Doc Tottes Welt

Essays, Skizzen und Gedanken

Kategorie: Lyrik (Seite 1 von 2)

Two-night Tom

Tom war nicht der Mann für einen One-Night-Stand.
Er spielte Schlagzeug dann und wann in einer kleinen Band.

Nach dollen Gigs nahm er dann oft Groupies schamlos in sein Loft.

Am Schlagzeug brauchte er zwei Sticks.
Einer nur reicht für die Ficks.

Er verwöhnt die Damen stets zwei volle Nächte, verspritzt den Samen aus dem Gemächte nicht zu knapp, weshalb man ihn – sei’s in Brüssel, sei’s in Wien – nur Two-Night Tom benannte.
Wozu er sich auch gern bekannte, der Trommler, der schon bald in deiner Stadt die Felle knallt.

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Edgar Allan Poe, Der Rabe

In diesem Band aus der Haffmans-Ausgabe sind neben Poe-Gedichten – der Titel verrät es bereits – drei Essays versammelt: Heureka, die Methode der Komposition und Maelzels Schachspieler.

Ich mach es kurz: Poes Gedichte sind nicht meine Welt. Mit Ausnahme des Raben finde ich sie alle, sagenwirmalfreundlich: öde. Interessanter sind da die Essays, auch wenn es leider nur drei Stück sind.

Die Methode der Komposition ist bekanntlich eng mit dem Raben verbunden – schildert Poe hier doch, wie er angeblich das Gedicht entwickelt hat. Mehr zum Thema hier.

Malezels Schachspieler gehört meiner Erinnerung nach zu den frühesten Texten, die ich überhaupt von Poe gelesen habe. Warum auch immer. Ich glaube, der Text war mal irgendwo abgedruckt.

Heureka – der Versuch, den Kosmus und seine Entstehung zu erklären – ist durchaus die Lektüre wert, auch wenn er mir stellenweise wie Kraut und Rüben erscheint.

Sabine Finzel, Carmen Mayer (Hrsg.), Seelenmusik

Okay, ich gestehe es, ich kenne mit Sabine Finzel eine der beiden Herausgeberinnen gut und auch wenige der in dieser Anthologie versammelten Autoren zumindest vom Sehen. Aber ich möchte betonen, hier unvoreingenommen zu werten. Es finden sich Gedichte, Kurzgeschichten, leicht Experimentelles – praktisch ist hier für jeden was dabei. Die Autoren kommen aus ganz Deutschland und Österreich, so gesehen ist es also ein sehr bunter Mix.

Und in meinem Hirn geht der Mix sogar noch weiter: Irgendwie schwant mir nämlich, dass ich das Buch qualitativ mit einer anderen Anthologie zusammen abgespeichert habe. Daher bin ich mir nur bei einzelnen Teilen sicher, zum Beispiel, dass mir vor allem die Texte von Carmen Meyer gefallen haben. Ja, da würde es sich fraglos lohnen, noch ein wenig weiter über den Tellerrand zu kibitzen. Dazu empfehle ich ihre Website Wortschätze.

Neidhart von Reuental, Lieder

Eine lustige kleine „zweisprachige“ Reclam-Ausgabe. (Zweisprachig deshalb in Anführungszeichen, weil es Mittelhochdeutsch und modernes Deutsch ist.) Sehr lustige Lektüre. Wer das Mittelalter für eine verspießerte, bornierte, prüde Zeit hält, sollte sie sich zu Gemüte führen. (Und nebenbei der Tipp: Es gibt wunderbare Vertonungen einzelner Neidhart-Lieder!)

John Milton, Das verlorene Paradies

Zweites Semester Skandinavistik, Thema: Barockdichtung. Das war ein Volltreffer. Denn die Pseudo-Germanisten vom Schlage „Ich sprech ja Deutsch. Also kann ich Germanistik studieren.“ blieben der Vorlesung fern, ein Großteil der Skandinavisten auch. Deshalb saßen wir am Ende zu dritt in einem der großen Hörsäle der RUB und lauschten Professor Baumgartner.

Schon damals war mir klar: Hier kriegst du gerade was Dolles geboten. Und das sage ich heute noch. Baumgartner lieferte uns einen furiosen Rundritt durch bizarre, amplifizierte Texte, gespickt mit Oxymora und sonstigen Stilfiguren. Mindestens einmal unterhielt der Fachschaftschor mit zeitgenössischen Liedern (damals hab ich übrigens zum ersten Mal „den Amerikaner“ gesehen, wie der beim Chor als Dirigent fungierende Ph.D. Taylor damals auf den Gängen ehrfürchtig genannt wurde und mit dem ich heute noch befreundet bin, wenn wir uns leider auch viel zu selten sehen – dir einen lieben Gruß an dieser Stelle, wenn du das hier liest!).

Besonders interessant war unter anderem das Hexaemeron von Anders Christensen Arrebo.
Und ziemlich genau in dieser Zeit hörten viele Freunde von mir die Band Paradise Lost. Ich bekam natürlich mit: Hey, das ist doch ein Gedicht von diesem Engländer, wie heißt er noch, Milton. Und ich dachte bei mir: Hey, wo du dich doch sowieso gerade in dieser Zeit herumtreibst, warum liest du da nicht das Gedicht, nach dem sich diese langweilige Band benannt hat? (Mir gefiel die Band damals nicht und heute auch nicht.)

Tja. Und heute bin ich froh, dass ich das Buch damals gelesen habe. Mit Betonung auf damals. Denn heute würde ich das sicher nicht zu Ende lesen. Glaub ich jedenfalls. Klar, es war literaturhistorisch interessant. Aber ehrlich gesagt glaube ich, dass es heute bessere und wichtigere Bücher gibt, in die ich meine Restlebenszeit investieren sollte. Aber gut, irgendwann lese ich vielleicht doch noch die göttliche Komödie. Wer weiß.

Mary Lynn Johnson, John E. Grant (Ed.), William Blake’s Poetry and Designs

Wie manch anderer Lyrikband auch muss ich bei diesem eine winzige Ausnahme machen. Nein, ich habe nicht alle Texte Blakes gelesen, aber ich schätze diesen Band nicht allein wegen seiner mir bekannten Texte, sondern auch wegen der hochspannenden Illustrationen, die mich in manchen Details an Bilder aus Prinzhorns Bildnerei der Geisteskranken erinnern. (Und zumindest insofern müsste ich Schmidt eigentlich recht geben, wenn er Blakes Lyrik als „die Gesänge eines Irren in ausgedachten Landschaften“ bezeichnet.)

Kurz: Meine beiden Blake-Lieblinge sind hier der Tyger und die Marriage of Heaven and Hell. Nebenbei möchte ich aber auch auf einen meiner Lieblingsfilme hinweisen: Dead Man von Jim Jarmusch – hier spielt Johnny Depp einen (angeschossenen) Mann, der zufälligerweise William Blake heißt und von einem Indianer für den großen Dichter gehalten wird.

Ror Wolf, Pfeifers Reisen

Als ich mir Pfeifers Reisen gönnte, hatte ich länger nichts Neues von Wolf gelesen. Umso erfreuter war ich natürlich bei der Lektüre, insbesondere über das Wiedersehen mit dem hochverehrten Hans Waldmann, den ich ohne Zögern auf meine Couch einladen würde, wenn er mal hier in der Gegend wäre. (Gegebenenfalls dürfte er auch auf dem Regal schlafen, das ist ihm überlassen. Hauptsache, er lässt seine Famili zu Hause.)

Tja, allerlei schöne, zum Teil zuvor unveröffentlichte Gedichte aus den Jahren 1958 bis 2006 sind hier versammelt und unterhalten den, der das gepflegte Wort wertzuschätzen weiß.

Ror Wolf, Aussichten auf neue Erlebnisse. Moritaten, Balladen & andere Gedichte

Ein Band, den ich entdeckte, als ich ein Geschenk für eine Freundin suchte. Insgesamt ein Wolf bester Qualität. Allerdings muss ich einräumen, dass ich vieles davon bereits in anderen Büchern versammelt hatte und für mich nur wenig Neues dabei war. Aber, auch das sei eingeräumt, Wolf gehört eben auch zu den Autoren, die nach der ersten Lektüre nicht gleich erledigt sind. Sie spornen zum mehrmaligen Lesen an, immer wieder entdeckt man neue Kleinigkeiten, die das Ganze so rund machen.

Ror Wolf, hans waldmanns abenteuer

Ich kenne bis heute leider immer noch nur Ausschnitte aus Wolfs Wirken. Aber diese Abenteuer gehören für mich zu dem Lustigsten, Bewegendsten und Spannendsten, was ich von ihm gelesen habe. Unvergessen Waldmanns Sturzereignisse im bewegenden „ruhe, ruhe“. Und allein für den Vierzeiler Wetterverhältnisse* (der sich auf der Rückseite des Buchs befindet) gebührt diesem Virtuosen des Wortes meines Erachtens eine überlebensgroße Statue, die uns Tag und Nacht gemahnt, dass es da einen ganz Großen gibt, der Wörter ernst und unernst zugleich, aber stets buchstaben… – was sag ich! – nanometergenau zu setzen vermag. Nicht zuletzt möchte ich auf die wundervollen Collagen verweisen, die mir in dieser Form in diesem Band erstmals vorgestellt wurden. Kurz: Es ist ein Buch, das jeder ernstzunehmender Mensch im Hause stehen haben muss, wenn er unsere Sprache wirklich schätzt.

* PS: Wer den Vierzeiler nicht kennt, möge ihn hier lesen:

WETTERVERHÄLTNISSE
es schneit, dann fällt der regen nieder,
dann schneit es, regnet es und schneit,
dann regnet es die ganze zeit,
es regnet, und dann schneit es wieder.

Paul Zech (Nachdichtung), Die lasterhaften Balladen und Lieder des Francois Villon

Was hab ich sie gern gelesen, einzelne sogar auswendig gelernt (den Erdbeermund natürlich, den kleinen Herrn Ranunkel, Wer’s lang hat und die Lästerzungen …). Anfangs amüsierte ich mich noch darüber, sie in einem Klaus-Kinski-Imitat zu sprechen, erst später „erfand“ ich meine eigene Form der Aussprache und Betonung. Ja, Villon ist mitteleuropäisches Kulturgut. Geboren im spätmittelalterlichen Frankreich, wiedergeboren in der deutschsprachigen Moderne dank der genialen nachgedichteten Übertragung von Zech. Ein Buch, das wohl zu den letzten 20 Büchern gehören würde, wenn ich mich von den meisten meiner Bücher trennen müsste. Einfach weil so dicht gedrängt so viel darin steckt. Lesen und behalten, sag ich!

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