Doc Tottes Welt

Essays, Skizzen und Gedanken

Kategorie: Biographie (Seite 1 von 2)

Golo Mann, Wallenstein

Wer hier öfter liest, kennt vielleicht meine Einsatzrezi zu Allens Zelig, einem meiner absoluten Lieblingsfilme. Aufs Detail möchte ich hier gar nicht eingehen, wer den Film aber nicht kennt, möge wissen, dass ein wichtiger Auslöser der Geschichte das Buch Moby Dick ist, das die Hauptfigur Zelig in der Schule nicht gelesen hat.

Den Gag, der aus diesem Ursprungsproblem entsteht, finde ich so amüsant, dass ich Bücher, durch die ich mich einfach nicht durchkämpfen kann, gern als meinen Moby bezeichne – wobei der Witz zugegebenerweise ist, dass ich ausgerechnet den gelesen habe, wenn auch nicht im Original (in dieser Hinsicht ist Moby Dick auch mein Moby Dick, um die Selbstreferenzialität ins Absurde zu treiben).

Golo Manns Wallenstein war so ein Moby Dick für mich. Ein Riese, der mir im zweiten Semester von einem Prof ans Herz gelegt wurde als Beispiel für wohlformulierte wissenschaftliche Arbeit. Ich, damals noch im Wahn, mir eine ausgiebige Bibliothek zuzulegen, die mir in schwachen Momenten heute eher wie ein Klotz am Bein vorkommt, ging natürlich in die Unibücherei und erwarb das Monster. Ja, ich begann sogar kurz darauf mit der Lektüre, brach sie aber bereits nach etwas über 100 Seiten ab, weil ich es furchtbar zu lesen fand: so viele Figuren und Personen, die Mann kaum näher erklärt, sie stattdessen kurz anreißt und mit ihnen arbeitet, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt, jeden Hinz und Kunz des 17. Jahrhunderts zu kennen, der mal irgendwo an einem Hof Europas den Mund aufgemacht hatte.

Es war eine Schmach für mich. Ich, der ich mit dem Ansatz an praktisch jedes Buch gehe, es zu Ende lesen zu müssen, weil ich es nicht beurteilen möchte, bevor ich es nicht ganz kenne. Man denke nur an Eco: Wie viele seiner Bücher fangen mit superlangweiligen ersten 100 Seiten an, bevor sie richtig durchstarten?

Auch heute gibt es nur eine Handvoll Bücher, die ich ernsthaft angefangen und nicht zu Ende gelesen habe (Sartres Sein und Nichts z.B.; bislang zwei Versuche, beide kurz nach Seite  200 gescheitert). Daher war es nur eine Frage der Zeit, mich irgendwann noch mal an Mann zu versuchen.

Es ging einher mit einer Ausrümpelaktion meiner Bibliothek. Ich wollte das Buch loswerden, nicht aber, bevor ich es gelesen hatte. Als begann ich. Und litt. Im Prinzip an denselben Problemen übrigens wie damals, obwohl mein historischer Horizont mittlerweile um ein Vielfaches gewachsen ist. Es war eine Qual. Kaum las ich drei Absätze, konnte ich schon einschlafen. (K)Eine perfekte Bettlektüre also. Trotzdem kroch ich nach und nach durch die Seiten, erst zu Dutzenden, dann en gros, irgendwann – ich prüfte natürlich permanent, wie viele Seiten noch anstanden – blieben nur noch wenige Hundert Seiten. Dann kam der totale Durchhänger. Ich ließ das Buch auf dem Nachttisch liegen, als Erinnerung. Irgendwann mutierte es eher zum Mahnmal, schließlich zum Möbel, das ich bequem ignorierte, um mein bisschen freie Zeit unterhaltsamer zu verbringen. Dort lag das Möbel ungelogen und unaufgeschlagen fast zwei Jahre.

Vor wenigen Wochen ging es mir dann doch auf den Keks, dass dieser Block neben meinem Wecker Platz beanspruchte, den ich sinnvoller nutzen wollte. Ich nahm Wallenstein also in die Hand und stellte zu meinem Vergnügen fest, dass ich nur noch schmale 150 Seiten zu lesen hatte (von knapp 1.000 eng bedruckten Seiten, der Rest sind für meine Zwecke uninteressante Anmerkungen). Diese positive Überraschung spornte mich an. Ich nahm den Ziegel also in Hand, quälte und ärgerte mich weiter über diesen geschraubten Schrott, der fraglos super recherchiert war. So super, wie ich vermute, dass Mann schließlich seine Gehirnfalten in die pathetische Hinrissigkeit gebogen hatte, dass er nicht mehr normal schreiben konnte und selbst noch die schlimmsten Wurstsätze seines Vaters toppt.

Und ja, ich habe es schließlich geschafft: Der Mist ist durch. Dem Professor könnte ich für diese „Empfehlung“ heute noch auf dem Flur ein Bein stellen. Zu unser beider Glück hatte er aber auch ein paar Empfehlungen auf Lager, die ich wesentlich gewinnbringender umsetzen konnte – daher verzichte ich mal auf diesen Gewaltausbruch.

Mal was anderes – Buch zu verschenken: Golo Manns Wallenstein. Eins a Liegeware, erst einmal gelesen. Abholung oder gegen Porto.

Karl Ove Knausgård, Sterben

Ich muss gestehen, dass ich überhaupt nicht abschätzen kann, wie bekannt das Phänomen Knausgård inzwischen in deutschsprachigen Leserkreisen ist. Ich selbst bin durch einen längeren Artikel von Mikael Krogerus auf Knausgård aufmerksam geworden. Krogerus wies bereits ausführlich auf die Ursachen hin, die für die Sonderstellung Knausgårds Großwerk in Skandinavien verantwortlich sind. Spätestens jetzt sollte ich aber die Leser ins Boot holen, die Knausgård bislang noch nicht kennen.

Knausgård hat ein literarisches Experiment durchgeführt, das es in dieser Form wohl eher selten geben wird. Er schrieb in sechs Bänden unter dem Titel „Min kamp“ (richtig, mein Kampf), einen Großteil seines Lebens nieder, und zwar möglichst ungeschönt. Das betrifft ihn selbst, das betrifft aber auch Familie, Freunde, Freundinnen, Frauen und eigene Kinder. Wenn man sich die Rechtsstreitigkeiten der letzten Jahre in Deutschland anschaut, dürfte klar sein, dass so eine Schilderung hier klagewürdig wäre. In einem so kleinen Land wie Norwegen aber, in dem über zwei Ecken jeder jeden kennt, kann es eine Katastrophe für manchen Betroffenen sein.

Trotz dieses inhaltlichen Kniffs dürften sich die meisten Leute fragen: Ja und? Wer ist schon dieser Knausgård und warum soll mich sein Leben interessieren?

Tja, Knausgård mag für jeden Nichtnorweger uninteressant sein. Interessant wird die Schilderung meines Erachtens aber durch die Echtheit. Natürlich bezweifle ich nicht, dass auch diese Echtheit gefiltert ist. Kein Mensch erträgt seine Biografie ohne subjektiven Filter. Die Frage ist nur, wie ehrlich ist man zu sich selbst – und wie viel dieser Ehrlichkeit traut man sich nach außen zu tragen? Und in dieser Mutprobe dürfte Knausgård neue Maßstäbe setzen.

Vielleicht braucht man eine voyeuristische Ader, um so etwas interessant zu finden. Auf jeden Fall empfand ich eine Leseprobe aus Band drei interessant. So unerheblich der Inhalt war, so atemlos empfand ich die Lektüre. Ich konnte nicht aufhören, die Probe zu lesen, obwohl sie faktisch nichts enthielt, was ich im üblichen Sinne interessant finde. Schließlich kaufte ich Band eins, der in Deutschland unter dem Titel Sterben erschienen ist. Darin befasst Knausgård sich in zwei Teilen mit seinem Vater und dessen Tod. Im ersten Teil erzählt Knausgård aus der eigenen Kindheit und vom schwierigen Verhältnis zu seinem Vater. In zweiten Teil ist der Vater gestorben. Knausgård schildert, wie er sich gemeinsam mit seinem Bruder um die Beerdigung und die damit zusammenhängenden Probleme kümmert.

Das Buch spaltet mich. Ja, ich wollte immer weiterlesen und immer mehr wissen über Knausgårds Leben. Aber immer wieder bricht Knausgård solche Lesestrudel mit irgendwelchen manchmal tiefsinnigen, häufiger aber auch nervigen Überlegungen über die Welt, die Menschen, die Musik, die Kunst und – die Literatur. Über Dutzende Seiten habe ich mich gefragt, wann es endlich mit dem Kindheitstratsch weitergeht.

Eine von Knausgårds Quatschüberlegungen war besonders bemerkenswert. Da sinniert er darüber, was in der Literatur wichtiger sei: die Form? Der Stil? Der Inhalt? Knausgård meint: die Form. Sie regiere über alles. Stil und alles andere machten dagegen Literatur kaputt, wenn sie sich zu sehr in der Vordergrund drängten. Nun möchte ich an dieser Stelle nicht ausschließen, dass Knausgård und ich (oder Übersetzer/Lektorin und ich, aber dazu später mehr) unter Form verschiedene Dinge verstehen. Denn für mich ist sicher, dass Form garantiert nicht das Wichtigste ist bei guter Literatur. Im Gegenteil: Autoren, die die Form sich vordrängeln lassen, folgen gewöhnlich lediglich irgendwelchen dämlichen Moden, die spätesten nach ein paar Jahren so spannend sind, wie ein Millionen Jahre geschliffener Kiesel Spitzen hat.

Übrigens ist die Form bei Sterben noch nicht einmal besonders. Knausgård erzählt – wie auch sonst? – aus der Ich-Perspektive, springt natürlich ein bisschen durch die Zeiten, stellt sich aber größtenteils als sensibler Außenseiter dar, der zum Glück geworden ist, was er geworden ist. Also sind Form und Inhalt eigentlich wenig originell. Und um gleich weiterzumotzen: Auch der Stil ist so aufregend wie der erwähnte Kieselstein. Ehrlich, Knausgård ist in Sterben und auch in der Leseprobe aus Band drei als Autor furchtbar langweilig – und zu meinem Erstaunen funktionierte das Buch trotzdem bei mir. Ich wollte es lesen. Aktuell kann ich mich aber nicht dazu durchringen, mir einen weiteren Band zu kaufen. Aber vielleicht ändert sich das ja noch.

So, und jetzt noch ein Wörtchen zum Gespann Paul Berf (Übersetzer) und Regina Kammerer (Lektorat). Im Großen und Ganzen enthielt das Buch angenehm wenig Fehler (z.B. „langam“ statt „langsam“). Aber in Details musste ich mich über eine Reihe von Fehlern wundern, die ich einfach nur ärgerlich finde. Leider kann ich in Teilen nicht sicher sagen, ob sie eher dem Übersetzer oder eher dem Lektorat anzulasten sind, daher bin ich leider genötigt, mit der Schrotflinte der Wut breit gestreut in beider Richtung zu schießen.

Trotz der insgesamt geringen Fehlerquote fiel u.a. auf, dass einige Kommata und Anführungszeichen eher kreativ verteilt sind. „Jedesmal“ war jedes Mal falsch geschrieben, außerdem sollten Übersetzer/Lektorin sich bei Gelegenheit intensiv mit dem Unterschied zwischen Oh und O und der damit verbundenen Kommasetzung befassen! Enorm nervig fand ich ferner, wie norwegische Wendungen oder Wortbildungen Eingang in die deutsche Übersetzung fanden: Auf Deutsch fährt man in und nicht auf ein Trainingslager. Die Schreibweise von Straßennamen hat mich aber schließlich zur Weißglut gebracht. Natürlich kann man sich bei einer Übersetzung darüber streiten, wie man fremdsprachige Straßennamen schreibt. Aber für die Schreibung von fremdsprachigen Namen gibt es eben auch Regeln, und die kann man auch beachten. In Sterben missbrauchen Übersetzer und Lektorin dagegen für die deutsche Fassung zig mögliche norwegische Formen und Schreibweisen, die im Deutschen entweder falsch oder aber schwachsinnig sind – vor allem sind sie aber eins nicht: einheitlich.

Mal wird das norwegische Wörtchen für Straße (vom Wortstamm eigentlich „Gasse“) groß-, mal kleingeschrieben. Mal ist es vom Straßennamen getrennt-, mal zusammengeschrieben (und ja, das gibt es im Deutschen ebenfalls, aber auch dazu gibt es Regeln). Mal übernimmt die deutsche Fassung den norwegischen bestimmten Artikel nicht, mal schon, und das, obwohl zusätzlich der deutsche bestimmte Artikel da steht.

Ich erwarte ja nicht, dass die Lektorin genau wie der Übersetzer des Norwegischen mächtig ist, um sowas beurteilen zu können.* Aber sie hätte in jedem Fall darauf pochen müssen, dass solcher Blödsinn wenigstens einheitlich gelöst wird und nicht auch noch innerhalb eines Satzes wechselt!

Genug der Erbsenzählerei. Zusammenfassend kann ich keine eindeutige Leseempfehlung geben. Vieles am Buch war sehr interessant, vieles hat mich aber auch unendlich genervt. Wer meinem Geschreibsel ansatzweise Interesse abgewinnen kann, sollte wenigstens einmal bei Knausgård hineinschnuppern.

* Nebenbei, mein Norwegisch ist ebenfalls bescheiden; aber mit diesen bescheidenen Kenntnissen und einer kleinen Recherche war klar, dass hier Unsinn steht.

Janko Lavrin, Dostojevskij (Rowohlt-Biographie)

Der Mann war fraglos kein einfacher Mensch. So gut er schreiben konnte, so gut er sich in Menschen hineinversetzen konnte – so ein getriebener Irrer und Nationalist war Dostojevskij. Das macht es meines Erachtens umso wichtiger, wenigstens ansatzweise zu erfahren, wie der Mensch war, der all diese faszinierenden Figuren und Geschichten geschaffen hat.

Dieses kleine Rowohlt-Bändchen gehört mit zu den besten rororo-Biographien, die ich kenne. Sie sind in sich rund, es fehlt nichts für eine Kurzbiographie. Sehr zu empfehlen!

Walter Baumgartner, Knut Hamsun (Rowohlt-Biographie)

Diese Rowohlt-Biographie ist mir besonders wichtig. Das hat nur indirekt mit Hamsun zu tun, denn der Autor der Biographie war einer meiner ersten Professoren (genau genommen sogar der erste Prof, bei dem ich zur Studienberatung war). Passenderweise thematisierte die erste Vorlesung, die ich überhaupt besuchte, eben Knut Hamsun. Und als ich damals in der Vorlesung hörte, dass Professor Baumgartner gerade frisch an der Biographie saß und dafür u.a. in Oslo Briefe von bzw. an Hamsun wälzte, fand ich das ehrlich gesagt ziemlich elektrisierend.

Gut, ich brauche kaum zu erklären, dass mein Hamsun-Bild stark von Baumgartner beeinflusst ist und mir die Biographie daher recht naheliegt. Demensprechend möchte ich sie auch gern empfehlen.

Elsbeth Wolffheim, Hans Henny Jahnn (Rowohlt-Biographie)

Jahnn betrachte ich als einen sehr ungewöhnlichen, um nicht zu sagen außergewöhnlichen Autor. Als vor Jahren bei Zweitausendeins eine günstige Ausgabe seiner Werke erschien, griff ich – zugegebenerweise aus Dämlichkeit – nicht zu, sondern erstand nur ein einzelnes Buch. So ungewöhnlich wie seine Schreibe ist, waren auch Jahnns Leben und Leidenschaften. Sein Faible für Orgeln kann ich nicht nachvollziehen, auch seine intensiven Gefühle (ich denke, man darf es so nennen) für Pferde sind nicht meine Welt. Und trotzdem reizt es mich, mehr von ihm zu lesen. Eine Notlösung war es daher, als ich die Gelegenheit bekam, wenigstens in dieser informativen Kurzbiographie ein wenig über den Norwegenfan Jahnn zu erfahren.

Walter Lennig, Poe (Rowohlt-Biographie)

Ich gehöre noch zur Schule, die bei der Bewertung von Kunst viel Augenmerk auf den Künstler, dessen Leben und Werdegang legen. Das gilt natürlich besonders bei Künstlern wie Poe, deren Werk mir besonders wichtig ist.

Während man laut einem meiner Literaturprofessoren angeblich das Leben Goethes weitgehend im Fünfminutentakt rekonstruieren kann, haben wir bei Poe leider viele, viele Leerstellen. Vieles ist recht unbekannt, und das bisschen, das bekannt ist, ist nicht immer schmeichelhaft. Trotzdem finde ich es enorm interessant, weil die vielen Brüche, die wir aus Poes Leben kennen, ihn als Menschen nahebringen und auch sein Werk besser einordnen lassen.

Das, was mich am meisten ärgert, ist eigentlich lediglich, dass ich gern eine ausführlichere Biographie hätte als dieses dünne Rowohlt-Bändchen. Vielleicht kann einer der hiesigen Leser mir ja einen Tipp geben.

Momme Brodersen, Siegfried Kracauer (Rowohlt-Biographie)

Ich bedaure, dass ich heute nicht mehr die Gelegenheit habe, in (modernen) Antiquariaten zu stöbern – teils weil mir die Zeit dazu fehlt, teils weil es in meiner Stadt ehrlich gesagt kein einiges wirklich gutes Antiquariat mehr gibt. Dabei habe ich es immer sehr geschätzt, zwischen den Buchstapeln, Kisten und Regelreihen herumzustöbern. Klar, das Meiste war aus meiner Sicht Ausschuss. Aber es gab eben auch immer wieder die ein oder andere Perle zu entdecken, die ich im normalen Buchhandel oder womöglich bei Amazon niemals gefunden hätte.

Die Biografie über Kracauer ist so ein Fall. Ich hatte vor dem Kauf peinlicherweise noch nie von ihm gehört oder gelesen. Bei dieser Biographie blätterte ich kurz rein und kaufte sie mit der Gewissheit, dass ich hier etwas Interessantes gefunden hatte. Und die Lektüre sollte mich auch nicht enttäuschen: Kracauers Leistungen als Journalist, noch dazu im von mir so geschätzten Filmmetier halte ich mittlerweile für sehr wichtig. Und nicht zuletzt freute mich natürlich Kracauers Kontakt mit dem jungen Adorno in Frankfurt. Manchmal schließen sich Kreise ganz überraschend und ungeplant.

Wolfgang Martynkewicz, Arno Schmidt (Rowohlt-Biographie)

Passt gut, weil der gute Arno Schmidt neulich seinen 100. Geburtstag gefeiert hätte. Tja, zu dieser Rowohl-Biographie möchte ich besonders wenig sagen: ein bisschen Faktensammelei. Wunderbare Details erfährt man besser in anderen Büchern wie den Tagebüchern, Wu hi und diesem Ausstellungskatalog.

Und etwas Umfassenderes erwarte ich eigentlich mit der Schmidt-Biographie, an der Bernd Rauschenbach seit geraumer Zeit sitzt.

Curt Hohoff, Kleist (Rowohlt-Biographie)

Ich fürchte, an Kleist scheiden sich die Geister. Was hab ich mir für Meckereien anhören müssen von Leuten, denen er in der Schulzeit gehörig vergällt wurde.

Das ist echt schade. Denn Kleist ist nicht nur eine wichtige Größe für die deutschsprachige Zeitungsevolution, sondern ein ganz besonderer Formulierungskünstler, dergestalt, dass er, und zwar gern auch als Einschub, Nebensätze aneinanderreiht, atemlos, punktlos und schließlich mit direkter Rede, die er ebenso gehetzt in mehere Teile gliedert.

Sonst noch was? Ach ja, sein Leben war kurz und spannend. Eben eine helle Flamme in bewegten Zeiten. Wo sind solche Autoren heute?

Dementsprechend wichtig sind Biographien über Kleist. Und sei es auch nur eine kleine Rowohlt-Biographie zum Reinschmökern.

Jerry Hopkins, Jim Morrison. König der Eidechsen. Die endgültige Biographie und die großen Interviews

Es ist eine Binsenweisheit, dass Menschen wie Morrison heute eine ganz andere Stellung besäßen, wenn sie noch lebten. Sie wären lange nicht die Ikone, die sie seit ihrem Tod sind. (Und in dieser ikonographischen Hinsicht gehören nicht nur die Mitglieder des Klubs der 27, sondern auch Leute wie James Dean, Marilyn Monroe oder Che Guevara.) Das schmälert aber nicht das Interesse an denjenigen, die mit nicht einmal drei Dekaden mehr erreicht haben als die allermeisten Menschen mit doppelt so viel Jahrzehnten Leben. Deshalb betrachte auch ich mich entschuldigt, gern mehr über das Leben dieses James Morrison zu erfahren.

Diese Biographie ist ein Schlüssel zum Verständnis seiner Person (mit Betonung auf „ein“). Man erfährt mehr über seine Hintergründe, über sein familiäres Umfeld, seine Einflüsse aus der Literatur – so zitierte er William Blake nicht erst in Doors-Liedern, sondern schon in High-School-Zeiten Lehrern gegenüber. Und man erfährt etwas darüber, wie er zusammen mit Ray Manzarek die Doors gründete, um sie schließlich in einem Mix aus Sättigung, geistig-körperlicher Verfettung, Alkoholsucht und einer gehörigen Portion Auseinanderlebens zu verlassen für eine „Karriere“ als Poet in Paris.
Unabhängig davon, dass er an dieser Karriereplanung schon durch seinen Tod gescheitert ist, möchte ich meinen, dass Morrison auch so in Paris gescheitert ist.
Seine dort verfassten Texte drehen sie bestenfalls im Kreis, schöpferisch kann er die Sackgasse, in der er saß, nicht verlassen. Statt in Paris hätte er zudem auch in einer Kleinstadt in der Pfalz leben können, denn die Umgebung nahm er praktisch kaum auf. Er blieb vielmehr ein Fremdkörper.

Es ist müßig, gedankenzuspielen, inwieweit er noch Größeres hätte leisten können, wenn er nicht gestorben wäre. Vielleicht hätte er ähnlich wie Cocker und Turner in den 80ern ein Comeback als Solokünstler hingelegt. Man weiß es nicht. Aber um im klassischen Bild – die helle Kerze brennt schneller – zu bleiben: Morrison flackerte nur noch, als er in Paris war; es scheint, als habe er sein Pulver zuvor verschossen.

Zum Buch: Qualitativ fand ich es nicht so wertvoll wie die Hendrix-Biographie, aber es bleibt insbesondere für den Fan durchweg informativ und interessant.

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