Doc Tottes Welt

Essays, Skizzen und Gedanken

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Doug Niven, Chris Riley (Hrsg.), Ein anderes Vietnam. Bilder des Krieges von der anderen Seite

Ich hatte schon mal bei Marlantes’ Matterhorn erwähnt, dass ich mich ein wenig mit Vietnam und in Sonderheit mit den militärischen Aktionen während der 60er- und 70er-Jahre beschäftigt habe.

Als ich daher zufällig über das Buch gestoßen bin, das Doug Niven und Chris Riley herausgegeben haben, griff ich gleich zu. Ich kann sagen, ich habe es noch keine Sekunde bereut. Sicher, fast jeder kennt das ein oder andere (amerikanische) Foto über den Vietnamkrieg. Und fraglos finden sich dabei bereits Bilder, die deutlich machen, warum die USA hier nichts gewinnen konnten. Aber in dieser Menge hatte ich noch keine Bilder von vietnamesischen Fotografen versammelt gesehen. Bilder, die den Stolz, den Willen und die Kraft der Vietnamesen zeigen. Die die Umstände zeigen, unter denen sie kämpften. (Richtig, ich enthalte mich mit Absicht einer Bewertung der Sache, für die sie damals kämpften und was sie heute davon haben.)

Es sind allesamt beeindruckende Zeugnisse eines unbarmherzigen Krieges und dabei handelt es sich in den seltensten Fällen um Propagandafotos. Dieser Band ist wirklich sehr zu empfehlen!

Bill O’Neal, Gunfighter. Alle Revolvermänner des Wilden Westens. Eine Enzyklopädie

Es mag anhand der hier bisher besprochenen Filmen noch nicht deutlich geworden sein, dass ich mich für die klassische Zeit des sogenannten Wilden Westens interessiere, aber es ist so. Und deshalb war mir dieser Band hoch willkommen. Hier finden sich die wichtigsten und auch zahlreiche weniger wichtige Figuren, die in den Jahrzehnten um 1900 die weniger wirtlichen Gegenden der westlichen USA unsicher machten. Wenn man das Buch, das knallhart recherchiert und wie ein Lexikon aufgebaut ist, durchblättert oder nach einzelnen bekannten Köpfen durchsucht, fällt vor allem auf, dass es sich um viele, viele Leute handelt, deren Existenz man heute als eine gescheiterte bezeichnen würde. Kaum einer, der nicht fünf oder mehr verschiedene Berufe ausübten wie Kuhhirte, Kneipier, Killer oder –Knastfüller (vulgo: Gesetzeshüter). Zwischendurch überfielen sie dann mal eine Postkutsche, einen Zug oder klauten Vieh. Die besonders brutalen Schützen zeichneten sich nebenbei auffallend dadurch aus, dass sie während des Bürgerkriegs in Spezialeinheiten oder Freischärlertruppen dienten. Kurz: Die Gunfighters ist ein Bündel an Fakten, die so historisch wie gesellschaftspolitisch spannend sind. Sie schließen quasi eine Lücke zwischen Herbert Asburys Gangs of New York und Büchern wie Rich Cohens Murder Inc. Trotz oder vielleicht gerade aufgrund des Lexikoncharakters ist es enorm spannend zum Stöbern und jedem Westernfan ein Quell purer Freude!

Neidhart von Reuental, Lieder

Eine lustige kleine „zweisprachige“ Reclam-Ausgabe. (Zweisprachig deshalb in Anführungszeichen, weil es Mittelhochdeutsch und modernes Deutsch ist.) Sehr lustige Lektüre. Wer das Mittelalter für eine verspießerte, bornierte, prüde Zeit hält, sollte sie sich zu Gemüte führen. (Und nebenbei der Tipp: Es gibt wunderbare Vertonungen einzelner Neidhart-Lieder!)

Friedrich Nietzsche, Gedichte

Gut, Nietzsche mag man oder mag man nicht. Dazwischen gibt es nix. Seine Gedichte finde ich qualitativ stark schwankend, obwohl ich als ehemaliger Archäologe dennoch ein Lieblingsgedicht von ihm aufzusagen weiß:

Wo Du stehst, grab tief hinein!
Drunten ist die Quelle!
Lass die dunklen Männer schrein:
„Stets ist drunten Hölle!“

Vladimir Nabokov, Pnin

Obwohl hier kaum eine Geschichte erzählt wird, sondern mehr eine Figur, möchte ich es doch als mein zweitliebstes Buch von Nabokov bezeichnen (nach Lolita). Es geht um den Professor Pnin, der als Ausländer an einer amerikanischen Universität unterrichtet und dessen größtes Ziel es ist, endlich eine unkündbare Anstellung zu bekommen. Nabokov geht sehr brutal mit seiner Figur um, er hackt auf sie ein, wo es nur geht, und kennt keine Gnade. Fast müsste man Mitleid mit Pnin haben, aber selbst dazu ist er zu unsympathisch, weil äußerst lächerlich dargestellt. Gut, im Ganzen ist es kein großes Buch, aber trotzdem eine angenehm nette Lektüre.

Vladimir Nabokov, Gelächter im Dunkel

Von allen Nabokov-Texten ist das hier derjenige, der am wenigsten Eindruck bei mir hinterlassen hat. Das mag daran liegen, dass es noch ein recht frühes Werk war, das er auf Russisch verfasst hatte. Mehr brauche ich kaum darüber zu verlieren.

Vladimir Nabokov, Ada oder das Verlangen

Ich weiß gar nicht recht, wo ich bei dem Buch anfangen soll. Entdeckt hatte ich es ja kurz vor meinem letzten Geburtstag bei Zweitausendeins. Und da ich noch etwas anderes „brauchte“, legte ich es gleich mit in den Warenkorb. Hier lag es dann fast ein halbes Jahr, weil mir dauernd andere Bücher in die Quere kamen. Monatelang freute ich mich auf den Nabokov und neulich war es dann so weit: Ich packte mir das wirklich sehr hübsch gestaltete Buch in die Tasche, um mich bei der Pendelei angenehm unterhalten zu lassen. Doch schon nach wenigen Seiten begann das Erstaunen.

Kein Witz: Bevor ich die ersten 40 Seiten zu Ende gelesen habe, hatte ich dreimal auf dem Umschlag kontrolliert, ob das Buch auch wirklich von DEM Vladimir N. ist und nicht von irgendeinem Halbbruder oder entfernten Cousin verfasst wurde.

Ja, schon der Anfang von Ada tut weh. Es ist ein krauses Feld an Schwurbeleien, bei dessen Lektüre man das Fragezeichen überm Kopf problemlos beim Wachsen beobachten kann.

Dann irgendwann kam der Bruch. Es begann, eine erzähltechnisch halbwegs normale Geschichte zu werden. Gut, ich wunderte mich über vereinzelte Anachronismen, bis ich merkte, dass sie kein Fehler Nabokovs waren, sondern dass das, was ich hier las, in einer Art Parallelwelt spielen sollte. Diese Parallelwelt entwickelt sich technisch etwas anders, auch politisch und in Bezug auf Landesgrenzen.

Nabokov hat das Buch 1969 geschrieben, daher kam es mir an vielen Stellen so vor, als sei es ein Gedankenspiel, wie sich Russland und die russische Kultur im Verhältnis zu anderen Ländern entwickelt hätten, wenn es keine Revolution gegeben hätte.

Denn in der Hauptsache geht es um die Geschichte von Ada und Van. Die Eltern von beiden sind über Kreuz miteinander verheiratete Zwillinge, und obwohl Ada und Van bereits als Teenager herausfinden, dass sie gar nicht Cousin und Cousine, sondern mindestens Halbgeschwister, wenn nicht richtige Geschwister sind, entwickelt sich zwischen beiden eine Beziehung. Und wer jetzt „Inzest!“ denkt, liegt nicht falsch. Denn anders als bei Nabokovs Lolita, das im Volksmund unberechtigterweise für Schweinkram berühmt ist, dreht er in Ada das große Rad.

Dabei gibt es eigentlich nicht viel Sex, das Meiste spielt sich in oder hinter Gebüschen ab und wird eher verblümt angedeutet. Aber es ist doch durchgehend klar, was die beiden miteinander treiben.

Insgesamt erzählt das Buch mehr oder weniger die Lebensgeschichte Vans, etwa in der Art eines psychologischen Berichts. Der Text ist gespickt mit Anleihen aus der französischen und russischen Literatur. Überhaupt gibt es zahlreiche Sprachspiele und Wortwitzeleien auf Russisch, Französisch, Englisch, die zwar weitgehend im Anmerkungsapparat kurz erklärt sind, aber für meinen Geschmack unangenehm blass bleiben. Was bei Joyce oder Schmidt noch Spaß macht, ist bei Nabokovs Ada einfach aufgesetzt und stellenweise gezwungen. Trotzdem, und gerade deswegen habe ich das oft quälende Buch zu Ende gelesen, gibt es immer wieder ein Bündel Seiten, die viele nachdenkenswerte Überlegungen und philosophische Betrachtungen, beispielsweise zur Zeit beinhalten. Und dann kommen wieder Seiten, bei deren Lektüre man eigentlich vor Schmerz nur laut schreien möchte.

Ich weiß nicht genau zu sagen, woran diese Wechsel liegt. Mein erster Verdacht war, dass es daran liegt, dass der Text von zwei Übersetzern übertragen wurde. Wenn ich die Lektüre nicht so furchtbar quälend gefunden hätte, würde ich vielleicht ins Original schauen. Aber ehrlich: Meine Zeit ist mir zu schade, nur um das zu prüfen.

Bernd Neuzner, Horst Brandstätter, Wagner. Lehrer, Dichter, Massenmörder. Samt Hermann Hesses Novelle Klein und Wagner

Es gibt viele, zu viele Serienkiller und Massenmörder auf der Welt. Der Fall Wagner ist schon irgendwie sehr speziell. Er zeigt, wozu jemand getrieben werden kann, wenn er glaubt, nur noch mit einer obskuren Rache gegen die Gesellschaft vorgehen zu können. Eigentlich ist Wagner auch eher eine frühe Variante des modernen Amoklaufs und kein klassischer Massenmörder. Wer sich für die Abgründe menschlichen Handelns interessiert, sollte hier reinschauen. Man erhält zum Teil sehr persönliche Einblicke in diesen Geist.

PS: Die Hesse-Novelle fand ich nicht sehr eindrücklich, aber das mag auch daran liegen, dass ich Hesse nicht mehr so lese und verstehe wie vor 20 Jahren.

Friedrich Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse

Dieses kleine Bändchen enthält neben dem Text „Jenseits von Gut und Böse“ auch die Schriften: Der Fall Wagner, Götzen-Dämmerung, Ecce homo und Dionysus-Dithryamben. Auch hier möchte ich allgemein bleiben und Nietzsche einfach zum Wiederentdecken empfehlen. Sinnvoll ist seine Lektüre jedenfalls für jeden denkenden Menschen.

Friedrich Nietzsche, Also sprach Zarathustra

Der zweite Band meiner Nietzsche-Ausgabe enthält neben dem titelgebenden Klassiker schlechthin auf den Text „Die fröhliche Wissenschaft“. ich will gar nicht mehr viel Worte verlieren, das Wichtigste hatte ich im letzten Eintrag bereits angemerkt. Ich möchte angesichts der Gelegenheit Zarathustra allerdings betonen: Beschränkt euren Blick auf Nietzsche nicht auf die Peitsche beim Weibe. Ihr würdet euch selbst schaden, weil ihr klugen und kraftvolle Gedanken unnötig überblenden würdet.

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