Doc Tottes Welt

Essays, Skizzen und Gedanken

Schlagwort: ab (Seite 1 von 5)

Flann O’Brien, Goldene Stunden

Ich hatte schon einmal angemerkt, dass ich es schade finde, lediglich die schmalen Auszüge, die unter Trost und Rat erschienen sind, von Flanns bzw. Myles’ Kolumnen zu kennen. Ich wusste, dass die Kolumnen im Original viele Seiten füllen (und wenn ich viele schreibe, meine ich wirklich viele). Umso überraschter, und zwar im positiven Sinne, war ich, als ich in der angesprochenen Zweitausendeins-Ausgabe neben dem schmalen Trost-und-Rat-Bändchen ein zweites Buch fand, das Kolumnen aus dieser Reihe enthielt. Jeder mag sich ausmalen, mit welcher Spannung und Freude ich mich darauf gestürzt habe – und maßlos enttäuscht wurde.

Der grandios absurde Humor aus der einen Zusammenstellung kommt hier jedenfalls nur marginal vor, schlimmer: Fast jeder Text rekurriert auf irgendeinen Dubliner oder von der nördlichsten Klippe Irlands stammenden Schauspielerpolitikerautor, den kein Mensch mehr kennt, weshalb in viel zu vielen Fußnoten umständlich der Kontext erklärt werden muss. Man kennt diesen Effekt bei Witzen: Ist man gezwungen, die Pointe zu erklären, ist der Witz nicht (mehr) witzig. Dazu gesellt sich die Tatsache, dass man merkt, dass O’Briens Aberwitz hier oft genug unübersetzbar war. Zwischen den Zeilen gewinnt man den Eindruck, dass auch Harry Rowohlt etwas unzufrieden mit den eigenen Lösungen war, weil sie kaum mehr als ein bleicher Abklatsch werden konnten.

Kurz: Dieser Band ist leider die einzige Enttäuschung im O’Brien-Paket, verrät mir aber zugleich, dass ich den Teufel tun werde, mir irgendwelche Myles-Kolumnen im Original zu besorgen, denn ich weiß jetzt, dass ich kaum den Furz einer Ente verstehen werde von dem, was dort präsentiert wird.

Flann O’Brien, Aus Dalkeys Archiven

Ein Text – die Bezeichnung Roman lehnte O’Brien selbst ab – der sich mit allerlei Kuriosem beschäftigt, darunter dem Einfrieren der Zeit, dem Wiederauffinden des noch lebenden James Joyce (der leugnet, mit Ulysses etwas zu tun zu haben) und einigen Verschränkungen mit dem dritten Polizisten wie Figuren und Motiven.

Erneut amüsanter Spaß, aber ich sage jetzt schon voraus, dass ich in zwei Monaten kaum noch etwas über das Buch werde sagen können.

Habt ihr eigentlich schon mal über die Verschwörung der Fahrräder nachgedacht?

Alberto Breccia, Enrique Breccia, Héctor Oesterheld, Che

Zeichner Alberto Breccia, sein Sohn Enrique und der Texter Héctor Germán Oesterheld haben mit diesem Comic (kann man es überhaupt wirklich Comic nennen?) in meist eher düsteren Bildern Ausschnitte aus dem Leben des argentischen Revolutionärs.

Man mag sich ja über das Spannungsfeld zwischen seinem Wollen und Wirken streiten, die Tatsache, dass er als Identifikationsfigur für Millionen von Menschen wirkt(e), macht ihn aber zu mehr als eine simple Warhol-Ikone.

Dementsprechend halte ich es für wichtig, sich mit ihm und seinen Taten auseinanderzusetzen, und sei es in popkulturelleller Annäherung. Die Arbeiten der Breccias und von Héctor Oesterheld sind hier ein wertvoller Puzzlestein, den ich gern empfehle.

Roger Boylan, Killoyle

Aus Gründen besitze ich diesen Text lediglich als Hörbuch (übersetzt und gelesen von Harry Rowohlt). Das ändert aber nichts daran, dass ich es sehr mag– obwohl ich kaum wiederzuerzählen in der Lage bin, was da überhaupt passiert. Im Großen und Ganzen wird von der Kleinstadt Killoyle erzählt und von ihren Einwohnern Milo Rogers (verhinderter Dichter), Patrick Murphy (Barkeeper), Wolfetone Grey (der sich der Sekte eines gewissen G-Fans Glossowitsch verschrieben hat). Es kommen noch ein paar weniger wichtige Personen hinzu, aber praktisch hat es sich damit. Denn eine eigentliche Handlung kann ich in diesem ersten Band von Boylans Trilogie nicht recht entdecken. Lustig, nein enorm amüsant ist es trotzdem – erst recht wenn man Freude an Rowohlt hat.

Ich sehe hier nur noch zwei Aufgaben: Erfahren, wie es in den Folgebänden weitergeht (wenn man von Weitergehen reden kann) und am besten alle drei als gedruckte Version zu bekommen, auch wenn ich dann auf Rowohlts Stimme verzichten muss.

Thomas Buchsteiner, Otto Letze (Hrsg.), Weegee – The Famous. Fotografien von 1935–1960

Der grandiose Bildband war ein toller Überraschungsfund, als ich mir neulich in Oberhausen die angenehme Warhol-Ausstellung angeschaut habe. Eigentlich hatte ich nur ein wenig im Museumsshop stöbern wollen, amüsierte mich dabei über den ganzen Museumsshoptand, der feilgeboten wurde. Aber schließlich stolperte ich über den Weegee-Band und schleppte ihn gleich zur Kasse.

Ich kann nicht beurteilen, wie bekannt oder unbekannt Weegee heute in Deutschland ist. Ich habe ihn – zugebenerweise – erst recht spät über den Umweg Kubrick kennengelernt, der zeitlebens ein großer Weegee-Fan war. Weegee hat sich lange als Polizeifotograf durchgeschlagen, bis die künstlerischen Qualitäten seiner Bilder (an)erkannt wurden.

Schade finde ich eigentlich nur, dass ich damals nicht bei der Ausstellung war, sondern jetzt lediglich diesen Ausstellungskatalog besitze. Aber immerhin wenigstens den.

Alois Bauer, Elektromobilität. Realität und Chancen

Nur wer total ignorant ist, kann noch glauben, dass klassischen Verbrennungsmotoren die Zukunft gehört. Und wenn die großen Automobilkonzerne gerade die Entwicklung verpennen, dann brauchen wir uns dem ja nicht anzuschließen. Vor allem darf die Lösung sich nicht darauf beschränken, einfach einen Verbrennungsmotor mit einem Elektromotor auszutauschen. Deshalb ist es in der aktuellen Phase so eminent wichtig, neu zu denken. Das zeigen Menschen wie Elon Musk. Das zeigen aber auch weniger bekannte Menschen wie Alois Bauer.

Bauer ist gelernter Kfz-Mechaniker und Karosseriebauer und entwickelt derzeit mit seinem Unternehmen Spezialfahrzeuge mit Elektroantrieb. Er hat verstanden, über die Notwendigkeiten neuer Antriebe hinauszudenken. Deshalb schaut er nach den Möglichkeiten und was daraus folgt.

Ein ganz einfaches Beispiel: Ein befreundeter Weinbauer gibt bei Bauer einen Traktor für die Weinberge in Auftrag. Bauer, der sich bislang eher wenig damit beschäftigt hat, wundert sich über den großen Wendekreis eines solchen Traktors. In der bisherigen Form, so bemerkt er, kann der Traktor nicht von einer Weinreihe zur anderen fahren.
Wer den Weinbau schon in Aktion erlebt hat, wundert sich so wenig wie der Auftraggeber: Der Traktor überspringt einfach eine Reihe und fährt daher immer jede zweite Reihe ab. Die jeweils fehlende Reihe wird eben auf dem Rückweg bearbeitet.

Bauer hingegen sagt sich: Das Wendekreisproblem interessiert in der Elektrofahrzeugtechnik an sich gar nicht. Da die Antriebe viel einfacher und sogar radgenau genutzt werden können, sind durchgehende Achsen nicht notwendig. Räder können sich praktisch in jede gewünschte Richtung drehen. Also kann ich auch einen Traktor bauen, der einen Wendekreis hat, mit dem ich jede Reihe nacheinander abfahren kann.

Dieses Beispiel zeigt sehr schön, wie sehr wir im Denkschema hergebrachter Technik gefangen sind. Wir müssen neu lernen, was geht und was nicht geht. Und um es kurz zu machen: Abgesehen von der derzeit noch geringeren Reichweite geht mit der Elektromobilität einiges mehr.

Nicht ganz folgen möchte ich Bauer bei seinen Überlegungen, wie sich Autokonzerne in den kommenden Jahren aufstellen. Es sind zwar sympathische Gedanken darunter, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass die Konzerne lieber in ihrer jetzigen Form untergehen, als sich so radikal zu verändern, wie er es vorschlägt.

Alles in allem dennoch ein hübsches kleines E-Book, das ein paar Denkanstöße gibt, wie unsere Zukunft aussehen könnte. Vor allem erinnert es an die größte Gabe, die dem Menschen zur Verfügung steht: sein Erfindungsgeist.

Walter Baumgartner, Knut Hamsun (Rowohlt-Biographie)

Diese Rowohlt-Biographie ist mir besonders wichtig. Das hat nur indirekt mit Hamsun zu tun, denn der Autor der Biographie war einer meiner ersten Professoren (genau genommen sogar der erste Prof, bei dem ich zur Studienberatung war). Passenderweise thematisierte die erste Vorlesung, die ich überhaupt besuchte, eben Knut Hamsun. Und als ich damals in der Vorlesung hörte, dass Professor Baumgartner gerade frisch an der Biographie saß und dafür u.a. in Oslo Briefe von bzw. an Hamsun wälzte, fand ich das ehrlich gesagt ziemlich elektrisierend.

Gut, ich brauche kaum zu erklären, dass mein Hamsun-Bild stark von Baumgartner beeinflusst ist und mir die Biographie daher recht naheliegt. Demensprechend möchte ich sie auch gern empfehlen.

Flann O’Brien, Trost und Rat

Obwohl ich leider nur diese kleine gekürzte Ausgabe von O’Briens Kolumnen besitze, zählt dieses kleine grüne Büchlein zu meinen Lieblingsbüchern von ihm. O’Brien sprüht in diesen Kolumnen nur so vor Witz und hat – meiner Meinung nach – überhaupt erst die moderne Kolumne damit erfunden. Sag ich mal so, ohne es erforscht zu haben. Wer wissen möchte, welche Paranoia man haben kann, was für seltsame Typen man in irischen Theatern treffen kann und was der katholische Glaube mit den Menschen und den 15-köpfigen Durchschnittsfamilien anrichtet – der ist hier richtig. Hier hat sogar zu lachen, wer sonst nichts zu lachen hat, und zwar auf höchstem Niveau.

Thomas Coraghessan Boyle, América

Als Person fand ich T.C. Boyle ja durchaus schon länger interessant. Einen Anlass, etwas von ihm zu lesen, bot sich dagegen über die Jahre partout nicht – bis der Roman América im letzten Jahr als Gratisbuch auf der Buch Wien verschenkt wurde. Zu der Frage, warum da grundsätzlich bekannte, sich gut verkaufende Autoren gratis rausgegeben werden, aber nie aufstrebende Jungautoren, die man auf diese Weise fördern könnte, schweige ich an dieser Stelle lieber.

Nun denn, ich dachte: Das ist doch mal eine Gelegenheit. (Betonung auf das.) Schließlich begann ich um die Weihnachtstage mit der Lektüre, hing dann wegen mangelnder Zeit lang mittendrin fest, konnte das Buch aber vor kurzem beenden.

Fassen wir es zusammen: Gute Erzählung, auch gut erzählt. Stilistisch sind Boyle und/oder der Übersetzer Werner Richter bestenfalls so lala. Das zeigt sich schon in der Tatsache, dass ich mir aus 460 Seiten Taschenbuch lediglich zwei Sätze notiert habe, die eine interessante Formulierung beinhalten. (Zum Vergleich: Bei Montaigne ist es beinah umgekehrt.)

Besonders bizarr finde ich, dass die nordamerikanische Hauptfigur Delaney so nah an der Person Boyle zu sein scheint, dass sie seltsam aus der Handlung schwebt. Sie gehört nur teilweise zu den Figuren im Roman. Gleichzeitig besticht die mexikanische Hauptfigur Cándido durch einen Aufbauwillen, der mich vor allem zum Ende hin wiederholt an Hamsuns Segen der Erde erinnerte. Hier versucht jemand, gegen sämtliche Widerstände seinem Schicksal ein kleines bisschen Glück abzutrotzen und nimmt keine Rücksicht auf persönliche Verluste. Ja, die meiste Zeit beklagt er sich nicht einmal.

Wie dem auch sei. Ich löge, wenn ich das Buch guten Gewissens empfähle. Aber schlecht ist es auch nicht. Es macht mir nur keine Lust auf mehr Boyle.

Thomas Bernhard, Elisabeth II.

Als ich das letzte Mal in Wien war, erzählte ich meinen Gastgebern, dass ich mir eigentlich als Mitbringsel einen Bernhard genehmigen wollte, was ich leider zeitlich nicht geschafft habe. Da meldete sich die Gastgeberin und erzählte davon, dass sie mal im Burgtheater ein Spiel von ihm gesehen hatte, bei dem es den Volltext im Programmheftchen gab. Kaum in ihrer Wohnung angekommen grub sie den Text aus und gab ihn mir mit (ich muss gestehen, dass mir noch nicht ganz klar ist, ob es ein Geschenk oder leihweise war, das muss ich noch klären). Nach meinen ersten Bernhard-Erfahrungen war ich hochgespannt, ob diese Qualitäten auch hier erfüllt würden, wurde aber zunächst etwas enttäuscht. Gut, die Hauptfigur der Nichtkomödie ist Menschen gegenüber zwar ähnlich freundlich gestimmt, wie Bernhard an sich, aber mir war es doch etwas zu milde im Vergleich zu dem, was ich bereits von ihm kannte. Aber zum Glück gab es zusätzlich zum Theatertext hinten auch ein paar Seiten, auf denen Bernhard ein wenig aus seinem philosophischen Schatzkästlein plaudert. Und hier dreht er wieder hübscht auf. Also ein nettes Geschenk (oder Leihexemplar, siehe oben), aber ich erwarte doch etwas mehr von Bernhard.

Seite 1 von 5

Läuft mit WordPress & Theme erstellt von Anders Norén