Doc Tottes Welt

Essays, Skizzen und Gedanken

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Simon Spruyt, Junker. Ein preußischer Blues

Comics und Graphic Novels kommen hier eher selten vor. Das finde ich eigentlich schade, denn ich lese gute gezeichnete Geschichten wirklich sehr gern.

Als ich nebenbei über Junker stolperte, war ich recht schnell daran interessiert. Eine Zeitlang lag die Idee, mir die Novel zu besorgen, etwas flach. Irgendwann ergab es sich dann aber doch und ich griff zu.

Die Zeichnungen sind wirklich herrlich. Sauber, sehr bedacht und immer auf den Punkt. Die Geschichte selbst geht sich ebenfalls gut an. Je weiter man zum Ende gelangt, desto mehr fragt man sich aber: Wie will Spruyt das noch auf den paar Seiten auflösen? Gab es etwa einen zweiten Band, von dem ich noch nichts wusste?

Den scheint es aber partout nicht zu geben und ja, richtig, am Ende, eine im Vergleich zur Vorgeschichte etwas banale Wendung, von der ich nichts verraten möchte.

Trotz diesem Knackpunkt fand Junker dennoch mein Gefallen.

Boris Sawinkow, Das fahle Pferd

Wenn jemand was verbockt hat, man aber nicht weiß, wer es verbockt hat, ist es nicht ganz einfach zu meckern, weil man den genauen Adressaten nicht kennt.
Gleichwohl nervt, wenn die Böcke ein Produkt verfälschen oder sogar in einem nicht nicht wirklich abschätzbaren Maß verschlechtern.

Das ist bei der Neuübersetezung vom fahlen Pferd leider der Fall. Für die Übersetzung zeichnet Alexander Nitzberg verantwortlich, ein im Klappentext hochgelobter Übersetzer aus dem Russischen, selbst aus Moskau gebürtig.
Auch wenn Nitzberg in Moskau geboren wurde, entzieht es sich meiner Kenntnis, mit welcher Muttersprache er aufgewachsen ist. Sollte es Russisch gewesen sein, könnte dies schon das ein oder andere Manko erklären, denn gewöhnlich übersetzt man in seine Muttersprache. Schließlich sind die Färbungen, die ein Muttersprachler übers Leben lernt, beim Zweitspracherwerb niemals aufholbar. Womöglich liegen hier also schon erste Hinweise auf den Hintergrund der sprachlichen Mankos.

Andererseits würde ich dann erwarten, dass ein deutschsprachiger Verlag mit einem deutschsprachigen Lektorat solche Mankos ausbügelt. Lektorin war Anke Albrecht. Aus eigener Erfahrung weiß ich leider, dass sich der Lektor nicht immer durchsetzen kann mit seinen Korrekturwünschen.

Kommen wir aber zur Übersetzung an sich: Sie liest sich insgesamt recht hölzern. Ob Sawinkow im Original seines ersten Buchs so schlecht geschrieben hat, vermag ich nicht zu beurteilen. Falls ja, sind seine „Erinnerung eines Terroristen“ jedenfalls wesentlich besser geschrieben – oder der dortige Übersetzer ist besser als Nitzberg und hat sich mehr Freiheiten genommen.

Man kann Sawinkow aber nicht in die Schuhe schieben, dass so manche deutsche Wortwahl schlicht falsch ist. Ein paar Beispiele:
Herr Nitzberg mag es nicht wissen, aber es gibt einen semantischen Unterschied zwischen O und Oh. Wenn ich „O Tannenbaum“ sage, ist das was anderes als „Oh, du hast den Tannenbaum schon aufgestellt?“ Das eine ist Anrufung, das andere Verwunderung. Herr Nitzberg jedenfalls (oder die Lektorin) wählt grundsätzlich die falsche Form. Die Kunst der korrekten Zeichensetzung, in dem Fall Komma oder nicht, geht dem Gespann ebenfalls ab.

Aber auch grammatisch zeigen sich Schwächen. Deutlichste Anzeichen sind umgangssprachliche Wendungen wie der Imperativ „Wickel!“ anstelle des korrekten „Wickle!“ mit obligatorischem End-e. (Deshalb heißt es ja auch richtig „fei(e)re mit uns“ und nicht „feier mit uns“). Herr Nitzberg scheint auch das nicht zu wissen oder ignoriert es schlicht. Solche Beispiele gibt es immer wieder. Es ist schon Deutsch, aber nicht korrekt. Aber auch bei Fremdsprachen patzt das Team. So zitiert Sawinkow an einer Stelle angeblich die lateinische Wendung „suum ciuque“. Wer sich wundert, hat Latinum. Dem Rest klingt es vermutlich mehr oder weniger vertraut. Trotzdem heißt die Wendung „Jedem das Seine“ auf Latein „suum cuique“. Höre ich da jemanden „Buchstabendreher!“ sagen? Okay. Könnte sein. Dann frag ich mich aber, warum derselbe Fehler sowohl im Text als auch in der Anmerkung so steht. Und wenn Sawinkow es schon falsch gemacht haben sollte, erwartete ich eine Kenntlichmachung durch [sic!] oder Ähnliches.

Das alles mag jetzt wie totales Korinthenkackertum wirken. Das Problem ist aber Folgendes: Wenn ich bei einigen fehl eingesetzten Ausdrücken erkennen kann, dass da jemand die Sprache nicht beherrscht, wer garantiert mir dann, dass der Rest korrekt übertragen ist? Wie oft sind Bedeutungen falsch, ohne dass der des Russischen unkundige Leser es merken oder beurteilen kann?

Um auf den Anfang zurückzukommen: Natürlich kann ich nicht wissen, wer der eigentliche Urheber der Böcke ist. Die Fehler können von Herrn Nitzberg gemacht und von der Lektorin übersehen worden sein. Vielleicht hat er sich auch über ihr Urteil hinweggesetzt. Vielleicht hat sie sogar erst Fehler in den Text gebracht, denn wer sagt uns, dass ihr Lektorat gut genug ist, solche Macken zu beurteilen? Aber wer auch immer es verbockt hat, zuletzt hat der Verlag Galiani versagt. Und auf diese Weise nimmt er dem Text viel Wert. Denn der Leser kann nicht sagen, ob der Text eher wegen Sawinkow oder wegen Nitzberg so mau ist. Zudem fällt es schwer, dem Text zu trauen. Das finde ich angesichts der Aktualität des Themas Terrorismus besonders ärgerlich.

Heinz Strunk, Zum Goldenen Handschuh

Schmiersuff – ein bekannter Zustand für denjenigen, der schon zwei, drei oder mehr Abende in deutschen Kneipen verbracht hat. Hier – und wer eine vergleichbare Szene aus eigener Anschauung kennt, weiß, wovon Strunk hier schreibt – spielt der „Goldene Handschuh“. Der Handschuh, das ist eigentlich eine Kneipe, die als Dreh- und Angelpunkt erst für Fiete Honkas Mördergeschichten und je später, je doller unabhängig davon auch für Familienabende einer interpolierten Hamburger Reederfamilie dient.

So groß das Faszinosum des Reeperbahnkillers Honka wirken mag, so platt und fast unangenehm dämlich-bizarr dräut das Elend der reich eingesessenen Pfeffersäcke. Am stärksten bleibt Strunk aber ohnehin in den besonders verdichteten Szenen, die einem modernen Bruegel ähneln, nur lebensechter ausfallen. Da kann der Sufflaie völlig gefahrlos für Leber und Lebenin buntesten Farben und Nuancen das pralle Treiben zwischen Pisse, Kotze, Schnaps, Scheiße und mehr oder weniger derben Unflätigkeiten schmecken. Ein Treiben, das erschreckend viele Menschen so und genau so kennen und – schätzen!

Keri Smith, Mach Mist! Kleines Handbuch für großes Chaos

Für gewöhnlich bespreche ich hier ja Bücher, die ich zu Ende gelesen habe. Das hat etwas mit meiner Ehre als Durchleser zu tun. Aber in diesem Fall muss ich eine Ausnahme machen. Denn das Mach-Mist-Buch ist kein Lesebuch, sondern ein Mitmachbuch. Auf vielen, vielen Seiten bekommt man viele lustige Aufgaben, wie man das Buch verunstaltet soll. Dazu muss man wissen, dass Bücher für mich heilige Dinge sind. Auf Eselsohren in meinen Büchern steht Handabhacken, für Brötchenkrümel in der Bindung eine Einladung zu einem Dreigängemenü (inkl. Getränke). Ausnahmen werden nur bei guter Führung gemacht.

Daher kann man sich vorstellen, was es für mich bedeutet, ein Buch dermaßen auseinanderzunehmen. Und das im Wortsinne. Man bemalt, beklebt, zerreißt, zerknüllt Seiten und schmiergelt sie ab. Man bekritzelt und beschmiert sie mit Tinte, Farbe, Klebstoff, Honig, Ei, Portwein (meine persönliche Wahl), Kaffee, Dreck, Kohle. Man gräbt das Buch ein und belässt es drei Tage im Boden oder malt Aquarelle und legt sie über Nacht in den Regen. Ich könnte so noch etliche Zeilen füllen.

Wozu das gut sein soll? Man lässt seiner Kreativität freien Lauf. Man tobt sich aus, verhunzt und zerstört. Und das Buch wird gerade dadurch leben. Ich bin schon sehr gespannt, wie es aussehen wird, wenn ich damit fertig bin, allerdings wird das noch einige Zeit dauern, da ich mir Zeit lasse damit. Aktuell sieht es noch so aus.

Cover des Buches Mach Mist!

Stand Januar 2015

Stefan Schwarz, Ich kann nicht, wenn die Katze zuschaut

Es hat mal eine Zeit gegeben, da habe ich – so würde ich es heute nennen – recht bescheuert geschrieben. Kein Satz kam ohne wenigstens einen Neologismus aus, und der wurde noch so zwischen die anderen Satzteile geschwurbelt, dass Schnelllesern bisweilen schwindelig geworden sein muss.

Irgendwann wird man gesetzter; spätestens wenn man einen ordentlichen Hintergrund hat, um zu verstehen, dass gute Literatur mehr bietet als Spielereien und intelligente Witzchen. Man schreibt klarer, eindeutiger und ja, ich verzichte bewusst in meiner aktiv genutzten Sprache auf viele Wörter, die wohl nur ein Bruchteil der Deutschen anzuwenden weiß – vom Verstehen ganz zu schweigen.

Und da kommt mir diese Kolumnensammlung von Stefan Schwarz in die Quere. Ich muss gestehen, bevor mir dieses Buch geschenkt wurde, kannte ich ihn überhaupt nicht. Den Klappentext fand ich in Kombination mit dem Buchtitel lahm, aber ich dachte: Lass dich mal drauf ein. Und dann amüsierte ich mich. Text um Text. Satz um Satz und Wort um Wort.

Es wäre vermessen, Schwarz der Hochliteratur zuzurechnen. Aber die Art, wie er auch eigentlich uninteressante Ereignisse aus seinem Familienleben schildert, hat mich auf jeden Fall für zwei Stündchen aus dem Alltag gerissen. Wer weiß, vielleicht sollte ich auch mal wieder etwas mehr aufdrehen – und sei es nur als Ausgleich für die meist zu Monotonie gezwungenen Schreibe meines Berufslebens.*

* Bedanken möchte ich mich bei meinen Hirnwindungen für den heutigen Ohrwurm „Monotonie in der Südsee“.

Willy Steputat, Reimlexikon

Im klassischen Sinne passt das Buch eigentlich nicht in die hiesige Reihe. Aber wer wie ich mit Worten sein Geld verdient, der weiß jedes Werk zu schätzen, das die Arbeit vereinfacht. Und angesichts der Jahre, die ich inzwischen mit dem Reimlexikon verbracht habe, möchte ich sogar behaupten, es quasi komplett durchgeblättert zu haben. (Dass ich wirklich jedes „Stichwort“ gelesen habe, möchte ich dagegen nicht behaupten.)

Für Wortarbeiter immer brauchbar!

Art Spiegelman, Maus

Wie viele andere Menschen auch hat Art Spiegelmanns Vater den zweiten Weltkrieg überlebt. Wie deutlich weniger Menschen hat er auch die KZs überlebt. Er wanderte in die USA aus und lebte fortan mit der Erinnerung an eine Zeit, für die es meiner Meinung nach kaum adäquate Wörter gibt.

Diese Zeit, diese Erinnerung prägte nicht nur Art Spiegelmanns Vater, sie prägte über die Familienerinnerung auch Art Spiegelmann selbst. Er begann, seinen Vater zu interviewen, dessen Geschichte zu notieren und aufzubereiten. Dazu wählte er aber eine Weise, die bis dahin beispiellos war. Er schrieb die Geschichte nicht einfach herunter, sondern er gestaltete daraus einen ernsten Comic. Er packte all das Grauen in eine Geschichte um Mäuse, die von Katzen verfolgt werden in einem Land, das von lauter Schweinen bewohnt ist.

Mit dieser Umsetzung ist Spiegelmann etwas ganz Besonderes gelungen. Einerseits mildert er bestimmte Dinge ab, andererseits kann er Dinge abbilden, die man kaum in Worte fassen kann.

Maus ist nicht nur Lektüre für Jugendliche. Die beiden Bände (I: My Father Bleeds, II: And Here My Troubles Began) sind auch jedem Erwachsenen zu empfehlen.

Gilbert Shelton, Famous Tales of Fat Freddy’s Cat

Wer die Fabulous Fury Freak Brothers kennt, kennt auch Fat Freddy’s Cat. Das launige Pelztier, das zwischen Kakerlaken und Dope seinen Tag schlafend und fressend verbringt und seinem Herrchen mit Vorliebe in die Pantoffeln kackt oder auf die Matratze schifft, erlebte als Sidekick zahlreiche amüsante Abenteuer. In diesem amüsanten Band sind sie (weitgehend) zusammengestellt, sodass man sich bei der Lektüre über Truthähne, Katzenenkel und Walderlebnissen einer Stadtkatze auf diesen Kater konzentrieren kann.

Arno Schmidt, Deutsches Elend

Mein letzter kleiner Arno-Schmidt-Band umfasst „13 Erklärungen zur Lage der Nation“, also wiederum eine Reihe von Essays, in denen Schmidt sich diesmal über den Adenauerstaat auslässt, und was es daran auszusetzen gab (ich setze als bekannt voraus, dass es da einiges gab; der Interessierte google zum Anfang einfach mal nach „Die schwarzen Kassen der CDU“; dieses System geht nämlich weit über Flick und Kohl hinaus).

Wie bei den anderen kleinen Bändchen kann ich daher auch dieses hier sehr empfehlen, wobei es in dieser Ausgabe nur mit Glück antiquarisch erhältlich sein dürfte.

Arno Schmidt, Der Platz, an dem ich schreibe. 17 Erklärungen zum Handwerk des Schriftstellers

Ein weiteres kleines lustiges Bändchen aus der praktischen Haffmans-Reihe. Hier sind Schmidts Essays versammelt, in denen er sich mit seiner Rolle als Schriftsteller in der (frühen) Bundesrepublik auseinandersetzt. Oft ist es ein seltsamer Mix aus Anspruchsdenken und Verachtung des Staats, von dem er sich wünschte, durchgefüttert zu werden, um Kultur zu erschaffen. Der Band ist ein angenehmer Einstieg in Schmidts Werk, weil man Einblicke in die Eigensicht des Autors bekommt, die beim Verständnis mancher Texte gut weiterhilft. Für den Anfänger ist dieser Band also durchaus zu empfehlen – vorausgesetzt, man findet das Buch noch irgendwo im Antiquariat.

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