Doc Tottes Welt

Essays, Skizzen und Gedanken

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Von Parteien und Plakaten

Werbung und Politik ist so eine Sache. Zahlreiche Werber, Agenturen und Zulieferer entscheiden sich bewusst dagegen, für Parteien und Politiker die Marketingmaschine anzuwerfen. Kein Wunder – der Stress brummt nach Vorhersage pünktlich vor Wahlen, langfristige Kundenbindung findet kaum statt, weil die Wahrscheinlichkeit, die Kundenerwartung nicht zu erfüllen, äußerst hoch ist.

Ich erinnere mich an ein Gespräch mit dem Chef der Agentur, die die Rösler-FDP im Bundestagswahlkampf beraten hatte. Vollmundig erklärte er vor der Wahl, er habe Rösler gleich im ersten Gespräch verordnet, Krawatte und Jackett abzulegen („Stehen Sie nicht da wie ein Liftboy!“). Kurz nachdem er mir das erzählt hat, blamierte sich seine Agentur damit, für die FDP dasselbe Videostockmaterial wie die NPD verwendet zu haben. Schließlich setzte die FDP (oder die Agentur – wie immer man das sehen möchte), die Wahl total in den Sand.

Auch bei der diesmaligen Bundestagswahl sind die Plakate spannender als die Programme. Durch die notwendige Konzentration auf Kürze verraten sie viel über Selbstverständnis oder Dämlichkeit derjenigen, die sie konzipiert und entworfen haben, aber auch derjenigen, die sie freigegeben haben. So ergeben sich interessante Einblicke, auch in die Denke der Parteivorstände.

Beispielsweise blähen die Grünen jedes mir aufgefallene Plakat mit witzlosen Binsenweisheiten und Belanglosigkeiten, die inhaltlich fast jeder unterschreiben kann. McDonald’s-Werbung, bekanntlich für die Masse gemacht, polarisert da stärker. In ihrer bräsigen Fantasielosigkeit unterschreiben die Grünen damit unfreiwillig den Slogan der PARTEI („Inhalte überwinden“). Die Quittung für diese Leere werden die Grünen höchstwahrscheinlich nächste Woche bekommen – und wenn sie Glück haben, werden ihre Spitzenkandidaten endlich die nötigen Konsequenzen ziehen.

Die FDP konnte im letzten NRW-Landeswahlkampf noch mit wirklich cleveren Fotos glänzen, über die ich hier gern geschrieben hätte, was mir aus Zeitgründen leider nicht gelang. Zum Bundestagswahlkampf übersteigern sie ihre 18/1-Plakate (für den Laien: Das sind diese großen Plakatwände) allerdings maßlos. Diese sind mit Überschriften versehen, die den Leser stolpern lassen sollen („Ungeduld ist auch eine Tugend“), letztlich aber leeres Blabla bleiben. Nichts über den Kandidaten, nichts über die Partei und nichts über die Politik, für die sie stehen sollen. Möglicherweise erklärende Worte finden sich zwar ebenfalls auf den Plakaten, aber in nahezu enzyklopädischer Länge und so winzig gedruckt, dass man sich schon eine Viertelstunde davor stellen müsste, um es lesen zu können. Das macht doch keiner! Oder freundlich gesagt: Zumindest aus werberischer Sicht eine Katastrophe.

Die Union warb in den ersten Wochen in meiner Region hauptsächlich mit ihrem Sloganmonster FeDidwgugl, für das sie schon bei der Vorstellung zu Recht Häme einstecken durfte, das aber erst durch die PARTEI auf die verdiente Spitze getrieben wurde. Neuerdings schwenkt die Union jedoch um auf merkelbestimmte Leere. Inhalte zu finden, ist auch hier unmöglich. Immerhin erfüllen die Plakate aber halbwegs das Prinzip des Auffallens, ohne zu viel Worte zu machen.

Anders die SPD. Zu Beginn plakatierte sie auf den 18/1 zwar echte Botschaften, die sogar in großen Lettern geschrieben waren. Aber die Botschaften waren oft so lang, dass selbst ein Schnellleser wie ich zwei-, dreimal an den Plakaten vorbeigekommen sein musste, um den Inhalt beiläufig erfassen zu können. Aktuell blamiert sich der gewesene Arbeiterverein in der Schlussphase durch neue Aspekte. Plötzlich beschränken sich die Plakate auf das Schulz-Ponem, verbunden mit dem Sprüchlein: „Es ist Zeit für Gerechtigkeit.“ Fraglos ein schöner, vermutlich auch richtiger Spruch. Doof ist nur, dass die trübe Tasse von Gestalter die ersten drei Wörter überdimensional aufbläst, den Schluss dagegen schriftgrößentechnisch quasi zu einer Fußnote degradiert.
Man kennt die Methode aus anderen Zusammenhängen: Telekommunikationsunternehmen und die Automobilindustrie versprechen das Blaue vom Himmel in großen Lettern. Die unliebsamen, aber erforderlichen Nutzungsbedingungen bzw. CO2-Angaben der vertriebenen Fahrzeuge schrumpfen dagegen auf den Plakaten zu gedrucktem Fliegendreck.
Was also soll es dem Betrachter sagen, dass die SPD dem Wort Zeit so viel mehr Bedeutung schenkt als dem Wort Gerechtigkeit? Ich hab da so meine Theorie, möchte aber so kurz vor der Wahl niemanden beeinflussen. (Sehr kleiner Scherz.)

Überhaupt fällt auf, dass eigentlich nur die Parteien an den Rändern wie die Linke, die lange eine Agentur suchende AfD oder die MLPD in der Lage sind, griffige Überschriften und Botschaften zu plakatieren. Ich möchte einschränken, dass man deren Botschaften zum Glück nicht mögen muss, um ihnen werberische Aspekte zusprechen zu können. (Und die Sprüche der MLPD wirken zudem dermaßen selbstvergessen historisch daneben, dass sie fast schon wieder putzig klingen.) Diese Parteien haben, aus welchen Gründen auch immer, das Medium Plakat verstanden und setzen es aus werberischer Sicht so ein, dass es bestmöglich wirken kann.

Insgesamt bleibt es dennoch ein Trauerspiel. Die beste Lösung wäre wohl, den Parteien die Werbung gleich ganz zu verbieten. Das würde zugleich Geld sparen und die Umwelt schonen.

1 Trauerspiel in 4 kurzen Aufzügen mit (sehr) kurzem Singspiel

Ein Gang in die Stadt ist deprimierend. Destilliertes Wasser auf den Mühlen eines jeden Kulturpessimisten sozusagen. Über die vergangenen Jahre hinweg haben sich die lebendigsten und unterhaltsamsten Einkaufsstraßen in einen undurchschaubaren Komplex an Dauerramsch verwandelt. Ein unsäglicher Mix aus immergleichen Plastikketten, die „Café“ zu nennen der gute Geschmack streng verbietet. Dazu gesellen sich immer unappetitlicher aussehende und müffelnde Dönerbuden sowie Klamottenläden, aus deren Eingangsbereich schon der Gestank der krebserregenden Färbemittel strömt – da mag man nur weglaufen.

Teils ist das Publikum schuld, teils die Läden selbst. Auswahl findet man praktisch kaum noch. Gerade noch überlebende Buchläden schrumpfen ihre Klassikerabteilung mittlerweile auf ein daumennagelgroßes Regal, in dem dann feilgeboten wird: Orwells 1984, ein paar Werke Mark Twains sowie Jules Vernes und – Humor ist, wenn man trotzdem lacht – ein halber Meter Jean-Paul Sartre. Leute, wenn der Rest des Ladens nur noch aus Kalender- und Postkartenmüll sowie dem Abverkauf der Spiegelbestsellerliste besteht, braucht ihr euch auch nicht zu wundern, wenn die Leute, die überhaupt noch lesen, sich ihren Stoff woanders besorgen.

In der Stadt übrig geblieben sind größtenteils nur noch zweibeinige Ruinen, die durch die Gassen und Zeilen torkeln. Meist übergewichtig, auf jeden Fall aber überproportional rauchend – längst optischer Beleg für körperliche und geistige Verkommenheit. Da wird bewusst, an welcher Stelle Marx aus heutiger Sicht besonders Unrecht hatte. Der Prolet will gar kein besseres Leben nicht:

Der Prolet will schlicht
fressen & saufen,
ficken & kaufen.
Andres nämlich kennt er nicht.

Selbst Brecht hat heute Unrecht, denn nicht mal nach dem Fressen kommt Moral. Moral, die gibt es nicht. Weder in den Hütten noch in den Palästen. Und zu kaufen gibt es sie auch nicht mehr, weil sie als Produkt nämlich für die ganzen 1-Euro-Läden viel zu teuer wäre.

Bewerbung ans Weiße Haus, Washington, D.C.

Sehr geehrter Mr. President!

Ich falle gleich mit der Tür ins Weiße Haus, denn ich kann nicht anders. Ich bin begeistert davon, mit welcher Leichtigkeit Sie es fertigbringen, diese lächerlich-oligarchische Scheindemokratie jenseits des Atlantiks nach und nach zu reinem Faschismus zu formen. Nichts anderes wird nämlich das, was Sie da fabrizieren.

Ich muss es wissen. Denn als Biodeutscher mit Ariernachweis bis ins 17. Jahrhundert (kann auf Wunsch nachgereicht werden) bin ich sozusagen von Natur aus Faschismusexperte. Als Beleg können Sie jeden Hollywoodfilm der letzten 70 Jahre heranziehen, bei dem auch nur einer deutscher Schauspieler mitgetan hat. Zudem wird mir nachgesagt, dass ich schon als Kind ein kleiner Tyrann sein konnte.

Mr. President, ich bin schlicht fasziniert, wie Sie immer stärker der Presse aufs Dach geben! Wie Sie sich nach und nach von möglichen Wadenbeißern befreien! Ja ich bin dermaßen erfreut, dass ich mich bei Ihnen als persönlicher Faschismusbeauftragter bewerben möchte.

Ich hab auch schon ein paar Ideen ausgearbeitet, die Ihnen fraglos schmeicheln werden. So habe ich per Google Earth ein paar interessante Flecken an den sonnenreichsten Stellen Nevadas ausfindig gemacht, wo man die prominentesten Vertreter der sogenannten Demokratischen Partei konzentriert campen lassen könnte – natürlich lediglich zu deren eigenen Schutz! Auch könnte ich mir vorstellen, Bernie Sanders zu einem Grillabend ins Kapitol einzuladen – man müsste natürlich „aufpassen“, dass bei dieser Gelegenheit das Gebäude nicht durch Funkenflug abfackelt.

Gern möchte ich Ihnen diese und weitere tolle Vorschläge ausführlich in einer Präsentation im Oval Office vorstellen. Ich würde mich daher sehr über eine Einladung zu einem persönlichen Vorstellungsgespräch freuen. Dann könnte ich auch endlich einmal live erleben, wie Sie beim Sprechen Ihre sexy Lippen vorstülpen! Es erinnert mich stets an das erotische Kieselnuckeln gründelnder Karpfen – wie jeder weiß, ein besonders potenter und aphrodisierender Fisch!*

In diesem Sinne

DocTotte

* Wenn auch mit sehr kleinen Flossen.

Two-night Tom

Tom war nicht der Mann für einen One-Night-Stand.
Er spielte Schlagzeug dann und wann in einer kleinen Band.

Nach dollen Gigs nahm er dann oft Groupies schamlos in sein Loft.

Am Schlagzeug brauchte er zwei Sticks.
Einer nur reicht für die Ficks.

Er verwöhnt die Damen stets zwei volle Nächte, verspritzt den Samen aus dem Gemächte nicht zu knapp, weshalb man ihn – sei’s in Brüssel, sei’s in Wien – nur Two-Night Tom benannte.
Wozu er sich auch gern bekannte, der Trommler, der schon bald in deiner Stadt die Felle knallt.

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DocTotte spricht zu euch

(Zur Erinnerung: das » Ritual hier zum Mitlesen.)

Namen der Verkehrsschilder

Die Tage fiel mir etwas Lustiges ein. Ich erinnerte mich daran, wie ich zu der Zeit, als ich Verkehrsschilder lernte, das Vorfahrtsschild aus welchen Gründen auch immer mit einer Mitschülerin assoziierte. Ich kann nicht sagen, warum, aber für mich standen Vorfahrtsschilder einfach für „Sonja“. Ob es an der gelben Farbe lag – ich weiß es nicht.

Eingedenk dieser Erinnerung fiel mir auf, dass ich heute auch andere Verkehrsschilder mit Namen verknüpfen könnte. Eine synästhetische Abart sozusagen. Merkwürdigerweise kamen mir lediglich Namen von Grundschulmitschülern in den Sinn, ganz so, als wären ihre Namen für mich appelativ geworden. Halteverbotsschilder sind für mich z.B. eindeutig Andreas. Die Einbahnstraße ist Rita. Sackgasse ist Thomas und Radfahrer ist Michael. Peter, der ist für mich am ehesten ein Links-(oder Rechts-)Abbiegen-Schild.

So könnte ich ewig weitermachen. Aber das wäre natürlich langweilig. Wie sieht das bei euch aus? Habt ihr ähnliche Assoziationen?

Paybackgedanken

Kennt ihr das auch? Diese ewige Fragerei an den Kassen, ob man eine Payback-Karte hat?

Ich hab vor vielen Jahren mal son Plättchen geschickt bekommen, als ich noch Telekomkunde war. Die Anmeldung hatte ich aber nicht durchgezogen, weil es mich genervt hat, den versammelten Einzelhändlern Hinweise darauf zu geben, was ich so einkaufe.

Auch heute noch nervt mich diese Vorstellung. Sogar noch mehr als die dauernde Fragerei nach dieser asseligen Karte, mit der man pro Einkauf Anteile am Bruchteil eines Bruchteils von irgendwelchem billigen Werbemittelschrott erwirbt.

Wenn ich mir aber so anschaue, wie bereitwillig andere Leute ihre Payback-Karte zücken, frage ich mich langsam, ob das Payback-Konsortium sehr wohl weiß, was ich so kaufe. Sie schauen einfach nach, was sonst noch so gekauft wurde, und schließen daraus, das war ich. Hat sich was mit Datenschutz.

Ruhrpottskizzen

Samstagmorgen. Ich hab ein vollgepacktes Programm und daher einen frühen Termin beim Friseur. Als ich vor die Tür trete, liegen da zwei Weihnachtsbäume. Bei einem der beiden waren die Äste abgeschnitten, damit man ihn einfacher auf die Straße runtertragen konnte.
Bei den Bäumen steht eine ältere Frau mit Einkaufstaschen. Sie war wohl schon auf dem Markt und schaut auf die Bäume. Als sie mich hört, dreht sie sich um und spricht mich an.
– Der sieht aber schäbbich aus, meint sie zu dem Baum ohne Äste.
Der Baum tut mir leid, ich verteidige ihn.
– Aber die Äste sind doch abgeschnitten. Schauen Sie mal. So schäbbich ist er gar nicht.
– Doch, doch, schauen Sie doch mal auf die Spitze, der ist richtich schäbbich.

Vom Terror der Moderne

Terrorismus ist eine seltsame Sache. Dass Individuen sich für eine vorgeblich große (ideelle) Sache opfern, kennt man in dieser Art aus dem Tierreich nicht. Klar kommt es vor, dass eine Ameise ihr eigenes Leben ignoriert, weil ihr Staat ihr wichtiger „erscheint“. Aber eine Ameise denkt nicht vernunftbewehrt darüber nach, sie hat keine Entscheidungsmöglichkeit für oder gegen ihre Selbstopferung.

Entstanden ist der menschliche Terrorismus in der modernen Form im Kampf gegen Despoten. Im engeren Sinne war er nicht religiös bedingt, wobei manche Ideale fraglos den Charakter einer Religion erreichen (ich erinnere da gern an den ein oder anderen Marxisten o.Ä., aber auch in anderen Umfeldern gibt es entsprechende übersteigerte Ansichten). Deswegen erklärt sich Terrorismus auch nicht immer mit der Vorstellung einer jenseitigen Belohnung. Manche terrorisieren auch einfach für die scheinbar gute Sache oder – wenn es für sie selbst gut ist – für Geld. In diese Riege fällt letztlich jemand wie Ilich Ramírez Sánchez, bekannter unter dem Tarnnamen Carlos, dem es im Prinzip ziemlich egal war, ob er andere Menschen für die sozialistische Weltrevolution, die Befreiung Palästinas oder eben fürs eigene Konto skrupellos abmurkste.

Ob man von der aktuellen Welle wirklich behaupten kann, dass es sich um religiös motivierten Terrorismus handelt, möchte ich ehrlich gesagt bezweifeln. Wenn man sich die Lebensläufe der Täter anschaut, hat man eher den Eindruck, hier eine soziale Gruppe zu finden, die man auch aus anderen sozialen Zusammenhängen kennt. Ein Großteil, wenn nicht alle1 Täter der letzten Jahre fallen durch eine Konstante auf: Es sind Abgehängte. Während die hiesigen christlich-atheistisch Abgehängten sich als Stimmvieh für Demagogen instrumentalisieren lassen, fehlt den Abgehängten aus einer islamisch gefärbter Heimat diese Form gesellschaftlicher Teilhabe in Form von Wahlen sogar. Das betrifft nicht allein immigrierte Täter, sondern gilt vielfach auch für in Deutschland, Belgien, Frankreich oder Großbritannien aufgewachsene Menschen, denen die volle gesellschaftliche Teilhabe aus welchen Gründen auch immer verweigert wird. Mal dürfen sie nicht wählen, mal finden sie weder Ausbildung noch Arbeit. Da ist es kein Wunder, dass sie die erstbeste Gelegenheit nutzen, die ihnen jemand bietet, weil er sie scheinbar „abholt“, wie man so schön sagt, und sei es im Dienste des islamistischen Terrorismus. Ähnliches erlebte man schon im Nordirland des 20. Jahrhunderts, als v.a. die katholischen Familien in kleinste Behausungen gequetscht wurden. Die IRA bot ein Gemeinschaftsgefühl, auf das man sich verlassen konnte, wenn man nicht gegen ihre Regeln verstieß. Und genau genommen fallen die Abgehängten, die sich im Terror austoben, auf vergleichbare Lügenmärchen herein wie das oben genannte Stimmvieh. Der Unterschied ist lediglich, dass den einen Märchen fürs Jenseits erzählt werden, während die anderen an Märchen fürs Diesseits glauben. Egal was eintreten wird: Es werden Märchen für beide Arten der Abgehängten bleiben, selbst wenn die vorgeblichen Bedingungen zum Wahrwerden der Märchen erfüllt werden.

Diese Ausgeschlossenheit, vielfach vermengt mit wirtschaftlichen Problemen, Kriminalität oder Alkohol (dazu gehört z.B. sowas wie der NSU), lässt den Einzelnen eine enorme Machtlosigkeit fühlen. Sie ist wie ein Vakuum, das irgendwie gefüllt werden will und das mit Aktion scheinbar gefüllt werden kann. Das gilt letztlich sogar für frühere Epochen des Terrors, wie Nazianschläge in den 20ern zeigen, als die Parteigänger dieser Partei eben auch mehrheitlich Abgehängte waren.

Neben diesem roten Faden des Terrorismus fällt aber eine andere Sache auf: die Art der Anschläge. Spätestens seit den 60ern nehmen sie nämlich ein Phänomen auf: die Verschränkung des Terrors mit der Popkultur.

Zur Hochzeit des europäischen Terrorismus gab es in den Lichtspielhäusern eine grandiose Welle neuartiger Western. Leone, Corbucci und Co. haben mit dem sogenannten Spaghettiwestern eine Machismowelle erzeugt, die noch über Jahrzehnte spürbar ist (vgl. Tarantinos Western). Von den Tupamaros München, den deutschen „Stadtguerilleros“, weiß ich, dass sie die Gestik, das Handeln, das Schießen und das Recht des (momentan) Stärkeren aus den Filmen in die Realität umsetzen wollten. Sie wiedererlebten sich als moderne Westernhelden, die aus ihrer Sicht lediglich für die gute Sache kämpften und dazu das Leinwandverhalten imitierten.

Ein ähnlicher Effekt tritt inzwischen bei den Abgehängten des Daesh auf. Die Art, wie sie inzwischen Attacken durchführen und die Tatsache, dass diese Art ausdrücklich von den Strategen des Möchtegernkalifats empfohlen wird, nimmt ebenfalls popkulturelle Szenen auf. Heute orientieren sich die im oder am Westen aufgewachsenen Abgehängten aber weniger am Kino. Sie werden längst durch ein Popmedium inspiriert, das Unterdreißigjährigen wesentlich näher steht: Videospiele. Attacken, die eher Amokläufen als einem klassischen terroristischen Akt gleichen, folgen einer Dramaturgie, wie man sie seit Mitte der 90er-Jahre von Spielen wie Grand Theft Auto kennt, ohne dass sie dort mit eigentlichem Terror verbunden sind.

Für den Daesh und seine Fans hat diese Aufnahme zugleich den Vorteil, Terror zu einem billigen Massenphänomen zu machen: Die heikle Beschaffung von Waffen oder die mit Schwierigkeiten verbundene Herstellung von Sprengstoffen ist nicht länger erforderlich. Es ist eine Art Demokratisierung des Terrors.2

Terror ist also seit Jahrzehnten zu einer zwar negativ konnotierten, aber stark übersteigerten Abart des Pop für Abgehängte geworden. Deshalb ist es auch folgerichtig, dass diejenigen, die derartige Taten begehen, in ihrer jeweiligen Peer-Group als Helden, vulgo Märtyrer, gelten. Auch hier greift eben Warhols Satz der 15-minütigen Berühmtheit.3

Über die Jahre haben sich lediglich die Medien gewandelt. Wurden die Täter in den 70ern noch in Underground-Flyern und -Zeitschriften bejubelt, dienen heute YouTube und Facebook als Medium zur Verbreitung der Eigenerzählung. Hier wird der Terror sogar selbstreferentiell, weil er der Bühne, der er entwachsen ist, immer näher kommt. Anders gesagt: Es dürfte nicht mehr lange dauern und anstelle des modernen Räuber-und-Gendarm-Spiels Counterstrike mit ihren abstrakten Terroristen tritt ein echtes Terrorspiel, in dem es im Ego-Modus oder vielleicht im VR-Modus darum geht, Züge, Flugzeuge und Ähnliches möglichst spektakulär zu zerstören und dabei möglichst viele Spielfiguren ins digitale Jenseits zu befördern. Das mag gerade in der zeitlichen Nähe des jüngsten Anschlags schrecklich zynisch klingen, aber der Tag, an dem ein solches Spiel erscheint, wird kommen, und sei es als Undergroundspiel. (Oder gibt es das womöglich bereits? Ich bin da leider nicht mehr auf dem aktuellsten Stand.)

Ich fürchte sogar, dass diese Popreferenz so weit geht, dass Terror nur noch das ist, was in der Populärkultur stattfindet, über das also möglichst in bewegten Bildern berichtet wird. Das ist meiner Meinung nach sogar einer der Gründe, warum hiesige Gewalttaten sofort unüberlegt diesem Tatumfeld zugeordnet werden. Töten dagegen Drohnen irgendwo am Hindukusch ganze Familien, ohne das es Bilder davon gibt, können wir es als Tat, ja als Terrorakt nicht wahrnehmen.4 Es geschieht auf einem blinden Fleck der öffentlichen Wahrnehmung.

Mich interessierte, ob diese Referenzialität wirklich erst mit dem großen Aufkommen des Pops entstanden ist. Oder kann sie womöglich schon am dilettantischen Terrorismus im Zarenreich oder den Bombenlegern der Nazis beobachtet werden? Eine Art Popkultur gab es ja auch damals schon in den Groschenheftchen. Aber enthielten sie auch Ansichten oder Haltungen jenseits ideeller Färbungen, die als Blaupause fürs eigene Handeln dienten? Oder brauchte es eher die Verrohung des ersten Weltkriegs für dieses gewissenlose Handeln, das ja auch den Serienmord auf ganz neue Höhen brachte?

Im Umkehrschluss bedeutet es zugleich, dass der Terror der kommenden Jahrzehnte sich schon heute in der Popkultur abspielt. Wer wissen möchte, wie Terror in den 2030ern aussehen wird, muss die Popkultur beobachten.

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1 Mir fehlt leider gerade die Zeit zum Nachprüfen, gleichwohl möchte ich die folgenden Gedanken schon jetzt veröffentlichen.

2 Während parallel andere Kriminalität eine Art Elitisierung erlebt hat: Wer heute bei einem Banküberfall richtig Geld verdienen möchte, geht nicht mit einer Waffe in ein Institut oder sprengt Automaten auf. Er studiert finanzwirtschaftliche Fächer und/oder Informatik und sorgt mit seinem Know-how hinter den Kulissen für einen stillen Besitzerwechsel der Gelder.

3 Ausnahmen wie der UNA-Bomber bestätigen die Regel, wobei dieser letztlich auch mehr oder weniger unfreiwillig die moderne Einzelkämpfergeschichte Hollywoods reproduziert, allerdings ohne über eine eigentliche Peer-Group zu verfügen.

4 Dazu kommt natürlich noch die journalistische Färbung, die dafür sorgt, dass solche Drohnenanschläge als „bedauerliche Kollateralschäden“ des selbsternannten Weltpolizisten gelten, für die natürlich niemand belangt werden kann. Das führt dann zu so abstrusen Ansichten, dass der Anschlag auf den russischen Botschafter in Ankara ebenfalls kein Terror, sondern Vergeltung für Putins Kriegsverbrechen sein soll. Solche Realitätsbiegerei ist kaum weniger zynisch als Putins Handeln, weil mit diesen Techniken letztlich jede Handlung gerechtfertigt werden kann.

Alles, was möglich ist

Es gibt Dinge, die regen mich auf. Genauer: die regten mich auf. Denn ein Mix aus Resignation und beginnender Altersmilde beginnt die Aufregung zu verschütten. Eins dieser Dinge betrifft Menschen und ihre Möglichkeiten.

Vielen Menschen bleiben zahllose Möglichkeiten zeitlebens verwehrt. Diese Erkenntnis kann man unschön finden oder man kann ihr auch neutral gegenüber stehen. Aber seien wir ehrlich, sie wird sich nicht ändern lassen.

Einigen Menschen dagegen bietet sich ein breites Spektrum an Möglichkeiten. Nicht alle nutzen sie. Oft entscheiden sie sich für einen Weg, der nur scheinbar der einfachste ist.

Diese Diskrepanz ärgerte mich. Sie kollidiert mit meinem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Ich finde, die Nichtnutzung eigener Möglichkeiten grenzt an Verschwendung, die ich nicht anders als degoutant bezeichnen kann.

Als Beispiel möchte ich von einem Interpreten erzählen, den ich musikalisch zwar nicht sonderlich wertschätze. Ich anerkenne aber, dass er handwerklich sauber arbeiten kann und Ideen hat. Dagegen gutheiße ich nicht, dass er sich mit Weichspülgedöns und billigen Effekten einen leichten Lenz macht, statt die Qualität bieten, die abzuliefern er meiner Meinung nach locker imstande wäre. Das Nichtgutheißen geht so weit, dass ich mich unter Einfluss hochgeistiger Getränke einmal sehr darüber echauffiert habe, was er da vergeudet. Anwesende Freunde blickten irgendwie pikiert; ich ahne, wie sie sich später über mich gewundert haben mögen.

Es brauchte eine Zeit, bis mir bewusst wurde, dass es eigentlich eine nach außen projizierte Selbstwut war.

Ja, ich weiß, was ich für Möglichkeiten habe. Eigentlich. Und ja, ich weiß, dass ich sie seit Jahren nicht nutze (was für Eingeweihte offensichtlich ist). Für mich persönlich besteht leider das Problem, dass ich sie nicht nutzbar zu machen verstehe.

Vielleicht liegt hier der Denkfehler. Vermutlich wissen viele nicht, welche Möglichkeiten sie hätten. Und selbst wenn sie es wissen, vermögen sie sie wahrscheinlich einfach nicht zu nutzen.

Ein Trauerspiel. Denn wie könnte eine Welt aussehen, in der jeder seine Möglichkeiten umzusetzen vermöchte? Das meine ich nicht im kommunistischen Sinne, sondern eher in einem psycho-emanzipatorischen Sinne. Hier läge die eigentliche Befreiung des Menschen. Aber leider krankt die Idee eben daran, dass Menschen eingerissene Schranken nur dann als solche wahrnehmen, wenn sie sie selbst eingerissen haben. Und diesen Schritt muss man sich eben zu gehen trauen. Denn was jenseits der Schranke lauert, das weiß man nicht oder bestenfalls – nur eingeschränkt: wenn man es nämlich mal geschafft hat, über die Grenze zu linsen.

Möglichkeiten (Symbolbild) / pexels.com

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