Doc Tottes Welt

Essays, Skizzen und Gedanken

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Vom Terror der Moderne

Terrorismus ist eine seltsame Sache. Dass Individuen sich für eine vorgeblich große (ideelle) Sache opfern, kennt man in dieser Art aus dem Tierreich nicht. Klar kommt es vor, dass eine Ameise ihr eigenes Leben ignoriert, weil ihr Staat ihr wichtiger „erscheint“. Aber eine Ameise denkt nicht vernunftbewehrt darüber nach, sie hat keine Entscheidungsmöglichkeit für oder gegen ihre Selbstopferung.

Entstanden ist der menschliche Terrorismus in der modernen Form im Kampf gegen Despoten. Im engeren Sinne war er nicht religiös bedingt, wobei manche Ideale fraglos den Charakter einer Religion erreichen (ich erinnere da gern an den ein oder anderen Marxisten o.Ä., aber auch in anderen Umfeldern gibt es entsprechende übersteigerte Ansichten). Deswegen erklärt sich Terrorismus auch nicht immer mit der Vorstellung einer jenseitigen Belohnung. Manche terrorisieren auch einfach für die scheinbar gute Sache oder – wenn es für sie selbst gut ist – für Geld. In diese Riege fällt letztlich jemand wie Ilich Ramírez Sánchez, bekannter unter dem Tarnnamen Carlos, dem es im Prinzip ziemlich egal war, ob er andere Menschen für die sozialistische Weltrevolution, die Befreiung Palästinas oder eben fürs eigene Konto skrupellos abmurkste.

Ob man von der aktuellen Welle wirklich behaupten kann, dass es sich um religiös motivierten Terrorismus handelt, möchte ich ehrlich gesagt bezweifeln. Wenn man sich die Lebensläufe der Täter anschaut, hat man eher den Eindruck, hier eine soziale Gruppe zu finden, die man auch aus anderen sozialen Zusammenhängen kennt. Ein Großteil, wenn nicht alle1 Täter der letzten Jahre fallen durch eine Konstante auf: Es sind Abgehängte. Während die hiesigen christlich-atheistisch Abgehängten sich als Stimmvieh für Demagogen instrumentalisieren lassen, fehlt den Abgehängten aus einer islamisch gefärbten Heimat diese Form gesellschaftlicher Teilhabe in Form von Wahlen sogar. Das betrifft nicht allein immigrierte Täter, sondern gilt vielfach auch für in Deutschland, Belgien, Frankreich oder Großbritannien aufgewachsene Menschen, denen die volle gesellschaftliche Teilhabe aus welchen Gründen auch immer verweigert wird. Mal dürfen sie nicht wählen, mal finden sie weder Ausbildung noch Arbeit. Da ist es kein Wunder, dass sie die erstbeste Gelegenheit nutzen, die ihnen jemand bietet, weil er sie scheinbar „abholt“, wie man so schön sagt, und sei es im Dienste des islamistischen Terrorismus. Ähnliches erlebte man schon im Nordirland des 20. Jahrhunderts, als v.a. die katholischen Familien in kleinste Behausungen gequetscht wurden. Die IRA bot ein Gemeinschaftsgefühl, auf das man sich verlassen konnte, wenn man nicht gegen ihre Regeln verstieß. Und genau genommen fallen die Abgehängten, die sich im Terror austoben, auf vergleichbare Lügenmärchen herein wie das oben genannte Stimmvieh. Der Unterschied ist lediglich, dass den einen Märchen fürs Jenseits erzählt werden, während die anderen an Märchen fürs Diesseits glauben. Egal was eintreten wird: Es werden Märchen für beide Arten der Abgehängten bleiben, selbst wenn die vorgeblichen Bedingungen zum Wahrwerden der Märchen erfüllt werden.

Diese Ausgeschlossenheit, vielfach vermengt mit wirtschaftlichen Problemen, Kriminalität oder Alkohol (dazu gehört z.B. sowas wie der NSU), lässt den Einzelnen eine enorme Machtlosigkeit fühlen. Sie ist wie ein Vakuum, das irgendwie gefüllt werden will und das mit Aktion scheinbar gefüllt werden kann. Das gilt letztlich sogar für frühere Epochen des Terrors, wie Nazianschläge in den 20ern zeigen, als die Parteigänger dieser Partei eben auch mehrheitlich Abgehängte waren.

Neben diesem roten Faden des Terrorismus fällt aber eine andere Sache auf: die Art der Anschläge. Spätestens seit den 60ern nehmen sie nämlich ein Phänomen auf: die Verschränkung des Terrors mit der Popkultur.

Zur Hochzeit des europäischen Terrorismus gab es in den Lichtspielhäusern eine grandiose Welle neuartiger Western. Leone, Corbucci und Co. haben mit dem sogenannten Spaghettiwestern eine Machismowelle erzeugt, die noch über Jahrzehnte spürbar ist (vgl. Tarantinos Western). Von den Tupamaros München, den deutschen „Stadtguerilleros“, weiß ich, dass sie die Gestik, das Handeln, das Schießen und das Recht des (momentan) Stärkeren aus den Filmen in die Realität umsetzen wollten. Sie wiedererlebten sich als moderne Westernhelden, die aus ihrer Sicht lediglich für die gute Sache kämpften und dazu das Leinwandverhalten imitierten.

Ein ähnlicher Effekt tritt inzwischen bei den Abgehängten des Daesh auf. Die Art, wie sie Attacken durchführen, und die Tatsache, dass diese Art ausdrücklich von den Strategen des Möchtegernkalifats empfohlen wird, nimmt ebenfalls popkulturelle Szenen auf. Heute orientieren sich die im oder am Westen aufgewachsenen Abgehängten aber weniger am Kino. Sie werden längst durch ein Popmedium inspiriert, das Unterdreißigjährigen wesentlich näher steht: Videospiele. Attacken, die eher Amokläufen als einem klassischen terroristischen Akt gleichen, folgen einer Dramaturgie, wie man sie seit Mitte der 90er-Jahre von Spielen wie Grand Theft Auto kennt, ohne dass sie dort mit eigentlichem Terror verbunden sind.

Für den Daesh und seine Fans hat diese Aufnahme zugleich den Vorteil, Terror zu einem billigen Massenphänomen zu machen: Die heikle Beschaffung von Waffen oder die mit Schwierigkeiten verbundene Herstellung von Sprengstoffen ist nicht länger erforderlich. Es ist eine Art Demokratisierung des Terrors.2

Terror ist also seit Jahrzehnten zu einer zwar negativ konnotierten, aber stark übersteigerten Abart des Pop für Abgehängte geworden. Deshalb ist es auch folgerichtig, dass diejenigen, die derartige Taten begehen, in ihrer jeweiligen Peer-Group als Helden, vulgo Märtyrer, gelten. Auch hier greift eben Warhols Satz der 15-minütigen Berühmtheit.3

Über die Jahre haben sich lediglich die Medien gewandelt. Wurden die Täter in den 70ern noch in Underground-Flyern und -Zeitschriften bejubelt, dienen heute YouTube und Facebook als Medium zur Verbreitung der Eigenerzählung. Hier wird der Terror sogar selbstreferentiell, weil er der Bühne, der er entwachsen ist, immer näher kommt. Anders gesagt: Es dürfte nicht mehr lange dauern und anstelle des modernen Räuber-und-Gendarm-Spiels Counterstrike mit ihren abstrakten Terroristen tritt ein echtes Terrorspiel, in dem es im Ego-Modus oder vielleicht im VR-Modus darum geht, Züge, Flugzeuge und Ähnliches möglichst spektakulär zu zerstören und dabei möglichst viele Spielfiguren ins digitale Jenseits zu befördern. Das mag gerade in der zeitlichen Nähe des jüngsten Anschlags schrecklich zynisch klingen, aber der Tag, an dem ein solches Spiel erscheint, wird kommen, und sei es als Undergroundspiel. (Oder gibt es das womöglich bereits? Ich bin da leider nicht mehr auf dem aktuellsten Stand.)

Ich fürchte sogar, dass diese Popreferenz so weit geht, dass Terror nur noch das ist, was in der Populärkultur stattfindet, über das also möglichst in bewegten Bildern berichtet wird. Das ist meiner Meinung nach sogar einer der Gründe, warum hiesige Gewalttaten sofort unüberlegt diesem Tatumfeld zugeordnet werden. Töten dagegen Drohnen irgendwo am Hindukusch ganze Familien, ohne dass es Bilder davon gibt, können wir es als Tat, ja als Terrorakt nicht wahrnehmen.4 Es geschieht auf einem blinden Fleck der öffentlichen Wahrnehmung.

Mich interessierte, ob diese Referenzialität wirklich erst mit dem großen Aufkommen des Pops entstanden ist. Oder kann sie womöglich schon am dilettantischen Terrorismus im Zarenreich oder den Bombenlegern der Nazis beobachtet werden? Eine Art Popkultur gab es ja auch damals schon in den Groschenheftchen. Aber enthielten sie auch Ansichten oder Haltungen jenseits ideeller Färbungen, die als Blaupause fürs eigene Handeln dienten? Oder brauchte es eher die Verrohung des ersten Weltkriegs für dieses gewissenlose Handeln, das ja auch den Serienmord auf ganz neue Höhen brachte?

Im Umkehrschluss bedeutet es zugleich, dass der Terror der kommenden Jahrzehnte sich schon heute in der Popkultur abspielt. Wer wissen möchte, wie Terror in den 2030ern aussehen wird, muss die Popkultur beobachten.

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1 Mir fehlt leider gerade die Zeit zum Nachprüfen, gleichwohl möchte ich die folgenden Gedanken schon jetzt veröffentlichen.

2 Während parallel andere Kriminalität eine Art Elitisierung erlebt hat: Wer heute bei einem Banküberfall richtig Geld verdienen möchte, geht nicht mit einer Waffe in ein Institut oder sprengt Automaten auf. Er studiert finanzwirtschaftliche Fächer und/oder Informatik und sorgt mit seinem Know-how hinter den Kulissen für einen stillen Besitzerwechsel der Gelder.

3 Ausnahmen wie der UNA-Bomber bestätigen die Regel, wobei dieser letztlich auch mehr oder weniger unfreiwillig die moderne Einzelkämpfergeschichte Hollywoods reproduziert, allerdings ohne über eine eigentliche Peer-Group zu verfügen.

4 Dazu kommt natürlich noch die journalistische Färbung, die dafür sorgt, dass solche Drohnenanschläge als „bedauerliche Kollateralschäden“ des selbsternannten Weltpolizisten gelten, für die natürlich niemand belangt werden kann. Das führt dann zu so abstrusen Ansichten, dass der Anschlag auf den russischen Botschafter in Ankara ebenfalls kein Terror, sondern Vergeltung für Putins Kriegsverbrechen sein soll. Solche Realitätsbiegerei ist kaum weniger zynisch als Putins Handeln, weil mit diesen Techniken letztlich jede Handlung gerechtfertigt werden kann.

Alles, was möglich ist

Es gibt Dinge, die regen mich auf. Genauer: die regten mich auf. Denn ein Mix aus Resignation und beginnender Altersmilde beginnt die Aufregung zu verschütten. Eins dieser Dinge betrifft Menschen und ihre Möglichkeiten.

Vielen Menschen bleiben zahllose Möglichkeiten zeitlebens verwehrt. Diese Erkenntnis kann man unschön finden oder man kann ihr auch neutral gegenüber stehen. Aber seien wir ehrlich, sie wird sich nicht ändern lassen.

Einigen Menschen dagegen bietet sich ein breites Spektrum an Möglichkeiten. Nicht alle nutzen sie. Oft entscheiden sie sich für einen Weg, der nur scheinbar der einfachste ist.

Diese Diskrepanz ärgerte mich. Sie kollidiert mit meinem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Ich finde, die Nichtnutzung eigener Möglichkeiten grenzt an Verschwendung, die ich nicht anders als degoutant bezeichnen kann.

Als Beispiel möchte ich von einem Interpreten erzählen, den ich musikalisch zwar nicht sonderlich wertschätze. Ich anerkenne aber, dass er handwerklich sauber arbeiten kann und Ideen hat. Dagegen gutheiße ich nicht, dass er sich mit Weichspülgedöns und billigen Effekten einen leichten Lenz macht, statt die Qualität bieten, die abzuliefern er meiner Meinung nach locker imstande wäre. Das Nichtgutheißen geht so weit, dass ich mich unter Einfluss hochgeistiger Getränke einmal sehr darüber echauffiert habe, was er da vergeudet. Anwesende Freunde blickten irgendwie pikiert; ich ahne, wie sie sich später über mich gewundert haben mögen.

Es brauchte eine Zeit, bis mir bewusst wurde, dass es eigentlich eine nach außen projizierte Selbstwut war.

Ja, ich weiß, was ich für Möglichkeiten habe. Eigentlich. Und ja, ich weiß, dass ich sie seit Jahren nicht nutze (was für Eingeweihte offensichtlich ist). Für mich persönlich besteht leider das Problem, dass ich sie nicht nutzbar zu machen verstehe.

Vielleicht liegt hier der Denkfehler. Vermutlich wissen viele nicht, welche Möglichkeiten sie hätten. Und selbst wenn sie es wissen, vermögen sie sie wahrscheinlich einfach nicht zu nutzen.

Ein Trauerspiel. Denn wie könnte eine Welt aussehen, in der jeder seine Möglichkeiten umzusetzen vermöchte? Das meine ich nicht im kommunistischen Sinne, sondern eher in einem psycho-emanzipatorischen Sinne. Hier läge die eigentliche Befreiung des Menschen. Aber leider krankt die Idee eben daran, dass Menschen eingerissene Schranken nur dann als solche wahrnehmen, wenn sie sie selbst eingerissen haben. Und diesen Schritt muss man sich eben zu gehen trauen. Denn was jenseits der Schranke lauert, das weiß man nicht oder bestenfalls – nur eingeschränkt: wenn man es nämlich mal geschafft hat, über die Grenze zu linsen.

Möglichkeiten (Symbolbild) / pexels.com

Gerhard Polt, Von Heimat und Geschichte

Zweitausendeins bietet nicht mehr oft, aber immer wieder mal nette Zusammenstellungen. Seit ein paar Monaten ist es aus dem Hause Kein & Aber eine schöne elfbändige Polt-Ausgabe.

Inzwischen steht sie bei mir schon ein paar Wochen und kämpft gegen den Bücherberg an, der mir von anderen angetragen wurde. Es war daher nachgerade ein Akt wildesten Rebellentums, dass ich aus dieser quasi erzwungenen Leseliste ausgebrochen bin und mir den ersten Band Polt geschnappt habe.

Der hat mich doch arg zum Schmunzeln gebracht. Denn er bringt rund um die Themen (bayrische) Heimat und (bayrische) Geschichte eine Reihe von Klassikern wie » Toleranz, die auch gelesen ein großer Zwerchfellschmaus sind.

Lesetipp und nebenbei Geschenktipp für Weihnachten!

Truman Capote, In Cold Blood

Es war ein hochinteressanter Vergleich, nach » Hemingway einen Truman Capote in die Hand zu nehmen, den ich im Hinterkopf schon länger angepeilt hat (was für ein schiefes Bild, ich werde seekrank). Die Wahl fiel nicht auf den Frühstücksklassiker, sondern auf – tja, wie soll man es nennen? Die Reportage in Buchform? Den längeren Essay? – In Cold Blood.

Das Buch schildert die Vorkommnisse um den vierfachen brutalen Mord an einer Farmerfamilie in Kansas durch zwei vorbestrafte Betrüger und Gewalttäter in den späten 60ern. Beide waren unter der Fehleinschätzung eingebrochen, bei einem Einbruch viel Geld zu kassieren, hatten sich jedoch schon im Vorfeld darauf verständigt, keine Zeugen zu hinterlassen.

Capote schildert mit einer sehr pointierten Sprache und einer vor allem in den ersten zwei Dritteln immer spannender werdenden Schnitttechnik. Er erzählt, wie es zu der Tat kam, wie die Lebensklingen der zwei Täter den Lebensfäden der vier Opfer immer näher kamen und diese schließlich zerschnitten. Er erklärt das Vorgehen der Ermittler und die erfolgreiche Verhaftung der lange Zeit Flüchtingen. Und schließlich beschreibt er das Verfahren und die Zeit in den Todeszellen bis zum Galgen. Obwohl die Schreibe ab dem Verfahren kaum anders ist als vorher, verliert er meiner Meinung nach allerdings hier etwas Verve. Nach dem sich immer schneller drehenden Rad bis zur Festnahme schien Capote nicht den rechten Rhythmus zu finden, den er für die Schilderung des Verfahrens brauchte. Hier verfängt er sich leider auch eher in Seitenstränge, deren Dasein für den Gesamttext eher unerheblich ist. Gleichwohl schafft er es, ein Sittengemälde des Mittleren Westens in den späten 50ern und frühen 60ern anzufertigen, das im Ganzen wirklich faszinierend ist – selbst angesichts der furchtbaren Tat, die der Erschaffung des Gemäldes zugrundeliegt. Wirklich sehr zu empfehlen, auch und gerade im Original.

Haruki Murakami, Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede

Warum ich ausgerechnet ein Buch über Laufen lese, wurde ich während der Lektüre gefragt. Nun, das war eine einfach zu beantwortende Frage: weil es mir von einer Freundin geliehen wurde, die weiß, dass ich gern Murakami lese.

Warum ich Vergnügen an der Lektüre des kleinen Büchleins empfand? Das ist ähnlich leicht zu beantworten. Weil Murakami in einer Reihe von Essays erklärt, dass er schreibt, wie er läuft. Man erfährt durch seine Schilderungen daher einiges nicht nur über seine Läuferkarriere, sondern erhält auch interessante Einblicke in seine Sicht auf (für ihn) wichtige Dinge der Welt.

Sabine Bode, Kriegsenkel

„Die Erben einer vergessenen Generation“ – so ist das kleine Buch untertitelt und das drängt den Gedanken auf, dass es Erbe gibt, das man leider nicht ausschlagen kann.

Aber konkret: Im Buch geht es um die Frage, wie sehr sich die Jahrgänge der 60er und 70er Jahre damit herumschlagen müssen, was ihre Eltern und ihre Großeltern an ungelösten psychischen Problemen aus dem zweiten Weltkrieg mitgeschleppt und unbewusst weitergegeben haben. Warum es so oft eine große emotionale Barriere zwischen heute 40-/50-Jährigen und deren Voreltern gibt. Manches, da muss ich Kritik anbringen, dürfte auch modischen Entwicklungen geschuldet sein (unsereiner hat eben auch eine andere Vorstellung von Leben und Selbstverwirklichung als unsere Eltern), einiges, und da war ich selbst sehr erschreckt, kommt einem aber sehr bekannt vor, wenn man Bodes Fallstudien über kaputte Familien liest. Es fallen typische Familiensätze, die ich genau so wortwörtlich auch kenne. Einzelne Details waren für mich persönlich nicht ganz leichte Kost, die ich selbst noch geistig verdauen muss, bevor ich sie sinnvoll in meine Lebenswelt lassen kann.

Daher möchte ich – trotz eines seltsam holprigen Stils und einer etwas gewöhnungsbedürftigen Zeichensetzung – das Buch empfehlen.

PS: Das Buch hat mich indirekt darauf gestoßen, dass es kein Zufall ist, dass ich meine Mutter seit Jahren dränge, mehr aus der Vergangenheit zu erzählen, und dass ich auch häppchenweise Dinge erfahre, die viele Jahrzehnte ein absolutes Tabu in der Familie waren.

Flann O’Brien, Durst

Ja, ich meckere oft darüber, was aus dem Haus Zweitausendeins geworden ist, weil das Angebot längst viel zu viel Mist auf Weltbild-Niveau bietet. Aber ich gestehe auch, dass es hin und wieder Perlen gibt, die zum Kauf mehr als einladen.

Aktuell ist diese Perle die achtbändige Ausgabe der gängigen Werke O’Briens (im Schuber). Leider ist sie nicht vollständig, wie selbst ich als O’Brien-Laie weiß, da die Myles-na-gCopaleen-Kolumnen „Trost und Rat“ bis heute nur bruchstückhaft in Deutschland bekannt und erhältlich sind.

Sei es, wie es sei. Dieses Paket ist eine wunderbare Gelegenheit, die derzeit auf Deutsch erhältlichen O’Briens zu einem günstigen Preis geschlossen zu erhalten, daher habe ich sie auch sofort bestellt, obwohl ich die Hälfte der Texte längst besaß (interessanterweise wirklich jedes Buch in einer eigenen Ausgabe, die nichts mit den anderen zu tun hatte).

Kommen wir zum eigentlichen Thema: Durst. Durst ist nicht nur ein amüsanter Text, in dem O’Brien mit einer sehr trockenen Geschichte einen Sergeant dazu bringt, über die Polizeistunde hinwegzusehen, sondern auch der Name einer Sammlung kürzerer Texte und Fragmente. Darunter Slatterys Sago-Saga, Die Krone des Märtyrers, John Duffys Brüder, Faustus Kelly und der Essay Wie man im Tunnel ein Faß aufmacht.

So manches enthält lustige Ideen und zeigt die typischen O’Brien-Schrullen. Anderes wie Faustus Kelly machte mir deutlich, dass der Mann zwar so einiges konnte, aber keine Bühnenstücke.

Aber unabhängig davon, was O’Brien konnte oder nicht konnte, sei an dieser Stelle noch einmal die Werksausgabe empfohlen. Günstiger geht zurzeit nicht und es ist für jeden Irlandfan ein wunderbares Weihnachtsgeschenk.

Jack London, König Alkohol

Vor Jahren schon hatte mir ein guter Freund diesen Text empfohlen (ich möchte betonen, dass es kein Wink mit dem Zaunpfahl war, sondern allein um den Inhalt ging!). Als ich nun neulich in meiner Stammpapierwarenhandlung war, um Briefumschläge zu kaufen, sah ich an der Kasse das Buch und packte es ohne zu zögern zu den Umschlägen (Kommentar des Verkäufers: „König Alkohol – der muss sein!“).

Ich war so unfassbar gespannt, dass ich das Buch bei der erstbesten Gelegenheit in die Finger nahm und nicht mehr aufhören konnte mit der Lektüre. London schildert hier nicht einfach die Geschichte seiner Sucht. Er präsentiert über die verknappte Darstellung seines Lebens ein pessimistisch geprägtes Weltbild in einer amüsant-spritzigen Weise, dass es auch dem größten Optimisten gefallen dürfte – und der Pessimist feiert wie Onkel Dagobert, wenn der vor lauter Freude sich die Entenfüße hält und sitzend im Kreise hopst.

König Alkohol ist wahrlich beste Lektüre mit zahlreichen klugen Gedanken und Überlegungen!

Wladimir Iljitsch Lenin, Die große Initiative

Auch dieses Bändchen ist aus meiner Reihe DDR-Miniaturbücher und insofern eher ein historisches Propagandadokument als ein interessanter Text. Es enthält Lenins Artikel über die „Heldentaten der Arbeiter“ zu Beginn der UdSSR (aus Anlass der kommunistischen Subbotniks, also der Gratisarbeitsdienste).

Zugegeben, es wird bei diesem Bändchen höchstwahrscheinlich bei einer einmaligen Lektüre im Sinne einer Kenntnisnahme bleiben, aber es darf als historische Propaganda weiter in meiner Bibliothek hausen.

Michio Kaku, The Physics of Impossible

Die Welten der Physik und der Science-Fiction haben nicht nur zahlreiche Berührungspunkte, sondern befruchten sich seit Jahrzehnten immer wieder massiv. Man braucht kein großer Science-Fiction-Fan zu sein, um zu wissen, dass es dort zahlreiche Ideen gibt, bei denen Otto Normalmensch sich hin und wieder fragt: „Wäre das physikalisch möglich?“ Gibt es z.B. grundsätzliche physikalische Gesetze, die Reisen durch die Zeit verhindern? Kann es Außerirdische geben? Oder Paralleluniversen?

Ich vermute, den meisten Physikern werden immer wieder solche und ähnliche Fragen gestellt. Kaku hat versucht, sie nach dem aktuellen Stand (das Buch ist von 2008, also auch nicht mehr ganz frisch) zu beantworten.

Dazu hat er die typischen Fragen gesammelt, sortiert und in ein dreigliedriges System geordnet: theoretisch möglich, vielleicht theoretisch möglich, nach heutigem Stand sehr wahrscheinlich auf ewig unmöglich. Letzteres ist natürlich besonders amüsant, wie Kaku im Epilog selbst zugibt. Denn wenige Jahre bevor Einstein seine Relativitätstheorie vorstellte, erklärte Nobelpreisträger Albert A. Michelson feierlich, dass eigentlich schon die gesamte Physik erforscht sei.

Aufgrund ungewöhnlicher Umstände gelangte das Buch in englischer Originalfassung in meine Hände. Das machte es insbesondere bei manchen Fachbegriffen nicht immer ganz einfach, dennoch ließ es sich eigentlich ganz gut lesen. Geärgert habe ich mich dagegen wiederholt über eine Perspektive, die bei Kaku immer wieder durchbricht und von der ich schon durch Freunde erfahren habe, die andere Bücher von ihm gelesen haben. Kaku bastelt sich aus seiner physikalischen Weltsicht eine historische Weltsicht, die meines Erachtens nicht nur unscharf ist, sondern in ihrer Überbewertung der westlichen Zivilisation lächerlich wirkt. Gut, diese Sichtweise ist bei einem US-amerikanischen Autor sicher nicht überraschend, aber sie nervt in ihrer Überheblichkeit. Zumal sie aus Sicht des Historikers so offensichtlich falsch ist, dass es schon weh tut. Denn weder ist die westliche Zivilisation die Krone der Schöpfung noch ist sie das Ende der Zivilisation.

Alles in allem war die Lektüre trotz dieses Mankos anregend. Ja, zwischendurch hatte ich sogar den Eindruck, endlich wenigstens ansatzweise die Stringtheorie zu verstehen, ohne sie aber gut erklären zu können.

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