Doc Tottes Welt

Essays, Skizzen und Gedanken

Schlagwort: ae (Seite 1 von 2)

Umberto Eco, Nullnummer

Als fröhliches Weihnachtsgeschenk unterm Baum (im Wortsinne) überraschte mich dieses kleine Büchlein, das ich wenige Tage zuvor in der Buchhandlung in der Hand gehalten hatte, ohne mich zum Kauf entscheiden zu können.

Im folgenden Kurzurlaub war es dann ein angenehmes Vademecum während meiner Gänge zu verschiedensten Cafés und unterhielt mich dort gut. Die Geschichte aus der Zeit der frühen 90er Jahre verknüpft auf Italien bezogenen Verschwörungstheorien mit selbst erlebten Erfahrungen und amüsanten „Vorhersagen“ über den Erfolg gerade anstehender technischer Neuerungen.

Es ist im Prinzip ein typischer Eco, aber auch sehr gedrängt – das ist zugleich vermutlich sein größter Nachteil. Denn ich fürchte, dass es mir vor allem deshalb großes Vergnügen bereitet, weil ich die typischen Eco-Topoi schnell zu erkennen und einzusortieren weiß. Ich bezweifle daher, dass jemand, der noch nie Eco gelesen hat, wirklich Vergnügen an der Lektüre haben wird, in Sonderheit, wenn er mit der Geschichte Italiens im zweiten Weltkrieg und in den frühen 90ern nicht vertraut ist. Insofern kann ich das Buch getrost dem Eco-Erfahrenen empfehlen, Uneingeweihte mögen sich bei Interesse dagegen zunächst mit anderen Werken des italienischen Intellektuellen beschäftigen.

Karl Marx, Friedrich Engels, Manifest der Kommunistischen Partei

Man kann ja über Marx und Engels sagen, was man will. Aber mit der Analyse im Kommunistischen Manifest haben sie bis heute Recht behalten. Und ich räume ein, dass ich es schon etwas erschreckend finde, dass sich das System praktisch seit anderhalb Jahrhunderten nicht wesentlich verbessert hat. Kaum weniger erschreckend ist allerdings die Tatsache, dass in derselben Zeit keine wirklich funktionierende Lösung gefunden wurde. Denn die sozialistischen Diktaturen kann man beim besten Willen nicht als solche betrachten – und ehrlich gesagt habe ich sogar meine Zweifel, dass der Mensch für einen wie auch immer gearteten Sozialismus überhaupt geeignet ist. Aber wer weiß, vielleicht werde ich ja auch noch eines Tages eines Besseren belehrt.
Das ändert aber nichts daran, dass das Manifest aus Gründen der Analyse auch weiterhin eine hochwichtige Quelle bleibt, deren Lektüre jedem politisch interessierten Menschen dringend zu empfehlen ist – sofern er es nicht sowieso kennt.

Eugen Egner, Aus dem Tagebuch eines Trinkers

Das Tagebuch eines Trinkers ist für mich ein ganz besonderes Buch, obwohl es eigentlich nur ein kleines Büchlein ist. Mir ist es wichtig, weil es der Einschnitt war, an dem ich begonnen habe, Egner zu verstehen. Ich kannte schon vorher eine Reihe seiner Zeichnungen und ich fand einfach keinen Zugang dazu – bis, ja bis ich das Tagebuch bekam. Und las. Und verstand.

Es ist wirklich unfassbar, mit wie wenig Strichen Egner eine intensive Geschichte aufbaut, gemixt aus herrlicher Komik, Strenge und Ernst. Ich denke, es gibt kaum ein Gefühl, das Egner in diesem Buch nicht anspricht, und das, obwohl es eigentlich nicht viel Text enthält.

Wer noch nichts von Egner kennt, aber Interesse an ihm haben sollte, dem kann ich das Buch nur empfehlen, zumal es verdientermaßen immer wieder mal neu aufgelegt wird und relativ gut erhältlich ist.

Jeffrey Eugenides, The Virgin Suicides

Ein lieber Münchner Freund* versorgt mich bisweilen mit englischsprachigen Buchpäckchen. So kam erst die Tage eine neue Zusammenstellung an, auf die ich schon sehr gespannt bin. Besonders amüsiert mich, dass dieses neue Päckchen ausgerechnet dann ankam, als ich das letzte Buch seines letzten Carepakets beendet hatte. Und dieses Buch war The Virgin Suicides.

Ich muss gestehen: Ja, das Cover, die ganze Aufmachung haben mich nicht vom Hocker gerissen, weswegen ich das Buch auch etwas stiefmütterlich im Regal liegen hatte und andere Bücher gern vorgezogen habe. Als ich es nun aber doch in die Hand nahm, war ich begeistert.

Ihr wisst ja: Ich mag Geistergeschichten. Allein deshalb muss ich dieses Buch schätzen. Ob es um Geister geht? Im eigentlichen Sinne nicht, auch wenn eine der Hauptfiguren eine seiner Töchter in einer Szene für das Gespenst einer anderen, bereits verstorbenen Tochter hält. Aber dennoch ist es praktisch ein Buch über Seelen aus dem Jenseits.

Das beginnt bereits mit dem ersten Satz. Sofort verrät Eugenides die Pointe: Die letzte Tochter der Familie Lisbon wählt den Freitod. Ab da schildert der Wir-Erzähler, was in diesem einen Jahr passiert ist, in dem sich fünf Töchter auf verschiedene Art und Weise das Leben nehmen und was dazu geführt hat. In dieses Wir-Erzählen bindet er „Beweisstücke“, Aussagen von Nachbarn, Mitschülern und auch spätere Aussagen mit ein. Das ist ein besonderer Kniff, weil Eugenides sehr einfach auf verschiedene Perspektiven eingehen kann, sich dabei aber auch immer wieder auf das Hörensagen beschränken muss.

Das Leben der Töchter wird fremdbestimmt vor allem durch die Mutter, in Teilen auch durch den Vater. Bei dem einzigen Schulball, den die Töchter gemeinsam besuchen dürfen, tragen sie sackartige Kleider, die mich in der Form bereits an Gespensterlaken erinnerten. Die ganze Familie isoliert sich immer stärker, zieht vor allem die Töchter massiv aus dem öffentlichen Leben zurück. Und spätestens hier setzt der Punkt ein, an dem ich die Geistergeschichte sehe. Die Töchter sind kaum noch zu sehen, tauchen – immer abgemagerter und vor allem bleich – nur noch hinter total verdreckten, beinah blinden Fensterscheiben auf. Überhaupt verkommt das ganze Haus der Familie, wird selbst zu einem Haunted House, zu dem sich kaum noch jemand traut.

Trotz der Isolation gelingt es den Jugendlichen aus dem Örtchen, mehrfach mit den Töchtern zu telefonieren. Aber was tun sie? Sie spielen sich gegenseitig Lieder vor, um sich mit den Titeln Nachrichten zu übermitteln. Schon das erinnert an Versuche, mit dem Jenseits in Kontakt zu treten. Schließlich erscheinen die Töchter nachts an den Fenstern, geben Lichtzeichen, zünden Kerzen und Räucherware an. Und die Kinder und Jugendlichen aus der Nachbarschaft hängen wie gebannt davor, versuchen das Rätsel dieser Zeichen zu lösen. Sie bekommen sogar Nachrichten per Post, die die Töchter nachts in der Straße verteilen, ohne dass sie jemals dabei beobachtet werden. Auch dies eine Art der Kontaktaufnahme derjenigen, die bereits im Jenseits sind, auch wenn sie zu diesem Zeitpunkt juristisch noch leben.

Das ganze Buch behält von Anfang bis zum Ende einen atemlosen Tonfall bei, der dafür sorgt, dass man es kaum weglegen möchte. Jetzt habe ich nur noch einen Wunsch: Es gibt eine Verfilmung von Sofia Coppola, deren Fähigkeiten als Regisseurin ich bislang für äußerst mau gehalten habe. Ich hoffe, dass sie wenigstens dieses gute Buch nicht auch versemmelt hat, werde es aber definitiv überprüfen.

* Wie der Historiker weiß, ist in der Völkerwanderungszeit so ziemlich jeder Stamm durch das heutige Bayern gezogen, weswegen ich sehr lange die berechtigte Vermutung hegte, dass die jeweils ihre größten Trottel dort zurückgelassen haben, bevor es über die Alpen ging. Frühere Bekanntschaften bestätigten diese Vermutung massiv. Erst der besagte Freund bewies mit Nachdruck, dass es auch von dieser Regel Ausnahmen gibt. (Und inzwischen gesellten sich ein paar weitere Ausnahmen hinzu.)

Richard Ellmann, James Joyce. Biographie

Das ist nicht eine, sondern DIE ultimative Joyce-Biographie. Was Ellmann hier wissbegierig zusammengetragen und dem Joyce-Fan sehr angenehm lesbar überreicht hat, kann ich wirklich nur jedem empfehlen, der ein bisschen im Universum des Iren herumstöbern möchte. Ellmann ist an Unterlagen gelangt, die vor ihm kaum jemand kannte und an die die Erben vermutlich auch heute keinen mehr lassen. (Und schlimmer: Er weiß recht genau von weiteren Quellen, die die Erben aber höchstwahrscheinlich bereits vernichtet haben!). Mehr möchte ich eigentlich gar nicht sagen, denn ich habe gemerkt: Es gibt Leute, die lesen Biographien, und es gibt Leute, die lesen keine. Wer sie liest und Interesse an Joyce hat, wird über kurz oder lang am Ellmann sowieso nicht vorbeikommen.

Eugen Egner, Meisterwerke der grauen Periode

Grotesken und Bildgeschichten versammelt das dünne Bändchen und mit diesem Unteruntertitel ist nicht zu viel versprochen. Sie sind Ausweis einer surrealistischen Einstellung, die nicht anders als weltverneinend betrachtet werden kann. In dieser Verneinung liegt allerdings zugleich die Faszination, weil sie die Antwort auf die Verzweiflung ist, die unsere Welt umtreibt. Anders gesagt, es gibt einen Sinn im Leben, weil es keinen gibt. Den aber gehörig.

Eugen Egner, Getaufte Hausschuhe und Katzen mit Blumenmuster

Egner war mir lange ein Geheimnis geblieben. Ich kannte ein paar seiner Texte, ein paar Bilder, aber ich konnte lange nichts damit anfangen. Das änderte sich praktisch erst, nachdem ich das Tagebuch eines Trinkers entdeckt hatte (vgl. auch hier). Seitdem bewundere ich seine Einfälle, seine Weise, diese Einfälle zu Papier zu bringen. Gleichzeitig bedaure ich, dass man die Köpfe seines Niveaus in Deutschland an einer Hand abzählen kann (zumindest die, die bekannt genug sind, dass sie auch per Presse und Buch veröffentlichen dürfen). Die Hausschuhe und Katzen enthalten allerlei Klein- und Kleinstarbeiten. Sie befassen sich – um das Inhaltsverzeichnis einmal überblicksartig darzustellen – mit Familie und Erziehung, Geschlechtlichkeit und Freundschaft, Essen und Trinken, Beruf und Karriere, Kunst und Kultur, Reisen und Daheimbleiben sowie Wunder und Wissenschaft. Das Problem solcher Kleinwerke ist, dass sie oft nur als Ganzes, als Teppich oder Tapisserie einen Eindruck vermitteln. Auf diese Weise bleibt das Einzelwerk leider, leider oft etwas unscheinbar. Das ist nebenbei ein Problem, das auch manche Arbeit von Ror Wolf betrifft – zu meinem Bedauern! Lösen kann man das Problem praktisch nur, wenn man wieder und immer wieder zu den Texten greift. Was ja so schlecht auch nicht ist.

Egils Saga

Tja, grundsätzlich bereits angesprochen, hier auch noch mal in einer englischen Fassung. Da ich diese Version gelesen habe, als ich mich auf Campingplätzen in den Westfjorden Íslands herumtrieb, verbinde ich ganz besondere Erinnerungen mit dem Buch: angenehme Schwimmbäder, ruhige Plätze, dicke Frauen, lustige Supermärkte, seltsame kleine Käffer mit Skisprungschanzen … So ist das eben mit schönen Erinnerungen – man möchte sie irgendwie greifbar machen.

Gregor Eisenhauer, Scharlatane. Zehn Fallstudien

Was wäre die Welt ohne Scharlatane und Betrüger? Sie wäre sicher harmonischer, aber ehrlich gesagt auch deutlich langweiliger. Denn wenn es einen eigentlich unangenehmen Trieb des Menschen gibt, dann ist es der Trieb, betrogen werden zu wollen. Anders ist es jedenfalls nicht zu erklären, dass in bester Regelmäßigkeit Menschen solchen Scharlatanen wie Apollonius von Tyana, Paracelsus, Nostradamus, Kircher, Cagliostro, Koreff, Blavatsky, Crowley, Hanussen oder Yogananda auf den Leim gehen. Dementsprechend interessant ist das Buch von Eisenhauer, der sich mit ebendiesen Figuren beschäftigt. Die Inhalte sind brauchbar, kamen mir aber mehrfach etwas oberflächlich vor. Man sollte sie also eher als Einstieg in das Phänomen Betrug betrachten. Umfassende Biographien darf man nicht erwarten. Als Einstieg in die Welt der Blender ist es dagegen brauchbar.

Umberto Eco, Der Friedhof in Prag

Ja, nach langer Zeit gönnte ich mir endlich wieder einen Eco. Ich weiß gar nicht recht zu sagen, warum genau ich diesmal neugierig geworden war, nachdem ich vorher doch mal was von ihm stehenlassen konnte. Wie dem auch sei. Im Friedhof von Prag werkelt Eco eine teilweise wilde Geschichte um die Entstehung der Protokolle der Weisen von Zion. Durch krude Welten von Geheimdienstlern, Okkultisten, Freimaurern, Antisemiten, Anarchisten und allerlei anderem Halbweltpersonal geleitet man die Hauptfigur Simonini – zunächst ein  kleiner Fälscher, der im Laufe der Jahre immer geldgeiler und skrupelloser wird.

Der Text an und für sich ist in weiten Strecken typisch Eco: An nahezu jeder Ecke spielt der alte Angeber mit seinem angelesenen Wissen, fällt aber ins Loch verschachtelter Erzählungen, vor allem wenn die Handlung sehr schnell wird, besonders in den Schlachtenszenen. Trotzdem muss ich zugeben, dass ich mich insgesamt durchaus amüsiert habe. Vielfach fühlte ich mich an Schilderungen aus Conrads Geheimagenten erinnert, an anderen Stellen musste ich an Boris Savinkovs Erinnerungen eines Terroristen denken. Der Friedhof ist daher vielleicht nicht so gut wie der Name der Rose oder das foucaultsche Pendel, aber kurzweilig war er allemal.

Seite 1 von 2

Läuft mit WordPress & Theme erstellt von Anders Norén