Doc Tottes Welt

Essays, Skizzen und Gedanken

Schlagwort: Frank Schulz

Frank Schulz, Onno Viets und der weiße Hirsch

Schulz, vermutlich einer der, wenn nicht sogar der wortgewaltigste aktuell lebende und schreibende deutschsprachige Schriftsteller hat mit dem weißen Hirschen den dritten Band seiner Viets-Reihe vorgelegt. (Anmerkung: Korrekt, Teil 2 habe ich noch nicht gelesen.)

Neben einer kleinen Kriminalgeschichte, deren Auflösung ich im Abgang ehrlich gesagt etwas platt fand, stellt er hier ein Gemälde niedersächsischen Dorftreibens dar, das sowohl in Nah- als auch in Fernsicht überzeugend bestehen kann.

Er präsentiert Jagdwesen vorurteilslos, greift zurück auf Themen wie Vertreibung, Umsiedlung, dem Finden einer neuen Heimat, Linksterrorismus, Traumata von Kriegskindern und posttraumatischen Belastungsstörungen aus der Jetztzeit. Alles ist geflochten in eine penibel & amüsiert aufgezeichnete Sprache mit viel Sinn für Witz in Satz und Wort.

Ich mag sowas. Ehrlich.

Susanne Fischer, Bernd Rauschenbach (Hrsg.), Der Schwindel-Rabe

Wie Stefan Schwarz zu Recht anmerkt, ist „Jemand Lästigen oder auch nur Unpassenden mit einer befriedigenden und plausiblen Lüge abspeisen zu können […] eine der wichtigsten Zivilisationstechniken überhaupt.“* Daher ist klar, dass das Thema des Raben Nr. 51 – Lügen und Schwindel –  schon an sich hochspannend ist. Es wird aber umso spannender, wenn man weiß, dass es hierin Arbeiten gibt von Egner, Barnes, Fanny Müller, Max Goldt, Frank Schulz, Gerhard Polt, Friedrich Forssman und vielen mehr. Diesen Raben muss man also lesen!

* Weiter heißt es: „Man muss länger arbeiten, alle Termine einhalten und sich dauernd mit doofen Bekannten treffen, wenn man nicht lügen kann. Ja, seriöse Lebensgestaltung ist nahezu unmöglich, wenn man nicht aus dem Stand heimische Wasserrohre gebrochen oder über Nacht Autobatterien entleert sein lassen kann.“

Barbara Gafner, Gerd Haffmans (Hrsg.), Der 13-Jahre-Rabe

Der Rabe galt lange Zeit als Unglücksvogel (im germanischen Kulturkreis spätestens seit der Christianisierung), ähnlich ergeht es – meines Erachtens unberechtigerweise – der Zahl 13. Was könnte da Besseres passieren, als dass der Rabe mit seiner Ausgabe Nr. 42 das 13-jährige Bestehen feiert? Eben. Also wurden Texte gesammelt und zusammengestellt, Autoren und Zeichner wie Bernstein, Henscheid, Gernhardt und Rühmkorf, Egner, Haefs und Schulz zur Kollekte gebeten. Heraus kam eine Reihe spaßiger und nachdenkenswerter geistige Ergüsse, die die einzelnen Jahre von 1981 bis 1993 erklären und schildern mögen. Der Ansatz, dass jeder ein betreffendes Jahr aus seiner Warte beschreibt, behagt mir ganz besonders, weil er in dieser Zusammenstellung eine ungewöhnliche Perspektive erzeugt. Lohnt sich!

 

Gerd Haffmans (Hrsg.), Der Tier-Rabe

Es gibt eher wenig Tiere, die lesen können, aber zum Glück kann man Tierspuren lesen. Oder den Tier-Raben (Nr. 38). Dieser moderne Brehm ist gespickt mit Bierce, Schopenhauer, Gernhardt und Egner. Wir werden von Monty Python fortgebildet, von Elsemarie Maletzke, Wiglaf Droste und Frank Schulz. Alles in allem unterstreicht es meine Theorie, dass, wenn es keine Tiere gäbe, sie erfunden werden müssten, da sie zu einem nicht unbeträchtlichen Teil unserer Unterhaltung dienen. (Deshalb sollte man sie eigentlich auch nicht essen, oder zumindest nicht so viele von ihnen. Schließlich ist auch ein Radio oder Fernseher eher wenig bekömmlich.)

Frank Schulz, Onno Viets und der Irre vom Kiez

Ja, Schulz hat wieder zugeschlagen. Und nachdem ich ihn mit der Hagener Trilogie erst vor wenigen Monaten kennen- und schätzengelernt habe, war es natürlich Ehrensache, den Viets zu erstehen, sobald ich davon erfuhr. Die Rezension im Freitag klang noch etwas gemischt, die Lektüre fand ich deutlich erfrischender als der Rezensent (und offenbar auch andere Rezensenten; mir wird permanent von irgendwelchen Verrissen berichtet).

Worum geht es? Der beim Finanzamt verschuldete Onno Viets verdingt sich aus Not und einer Laune als Privatdetektiv, stellt sich dabei eher dämlich an, hat aber etliche Male Glück im Unglück (und das auf eine amüsante, slapstickartige Weise). Schließlich lernt er ein Tier von einem Kerl vom Kiez kennen, der mit seinem Auftrag als Private Eye zu tun hat. Natürlich geht zum Ende so einiges schief, bis sogar … je nun, das Ende möchte ich nicht verraten.

Schulz bedient sich zahlreicher Techniken bei diesem Werk. Er greift nicht nur klassische Themen und Beschreibungen auf, springt behende zwischen den Perspektiven. Nein, es gelingt ihm auch, das YouTube-Phänomen zwischen zwei Buchdeckel zu pressen (und YouPorn ganz nebenbei auch). Natürlich erreicht der Viets nicht die Tiefe der Hagener Trilogie, dafür fehlen ihr schon die Seiten und die Ansichten. Aber eigentlich ist Viets eine Reinkarnation von Kolk – nur anders. Wer sich amüsieren möchte, und mehr als zwei Fremdwörter kennt, wird mit der Kiezerzählung nichts falsch machen.

Frank Schulz, Das Ouzo-Orakel

Der dritte und quasi abschließende Band der Hagener Trilogie. Sein Beginn für mich wenig prickelnd, weil ich schon immer ein sehr gespaltenes Verhältnis zu Griechenland und der griechischen Kultur hege (und nicht erst, seit sie sich den Euro erschlichen haben). Richtig, das Buch spielt in Griechenland, zumindest weitgehend. In diesem Band zeigt Schulz zwei ganz besonders großartige Leistungen. Da ist zum einen sein Vermögen, derart in andere Personen zu schlüpfen, dass der Erzähler enorm organisch wechselt und Ich-Sichten schildert, die mit der Perspektive des Erzähler eigentlich nichts zu schaffen haben (wenn man davon absieht, dass der Erzähler dieses Sich-Versinken in andere Ichs als psychologische Technik anwendet). Zum anderen ist ihm eins der stärksten Kapitel gelungen, die ich seit langem gelesen habe: Hierin schildert er den Tag, an dem der Erzähler Bodo Morten vom Kind zum Erwachsenen wird. Nein, ich meine keine Szene, in der er entjungfert wird, sondern die Szene, in der ihm bewusst wird, dass sein Spielzeug von gestern keinen Wert mehr für ihn hat, dass stattdessen ab sofort andere Dinge zählen wie das Weib, der Alkohol und die Zigaretten. Hier ruht schließlich der Antrieb für die anderen beiden Bände der Trilogie.

Frank Schulz, Morbus Fonticuli

Der zweite Band aus der Hagener Trilogie. An dieser Stelle kann ich darauf hinweisen, dass es inhaltlich praktisch egal ist, in welcher Reihenfolge man die Bücher liest. Stilistisch merkt man jedoch, dass Schulz vom ersten zum zweiten Band Fortschritte gemacht hat. Er gibt die Thekenlautschrift auf, was Einzelnes lesbarer macht, ohne einen Deut Humor zu verlieren. Der Text selbst handelt vom Erzähler Kolks blonder Bräute, diesmal wird der große Zusammenbruch des Erzählers geschildert und wie es dazu kommen konnte. Schulz bedient sich der Technik Rahmenhandlung (mit mehrfachen Wiederholungen) und einer Art Tagebücher im Zentrum. Die Tagebücher sind zuweilen etwas zäh, im Ganzen ist die Geschichte aber durchaus packend. Eine besondere Kunst gelingt Schulz allerdings mit einem erzählerischen Trick: So wie schon im Kolk der Erzähler ein wenig springt zwischen einer echten Figur aus Kolks Leben und einem allwissenden Erzähler, treibt Schulz es im Morbus auf die Spitze. Er schreibt aus dem Inneren zahlreicher Figuren, um den Kontrapunkt zu setzen, dass diese Figuren das Erzähler-Ich sehen, treffen, beschreiben. Der Erzähler verlässt also seinen eigenen Körper und seinen Geist, verschmilzt mit anderen Figuren, bleibt aber quasi die ganze Zeit Ich-Erzähler. Im letzten Band der Trilogie, soviel kann ich verraten, wird quasi erklärt, was es mit dieser Technik auf sich hat. Sie spielt nämlich eine nicht ganz unwichtige Rolle im Leben des Erzählers Bodo Morton.

Zusammenfassend: ein Brocken, nicht immer leicht, aber auf jeden Fall wertvoll. Ein Buch, das gelesen zu haben ich nicht missen möchte.

Frank Schulz, Kolks blonde Bräute

Eine späte, aber dennoch eine Entdeckung für mich. Nebenbei eine Entdeckung, die für sich genommen schon eine kleine Geschichte ist.

Ich hasse dümmliche Werbetexte. Insbesondere den Schrott, den Herr Tolkemitt seit Jahren fürs Merkheft produziert oder produzieren lässt. Ich kriege zu viel, wenn ich zum 95. Mal einen Satz lesen muss wie „so hätte XY geschrieben, wenn er nicht bescheuert gewesen wäre“. Der Satz ist einmal (in Ziffern 1x) auf Flann O’Brien und James Joyce angewandt worden und wird nicht dadurch besser, dass man ihn ständig aufwärmt und James Joyce durch Arno Schmidt ersetzt. Genau dieser Satz kam aber im Merkheft jahrelang bei Frank Schulz vor. Warum, weiß ich nicht. Denn wer ihn so fabriziert hat, ist definitiv noch bescheuerter, vor allem aber langweiliger und unkreativer als Angela Merkel. Das hierzu.

Mit so einem Sätzchen also („So hätte Arno Schmidt geschrieben, wenn er nicht bescheuert gewesen wäre“) wurde mir jahrelang Frank Schulz vergrault. Mit vergleichbaren dümmlichen Werbesätzchen zu Herrn Kapielski erging es mir ähnlich (siehe hier). Letzteren hatte ich aber dank einer Freundin glücklich für mich entdeckt, sodass ich mich königlich amüsieren konnte. Nur prasselte neulich wieder eins dieser unsäglichen Merkheftchen ins Haus. Bilde ich es mir eigentlich ein oder werden das wirklich immer mehr? Egal.

In diesem Merkheftchen stand nun angepriesen: Schulz, Hagener Trilogie zum vertretbaren Preis. Meinereiner, offensichtlich schwer übermüdet, verwechselte angesichts der ähnlich dümmlichen Anpreisung Schulz mit Kapielski. Ich freute mich also und bestellte die Trilogie. Tage später trudelt das Paket ein, ich freu mich noch mehr, pack es aus, schau auf die Bücher und – da fällt der Groschen: Schulz ist nicht Kapielski. Und umgekehrt.

Ich ärgerte mich etwas. Über meine Unaufmerksamkeit, über die ewig bescheuerten scheiß Zweitausendeinstexchen. Trotzdem beschloss ich: Okay, du guckst jetzt zumindest mal rein. Und las Kolks blonde Bräute. Und amüsierte mich. Nicht so wie bei Kapielski, der ist ganz anders, ich amüsierte mich aber eben auch.

Schulz schafft im Kolk vor allem eins: Er stellt wunderbar die Hamburger Trinkerszene dar, umschreibt vorzüglich die niederdeutschen Dialekte und kann eins: Witze erzählen. Und zwar so, wie sie an der Theke erzählt gehören. (Das beweist er auch in den Folgebüchern, dazu die kommenden Tage mehr.)

Wer also gern eine Stange Bier abbeißt, die Gepflogenheiten in Hamburg und in Kneipen kennt – der wird an diesem Buch viel Spaß haben. Zumal die Sprache auf einem angenehm hohen Niveau ist. Nicht zu abgehoben, aber dennoch so, dass man merkt, der Mann kann Deutsch.

Läuft mit WordPress & Theme erstellt von Anders Norén