nicht auf den Frühstücksklassiker, sondern auf – tja, wie soll man es nennen? Die Reportage in Buchform? Den längeren Essay? – In Cold Blood.

Das Buch schildert die Vorkommnisse um den vierfachen brutalen Mord an einer Farmerfamilie in Kansas durch zwei vorbestrafte Betrüger und Gewalttäter in den späten 60ern. Beide waren unter der Fehleinschätzung eingebrochen, bei einem Einbruch viel Geld zu kassieren, hatten sich jedoch schon im Vorfeld darauf verständigt, keine Zeugen zu hinterlassen.

Capote schildert mit einer sehr pointierten Sprache und einer vor allem in den ersten zwei Dritteln immer spannender werdenden Schnitttechnik. Er erzählt, wie es zu der Tat kam, wie die Lebensklingen der zwei Täter den Lebensfäden der vier Opfer immer näher kamen und diese schließlich zerschnitten. Er erklärt das Vorgehen der Ermittler und die erfolgreiche Verhaftung der lange Zeit Flüchtingen. Und schließlich beschreibt er das Verfahren und die Zeit in den Todeszellen bis zum Galgen. Obwohl die Schreibe ab dem Verfahren kaum anders ist als vorher, verliert er meiner Meinung nach allerdings hier etwas Verve. Nach dem sich immer schneller drehenden Rad bis zur Festnahme schien Capote nicht den rechten Rhythmus zu finden, den er für die Schilderung des Verfahrens brauchte. Hier verfängt er sich leider auch eher in Seitenstränge, deren Dasein für den Gesamttext eher unerheblich ist. Gleichwohl schafft er es, ein Sittengemälde des Mittleren Westens in den späten 50ern und frühen 60ern anzufertigen, das im Ganzen wirklich faszinierend ist – selbst angesichts der furchtbaren Tat, die der Erschaffung des Gemäldes zugrundeliegt. Wirklich sehr zu empfehlen, auch und gerade im Original.

Helge Timmerberg, Die rote Olivetti

Lakonisch ist so ein gespaltenes Wort. Oft trägt es einen abwertenden Beigeschmack mit sich. Es kann aber genauso ein sehr unterhaltsames Element sein.

Timmerberg ist so ein Beispiel. In der roten Olivetti (benannt nach seiner Reiseschreibmaschine) berichtet er lakonisch, auf welchen Umwegen er Journalist wurde und wie es ihm auf den verschlungenen Pfaden im Wald der flotten Spätachtziger- und Neunziger-Zeitschriften erging. Und er macht es eben amüsant lakonisch.

Er beschreibt wunderbar. Er scheut sich nicht, für Vergleiche in den Fundus der hemmungslosen Kneipensprache abzutauchen. Stilsicher verzichtet er dabei auf das zotig Plumpe. Er schreckt auch nicht zurück, sich in ein schlechtes Licht zu stellen, was den Text ehrlich wirken lässt und ihn letztlich zu seinen Wurzeln zurückbringt: dem Gonzo-Journalismus.

Denn man merkt der Olivetti Timmerbergs Herkommen aus den damals angesagten Zeitschriften an. Aber das tut dem Text keinen Abbruch. Im Gegenteil möchte ich behaupten: Timmerberg stolziert wie eine aufmerksame Thompson-Gazelle durch die Savanne, die zwischen den beiden Buchdeckeln liegt. Und das zu Recht.

Ein leichtes, aber sehr schönes Lesevergnügen.

Ernest Hemingway, Der alte Mann und das Meer

Es gibt ja so eine populäre Dichotomie in der Literatur, nach der es den Genius-Schriftsteller und den arbeitenden Autor gibt. Ersterem fließt jedes Wort direkt druckreif aus der Feder. Letzterer feilt an Worten, Sätzen und Absätzen, bis auch jedes überflüssige Gran entfernt ist (oft fallen die Resultate hier quantitativ etwas schmaler aus).

Obwohl ich selbst so manchen Genius wie Döblin oder Balzac schätze, gebe ich gern zu, dass ich vor den Feilern (ja, richtig, mit F) doch eine ganz andere Art der Hochachtung hege, insbesondere wenn das Ergebnis stimmt. Denn aus eigener Erfahrung weiß ich, wie mühselig dieses Finden eines Worts ist, das noch passender ist, eines Ausdrucks, der noch treffender ist.

Hemingway ist so ein Fall. Er hat an seinen Texten gearbeitet und obwohl man die Arbeit an sich nicht sieht, merkt der aufmerksame Leser doch, dass hier jemand wirklich jedes unnötige Beiwerk weggekürzt hat.

Das ist mir bereits hier aufgefallen, beim alten Mann und dem Meer ist es noch deutlicher – vermutlich auch angesichts der Gesamtlänge des Texts.
Die Novelle ist insgesamt sehr schlicht, aber nicht simpel. In ihrer Schlichtheit ist sie zugleich bestechend.

Wie ein Foto, auf dem Motiv, Ausschnitt, Proportionen und Farbgebung einfach perfekt sind. Klar, es ist „nur“ ein Foto und kein hyperrealistisches Ölgemälde. Aber auch beim Foto gibt es ästhetische Vorgaben, die ein Motiv gut aussehen lassen.
Beim alten Mann und dem Meer hat Hemingway diese Vorgaben definitiv erfüllt. Großartig!

Haruki, Murakami, Kafka am Strand

Es gab keinen bestimmten Grund, warum dieses Buch die Lesereihenfolge des Buchpakets abschloss. Ich fürchte aber, es war gut so. Denn von allem, das ich von Murakami kenne, fand ich es bisher am schwächsten.

Sicher, es hat auch sehr viele schöne Beobachtungen, enthält zahlreiche kluge Gedanken, die es wert waren, gedacht, niedergeschrieben und gelesen zu werden. Aber eben diese guten Gedanken hätten problemlos auf die zu zahlreichen Szenen verzichten können, die sich aus den schwülstigen Pseudosehnsüchten eines pubertierenden Jungen speisen.

Ja, es war vielfach ermüdend, diesen klebrigen Schilderungen zu folgen. Sie pusten die Geschichte unnötig auf, die sich ansonsten aus allerlei Ausflügen in Historie, Märchen und – ja, man fast schon sagen – üblichen Murakami-Traumwelten zusammensetzt.

Mehrfach fragte ich mich während der Lektüre, ob Murakami das Buch mit derselben Technik geschrieben hat wie Dick seinem Orakel vom Berg. Letzteres ist bekanntlich entstanden, indem Dick die Entscheidungen der Figuren seinem I-Ging überließ. Das merkt man dem fahrigen und an den meisten Stellen offenen Buch auch an, weshalb ich Dicks Experiment zwar interessant finde, aber für gnadenlos gescheitert halte.

Darauf lässt sich übrigens auch Kafka am Strand herunterbrechen: sehr interessant, aber irgendwie gescheitert.

Haruki Murakami, Von Männern, die keine Frauen haben

Vorrede

Man mag sich wundern, aber die aktuelle Murakami-Phase hat Gründe: Ein Murakami-Care-Paket erreichte mich von einer lieben Freundin. Dass es länger ungelesen lag, hatte leider auch Gründe. Genau wie es jetzt Gründe gibt, endlich Muße für die Lektüre zu finden.

Butter bei die Fische

Von Männern, die keine Frauen haben ist eine Sammlung von sieben in sich abgeschlossenen Erzählungen. Rein inhaltlich vereint sie nichts, dafür eint sie die Qualität Murakamis – und natürlich der eponyme rote Faden, dass es also um Männer geht, die keine Frau (mehr) haben. Dabei führen verschiedenste Wege zu diesem, ich sage mal, Ergebnis.

Seien es Männer, die keine Frauen mehr haben, seien es Männer, die noch nie eine Frau hatten. So verschieden die Wege sein mögen, allen fehlt etwas, sie sind ohne ihren Westwind. Murakami löst dieses Thema aber bei jeder Geschichte individuell und bei einigen sogar höchst einfallsreich. So amüsiert mich z.B. Murakamis Kniff, Kafkas Verwandlung zurückzuspiegeln (Samsa erwacht bei Murakami plötzlich vollkommen orientierungslos in seinem Menschenkörper in der leeren Wohnung der Samsas und versucht, sich in dieser Rolle zurechtzufinden.)

Insgesamt ein kurzweiliger Spaß mit etlichen Beobachtungen und Einfällen.

Micky Remann, Somnamboulevard

Bisweilen erhält man Besuch von ganz besonderen Überaschungen. Eine solche war dieser vorbildliche „Raubdruck“, in dem die Somnamboulevard-Kolumnen Micky Remanns versammelt sind, die von November 1991 bis September 1993 in der taz erschienen sind.

Ich gebe es frank zu: Ich habe so meine Probleme mit der taz. Das hat wenig mit der Ausrichtung zu tun, sondern mehr mit dem Vermögen oder vielmehr Unvermögen, der deutschen Sprache adäquat gerecht zu werden. Ich habe keinen blassen Schimmer, woran es liegt, aber vielen Menschen mit Linksdrall, die sich berufen fühlen, zu Stift oder Tastatur zu greifen, wünsche ich einen chronischen Dauerkrampf in die Griffel (und Zunge, damit sie auch nicht diktieren können). Aus unerfindlichen Gründen halten sie Text ausgerechnet dann für stilistisch gut, wenn er besonders wurstig und holprig klingt. Rhythmus ist dann ein Fremdwort. Genug des Exkurses!

Denn – aufgepasst! – all das gilt nicht bei Remanns Kolumnen!

Bon, man mag sich darüber streiten, ob jede Kolumne für sich ein grandioses Werk ist. Aber zwischendurch blinzeln in seinen Überlegungen aus & über die Klarträumerei Ideen durch, die eines Flann O’Briens würdig wären.Da kann ich allen, die keinen Zugriff auf die Kolumnen (mehr) haben, nur sagen: Schade, dass es ein seltener Raubdruck ist. Aber gut, dass wenigstens ich ein Exemplar habe. Ich gebe ab in den Traumzauberwald.

Haruki Murakami, Naokos Lächeln

Als ich einer Freundin von dieser Lektüre erzählte, stellte sie mir die Frage, ob es wirklich so erotisch sei, wie behauptet würde. Ich hatte zu dem Zeitpunkt noch gar nicht so viel gelesen, konnte es also (noch) nicht bestätigen. (Auch angesichts der späteren – wie es im angelsächsischen Raum so schön heißt – expliziten Szenen würde ich das Buch allerdings nicht als erotisch im eigentlichen Sinne bezeichnen.)

Ich folgte daher noch einige Tage dem Leben von Toru zwischen seinen Freunden aus der Kindheit Kizuki und Naoko sowie seiner späteren „Freundin“ Midori, zu der er sich wegen der Liebe zu Naoko nicht durchringen kann.

Alles ist aufgespannt vor den Ereignissen der 60er in Japan, durchmixt mit zahlreichen kleinen und größeren Musiken. Oder genauer: Es wird projiziert auf den leichten, seidenartigen Vorhang der typischen Murakami-Welt, die keine Traumwelt ist, ihr aber in vielerlei Hinsicht gleicht.

Von Spaß zu reden wäre angesichts der insgesamt doch irgendwie bitteren Geschichte Hohn. Aber es ist gute Lektüre, gute Unterhaltung und vor allem: gut geschrieben.

Haruki Murakami, Der Elefant verschwindet

Eine Sammlung aus acht teils recht ungewöhnlichen Geschichten. So miniaturhaft sie angelegt sind, so sehr zeichnen sie sich auch in dieser Kleinheit durch Murakamis besondere Art aus, ein eigenes Universum zu erschaffen. Ein Universum, an dem man als Leser in keinem Moment zweifelt. Man versinkt einfach; fast wie in dem hypnagogischen Zustand beim Eindösen vergleichbar. Auch hier nimmt man alles, was einem erscheint, für wahr, bindet es gegebenenfalls sogar in die dösenden Gedanken mit ein, was ihnen ein besonders realistisches Umfeld beschwert.

Für ein kurzes Eintauchen in Murakamis Welt durchweg zu empfehlen.

Haruki Murakami, Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede

Warum ich ausgerechnet ein Buch über Laufen lese, wurde ich während der Lektüre gefragt. Nun, das war eine einfach zu beantwortende Frage: weil es mir von einer Freundin geliehen wurde, die weiß, dass ich gern Murakami lese.

Warum ich Vergnügen an der Lektüre des kleinen Büchleins empfand? Das ist ähnlich leicht zu beantworten. Weil Murakami in einer Reihe von Essays erklärt, dass er schreibt, wie er läuft. Man erfährt durch seine Schilderungen daher einiges nicht nur über seine Läuferkarriere, sondern erhält auch interessante Einblicke in seine Sicht auf (für ihn) wichtige Dinge der Welt.

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