Doc Tottes Welt

Essays, Skizzen und Gedanken

Kategorie: Graphic Novel

Florent Silloray, Capa. Die Wahrheit ist das beste Bild

Die Zeichnerin Silloray hat einen bildstarken Band über das Leben des Ausnahmefotografen Robert Capa gestaltet. Ihre Zeichnungen sind in Sepia gehalten, gekonnt akzentuiert mit schwarzen und weißen Strichen. Da denkt man: Hier ist nicht viel falsch zu machen.

Kann man leider doch. Denn obwohl Silloray sich offensichtlich durch eine Reihe biographischer Schriften gearbeitet hat, ist sie leider keine Erzählerin. Im Gegenteil: Sie kittet Ereignisse chronologisch aneinander, bestenfalls mit kleinen Zeitsprüngen. Dabei fabriziert sie (oder die Übersetzerin) noch dämliche Fehler, z.B. weil die Ardennenoffensive plötzlich im Hochsommer 45 stattfindet.

Das muss doch nicht sein. Für eine gute Graphic Novel erwarte ich nicht nur eine gelungene Gestaltung, sondern eben auch ein gelungenes Script. Es ist nicht nötig, Erzähler und Zeichner in Personalunion zu sein, nein, können sich auch zwei Leute zusammentun.

Art Spiegelman, Maus

Wie viele andere Menschen auch hat Art Spiegelmanns Vater den zweiten Weltkrieg überlebt. Wie deutlich weniger Menschen hat er auch die KZs überlebt. Er wanderte in die USA aus und lebte fortan mit der Erinnerung an eine Zeit, für die es meiner Meinung nach kaum adäquate Wörter gibt.

Diese Zeit, diese Erinnerung prägte nicht nur Art Spiegelmanns Vater, sie prägte über die Familienerinnerung auch Art Spiegelmann selbst. Er begann, seinen Vater zu interviewen, dessen Geschichte zu notieren und aufzubereiten. Dazu wählte er aber eine Weise, die bis dahin beispiellos war. Er schrieb die Geschichte nicht einfach herunter, sondern er gestaltete daraus einen ernsten Comic. Er packte all das Grauen in eine Geschichte um Mäuse, die von Katzen verfolgt werden in einem Land, das von lauter Schweinen bewohnt ist.

Mit dieser Umsetzung ist Spiegelmann etwas ganz Besonderes gelungen. Einerseits mildert er bestimmte Dinge ab, andererseits kann er Dinge abbilden, die man kaum in Worte fassen kann.

Maus ist nicht nur Lektüre für Jugendliche. Die beiden Bände (I: My Father Bleeds, II: And Here My Troubles Began) sind auch jedem Erwachsenen zu empfehlen.

Christian De Metter, Dennis Lehane, Shutter Island

Noch eine Graphic Novel zu einem Film. Anders als bei Waltz with Bashir ist die Verfilmung bei Shutter Island eben nicht im verwandten Zeichentrick durchgeführt. Das erzeugt natürlich automatisch Verwerfungen, weil Realfilm natürlich immer anders wirkt als eine gezeichnete Geschichte. (Und bei Shutter Island steigert sich diese Verwerfung noch, weil es ja ursprünglich ein Roman ist.)

Aber zurück zur Graphic Novel: Christian De Metter hat die düstere Geschichte äußerst eindrucksvoll eingefangen und gelungen umgesetzt. Deshalb funktioniert sie wunderbar, ohne Buch und Film zu benötigen. Wer dagegen die anderen Umsetzungen kennt, wird sich hier gewiss wiederfinden.

Will Bingley, Anthony Hope-Smith, Gonzo – die grafische Biografie von Hunter S. Thompson

Graphic Novels sind derzeit noch etwas unüblich in der hiesigen Leseliste. Aus zweierlei Gründen möchte ich dennoch damit beginnen. Erstens plane ich, nach den Büchern auch das Regal mit Comics und dergleichen anzusprechen. Zweitens hatte ich mir dieses Werk als Thompson-Fan mit großer Vorfreude gegönnt – und wurde bitterlich enttäuscht.

Mit Verzögerung ist diese deutsche Übersetzung nun erstmals im Tolkemitt-Verlag erschienen. Tolkemitt, das ist der Mensch, der jahrelang das Merkheft von Zweitausendeins prägte und jetzt quasi direkt zuarbeitet. Zu den zugehörigen Qualitäten möchte ich mich an dieser Stelle nicht äußern, zur Qualität der Graphic Novel dagegen schon.

Bingley ist für die Geschichte und die Texte verantwortlich, Hope-Smith ist der Zeichner der Novel. Und ich habe echte Schwiergkeiten zu entscheiden, wer von beiden weniger fähig ist. Bingley gibt am Ende die Texte an, auf die er sich beruft. Das ist klasse, denn es sind bis auf wenige Ausnahmen Quellen von Thompson selbst. Quellen, die ich größtenteils sogar kenne. Umso überraschter war ich, als ich etwas lesen musste, was mit diesen Quellen nichts zu tun hat. Das Leben, das Bingley von Thompson zeichnet, ist eine blasse, langweilige Selbsttäuschung.

Holla? Selbsttäuschung? Blass? Langweilig? Okay, mir ist klar, dass man das Leben des Mannes, der Gonzo erfunden hat, von seinen Texten trennen muss. Aber dass Thompson langweilig gelebt hat, kann man wohl getrost vergessen. Wichtige Zeiträume in Thompsons Leben kürzt Bingley erschreckend ab. Andere lässt er gleich unter den Tisch fallen.

Thompsons Leben bei den Hell’s Angels, die ihn schon mal nachts auf ne Party besucht haben und viel Spaß mit ihm hatten? Geschenkt. Für Bingley sind die Angels von Anfang an das, was sie heute schon sind: Verbrecher. Thompsons lebenslange Faszination für Motorräder interessiert kaum.

Thompson’s Schilderungen des Angriffs auf Grenada und sein Bezug zu Reagan? Och ist schon nicht wichtig. Weg damit!

Thompson erzählt immer und immer wieder, wie sehr es ihm gefiel, unter Drogeneinfluss nachts in der Wüste herumzuballern, weil er das Mündungsfeuer so mochte. Für Bingley vollkommen uninteressant.

So könnte ich seitenweise weitermachen. Dazu kommen dann noch so Kleinigkeiten, bei denen ich Details wesentlich anders in Erinnerung habe. Zugegeben, ich könnte mich da täuschen. Einmal, zweimal, dreimal. Aber gleich Dutzende Male? Das würde mich doch etwas wundern. Wen es interessiert, dem empfehle ich einen Vergleich der Episode „Der Briefkasten“ in der Graphic Novel (Seiten 21–24) mit dem gleichnamigen Kapitel in Königreich der Angst (Seiten 28–33). In diesem Beispiel gibt Bingley zwar den Inhalt grob wieder, übertreibt aber an einer Stelle unnötig und erhöht den kleinen Hunter ohne jede Not.

Das Schlimmste, was Bingley verbricht, ist aber eindeutig, dass er überhaupt nicht in der Lage ist, Thompsons Witz auch nur im Ansatz einzufangen, darzustellen oder wiederzugeben. Vermutlich wirkt Thompson deswegen eher als Langweiler denn als der Großkotz, der er auch sein konnte.

So. Und jetzt noch ein Ton zu den Bildern. Hope-Smith, so kann man hinten lesen, hat sich ebenso wie Bingley zum ersten Mal an einer Graphic Novel versucht. Das merkt man auch an den Zeichnungen. Viele sind etwas ungelenk, oft etwas unfertig und vermutlich unabsichtlich unanatomisch. Ein guter Gag ist beispielsweise das Bild oben links auf der Seite 48, hier hat Hope-Smith mal eben den rechten Arm von Thompson vergessen. (Oder soll der Arm plötzlich oberdürr sein und hinter die Tür reichen? Man weiß es nicht.)

Nun ja, ich hatte es in der Einleitung bereits verraten: Ich bin enttäuscht. Der Thompson-Fan wird mit diesem Buch nicht bedient. Schade, Bingley, schade, Hope-Smith, und schade, Tolkemitt. Euer vorgeblich großer Wurf ist leider ein Murmelschnipps.

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