Doc Tottes Welt

Essays, Skizzen und Gedanken

Schlagwort: Biographie (Seite 1 von 2)

Janko Lavrin, Dostojevskij (Rowohlt-Biographie)

Der Mann war fraglos kein einfacher Mensch. So gut er schreiben konnte, so gut er sich in Menschen hineinversetzen konnte – so ein getriebener Irrer und Nationalist war Dostojevskij. Das macht es meines Erachtens umso wichtiger, wenigstens ansatzweise zu erfahren, wie der Mensch war, der all diese faszinierenden Figuren und Geschichten geschaffen hat.

Dieses kleine Rowohlt-Bändchen gehört mit zu den besten rororo-Biographien, die ich kenne. Sie sind in sich rund, es fehlt nichts für eine Kurzbiographie. Sehr zu empfehlen!

Walter Baumgartner, Knut Hamsun (Rowohlt-Biographie)

Diese Rowohlt-Biographie ist mir besonders wichtig. Das hat nur indirekt mit Hamsun zu tun, denn der Autor der Biographie war einer meiner ersten Professoren (genau genommen sogar der erste Prof, bei dem ich zur Studienberatung war). Passenderweise thematisierte die erste Vorlesung, die ich überhaupt besuchte, eben Knut Hamsun. Und als ich damals in der Vorlesung hörte, dass Professor Baumgartner gerade frisch an der Biographie saß und dafür u.a. in Oslo Briefe von bzw. an Hamsun wälzte, fand ich das ehrlich gesagt ziemlich elektrisierend.

Gut, ich brauche kaum zu erklären, dass mein Hamsun-Bild stark von Baumgartner beeinflusst ist und mir die Biographie daher recht naheliegt. Demensprechend möchte ich sie auch gern empfehlen.

Elsbeth Wolffheim, Hans Henny Jahnn (Rowohlt-Biographie)

Jahnn betrachte ich als einen sehr ungewöhnlichen, um nicht zu sagen außergewöhnlichen Autor. Als vor Jahren bei Zweitausendeins eine günstige Ausgabe seiner Werke erschien, griff ich – zugegebenerweise aus Dämlichkeit – nicht zu, sondern erstand nur ein einzelnes Buch. So ungewöhnlich wie seine Schreibe ist, waren auch Jahnns Leben und Leidenschaften. Sein Faible für Orgeln kann ich nicht nachvollziehen, auch seine intensiven Gefühle (ich denke, man darf es so nennen) für Pferde sind nicht meine Welt. Und trotzdem reizt es mich, mehr von ihm zu lesen. Eine Notlösung war es daher, als ich die Gelegenheit bekam, wenigstens in dieser informativen Kurzbiographie ein wenig über den Norwegenfan Jahnn zu erfahren.

Momme Brodersen, Siegfried Kracauer (Rowohlt-Biographie)

Ich bedaure, dass ich heute nicht mehr die Gelegenheit habe, in (modernen) Antiquariaten zu stöbern – teils weil mir die Zeit dazu fehlt, teils weil es in meiner Stadt ehrlich gesagt kein einiges wirklich gutes Antiquariat mehr gibt. Dabei habe ich es immer sehr geschätzt, zwischen den Buchstapeln, Kisten und Regelreihen herumzustöbern. Klar, das Meiste war aus meiner Sicht Ausschuss. Aber es gab eben auch immer wieder die ein oder andere Perle zu entdecken, die ich im normalen Buchhandel oder womöglich bei Amazon niemals gefunden hätte.

Die Biografie über Kracauer ist so ein Fall. Ich hatte vor dem Kauf peinlicherweise noch nie von ihm gehört oder gelesen. Bei dieser Biographie blätterte ich kurz rein und kaufte sie mit der Gewissheit, dass ich hier etwas Interessantes gefunden hatte. Und die Lektüre sollte mich auch nicht enttäuschen: Kracauers Leistungen als Journalist, noch dazu im von mir so geschätzten Filmmetier halte ich mittlerweile für sehr wichtig. Und nicht zuletzt freute mich natürlich Kracauers Kontakt mit dem jungen Adorno in Frankfurt. Manchmal schließen sich Kreise ganz überraschend und ungeplant.

Wolfgang Martynkewicz, Arno Schmidt (Rowohlt-Biographie)

Passt gut, weil der gute Arno Schmidt neulich seinen 100. Geburtstag gefeiert hätte. Tja, zu dieser Rowohl-Biographie möchte ich besonders wenig sagen: ein bisschen Faktensammelei. Wunderbare Details erfährt man besser in anderen Büchern wie den Tagebüchern, Wu hi und diesem Ausstellungskatalog.

Und etwas Umfassenderes erwarte ich eigentlich mit der Schmidt-Biographie, an der Bernd Rauschenbach seit geraumer Zeit sitzt.

Curt Hohoff, Kleist (Rowohlt-Biographie)

Ich fürchte, an Kleist scheiden sich die Geister. Was hab ich mir für Meckereien anhören müssen von Leuten, denen er in der Schulzeit gehörig vergällt wurde.

Das ist echt schade. Denn Kleist ist nicht nur eine wichtige Größe für die deutschsprachige Zeitungsevolution, sondern ein ganz besonderer Formulierungskünstler, dergestalt, dass er, und zwar gern auch als Einschub, Nebensätze aneinanderreiht, atemlos, punktlos und schließlich mit direkter Rede, die er ebenso gehetzt in mehere Teile gliedert.

Sonst noch was? Ach ja, sein Leben war kurz und spannend. Eben eine helle Flamme in bewegten Zeiten. Wo sind solche Autoren heute?

Dementsprechend wichtig sind Biographien über Kleist. Und sei es auch nur eine kleine Rowohlt-Biographie zum Reinschmökern.

Jerry Hopkins, Jim Morrison. König der Eidechsen. Die endgültige Biographie und die großen Interviews

Es ist eine Binsenweisheit, dass Menschen wie Morrison heute eine ganz andere Stellung besäßen, wenn sie noch lebten. Sie wären lange nicht die Ikone, die sie seit ihrem Tod sind. (Und in dieser ikonographischen Hinsicht gehören nicht nur die Mitglieder des Klubs der 27, sondern auch Leute wie James Dean, Marilyn Monroe oder Che Guevara.) Das schmälert aber nicht das Interesse an denjenigen, die mit nicht einmal drei Dekaden mehr erreicht haben als die allermeisten Menschen mit doppelt so viel Jahrzehnten Leben. Deshalb betrachte auch ich mich entschuldigt, gern mehr über das Leben dieses James Morrison zu erfahren.

Diese Biographie ist ein Schlüssel zum Verständnis seiner Person (mit Betonung auf „ein“). Man erfährt mehr über seine Hintergründe, über sein familiäres Umfeld, seine Einflüsse aus der Literatur – so zitierte er William Blake nicht erst in Doors-Liedern, sondern schon in High-School-Zeiten Lehrern gegenüber. Und man erfährt etwas darüber, wie er zusammen mit Ray Manzarek die Doors gründete, um sie schließlich in einem Mix aus Sättigung, geistig-körperlicher Verfettung, Alkoholsucht und einer gehörigen Portion Auseinanderlebens zu verlassen für eine „Karriere“ als Poet in Paris.
Unabhängig davon, dass er an dieser Karriereplanung schon durch seinen Tod gescheitert ist, möchte ich meinen, dass Morrison auch so in Paris gescheitert ist.
Seine dort verfassten Texte drehen sie bestenfalls im Kreis, schöpferisch kann er die Sackgasse, in der er saß, nicht verlassen. Statt in Paris hätte er zudem auch in einer Kleinstadt in der Pfalz leben können, denn die Umgebung nahm er praktisch kaum auf. Er blieb vielmehr ein Fremdkörper.

Es ist müßig, gedankenzuspielen, inwieweit er noch Größeres hätte leisten können, wenn er nicht gestorben wäre. Vielleicht hätte er ähnlich wie Cocker und Turner in den 80ern ein Comeback als Solokünstler hingelegt. Man weiß es nicht. Aber um im klassischen Bild – die helle Kerze brennt schneller – zu bleiben: Morrison flackerte nur noch, als er in Paris war; es scheint, als habe er sein Pulver zuvor verschossen.

Zum Buch: Qualitativ fand ich es nicht so wertvoll wie die Hendrix-Biographie, aber es bleibt insbesondere für den Fan durchweg informativ und interessant.

Michael Töteberg, Fritz Lang (Rowohlt-Biographie)

Die wirklich großen deutschen Filmregisseure kann man praktisch an einer Hand abzählen: Wen haben wir denn da? Lang, Murnau, Herzog, meinetwegen noch Schlöndorf und Fassbinder; dann wird es aber auch schon eng – und nein, Petersen oder Emmerich hab ich nicht vergessen. Die zwei sind weder große Regisseure noch würde ich sie wirklich als deutsch bezeichnen. Aber gut, das ist ein anderes Thema.

Oft habe ich vor allem Murnau und Lang als vergleichbare Regisseure betrachtet. In einer ähnlichen Zeit in ihrem Metier groß geworden, haben beide den Film an sich revolutioniert und das geschaffen, was man heute wohl Erzählkino nennen würde.

Dennoch gibt es einen Punkt, in dem sich beide deutlich unterscheiden: Murnau starb früh, zu früh für den Film, aber auch zu früh, um den Nazisumpf erleben zu müssen (ich erspare Spekulationen darüber, was ihm als homosexuellem Regisseur mit expressionistischen Ansätzen im Dritten Reich geblüht hätte). Lang dagegen spielte mit Elementen (der größenwahnsinnige Mabuse mit seiner verbrecherischen Organisation; Metropolis, die Nibelungen, M), die die Nazis entweder vorwegnahmen oder ihnen sinnbildstiftend in die Hände spielten. Das wurde u.a. begünstig durch seine Frau Thea von Harbou, die sowohl für Lang als auch für Murnau Drehbücher verfasste.

Doch auch bei Lang gab es einen großen Bruch – die Emigration in die USA, nachdem den Nazis hierzulande die Macht überlassen worden war.* Obwohl Lang sowohl in den USA als auch nach seiner Rückkehr nach Deutschland in den 50ern weiterhin Filme drehte, blieben sie meines Erachtens doch weit hinter seinen früheren Glanzleistungen zurück. Leider!

Trotz allem möchte ich diese kleine Biographie aus dem Hause Rowohlt nicht missen. Sie bringt dem Filmfan den Menschen Lang ein kleines Bisschen näher.

* Und ja, ich schreibe bewusst nicht Machtergreifung oder ähnlichen Unsinn, der lediglich beschönigen soll, dass gewisse bürgerliche Kreise den Nazis die Macht sehr bewusst zur Verfügung gestellt haben.

Klaus Schröter, Heinrich Mann (Rowohlt-Biographie)

Es wird mir auf ewig ein Rätsel bleiben, warum die beiden Brüder Thomas und Heinrich qualitativ so verschieden geschrieben haben – und warum ausgerechnet die Schlaftablette höher geschätzt wird. Sei es wie es sei, ich lese lieber Heinrich und daher hab ich auch lieber eine Biographie über ihn gelesen als über Thomas.

In diesem Fall war es ein angenehmer kleiner Einblick in Heinrichs Leben und die Umstände der Entstehung seines Werks.

Uwe Schulz, Montaigne (Rowohlt-Biographie)

Es gibt so zwei, drei Ecken in Frankreich, die ich bereits bereist habe. Manche, wie die Provence, sogar mehrfach. Leider hat es mich bislang noch nie nach Montaigne verschlagen. Und das, obwohl ich natürlich gern mal da vorbeischauen würde. Insbesondere den Turm, in dem er geschrieben hat, würde ich gern mal eigenäugig in Betracht nehmen. Nun, bis dahin muss ich mich von hier aus darauf beschränken, mich durch Montaignes Texte, aber eben auch durch Biographien wie diese hier aus der rororo-Reihe diesem Denker anzunähern.

Wie üblich bei den rororos gilt auch hier: hübscher schneller Einstieg, aber die Vertiefung sollte dann doch mit anderen Werken erfolgen. (Und wer mir eine gute Montaigne-Biographie empfehlen kann, gebe mir bitte einen Tipp. Ich freue mich darüber!)

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