Doc Tottes Welt

Essays, Skizzen und Gedanken

Schlagwort: Arno Schmidt (Seite 1 von 5)

Arno Schmidt, Deutsches Elend

Mein letzter kleiner Arno-Schmidt-Band umfasst „13 Erklärungen zur Lage der Nation“, also wiederum eine Reihe von Essays, in denen Schmidt sich diesmal über den Adenauerstaat auslässt, und was es daran auszusetzen gab (ich setze als bekannt voraus, dass es da einiges gab; der Interessierte google zum Anfang einfach mal nach „Die schwarzen Kassen der CDU“; dieses System geht nämlich weit über Flick und Kohl hinaus).

Wie bei den anderen kleinen Bändchen kann ich daher auch dieses hier sehr empfehlen, wobei es in dieser Ausgabe nur mit Glück antiquarisch erhältlich sein dürfte.

Arno Schmidt, Der Platz, an dem ich schreibe. 17 Erklärungen zum Handwerk des Schriftstellers

Ein weiteres kleines lustiges Bändchen aus der praktischen Haffmans-Reihe. Hier sind Schmidts Essays versammelt, in denen er sich mit seiner Rolle als Schriftsteller in der (frühen) Bundesrepublik auseinandersetzt. Oft ist es ein seltsamer Mix aus Anspruchsdenken und Verachtung des Staats, von dem er sich wünschte, durchgefüttert zu werden, um Kultur zu erschaffen. Der Band ist ein angenehmer Einstieg in Schmidts Werk, weil man Einblicke in die Eigensicht des Autors bekommt, die beim Verständnis mancher Texte gut weiterhilft. Für den Anfänger ist dieser Band also durchaus zu empfehlen – vorausgesetzt, man findet das Buch noch irgendwo im Antiquariat.

Arno Schmidt, Griechisches Feuer

Erinnerungen sind schon eine ungewöhnliche Sache. Das eine ist abgespeichert wie in Stein gemeißelt und Bernstein gegossen. Das andere ist so flüchtig wie ein mikrosopischer Tropfen Spiritus auf einem Glastisch.

Die „13 historische Skizzen“, wie das vorliegende Büchlein untertitelt ist, waren tatsächlich mein erster richtiger Schmidt. Ich hatte damals zwar schon einiges Schmidt-Namedropping und den ein oder anderen kurzen Auszug in den Fingern gehabt. Aber erst als ich dieses Hafmanns-Bändchen bekam, in dem dreizehn kurze Essays versammelt sind, die sich mit historischen Begebenheiten beschäftigen, konnte ich richtig reinschnuppern. Ich fand die Ausgabe in einem Antiquariat in Kiel, das ich wiederholt besuchte, wenn ich mittags Zeit hatte. Nach dem stolzen Kauf marschierte ich zu einer Dönerbude in einer Parallelstraße. Die Bude war wie ein langer Schlauch gestaltet, ganz hinten nahm ich Platz und ließ mich hier von TRT Int oder irgendeinem anderen mir unverständlichen Quark beschallt. Dann packte ich die Beute aus, und verliebte mich auf Anhieb in diese Sprache. Ich weiß nicht, ob es jetzt eher überheblich oder verstörend wirkt, aber ich erkannte meine Gedankengänge und -sprünge in diesen verschachtelten, verwurstelten Sätzen wieder.

Männern wird gern nachgesagt, dass sie des Multitaskings nicht fähig seien. Ich möchte nicht beurteilen, wie das in offensichtlicher Hinsicht bei mir ist. Aber ich weiß, dass meine Gedanken eben genau das tun: wildestes Multitasking. Das geht so weit, dass ich bei Alltagsgeplapper meist über ganz andere Dinge nachdenke, als ich gerade rede – und zwar nicht nur über ein ganz anderes Ding, sondern über zig andere Dinge. Deshalb macht es manchmal auch den Eindruck, dass ich stottere, wenn ich nur so nebenher nuschle. Es ist kein Stottern im eigentlichen Sinne, nein, mein Mund kommt nur meinen Gedanken absolut nicht hinterher. Und während ich in Gedanken schon fünf Kapitel weiter bin, verbiegt sich die Zunge noch bei den einleitenden Sätzen.

Ich schweife aus. Aber vielleicht erklärt dieser Kleinversuch meiner verkorksten Gedankenwelt, warum ich dermaßen entzückt war, während ich mir diesen verbrannten Haufen toten Tiers einverleibte. Nur kurz darauf besorgte ich mir eine stärkere Dosis Schmidt.

Wolfgang Martynkewicz, Arno Schmidt (Rowohlt-Biographie)

Passt gut, weil der gute Arno Schmidt neulich seinen 100. Geburtstag gefeiert hätte. Tja, zu dieser Rowohl-Biographie möchte ich besonders wenig sagen: ein bisschen Faktensammelei. Wunderbare Details erfährt man besser in anderen Büchern wie den Tagebüchern, Wu hi und diesem Ausstellungskatalog.

Und etwas Umfassenderes erwarte ich eigentlich mit der Schmidt-Biographie, an der Bernd Rauschenbach seit geraumer Zeit sitzt.

Edgar Allan Poe, Der schwarze Kater

Erst die Tage hatte ich einen Band aus der Schmidt-Wollschläger-Übersetzung angesprochen, der viele wichtige Erzählungen des Großmeisters Poe enthielt. Auch dieser Band bringt ein paar wichtige Diamanten wie das verräterische Herz, den Goldkäfer oder das vorzeitige Begräbnis. Gleichwohl halte ich den Band in seiner Gänze als nicht so spannend wie den vorigen.

Edgar Allan Poe, Der Fall des Hauses Ascher

Dieser Band aus der Wollschläger-Schmidt-Übersetzung zeigt bereits in der Überschrift, welchen Weg die beiden Übersetzer einschlugen. Sie machten aus dem Gegebenen etwas Eigenes, ohne das Original zu verlieren. Sie formten es neu, behielten aber die Zier bei.
In diesem Band sind eine Reihe ganz doller Erzählungen Poes versammelt, weshalb ich ihn ganz besonders schätze. So finden sich neben dem namengebenden Ascher auch die Morde in der Rue Morgue, der Sturz in den Malstrom, die Maske des roten Todes, Grube und Pendel sowie das herausragende Tagebuch des Julius Rodman.

Gerade Letzteren – in Anlehnung an Clark und Lewis* – zähle ich zu den fünf wichtigsten (bekannten) Poe-Texten. Er sollte in keinem Lesekanon fehlen, wenn ich auch den Pym für noch wichtiger halte.

* Es gibt sowohl bei Lewis und Clark als auch beim Rodman gastronomische Hinweise über Zubereitung und Geschmack von Bieberschwänzen, leider finde ich die vor Ewigkeiten herausgesuchten Zitate in meinen Dutzenden Moleskines nicht wieder, um das hier näher vorzustellen.

Edgar Allan Poe, König Pest

Meine kleine vierbändige Poe-Ausgabe habe ich neulich bereits besprochen. Nun möchte ich mich der nächsten Ausgabe widmen. Es handelt sich um die fünfbändige Ausgabe des Haffmans-Verlags von 1994. Sie enthält die von Schmidt und Wollschläger übersetzten Erzählungen und Gedichte aus der großen Walter-Ausgabe (zu der später noch mehr).

Im ersten Band – benannt nach der Erzählung König Pest – findet sich gleich eine Reihe kleiner Klassiker, darunter den Manuscriptfund in einer Flasche, das unvergleichliche Abenteuer eines gewissen Hans Pfaall und Berenice.

An dieser Stelle sei gleich etwas zur Übersetzung gesagt. Ich weiß, dass sie von vielen abgelehnt wird. Schmidt und Wollschläger haben sich einen eigenen Ansatz dazu erarbeitet. So ist Schmidt beispielsweise in Wörterbüchern aus Poes Zeit versunken und hat aus seiner Beschäftigung mit Poes Texten gleich noch einen Riesenwälzer namens Zettel’s Traum geschrieben. Aber über den werde ich ein anderes Mal schreiben (nämlich frühestens dann, wenn ich es endlich schaffe, ihn zu lesen).

Charlotte Brontë, Jane Eyre

Es gibt vermutlich in meiner näheren Umgebung nicht ausreichend Asche, die ich auf mein Haupt schütten könnte, weil ich so spät zum ersten Mal einen Roman aus dem Hause Brontë gelesen habe. Ich weiß auch gar nicht recht, warum sich das so lange hingezogen hat: Eine frühere Freundin hat sie sehr ausgiebig gelesen (sogar das Angria-und-Gondal-Gezumsel, das qualitativ in einer wesentlich tieferen Liga spielen dürfte) und auch Schmidt, einer meiner Leib- und Magenautoren, hat sie ausgiebig gelobt. Trotz allem, irgendwie kam es nicht dazu. Nun hatte ich aufgrund einer Buchtauschaktion die Gelegenheit, Jane Eyre erst meiner Bibliothek und dann meinem Lektürezentrum einzuverleiben.

Nun zu meinen Eindrücken. Die ersten zwei, drei Seiten haben mich überrascht. Ich war verwundert, weil ich die Sätze lang, verschlungen und stellenweise unvorteilhaft fand. Nicht schlecht, wohlgemerkt, aber umständlich. Doch bevor ich mich versah, versank ich im Treibsand der Buchstaben und Wörter. Es gab Kapitel, da war ich im Text versunken wie sonst nur bei Murakami. Allerdings muss ich auch anmerken, dass dieses Versunkensein immer seltener vorkam, je mehr ich mich dem Ende näherte. Ich vermute, es lag daran, dass der St.-John-Indien-Komplex dann doch etwas zu retardierend war. Zumal die Entdeckung eines bislang unbekannten Familienzweigs mich ohnehin an die schwächsten Stellen von Goethe & Co. erinnerte. Ich gehe davon aus, dass man diesen Quark dem Zeitgefühl verdankt – was schade ist, weil sich der Text in seiner Ichsicht und Entwicklung gerade von Zeitgenössischem verabschiedet. Ein klein bisschen Radikalität hätte ihm daher auch in der Story nicht geschadet.

PS: Es war natürlich typisch, dass auf Arte eine vierteilige Verfilmung gezeigt wurde, während ich das Buch zu Ende gelesen habe.

Vladimir Nabokov, Ada oder das Verlangen

Ich weiß gar nicht recht, wo ich bei dem Buch anfangen soll. Entdeckt hatte ich es ja kurz vor meinem letzten Geburtstag bei Zweitausendeins. Und da ich noch etwas anderes „brauchte“, legte ich es gleich mit in den Warenkorb. Hier lag es dann fast ein halbes Jahr, weil mir dauernd andere Bücher in die Quere kamen. Monatelang freute ich mich auf den Nabokov und neulich war es dann so weit: Ich packte mir das wirklich sehr hübsch gestaltete Buch in die Tasche, um mich bei der Pendelei angenehm unterhalten zu lassen. Doch schon nach wenigen Seiten begann das Erstaunen.

Kein Witz: Bevor ich die ersten 40 Seiten zu Ende gelesen habe, hatte ich dreimal auf dem Umschlag kontrolliert, ob das Buch auch wirklich von DEM Vladimir N. ist und nicht von irgendeinem Halbbruder oder entfernten Cousin verfasst wurde.

Ja, schon der Anfang von Ada tut weh. Es ist ein krauses Feld an Schwurbeleien, bei dessen Lektüre man das Fragezeichen überm Kopf problemlos beim Wachsen beobachten kann.

Dann irgendwann kam der Bruch. Es begann, eine erzähltechnisch halbwegs normale Geschichte zu werden. Gut, ich wunderte mich über vereinzelte Anachronismen, bis ich merkte, dass sie kein Fehler Nabokovs waren, sondern dass das, was ich hier las, in einer Art Parallelwelt spielen sollte. Diese Parallelwelt entwickelt sich technisch etwas anders, auch politisch und in Bezug auf Landesgrenzen.

Nabokov hat das Buch 1969 geschrieben, daher kam es mir an vielen Stellen so vor, als sei es ein Gedankenspiel, wie sich Russland und die russische Kultur im Verhältnis zu anderen Ländern entwickelt hätten, wenn es keine Revolution gegeben hätte.

Denn in der Hauptsache geht es um die Geschichte von Ada und Van. Die Eltern von beiden sind über Kreuz miteinander verheiratete Zwillinge, und obwohl Ada und Van bereits als Teenager herausfinden, dass sie gar nicht Cousin und Cousine, sondern mindestens Halbgeschwister, wenn nicht richtige Geschwister sind, entwickelt sich zwischen beiden eine Beziehung. Und wer jetzt „Inzest!“ denkt, liegt nicht falsch. Denn anders als bei Nabokovs Lolita, das im Volksmund unberechtigterweise für Schweinkram berühmt ist, dreht er in Ada das große Rad.

Dabei gibt es eigentlich nicht viel Sex, das Meiste spielt sich in oder hinter Gebüschen ab und wird eher verblümt angedeutet. Aber es ist doch durchgehend klar, was die beiden miteinander treiben.

Insgesamt erzählt das Buch mehr oder weniger die Lebensgeschichte Vans, etwa in der Art eines psychologischen Berichts. Der Text ist gespickt mit Anleihen aus der französischen und russischen Literatur. Überhaupt gibt es zahlreiche Sprachspiele und Wortwitzeleien auf Russisch, Französisch, Englisch, die zwar weitgehend im Anmerkungsapparat kurz erklärt sind, aber für meinen Geschmack unangenehm blass bleiben. Was bei Joyce oder Schmidt noch Spaß macht, ist bei Nabokovs Ada einfach aufgesetzt und stellenweise gezwungen. Trotzdem, und gerade deswegen habe ich das oft quälende Buch zu Ende gelesen, gibt es immer wieder ein Bündel Seiten, die viele nachdenkenswerte Überlegungen und philosophische Betrachtungen, beispielsweise zur Zeit beinhalten. Und dann kommen wieder Seiten, bei deren Lektüre man eigentlich vor Schmerz nur laut schreien möchte.

Ich weiß nicht genau zu sagen, woran diese Wechsel liegt. Mein erster Verdacht war, dass es daran liegt, dass der Text von zwei Übersetzern übertragen wurde. Wenn ich die Lektüre nicht so furchtbar quälend gefunden hätte, würde ich vielleicht ins Original schauen. Aber ehrlich: Meine Zeit ist mir zu schade, nur um das zu prüfen.

Arno Schmidt, Julia oder die Gemälde. Bargfelder Ausgabe IV.4

Mein zweiter Band aus Schmidts Spätwerk. Es ist ein Fragment, weil der Autor starb, bevor er das Buch beenden konnte. Es werkelt mit den üblichen Spielereien aus Schmidts Spätwerk, die hier aber nur bedingt zünden. Eine bemerkenswerte Kleinigkeit sei erwähnt: Schmidt erwähnt hier einen der ersten Commodore-Computer, sogar mit Abbildung. Der alte Mathefan wäre wohl begeistert davon gewesen, was bereits wenige Jahre nach seinem Tod mit Heimcomputern möglich war – nämlich deutlich mehr als die praktische Berechnung von Logarithmen.

Seite 1 von 5

Läuft mit WordPress & Theme erstellt von Anders Norén