Doc Tottes Welt

Essays, Skizzen und Gedanken

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Karl-Ove Knausgård, Träumen

Es ist nun drei Jahre her, dass ich zum ersten Mal einen Knausgård gelesen und » hier besprochen habe. Obwohl ich damals mit gemischten Gefühlen aus der Lektüre gegangen bin, blieb ich weiter interessiert an seinem Experiment der ungeschönten Selbstdarstellung. Ich muss allerdings zugeben, dass ich den Band Träumen geschenkt bekommen habe und dass ich mir angesichts des Themas nicht sicher bin, ob ich ihn mir selbst gekauft hätte.

Im Band Träumen geht es um Knausgårds Zeit in Bergen, als er Schriftsteller wurde. Begonnen mit dem Einstieg in die Schreibakademie, gefolgt von etwas ungezieltem Herumstudieren bis zum Kennenlernen von – angeblich* – talentierteren befreundeten Autoren, die ihm später auf die eine oder andere Weise beim literarischen Durchbruch helfen. Der Band endet mit der verkürzten Darstellung der Beerdigung seines Vaters, nachdem er eine vierjährige Schreibblockade im Anschluss an sein Debüt überwunden hatte.

Knausgård schildert wieder sehr schonungslos, was er in der Zeit gemacht hat. Gesoffen. Freundinnen betrogen. Im Suff fast seinen Bruder geblendet. Er nennt sich selbst wiederholt einen schlechten Menschen und präsentiert sich tatsächlich als jemand, den man in seinen Handlungen gemeinhin Arschloch nennen würde. Gleichzeitig kommen seine Freundinnen, Freunde und Verwandte weitgehend gut weg. Als Leser fragt man sich unwillkürlich, wie diese Menschen es über Jahre freiwillig mit ihm ausgehalten haben. Ich glaube, die einzige Person, die neben ihm schlecht wegkommt, ist sein Vater. Und genau genommen kommen beide aus demselben Grund schlecht weg: Knausgård benimmt sich wie ein asoziales Schwein, wenn er betrunken ist. Und er trinkt oft und viel. Obwohl er mehrfach schildert, dass sein Umfeld ihm empfiehlt, mit dem Trinken aufzuhören, tut er es nicht. Sein Vater ging schließlich einen Schritt weiter, indem er sich – wie Knausgård es darstellt – praktisch totgesoffen hat.

Es gibt ja die Banalität, dass das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile. Das gilt hier besonders. Denn einerseits liest sich das Buch wieder wie ein Strudel. Man mag nicht aufhören zu lesen. Andererseits ist gerade der erste Teil auffallend mau und umständlich geschrieben. Ich bin mir noch nicht ganz im Klaren darüber, ob er mit diesem Anfang unterstreichen möchte, wie schlecht er in der geschilderten Zeit als beginnender Autor noch geschrieben hat. Jedenfalls sind die Sätze gerade dort äußerst verschachtelt, wurstig oder oft schlicht hirnrissig konstruiert. Während er die Zeit im Schreibkurs schildert, verwendet er zudem auffallend viele Klischees – für die er während des Kurses ausdrücklich wiederholt gerügt wird (eine etwas plumpe Koinzidenz, die man deutlich eleganter hätte lösen können).

Etwas merkwürdig finde ich, dass er gleich auf den ersten Seiten erklärt, er habe alle Tagebücher und ähnliche Unterlagen aus der Zeit vernichtet. Trotzdem ist er in der Lage, ausführlichst bis ins letzte Detail auch die schlimmsten Suffnächte darzustellen. Inwieweit er an solchen Stellen wirklich die Tatsachen schildert,  sei einmal dahingestellt.

Richtig böse muss ich aber erneut wegen Übersetzung und Lektorat sein: Sämtliche Fehler und Hirnrissigkeiten, die ich schon in der Rezension von Sterben kritisierte, werden auch in diesem Band gemacht. Mit einem Unterschied: Die Ahnungslosigkeit, wie O oder Oh eingesetzt wird, ist beim Übertragungsteam offenbar so groß, dass sie es zwischendurch sogar richtig machen – vermutlich aus Versehen.

Sei es, wie es sei. Ich weiß jetzt schon, dass ich sicher noch mehr aus dieser Reihe lesen werde. Ich bezweifle aber, dass ich noch außerhalb dieser Reihe etwas von Knausgård lesen möchte. Denn so dolle schreibt er (in der deutschen Übersetzung) ehrlich gesagt dann doch nicht.

* Ehrlich gesagt kenne ich keinen einzigen davon und kann daher deren Talent nicht beurteilen.

Karl Ove Knausgård, Sterben

Ich muss gestehen, dass ich überhaupt nicht abschätzen kann, wie bekannt das Phänomen Knausgård inzwischen in deutschsprachigen Leserkreisen ist. Ich selbst bin durch einen längeren Artikel von Mikael Krogerus auf Knausgård aufmerksam geworden. Krogerus wies bereits ausführlich auf die Ursachen hin, die für die Sonderstellung Knausgårds Großwerk in Skandinavien verantwortlich sind. Spätestens jetzt sollte ich aber die Leser ins Boot holen, die Knausgård bislang noch nicht kennen.

Knausgård hat ein literarisches Experiment durchgeführt, das es in dieser Form wohl eher selten geben wird. Er schrieb in sechs Bänden unter dem Titel „Min kamp“ (richtig, mein Kampf), einen Großteil seines Lebens nieder, und zwar möglichst ungeschönt. Das betrifft ihn selbst, das betrifft aber auch Familie, Freunde, Freundinnen, Frauen und eigene Kinder. Wenn man sich die Rechtsstreitigkeiten der letzten Jahre in Deutschland anschaut, dürfte klar sein, dass so eine Schilderung hier klagewürdig wäre. In einem so kleinen Land wie Norwegen aber, in dem über zwei Ecken jeder jeden kennt, kann es eine Katastrophe für manchen Betroffenen sein.

Trotz dieses inhaltlichen Kniffs dürften sich die meisten Leute fragen: Ja und? Wer ist schon dieser Knausgård und warum soll mich sein Leben interessieren?

Tja, Knausgård mag für jeden Nichtnorweger uninteressant sein. Interessant wird die Schilderung meines Erachtens aber durch die Echtheit. Natürlich bezweifle ich nicht, dass auch diese Echtheit gefiltert ist. Kein Mensch erträgt seine Biografie ohne subjektiven Filter. Die Frage ist nur, wie ehrlich ist man zu sich selbst – und wie viel dieser Ehrlichkeit traut man sich nach außen zu tragen? Und in dieser Mutprobe dürfte Knausgård neue Maßstäbe setzen.

Vielleicht braucht man eine voyeuristische Ader, um so etwas interessant zu finden. Auf jeden Fall empfand ich eine Leseprobe aus Band drei interessant. So unerheblich der Inhalt war, so atemlos empfand ich die Lektüre. Ich konnte nicht aufhören, die Probe zu lesen, obwohl sie faktisch nichts enthielt, was ich im üblichen Sinne interessant finde. Schließlich kaufte ich Band eins, der in Deutschland unter dem Titel Sterben erschienen ist. Darin befasst Knausgård sich in zwei Teilen mit seinem Vater und dessen Tod. Im ersten Teil erzählt Knausgård aus der eigenen Kindheit und vom schwierigen Verhältnis zu seinem Vater. In zweiten Teil ist der Vater gestorben. Knausgård schildert, wie er sich gemeinsam mit seinem Bruder um die Beerdigung und die damit zusammenhängenden Probleme kümmert.

Das Buch spaltet mich. Ja, ich wollte immer weiterlesen und immer mehr wissen über Knausgårds Leben. Aber immer wieder bricht Knausgård solche Lesestrudel mit irgendwelchen manchmal tiefsinnigen, häufiger aber auch nervigen Überlegungen über die Welt, die Menschen, die Musik, die Kunst und – die Literatur. Über Dutzende Seiten habe ich mich gefragt, wann es endlich mit dem Kindheitstratsch weitergeht.

Eine von Knausgårds Quatschüberlegungen war besonders bemerkenswert. Da sinniert er darüber, was in der Literatur wichtiger sei: die Form? Der Stil? Der Inhalt? Knausgård meint: die Form. Sie regiere über alles. Stil und alles andere machten dagegen Literatur kaputt, wenn sie sich zu sehr in der Vordergrund drängten. Nun möchte ich an dieser Stelle nicht ausschließen, dass Knausgård und ich (oder Übersetzer/Lektorin und ich, aber dazu später mehr) unter Form verschiedene Dinge verstehen. Denn für mich ist sicher, dass Form garantiert nicht das Wichtigste ist bei guter Literatur. Im Gegenteil: Autoren, die die Form sich vordrängeln lassen, folgen gewöhnlich lediglich irgendwelchen dämlichen Moden, die spätesten nach ein paar Jahren so spannend sind, wie ein Millionen Jahre geschliffener Kiesel Spitzen hat.

Übrigens ist die Form bei Sterben noch nicht einmal besonders. Knausgård erzählt – wie auch sonst? – aus der Ich-Perspektive, springt natürlich ein bisschen durch die Zeiten, stellt sich aber größtenteils als sensibler Außenseiter dar, der zum Glück geworden ist, was er geworden ist. Also sind Form und Inhalt eigentlich wenig originell. Und um gleich weiterzumotzen: Auch der Stil ist so aufregend wie der erwähnte Kieselstein. Ehrlich, Knausgård ist in Sterben und auch in der Leseprobe aus Band drei als Autor furchtbar langweilig – und zu meinem Erstaunen funktionierte das Buch trotzdem bei mir. Ich wollte es lesen. Aktuell kann ich mich aber nicht dazu durchringen, mir einen weiteren Band zu kaufen. Aber vielleicht ändert sich das ja noch.

So, und jetzt noch ein Wörtchen zum Gespann Paul Berf (Übersetzer) und Regina Kammerer (Lektorat). Im Großen und Ganzen enthielt das Buch angenehm wenig Fehler (z.B. „langam“ statt „langsam“). Aber in Details musste ich mich über eine Reihe von Fehlern wundern, die ich einfach nur ärgerlich finde. Leider kann ich in Teilen nicht sicher sagen, ob sie eher dem Übersetzer oder eher dem Lektorat anzulasten sind, daher bin ich leider genötigt, mit der Schrotflinte der Wut breit gestreut in beider Richtung zu schießen.

Trotz der insgesamt geringen Fehlerquote fiel u.a. auf, dass einige Kommata und Anführungszeichen eher kreativ verteilt sind. „Jedesmal“ war jedes Mal falsch geschrieben, außerdem sollten Übersetzer/Lektorin sich bei Gelegenheit intensiv mit dem Unterschied zwischen Oh und O und der damit verbundenen Kommasetzung befassen! Enorm nervig fand ich ferner, wie norwegische Wendungen oder Wortbildungen Eingang in die deutsche Übersetzung fanden: Auf Deutsch fährt man in und nicht auf ein Trainingslager. Die Schreibweise von Straßennamen hat mich aber schließlich zur Weißglut gebracht. Natürlich kann man sich bei einer Übersetzung darüber streiten, wie man fremdsprachige Straßennamen schreibt. Aber für die Schreibung von fremdsprachigen Namen gibt es eben auch Regeln, und die kann man auch beachten. In Sterben missbrauchen Übersetzer und Lektorin dagegen für die deutsche Fassung zig mögliche norwegische Formen und Schreibweisen, die im Deutschen entweder falsch oder aber schwachsinnig sind – vor allem sind sie aber eins nicht: einheitlich.

Mal wird das norwegische Wörtchen für Straße (vom Wortstamm eigentlich „Gasse“) groß-, mal kleingeschrieben. Mal ist es vom Straßennamen getrennt-, mal zusammengeschrieben (und ja, das gibt es im Deutschen ebenfalls, aber auch dazu gibt es Regeln). Mal übernimmt die deutsche Fassung den norwegischen bestimmten Artikel nicht, mal schon, und das, obwohl zusätzlich der deutsche bestimmte Artikel da steht.

Ich erwarte ja nicht, dass die Lektorin genau wie der Übersetzer des Norwegischen mächtig ist, um sowas beurteilen zu können.* Aber sie hätte in jedem Fall darauf pochen müssen, dass solcher Blödsinn wenigstens einheitlich gelöst wird und nicht auch noch innerhalb eines Satzes wechselt!

Genug der Erbsenzählerei. Zusammenfassend kann ich keine eindeutige Leseempfehlung geben. Vieles am Buch war sehr interessant, vieles hat mich aber auch unendlich genervt. Wer meinem Geschreibsel ansatzweise Interesse abgewinnen kann, sollte wenigstens einmal bei Knausgård hineinschnuppern.

* Nebenbei, mein Norwegisch ist ebenfalls bescheiden; aber mit diesen bescheidenen Kenntnissen und einer kleinen Recherche war klar, dass hier Unsinn steht.

Michio Kaku, The Physics of Impossible

Die Welten der Physik und der Science-Fiction haben nicht nur zahlreiche Berührungspunkte, sondern befruchten sich seit Jahrzehnten immer wieder massiv. Man braucht kein großer Science-Fiction-Fan zu sein, um zu wissen, dass es dort zahlreiche Ideen gibt, bei denen Otto Normalmensch sich hin und wieder fragt: „Wäre das physikalisch möglich?“ Gibt es z.B. grundsätzliche physikalische Gesetze, die Reisen durch die Zeit verhindern? Kann es Außerirdische geben? Oder Paralleluniversen?

Ich vermute, den meisten Physikern werden immer wieder solche und ähnliche Fragen gestellt. Kaku hat versucht, sie nach dem aktuellen Stand (das Buch ist von 2008, also auch nicht mehr ganz frisch) zu beantworten.

Dazu hat er die typischen Fragen gesammelt, sortiert und in ein dreigliedriges System geordnet: theoretisch möglich, vielleicht theoretisch möglich, nach heutigem Stand sehr wahrscheinlich auf ewig unmöglich. Letzteres ist natürlich besonders amüsant, wie Kaku im Epilog selbst zugibt. Denn wenige Jahre bevor Einstein seine Relativitätstheorie vorstellte, erklärte Nobelpreisträger Albert A. Michelson feierlich, dass eigentlich schon die gesamte Physik erforscht sei.

Aufgrund ungewöhnlicher Umstände gelangte das Buch in englischer Originalfassung in meine Hände. Das machte es insbesondere bei manchen Fachbegriffen nicht immer ganz einfach, dennoch ließ es sich eigentlich ganz gut lesen. Geärgert habe ich mich dagegen wiederholt über eine Perspektive, die bei Kaku immer wieder durchbricht und von der ich schon durch Freunde erfahren habe, die andere Bücher von ihm gelesen haben. Kaku bastelt sich aus seiner physikalischen Weltsicht eine historische Weltsicht, die meines Erachtens nicht nur unscharf ist, sondern in ihrer Überbewertung der westlichen Zivilisation lächerlich wirkt. Gut, diese Sichtweise ist bei einem US-amerikanischen Autor sicher nicht überraschend, aber sie nervt in ihrer Überheblichkeit. Zumal sie aus Sicht des Historikers so offensichtlich falsch ist, dass es schon weh tut. Denn weder ist die westliche Zivilisation die Krone der Schöpfung noch ist sie das Ende der Zivilisation.

Alles in allem war die Lektüre trotz dieses Mankos anregend. Ja, zwischendurch hatte ich sogar den Eindruck, endlich wenigstens ansatzweise die Stringtheorie zu verstehen, ohne sie aber gut erklären zu können.

Herbert Knebel, Boh, glaubse …

Menschen aus dem Pott braucht man Knebel sicher nicht vorzustellen. Und Menschen, die nicht aus dem Pott sind, dürften ihn innerhalb Deutschlands mittlerweile auch kennen. Mich amüsiert er ganz besonders deswegen, weil er mich an meinen Onkel Heinz erinnert. Der hatte die gleiche Brille, trug die gleichen Jacken und Mützen. Er war lediglich dicker als Herbert und hatte eine Knollennase. Dafür erzählte er aber genau solche Geschichte wie Herbert (eine meine Lieblingsgeschichten war, als er mal fälschlicherweise für tot erklärt wurde – der Knebel-Verständige ahnt, was man aus dieser Geschichte machen kann). In Boh, glaubse
sind die Kolumnen versammelt, die Knebel für die WDR-Reihe U-Punkt-Geschichten geschrieben hat. Sehr amüsant zu lesen, am lustigsten sind sie allerdings vermutlich für den, der des Pottidioms mächtig ist.

Wie ich neulich schon angekündigt habe, ist Erwin nun gut lieferbar.

Nach vielen Jahren an meiner Pinwand ist Erwin der Flaminguin eines Tages zum Leben erweckt worden. Und im letzten Winter hat er es nun endlich auch zwischen zwei Buchdeckel geschafft.

Im Buch geht es um den kleinen Erwin. Er wächst bei seinem Flamingovater auf, ohne seine Mutter zu kennen. Aber er ist anders als die anderen Flamingos, deshalb hat er es nicht immer ganz leicht – bevor er sich zusammen mit seiner Freundin Toja auf eine große Abenteuerreise begibt.

Das Buch über den kleinen coolen Helden ist für Leser ab 8 und kann für 9,90 Euro direkt bei mir bestellt werden: blog (bei) doctotte de (gern auch mit Signatur)

erwin der Flaminguin

Erwin der Flaminguin

 

Christoph Kolumbus, Bordbuch

Ich besitze ja etliche Bücher über die Entdeckungen und Eroberung der Welt – sei es Marco Polo, Cortés und Co. So seltsam diese Einblicke in andere Welten sind, finde ich doch, dass das Bordbuch des Columbus am seltsamsten ist. Es ist eine ganz kuriose Mischung aus Selbstbewusstsein, Größenwahn und doch schimmert auch Unsicherheit hindurch bei der Schilderung einer der für Europa größten Entdeckungen. Jedenfalls kann man spätestens aus heutiger Sicht zum Jahr 1492 sagen, dass nichts mehr wie vorher war; weder für die Ureinwohner des „neuen“ Kontinents noch für Europa und Afrika.

Ernst Ludwig Kirchner, Gemälde 1908–1920

Ich besitze eine ganze Reihe Kunstbücher, die meisten davon habe ich gesondert untergebracht (und werden vielleicht in der Zukunft noch kurz angesprochen, mal schauen). Dieser kleine Band steht aber vor allem wegen seiner Größe bei den normalen Taschenbüchern. Es handelt sich um eine Übersicht über die Ölgemälde eines Künstlers, den ich ganz besonders schätze. Für die Eingeweihten: Ich besaß sogar einmal einen winzigen Druck von ihm, der mir bei einem Umzug geklaut wurde. (Ich finde es bis heute bezeichnend, dass jemand in einem unbeobachteten Moment aus einem Stapel Bilder ausgerechnet das eine gefischt hat, das tatsächlich etwas wert war; hier war also jemand mit Ahnung unterwegs, der mir nie über den Weg laufen sollte.)

Ich betrachte bis heute gern immer wieder die Bilder, ich liebe die Kanten, die sehr bewussten Bögen und Ecken und vor allem – Kirchners Farben.

Hatte ich bereits erzählt, dass ich in der Phase, als ich mich ernsthaft damit trug, Kunst zu studieren, auch ein paar Bilder verkaufen konnte und eines davon eine – ähem – Anleihe an ein Kirchner-Werk war? Gut, ich hab es nicht gefälscht, sondern Farben geändert und auch selbst signiert, aber die Käuferin und ich mochten das Motiv einfach sehr.

Ich sehe schon, ich sollte die anderen Kunstbücher definitiv ansprechen, auch wenn es sich eigentlich selten um Bücher handelt, die man im eigentlichen Sinne von vorn bis hinten liest.

Franz Kafka, Sämtliche Erzählungen

Ja, wer kennt sie nicht, die Klassiker des Versicherungsjuristen Kafka? Ich will es kurz machen: Nicht alles gefällt, aber vieles ist sehr gut. Und auch, wenn ich hier vermutlich längst offene Türen des Mainstreams einrenne, möchte ich betonen, dass Kafka mindestens aus literaturhistorischer Sicht in den Kanon der zu kennenden deutschsprachigen Literatur gehört.

Franz Kafka, Das Schloss

Zu Kafka habe ich eine ungewöhnliche Verbindung. In der Schule, wo Kafka vermutlich bis heute gern missbraucht wird, konnte ich überhaupt nichts mit ihm anfangen, verweigerte mich auch durch die Bank den Interpretationsansätzen meiner Lehrer (was mir sogar einmal eine 5 einhandelte). Wie dem auch sei. Nach der Schule und vor allem während des Studiums fand ich besseren Zugang zum Werk des wohl berühmtesten Autors aus Böhmen.

Das Schloss ist nun einer der Romane – kann man es wirklich Roman nennen? –, das nicht abgeschlossen wurde und in dieser Form eigentlich nicht zur Veröffentlichung gedacht war. So gesehen ist es praktisch ein Über-die-Schulter-Gucken ins Kafkaeske. Leider nimmt diese Perspektive aber auch eine Portion Qualität. Es fehlen Überarbeitungen; das was man hier bekommt, ist noch nicht rund. Umso ärgerlicher, wenn man weiß, was Kafka woanders auf die Beine gestellt hat. Dennoch möchte ich das Schloss empfehlen, zumal es wohl bei nur wenigen Autoren so einfach ist, sich einen Überblick über das Gesamtwerk zu verschaffen wie bei Kafka.

Anna Kim, Anatomie einer Nacht

Die Geschichte, wie ich über Anna Kim gestolpert bin oder vielmehr sie über mich, besitzt einen ganz eigenen amüsanten Charakter. Sie spielt hier aber eine untergeordnete Rolle, wenn man mal davon absieht, dass ich deswegen überhaupt erfahren habe, dass es sie gibt. Nach dieser Begegnung befragte ich jedenfalls das Internet und erfuhr Wundersames über ihre literarischen Fähigkeiten. Insbesondere ein gewisser Vergleich mit dem von mir hochgeschätzten Raoul Schrott überzeugte mich, mir ihr neustes Buch zu kaufen.

And now the tricky part …

Als gelernter Skandinavist habe ich natürlich ein besonderes Verhältnis zu Skandinavien. Das gilt fürs Festland, für die Inseln, aber auch für die dänische Kolonie Grönland, die ich leider selbst noch nicht besuchen durfte. Vielleicht war ja auch der ein oder andere Leser meines Blogs schon einmal in Norwegen oder auf Island und kennt von daher diese tiefen Fjorde mit ihren hohen Bergen und abrupten Ufern. Diese Ufer sind bisweilen sehr eigen, beispielsweise kenne ich aus den isländischen Westfjorden so eine ganz bestimmte Art von Stränden, die aus vielen, vielen runden Steinen bestehen, die total vollgealgt und vollgetangt sind (nicht vollgetankt!).

Was das mit Anna Kims Buch zu tun hat? Gemach, gemach!

In ihrem Buch beschreibt sie die Abläufe einer Nacht in einem grönländischen Kaff an der besonders unwirtlichen Ostküste. Zehn Menschen, so erfährt man bereits im Klappentext, werden sich in dieser Nacht das Leben nehmen. Und ehrlich gesagt ist es mehr als sinnvoll, dass das im Klappentext so deutlich gesagt wird. Im Buch nun sollen die Lebenssituationen, zum Teil auch die Geschichten dieser zehn und manch anderer Menschen dargestellt werden. Und jetzt beginnen die Probleme.

Ich habe keine Strichliste geführt, glaube daher einfach mal, dass in dieser Nacht wirklich zehn Menschen gestorben sind. Aber zusätzlich werden die Lebensläufe oder einzelne Schlaglichter vieler, vieler anderer Menschen geschildert, die sich auch fast alle umgebracht haben. Wenige werden von Dritten abgemurkst, aber Suizid ist das Grundthema, das auf jeder Seite den Ton angibt. Dafür sorgt die Autorin stellenweise mit einer Detailliebe (und Recherchearbeit bei einer Gerichtsmedizinerin), die zwischen fast schon pervers und schnarchlangweilig angesiedelt ist. Das allein ist sicher keine Bewertungsgrundlage für das Buch. Die Art und Weise, wie Kim diesen suizidalen Ton angibt, dagegen schon.

Ich komme noch mal auf die runden Steine aus den Fjorden zurück. Wer so einen Strand schon mal gesehen hat, weiß, dass man kaum zwei Steine auseinanderhalten kann. Und genau das ist das Problem im Buch. Kim hält keine zwei Figuren auseinander. Eine ist wie die andere. Sie unterscheiden sich in dermaßen uninteressanten Details (mal halbgrönländisch, halbdänisch, mal Lehrer, Obdachloser, Jäger), dass sie schon für sich genommen stinkelangweilig sind. Wenn man diese Steinpersonen dann aber auch noch durcheinanderrührt wie mit einem Mixer, mehreren Figuren dieselben(!) Namen verabreicht, dann ist das Chaos perfekt. Sie springt durch Gegenwart und Vergangenheit. Sie hopst von Grönland nach Dänemark und zurück. Von der West- zur Ostküste. Von jenem Haus zu diesem. Von einem Besäufnis zu einem Selbstmord …

Kurz: Es gibt keine, wirklich keine einzige Figur, mit der man sich auch nur mal im Ansatz identifizieren mag. Dementsprechend schnuppe bleibt es dem Leser auch, ob sie sich erschießen, erdrosseln, aufhängen, ersäufen oder sonst wie draufgehen.

Das ist besonders ärgerlich, weil es zwei Elemente gibt, die zeigen, dass Kim durchaus schreiben kann. Das sind erstens einige sehr gute Kapiteleinleitungen. Hier breitet sie wie in einem langen, ruhigen Lied die Szenerie vor den Augen des Lesers auf, dass es Spaß macht, im Text zu versinken (bis dann eben die erste Figur in einer Szene auftritt). Zum anderen sind es einige kluge Gedanken über das Leben sowie über das Verständnis davon im Allgemeinen und im Besonderen auf Grönland.

Ich mag mich täuschen, aber dieses Buch hätte ein besseres Lektorat verdient. Und zwar nicht bezüglich Fehler, sondern hinsichtlich des Aufbaus. Hier hätte jemand kräftig wegstreichen und einen roten Faden herausarbeiten müssen, bevor der Text gedruckt wurde.

Zuletzt bekäme ich gern ein Rätsel gelöst: Ich selbst kenne Islands Augustnächte aus eigener Anschauung. Obwohl die Insel zu 99 % südlich des Polarkreises liegt, bleibt es im Hochsommer durchweg dämmerig, wird praktisch nicht richtig dunkel. Wenn ich bei der Lektüre des Buchs nicht eine ganz brisante Stelle überlesen habe, wird nie gesagt, welche Jahreszeit genau ist. Man weiß aber, dass es nicht der Winter sein kann (die Mädels laufen in dünnen Kleidern herum, immer wieder werden Pflanzen angesprochen, Schnee und Eis dagegen lediglich in der Erinnerung). Gleichzeitig betont Kim unablässig, wie schrecklich finster die Nacht sei. Nun frage ich mich: In welcher Jahreszeit spielt das Buch? Der arktische Winter fällt aus, der Sommer vermutlich auch, weil es dann nicht so dunkel sein dürfte. Hat wer eine Idee? Oder kann wer von einem eigenen Besuch Grönlands berichten?

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