Doc Tottes Welt

Essays, Skizzen und Gedanken

Schlagwort: ao

Michail Ossorgin, Eine Straße in Moskau

Ein hübscher Band aus der Anderen Bibliothek, ein Schmuck im Regal und ein Schmuck an geschilderter Beobachtung. Ossorgin erzählt ausgehend von Bewohnern einer Moskauer Straße, wie es ihnen und einigen Verwandten und Freunden in einer Zeit ergeht, die Moskau und Russland vollständig umkrempeln sollte.

Begonnen am Vorabend des ersten Weltkriegs trudeln die Figuren durch Krieg und Revolution. Dabei bedient Ossorgin sich eines Tricks, indem er vor allem im ersten Teil alles im Ausschnitt und leicht distanziert betrachtet.

Sehr deutlich für diese Erzählweise ist das Kapitel, in dem er von den Schilderungen eines Ameisenhaufens in einem schwindelerregenden Schwenk auf die zaristische Armee im Aufmarsch wechselt.

Diese oft verdichtete Sicht durchs Brennglas hat den Vorteil, zahllose Facetten des damaligen Lebens detailliert wiedergeben und doch ein Panorama schaffen zu können. Es hat aber zugleich den Nachteil, dass er praktisch zu keiner Figur eine echte Nähe herzustellen vermag. Alles bleibt Distanz, trotz der genauen und meistenteils sympathischen, fast nie aber lächerlich machenden Schilderungen.

Der zweite Teil des Romans beschäftigt sich mit der Zeit der Wirren direkt nach der Revolution. Mangelwirtschaft, Diebstahl, Hunger, erste Terrorwellen kennzeichnen diese Zeit. Sie liegt, und das drückt auch das Lesevergnügen nachhaltig, wie Blei auf den Seiten, denn jede Figur erleidet eigentlich nur noch Widrigkeiten, selbst die, denen es im System „eigentlich“ gut gehen sollte, führen genau genommen ein furchtbares Leben.

Im Ganzen auf jeden Fall ein empfehlenswertes Buch, wenn auch eher für einen kleinen literarisch interessierten Kreis.

Übrigens erinnerte Ossorgins mich vielfach an die Darstellung in Georges Perecs „Das Leben. Gebrauchsanweisung“, wobei Perec wesentlich mehr Sympathien zu den Figuren erzielen kann.

Alberto Breccia, Enrique Breccia, Héctor Oesterheld, Che

Zeichner Alberto Breccia, sein Sohn Enrique und der Texter Héctor Germán Oesterheld haben mit diesem Comic (kann man es überhaupt wirklich Comic nennen?) in meist eher düsteren Bildern Ausschnitte aus dem Leben des argentischen Revolutionärs.

Man mag sich ja über das Spannungsfeld zwischen seinem Wollen und Wirken streiten, die Tatsache, dass er als Identifikationsfigur für Millionen von Menschen wirkt(e), macht ihn aber zu mehr als eine simple Warhol-Ikone.

Dementsprechend halte ich es für wichtig, sich mit ihm und seinen Taten auseinanderzusetzen, und sei es in popkulturelleller Annäherung. Die Arbeiten der Breccias und von Héctor Oesterheld sind hier ein wertvoller Puzzlestein, den ich gern empfehle.

George Orwell, Animal Farm

Ein bisschen schäme ich mich für das Buch. Gar nicht mal wegen Autor oder Buch, sondern vielmehr, dass man es fast Diebstahl nennen müsste, wie ich es einst auf einem kleinen Rendsburger Flohmarkt für 50 Cent bekommen habe, weil ich die Verkäuferin knallhart nach runtergehandelt habe. Ähem.

Okay, kurz und schmerzlos: Bezeichnende Fabel darüber, was in Staatswesen so vor sich geht, und eine hübsche Erklärung zum Thema Korruptheit. Animal Farm sollte meines Erachtens Pflichtlektüre in der Schule sein, was sie bei mir leider nicht war. Wer’s noch nicht gelesen haben sollte, wird die Lektüre hiermit verordnet.

Wilhelm Oppermann, Hundert Jahre

Es geht oft recht gemächlich zu in Oppermanns Hundert Jahren. Gleichzeitig geschehen aber auch zahlreiche spannende, ja aus heutiger Sicht oft unglaubliche Dinge. Man staunt einfach, was vor gar nicht langer Zeit in der niederdeutschen Tiefebene so alles passiert ist. (Denn auch wenn das Buch „erfunden“ ist, so hat Oppermann doch recht genau die damaligen Umstände geschildert.) Ein wirklich gutes Buch, jedem Fan Norddeutschlands sehr zu empfehlen!

Läuft mit WordPress & Theme erstellt von Anders Norén