Doc Tottes Welt

Essays, Skizzen und Gedanken

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Georges Perec, Die dunkle Kammer. 124 Träume

Träume sind, das wussten schon die frühesten Psychoanalytiker, aber auch Ureinwohner verschiedenster Kontinente, ein spannendes Feld des Menschen. Manche Religionen gehen sogar davon aus, dass Träume die eigentliche Realität sind. Der Blick in individuelle Träume einzelner Menschen kann aber immer auch zwiespältig sein: Einerseits bieten sie Einblicke in fremde Welten, andererseits kann es aber auch schnell ermüdend sein, in diese einzutauchen.

Ich selbst hatte vor über zwanzig Jahren bisweilen einzelne Träume niedergeschrieben. Eine liebe Freundin, die meine Texte sehr schätzte, mokierte sich ausrechnet über diese Traumtexte. Das, was einem aus dem eigenen Unbewussten selbst beeindruckend erscheint, sprach sie inhaltlich kaum an.

Damals wusste ich nicht, dass Georges Perec von 1968 bis 1972 Träume gezielt gesammelt und niedergeschrieben hat.* Diese Träume sind nun erstmals auf Deutsch erschienen. Auch wenn ich die Kritik der genannten Freundin teilweise zustimmen möchte, war es dennoch hocherfreulich, diese Zusammenstellung zu lesen.

So fand ich es bemerkenswert, beschreibende Mechanismen zu erkennen, die diese seltsame Subjektivität des Träumenden ausmachen. Bei allem Unsinn, den man sich zusammenträumt, ist es doch bei vielen Elementen so, dass sie im Traum ganz selbstverständlich und „eigentlich“ bekannt sind. Auch werden Sprünge in Zeit, Raum und bei Personen als ganz normal hingenommen, während man sich über andere Teile schon im Traum sehr wundert.

Alles in allem fand ich Perecs Träume wirklich hochinteressant, räume aber ein, dass sie sicherlich nur etwas für eingefleischte Perecianer sind und kaum als Einstiegslektüre taugen.

Lediglich einen Kritikpunkt möchte ich anbringen: Wenn ein Verlag wie der Diaphanes-Verlag so ein ehrenhaftes Projekt in Angriff nimmt und optisch ein wirklich hübsches Büchlein zaubert, wundert doch die sprachliche Qualität. Das Buch ist ein weiteres Beispiel (und die häufen sich in letzter Zeit wirklich auffallend!!!) dafür, dass Geld für Lektoren eingespart wird und/oder Übersetzer ihre Muttersprache nicht beherrschen. Ich sage nur „Extase“ (es juckt mich wenig, wie es im Französischen geschrieben wird, lieber Übersetzer Jürgen Ritte).

* Genau genommen kannte ich Perec damals noch nicht einmal.

Georges Perec, Die Dinge

Perec, der Artist der Aufzählung, der Satzspieler, der Worte wie feinste Pinselstreiche punktgenau auch auf größten Leinwänden verteilt, dieser George also hat mit diesem Debüt seinen Durchbruch gefeiert. In den Dingen erzählt er vom jungen Paar Jerome und Sylvie, einem französischen Pärchen, das in den 60ern in Paris und der Provinz und Tunesien lebt. Im engeren Sinne bleibt das Paar furchtbar blass, im weiteren Sinne skizziert Perec es mit dem, was das Paar gern hätte, was es sich erträumt, wie es sich vorstellt, leben zu können, wenn es denn endlich richtig leben könnte und sich nicht mit Marktforschungsjobs und Quereinsteigerjobs und Agenturjobs doof über Wasser hielte, um eine kleine, eine viel zu kleine Bude in Paris zu finanzieren und später erst in die nordafrikanische und dann in die französische Provinz zu ziehen, als sie längst aufgegeben und sich endgültig selbst verkauft haben, also sozusagen zu Dingen geworden sind, die käuflich sind.

Perec hat es nicht nötig, solche Figuren schlecht zu machen. Er erzählt einfach. Er zählt auf und schildert und berichtet und fasst zusammen und erklärt und stellt dar. Und anhand dieser Striche zeichnet sich ein Bild ab, das so detailliert wie erschreckend ist, so zeitlos wie aktuell. Lesen.

Hugo Pratt, Corto Maltese. Die geheimnisvolle Lagune

Pratt, der sein Venedig wohl sehr schätzte, gelangt mit Kapitän Corto Maltese in diesem Band über zwei Umwege in die berühmte Lagunenstadt Venetiens. Hier gerät er schließlich in die Wirren des Ersten Weltkriegs, wo Maltese zwischen den Frontlinien ein Husarenstück abliefert. Dabei zog ihn eigentlich nur die Suche nach einem Goldschatz dorthin.

Ein interessantes Puzzlestück im Maltesiversum, für sich genommen aber an einigen Stellen etwas flüchtig.

Hugo Pratt, Corto Maltese. Im Zeichen des Steinbocks

In diesem Band zieht es Maltese an die Küsten Südamerikas. Hier hilft er einem Waisen aus England dabei, seine Halbschwester zu finden.

Im Zeichen des Steinbocks ist etwas zerfasert; eine einheitliche Geschichte findet sich kaum, eher Geschichtchen, die locker mit der Region verbunden sind und bei denen er eine Handvoll Begleiter an seiner Seite hat bzw. trifft.

Tolle Bilder – wie üblich bei Pratt. Die Story ist leider eher ein Sammlung leichter Sommerträume.

Hugo Pratt, Corto Maltese. Das goldene Haus von Samarkand

Der Italiener Pratt war ein ganz besonderer Schwadronierer. Er saugte Geschichten und Legenden auf und verschmolz sie zu einem Abenteueramalgan, dem er mit einer flinken, aber treffsicheren Feder beikam.

Aus diesem Kessel ist auch Corto Maltese geboren. Maltese ist ein Weltenbummler, ein Herumtreiber, immer auf der Suche nach dem nächsten Schatz oder Abenteuer, hier und dort bekannt, verbunden mit einer seltsamen Hassliebe zu der ein oder anderen Figur, die immer wieder vorkommt.

So sucht Maltese in diesem Band das goldene Haus von Samarkand, einem Gefängnis, in dem ein Freund einsitzt, den man eigentlich nicht Freund nennen kann. Eine spannende, interessante, mit vielen historischen Fakten angereicherte grafische Novelle, die wundervoll gezeichnet ist.

Gerhard Polt, Von Heimat und Geschichte

Zweitausendeins bietet nicht mehr oft, aber immer wieder mal nette Zusammenstellungen. Seit ein paar Monaten ist es aus dem Hause Kein & Aber eine schöne elfbändige Polt-Ausgabe.

Inzwischen steht sie bei mir schon ein paar Wochen und kämpft gegen den Bücherberg an, der mir von anderen angetragen wurde. Es war daher nachgerade ein Akt wildesten Rebellentums, dass ich aus dieser quasi erzwungenen Leseliste ausgebrochen bin und mir den ersten Band Polt geschnappt habe.

Der hat mich doch arg zum Schmunzeln gebracht. Denn er bringt rund um die Themen (bayrische) Heimat und (bayrische) Geschichte eine Reihe von Klassikern wie » Toleranz, die auch gelesen ein großer Zwerchfellschmaus sind.

Lesetipp und nebenbei Geschenktipp für Weihnachten!

Monty Python’s Flying Circus, Sämtliche Worte (1 und 2)

Ich würde gern schreiben, dass ich hierzu nicht viel zu schreiben hätte. Aber in jüngster Zeit entdecke ich in meiner Umgebung immer größere Wissenslücken hinsichtlich Monty Python. Das ist einerseits praktisch, weil man – ausgestattet mit einem passablen Python-Witzefundus – so problemlos ganze Abende lang als scheinbar genialer Alleinunterhalter wirken kann. Andererseits ist es natürlich schrecklich furchtbar, dass solch kreative Klassiker jetzt schon Vergessenheit geraten (und ja, ich weiß, dass auch die Pythons geklaut haben: bei Peter Sellers mit A Show Called Fred oder der Goon Show und der hat wiederum bei Buster Keaton geklaut …).

Zurück auf Start. In diesem praktischen Doppelband sind die Texte für alle Folgen des Circus’ vereint – leider auf Deutsch, obwohl die Übersetzung für die Umstände vielfach erstaunlich gut ist. Aber im Original wäre es selbstverständlich noch besser. Dafür kann ich Glücklicher aber immerhin auf meine DVD-Ausgabe zurückgreifen, die ich mir vor Jahren ebenfalls gegönnt habe.

Wer es kennt, weiß, dass es gut ist. Wer es nicht kennt, hat eine Bildungslücke. Basta.

Edgar Allan Poe, Arthur Gordon Pym

Für mich der absolute Schlüsseltext aus Poes Werk. Die Geschichte des A. G. Pym ist nicht nur überaus spannend aufgrund der vorzüglichen Abenteuerelemente, sondern abgesehen vom Ende meines Erachtens mit das schlüssigste Stück Poe, das es gibt. Das ist umso erstaunlicher, als Poe sonst ja eher durch deutlich kürzere Arbeiten glänzte. Aber hier zeigt er eben, dass er es auch im größeren Umfang kann.

Darüber hinaus ist der Text nicht unwichtig im Zusammenhang mit Arno Schmidts Zettel’s Traum (ja, ja, noch nicht gelesen, ich schäme mich). Hier deutet Schmidt das Ende des Pym nebenbei als wissenschaftliche Erklärung für das Rätsel der verschollenen Stämme Israels. Inwieweit das über Schmidts Idee hinaus stimmt oder nicht stimmt, sei jetzt einmal dahingestellt. Trotzdem ist der Pym insofern auch wichtig für das Verständnis von Schmidts Welt.

Edgar Allan Poe, Der Rabe

In diesem Band aus der Haffmans-Ausgabe sind neben Poe-Gedichten – der Titel verrät es bereits – drei Essays versammelt: Heureka, die Methode der Komposition und Maelzels Schachspieler.

Ich mach es kurz: Poes Gedichte sind nicht meine Welt. Mit Ausnahme des Raben finde ich sie alle, sagenwirmalfreundlich: öde. Interessanter sind da die Essays, auch wenn es leider nur drei Stück sind.

Die Methode der Komposition ist bekanntlich eng mit dem Raben verbunden – schildert Poe hier doch, wie er angeblich das Gedicht entwickelt hat. Mehr zum Thema hier.

Malezels Schachspieler gehört meiner Erinnerung nach zu den frühesten Texten, die ich überhaupt von Poe gelesen habe. Warum auch immer. Ich glaube, der Text war mal irgendwo abgedruckt.

Heureka – der Versuch, den Kosmus und seine Entstehung zu erklären – ist durchaus die Lektüre wert, auch wenn er mir stellenweise wie Kraut und Rüben erscheint.

Edgar Allan Poe, Der schwarze Kater

Erst die Tage hatte ich einen Band aus der Schmidt-Wollschläger-Übersetzung angesprochen, der viele wichtige Erzählungen des Großmeisters Poe enthielt. Auch dieser Band bringt ein paar wichtige Diamanten wie das verräterische Herz, den Goldkäfer oder das vorzeitige Begräbnis. Gleichwohl halte ich den Band in seiner Gänze als nicht so spannend wie den vorigen.

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