Doc Tottes Welt

Essays, Skizzen und Gedanken

Schlagwort: Mein Vater (Seite 1 von 4)

Mein Vater, meine Mutter

Das war es nun vorläufig mit dem Vaterprojekt. Nicht auszuschließen, dass mir doch noch das ein oder andere einfällt, das dann im Rahmen einer Sortierung und Zusammenstellung womöglich in Form eines E-Books mit einfließen wird (ja, ich weiß, den Scherbenhaufen hab ich auch vor Ewigkeiten angekündigt; es ist nur einfach ein ganz massives Zeitproblem).

Es kamen Fragen auf. Selten hier im Blog, häufiger in persönlichen Gesprächen mit Lesern. Eine der Fragen war, warum meine Mutter hier so eine geringe Rolle spielt, sie hätte meine Schwester und mich doch immerhin nach dem Tod unseres Vaters versorgt und aufgezogen. Mir schien, die Antworten auf diese Frage läge auf der Hand, daher hatte ich sie hier gar nicht erst angesprochen.

Erstens stört man sich vor allem an dem, was fehlt – man beachtet weniger, was „sowieso“ da ist. Das gilt nicht nur für liebe Menschen um einen herum, sondern genauso für gute Laune oder wirtschaftliche Mittel: Solange ich sie habe, ist es nichts Besonderes. Erst wenn sie fehlen, spüre ich das Manko. Das mag eine doofe menschliche Eigenschaft sein, aber es ist eben eine menschliche Eigenschaft, von der auch ich mich nicht freimachen kann.
Der offensichtlichere Grund für die Gewichtung war zudem das Thema an sich: Dass in einem Text über meinen Vater der Fokus auf ihm liegt, finde ich wenig überraschend. Ich hab in diesem Rahmen schließlich auch keine einzige Zeile über meine Wellensittiche verloren.
Trotz allem nehme ich die Kritik an. Seit einigen Wochen überlege ich, analog meine bisherigen Erinnerungen an meine Mutter zu sammeln, zu bündeln, niederzuschreiben und ebenfalls hier zu posten.
Immerhin ist das Projekt jetzt schon gedanklich so weit gediehen, dass ein anderes Projekt, das bereits in den Startstiegen hockte, vorläufig auf Eis gelegt ist (es benötigte ohnehin deutlich mehr Zeit).
Ja ich frage mich zudem, inwieweit sich das nicht ebenfalls für meine Großeltern lohnen könnte, wobei viele meiner Erinnerungen an sie eng mit Erinnerungen an meine Eltern verbunden sind. Sie könnten daher ebensogut in deren Texte eingebunden werden.

Das Projekt wird Zeit in Anspruch nehmen. Zeit, von der ich viel zu wenig habe. Seit einigen Wochen komme ich praktisch schon nicht mehr dazu, Bücher zu lesen (ich kämpfe mich in Zeitlupe durch den furchtbaren Wallenstein Golo Manns und genieße zur Abwechslung bestenfalls ein paar Aphorismen von Kraus). Extra „Zeitverlust“ erzeugt vor allem ein lang gehegter Traum, den ich in endlich die Wirklichkeit umsetze, da ich tatsächlich Russischunterricht nehme.
Aus all diesen Gründen kann es sein, dass es hier in nächster Zeit etwas ruhiger wird. Aber ich werde nicht verschwinden, sondern wiederkommen und auch versuchen, mich zwischendurch zu melden. Versprochen. Wer in dieser Zeit nichts verpassen möchte, dem empfehle ich die Abofunktion unten rechts.

Mein Vater (32)

Es gibt so vieles, das ich nicht von meinem Vater weiß, so vieles, das ich nie erfahren werde. Einzelne Details verrät mir meine Mutter häppchenweise, andere Informationen sind Standards, die sie fast wie ein Papagei wiederholt. So zum Beispiel, dass er nicht mit Geld umgehen konnte. Oder dass er keinen Geschmack hatte. Das sagt jedenfalls meine Mutter, um zu unterstreichen, dass beides bei ihr anders sei.

Lange Jahre hat mich sehr beschäftigt, wie wenig ich eigentlich über ihn weiß. Es machte mich unsicher, weil ich mich fragte, ob es etwas geben könnte, das ich nie über ihn erfahren konnte, aber womöglich von ihm geerbt habe. Schließlich habe ich Teile seines Humors geerbt und auch diese Tendenz zur Sicherheit, die noch dadurch unterstützt wird, dass ich jedes Mal verlässlich gescheitert bin, wenn ich doch einmal etwas gewagt habe. Beruflich. In der Liebe. Immer.

Inzwischen halte ich meine früheren Frage nach charakterlichen Geheimnissen meines Vaters, die ich geerbt haben könnte, für Blödsinn. Ich bin in vielerlei Hinsicht bescheuert und kann meiner Umgebung eine echte Plage sein. Höchstwahrscheinlich liegt darin die Wurzel für mein Scheitern. Aber daran trage nur ich Schuld, nicht mein Vater. Und wenn sie doch mit ihm verbunden wäre, dann höchstens, weil ich als Kind mit seinem Tod allein fertig werden musste, weil meine Mutter viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt war, um sich auch um das Seelenheil der Kinder zu kümmern.

Während der Niederschrift dieses Projekts habe ich meinen Vater gerade um ein paar Monate überlebt. Ein seltsames Gefühl, vor dem ich viele Jahre große Angst hatte. In depressiveren Momenten war ich davon überzeugt, dass meine Psyche mich vorher auf die eine oder andere Weise ins Jenseits führen würde, ohne dass ich sagen könnte, warum.

Ich habe überlebt. Mit vielen Narben auf der Seele. Kaputt, zerfressen, unzufrieden und vom Leben davon überzeugt, dass Glück meine Sache nicht ist und nie sein wird. Es soll einfach nicht sein.

Es ist nicht leicht, sich damit abzufinden. Früher dachte ich, es fiele leichter, wenn man dieses Schicksal annimmt. Wenn man sich bloß dieser Unfreiheit bewusst wäre. Ich dachte, wenn man weiß, dass man sowieso verliert, hätte man wenigstens im Kleinen gewonnen, weil man sozusagen auf den richtigen Spielausgang wetten könnte.

Aber nichts ist so unbefriedigend wie das Wissen, dass man nicht gewinnen kann. Und doch – was können wir letztlich gewinnen außer einzelnen schönen Momenten? Sie sind die Sprossen der Leiter, auf denen wir aus dem Gefängnis des Alltags klettern können. Das Schlimmste, was passieren kann, ist, wenn diese Sprossen morsch werden, wenn sie uns keinen Halt mehr geben können und wir ungebremst in die schwarze Trübnis stürzen. Wer einmal dort unten liegen musste, mit zerschmetterten Knochen, der weiß, dass man das schlimmstenfalls seinem ärgsten Feind wünscht.

Die schönen Momente. Auch die schönsten Momente vergehen, sobald wir für immer die Augen schließen. Und manche schon vorher.

Mein Vater (31)

Mein Vater hatte Dinge, die typisch für ihn waren, die ich mit ihm verbinde, oft sogar nur mit ihm.

Seine gescheitelte Frisur mit der hohen Stirn erzeugte er jahrelang mit einer ungewöhnlichen Bürste: Es war eine runde flache Bürste in Orange, ohne Handgriff, weil man sie als Ganzes in die Hand nahm, um die Haare in Form zu bringen. Ihre Borsten waren ebenfalls aus Kunststoff und ich bin mir ziemlich sicher, dass die komplette Bürste in einem Stück gespritzt war. Ich weiß weder, wo diese Bürste abgeblieben ist, noch habe ich später jemals so eine Bürste gesehen.

Auch der Rasierhobel, der jahrelang im Allibert unserer Gästetoilette gelegen hatte, ist irgendwann verschollen. Als ich ihn mal auseinandergenommen und wieder zusammengesetzt hatte, habe ich erst die Form von Rasierklingen verstanden. Ich kann mich nicht erinnern, meinen Vater jemals bei der Nassrasur gesehen zu haben. In meiner Erinnerung gibt es nur den Elektrorasierer, der natürlich ebenfalls orange war. Den hatte ich mir als 14-Jähriger unter den Nagel gerissen, als ich den ersten lächerlichen Flaum unter der Nase entdeckte.

In der Bar oben hatte mein Vater allerlei Spirituosen. Vieles davon waren Geschenke, manches aus dem Urlaub mitgebracht, das Meiste wurde ewig lange nicht getrunken, bis ich irgendwann zusammen mit Freunden anfing, mit der ganzen Plörre herumzuexperimentieren. Da stand ein Whiskey (schlecht), eine Flasche Küstennebel, Cognac, Sherry, Weinbrand, Schnaps, Aquavit – ach, allerlei Fusel und sonstiges Zellgift.

Als meine Schwester aus dem Raum neben der Bar nach unten in den neu ausgebauten Kindertrakt zog, übernahm mein Vater diesen Raum als Büro und für seine Amateurfilmutensilien. Hier lag überall Zeichengerät herum, Kunststoffstifte von Castell und die passenden Minen, von denen ich heute noch 40 Jahre alte Päckchen herumfliegen habe, Tuschstifte, Zeichenpapier auf Rollen, Rasierklingen samt Halter, um Fehler auf den Tuschzeichnungen korrigieren zu können, Rechenschieber und Lineale und anderes Zeugs. An einer Wand hatte mein Vater eine schmale weiße Metallschiene angebracht, auf der waren immer ganz viele bunte Magnete, von denen ich heute auch noch einige besitze. Er nutzte sie, um hier seine Filmstreifen aufzuhängen, wenn er seine Amateurfilme schnitt. Dazu hatte er einen einen kleinen Kasten, ähnlich einem Projektor, nur dass der das Bild vom Film auf einen kaum handgroßen Bildschirm warf. Mittels zweier Kurbeln konnte der Film bildgenau hin- und hergerollt werden. War die richtige Stelle für den Schnitt gefunden, wurde der Film getrennt. Dann konnten die einzelnen Schnipsel auf einem zweiten Gerät mit Kleber und einer Art Tesafilm wie gewünscht zusammengeleimt werden. Dazu trug mein Vater immer weiße Baumwollhandschuhe, die er von einem befreundeten Bestattungsunternehmer bekam. Ich kann mich erinnern, dass ich einmal dabei war, als er einen Stoß Handschuhe bei dem Unternehmer abholte. Das war derselbe Bestatter, der meinen Vater unter die Erde brachte. Die Handschuhe habe ich Jahre später zum Breakdancen missbraucht.

Unten in der Küche hing an der Wand lange ein großes Holzbrett mit einem superscharfen Fischmesser. Ich glaube, meine Eltern haben es mal bei einer Tombola des Presseballs gewonnen. Das Messer verbinde ich komischerweise nur mit meinem Vater, weil er, als er es einmal benutzt hatte, sich prompt in den Finger geschnitten hatte. Meine Mutter benutzte es gar nicht, weder vorher noch nachher. Auch ansonsten hatten wir allerlei Zeugs, das unsere Eltern beim Presseball gewonnen hatten: die bereits genannten Stövchen mit den Pfännchen, eine Espressomaschine mit kleinen Tässchen (Letztere fliegen auch irgendwo bei mir herum, obwohl ich sie kaum brauche).

Oben in der Bar hatte mein Vater zwei Wandschränke. In ihnen lag ebenfalls mancher Kram. Für uns Kinder war es immer oberspannend, darin herumzustöbern. Mal fanden wir alte Fotos unserer Eltern, mal fanden wir ein Pfeifenset meines Vaters. Er hatte mit dem Rauchen aber bereits aufgehört, bevor meine Erinnerung einsetzt.

Als Kind hatte mein Vater einmal auf einer Halde einen großen Ammoniten entdeckt und nach Hause geschleppt. Seine Mutti warf den unnützen Stein sofort in den Müll.

An einer Wand der Bar hing lange eine Zeichnung meiner Mutter, die hatte sie machen lassen, als unsere Eltern gemeinsam in Paris gewesen waren. Irgendwo an der Seine hat sie sich da zeichnen lassen, mit Buntstift auf einem festen graublauen Papier. An der Wendeltreppe nach oben hingen ebenfalls viele Jahre vier oval gerahmte Schattenschnitte der ganzen Familie: mein Vater, meine Mutter, meine Schwester und ich. Die Schattenschnitte sind einmal auf dem Essener Weihnachtsmarkt angefertigt worden, ich kann mich sogar noch genau erinnern, wo der Stand gewesen war (an der Nordseite des Kennedyplatzes).

Anderen Krams hatte mein Vater auch in den Schränken unter der Stereoanlage gehortet. Da war zum Beispiel ein Tonbandgerät, das aber schon lange nicht mehr richtig funktionierte. Irgendwann, da muss ich so 12 gewesen sein, entdeckte ich auch das Diktiergerät, das mein Vater sich kurz vor seinem Tod gekauft hatte. Als ich es entdeckte, war ich wie elektrisiert. Ich suchte passende Batterien, weil die alten natürlich längst leer waren und startete das Band. Mein Vater hatte es noch gar nicht richtig verwendet, sondern lediglich mit „eins, zwei, drei, Test, Test, Test“ besprochen. Und ich war erschreckt. Es waren erst wenige Jahre vergangen, aber ich erkannte seine Stimme nicht auf dem Band, obwohl ich genau wusste, dass er es gewesen war. Damals fiel mir zum ersten Mal auf, wie vergänglich Erinnerung ist.

Mein Vater (30)

Mein Vater hat uns zwar irgendwie wenig direkt selbst erzogen, war aber trotzdem für uns Kinder da. Eine Zeit lang bin ich immer mit Licht eingeschlafen und manchmal versuchte ich, so lange wach zu bleiben, bis einer unserer Eltern kamen, um das Licht auszuschalten. Meist hab ich meinen Vater dabei „erwischt“. Als ich ganz klein gewesen bin, muss ich laut meiner Mutter wiederholt nachts im Schlafsack leise die Wendeltreppe hinaufgeklettert sein, wo meine Eltern beim Fernsehen saßen. Angeblich brauchte mein Vater nur streng zu gucken und so zu tun, als griffe er nach einem Pantoffel, und ich verschwand wieder in mein Bett. Erinnern kann ich mich daran nicht.

Ich kann mich aber noch an ein paar meiner Kindergeburtstage erinnern. Einmal – da muss ich vier gewesen sein – da hatte ich ausgerechnet zu einer Geburtstagsfeier (meiner Schwester?) Mumps und bekam einen kleinen gelben Radlader geschenkt. Bei meinem Geburtstag im Jahr darauf hatte ich meine Kindergartenfreundin Eva eingeladen, Eva mit den langen Zöpfen, noch heute kann ich mich an sie erinnern, aber ich war irgendwie quengelig an dem Geburtstag, vielleicht die Vorfreude, ich weiß es nicht, jedenfalls drohte mein Vater damit, bei Evas Eltern anzurufen und sie auszuladen. Das hatte gesessen und ich benahm mich, so gut es nur möglich war.

Mein Vater (29)

Mein Vater war selten beim Einkaufen dabei. Aber ich bin als Kind gern zum Einkaufen mitgegangen, zum Markt, zum Deutschen Supermarkt, an dem der Papst beim Besuch des Bistums vorbeigefahren worden war, zum Karstadtsupermarkt im Keller, bei dem die Brathähnchen schon lächerlich, aber immer noch um ein Vielfaches besser waren als in der Ranzbude von einem Wiener Wald. Wenn mein Vater mit einkaufen kam, dann eher samstags. Oft begann der Einkauf dann mit einem Gang zur Post. Das Gebäude steht heute noch, wird aber hauptsächlich zur Lagerung von Paketen genutzt. Früher musste man die Alfredstraße überqueren, benannt nach einem Krupp, wie so vieles in Essen. Man trat auf der rechten Seite ins Gebäude ein, hier im Eingangsbereich musste man erst ein paar flache Stufen überwinden, um zu einem Absatz zu gelangen, der über weitere Stufen nach links in den Schalterraum führte. Auf dem Absatz stand, was das Einkaufen mit Postbesuch besonders spannend machte: eine große Waage. Man brauchte lediglich einen Groschen einzuwerfen, stellte sich drauf und das Gerät zeigte an, was man wog. Obwohl wir auch zu Hause eine Waage hatten, war das Postungetüm für meine Schwester und mich ungemein spannender, vermutlich weil es Geld kostete. Es hatte fast etwas von Jahrmarkt. Wie oft haben wir zwei unseren Vater um Groschen für diese Waage angebettelt? Der Schalterraum daneben, mit seinen muffligen Postbeamten hinter ihren rechteckigen Glaswaben, gegenüber die wandschrankgleichen Telefonzellen und dazwischen wie reingestopft allerlei Tische und Ständer für Formulare, an der Kopfseite die Paketannahme, die vermutlich 50 Jahre unverändert geblieben war, an den Wänden und Säulen Fahndungsplakate, die ab den Spätsiebzigern immer massiver wurden und die für uns frisch alphabetisierten Kinder anfangs für Rätsel sorgten, weil wir den Unterschied zwischen Touristen und Terroristen kaum greifen konnten.

Statt mit uns einkaufen zu gehen, organisierte unser Vater eher irgendwas, was wir am Wochenende unternehmen konnten. Mal waren wir in der Messe Essen und schauten uns Autos, Pferde oder anderen Blödsinn an. Mal fuhren wir zu Instrumentehändlern, weil meine Schwester eine Zeit lang Klavier lernen wollte, während ich damals schon zur Geige neigte. Das lobte mein Vater, weil er meinte, ich sei schlau: Die Geige könnte ich immer unterm Arm mitnehmen, ein Klavier nicht. Ich glaube, das ist auch ein unbewusster Grund für mein heutiges Schreiben: Ein Notizbuch und einen Bleistift kann man immer ohne großen Aufwand mitnehmen.

Mein Vater (28)

Mein Vater hatte ein Auto. Bevor er den grünen Audi 80 von den Nachbarn des Ferienhauses kaufte, hatte er einen Opel Rekord C. Wir hatten eine farbige Version, mein Opa väterlicherseits hatte den gleichen Wagen in Schwarz. Im Wagen meines Opas wurde merkwürdigerweise mir schlecht beim Fahren, meiner Schwester wurde dagegen im Rekord meines Vaters schlecht. Einmal ließ mein Vater den Wagen umlackieren. Er hatte sich eine unübliche Farbe ausgesucht. Als der Wagen in der Lackiererei war, alberte er herum und warnte meine Mutter und uns Kinder davor, die Fenster geöffnet zu lassen, weil die Leute dann sicher ihre Briefe einwürfen. Ja, bestätigte er auf Nachfrage, die Farbe sei Postgelb. In Wirklichkeit war es ein etwas dunklerer Farbton. Ich erinnre mich noch dunkel, wie er den Wagen verkaufte, als der Audi kam. Der Wagen stand auf unserem Hof vor unserer Garage. Die Schnauze nach unten gerichtet, weil der Hof wegen der Kegelbahn darunter eine ausgewachsene Delle besaß. Zwei junge Männer kamen, eher schlaksig und mit mittellangen Haaren. Sie liefen wichtigtuerisch um das Fahrzeug herum, schauten unter die Motorhaube, nach dem Auspuff, in den Kofferraum. Sie lehnten sich steifarmig mit dem ganzen Oberkörper federnd auf den Kühler und den Kofferraum, um die Stoßdämpfer zu prüfen. Schließlich wurden sie mit meinem Vater handelseinig.

An Fahrten mit meinem Vater habe ich nur wenige Erinnerungen. Sie waren zu gleich. Ich saß hinter ihm, meine Schwester hinter unserer Mutter. Hin und wieder gab es Zoff zwischen meiner Schwester und mir, dann wurde mein Vater ernst. Bisweilen versuchte er mit der rechten Hand um den Sitz zu gelangen und einem von uns einen Klaps auf die Beine zu verpassen. Das versuchte er auch, wenn ich ihm von hinten in die Rückenlehne trat, weil ich – warum auch immer – wegen irgendwas sauer war. Wir hatten im Auto damals oft eine Tüte dabei für wenn es einem von uns schlecht ging. Wir Kinder lernten uns anschnallen, und zwar sobald wir uns ins Auto setzten. Noch heute schnalle ich mich im Auto reflexartig an, selbst wenn ich nur auf einem Parkplatz stehe und der Motor nicht läuft.

Mein Vater (27)

Bei der Kleidung meines Vaters muss ich hauptsächlich an an typische Kleidung der Spätsiebziger denken. Die schlimme Zeit des Übergangs in die Achtziger. Hemden, Krawatten und ganz besonders muss ich immer an einen grünen Wildlederblouson denken. Den trug er auf den letzten Fotos, die von ihm gemacht wurden; eine Serie Passbilder plus große Abzüge. Das Foto hing an verschiedenen Stellen in unserer Wohnung, inzwischen ist es auch in meiner Wohnung zu sehen, seit ich seinen Tod nicht mehr verdränge.

Mein Vater hatte auch hellbraune Stiefeletten. Als ich ca. 14 war, passten sie mir und ich stiefelte stolz in ihnen herum. Das war das Ominöse: Meine Mutter hob die Kleidung meines Vaters viele Jahre lang auf. Als würde er eines Tages zurückkommen. Sie konnte sich lange nicht davon trennen und brauchte Jahre, um seinen Kleiderschrank zu leeren und für ihre eigenen Sachen zu entern.

Mein Vater (26)

Mein Vater war Filmfan. Er schätzte vor allem Hitchcock und Leone. Von Spiel mir das Lied vom Tod hatte er sogar die Single mit dem Titellied zu Hause. Als Kind nahm ich die Single gern in die Hand und bewunderte mit einem gruseligen Schauer das Cover, auf dem die Erschießungsszene vom Anfang sehr bewegt dargestellt war.

Natürlich ging mein Vater auch mit uns ins Kino, allerdings in andere Filme. Mein erster Kinofilm war Bernhard und Bianca. Das war natürlich in der Lichtburg. Ich war von Anfang an bis aufs Äußerste fasziniert und ließ mir von meinem Vater erklären, wie man Trickfilme macht. Hier hatte er besonders viel Ahnung und konnte mir detailliert erläutern, wie man macht, dass gezeichnete Albatrosse fliegen.

Seine Kenntnisse beim Wetter waren dagegen weniger brillant (oder er hatte weniger Lust, sie an mich weiterzugeben). Es gab eine Zeit, da fand ich das Wetter sehr interessant. Ich wollte wissen, warum es donnert und woher die Meteorologen wissen, wie das Wetter am nächsten Tag wird. Letzteres erklärte mein Vater damit, dass die Meteorologen sich abends das Wetter und den Wolkenzug anschauten und deshalb sagen konnten, ob es regnen wird oder nicht. Den Donner erklärte er mir damit, dass er entstünde, wenn die Wolken zusammenstießen.

Ein weiterer Film, den ich mit meinem Vater gesehen habe, war Buddy haut den Lukas. Ich weiß nicht, warum es bei Bernhard und Bianca besser ging, vielleicht war der Sitz kaputt gewesen, aber bei Buddy stellte sich mir in der Lichtburg das Problem, dass ich für den Klappsitz zu leicht war. Der Sitz klappte also ständig nach oben, während ich noch draufsaß. Das amüsierte meinen Vater mehr als der Film.

An Bud Spencer mochte ich vermutlich, dass er körperlich gewisse Ähnlichkeiten mit meinem Vater hatte. Zumal ich meinen Vater sowieso als eine Art Stuntman betrachtete.

Einmal waren wir (mit dem Fußballverein?) in Elspe bei den Karl-May-Festspielen. (War da nicht sogar Pierre Brice persönlich aufgetreten? Jedenfalls war es der Schatz im Silbersee gewesen.) Ich erquengelte mir einen Spielzeugtomahawk aus Gummi, einem Bambusstab und vielen bunten Federn. Während mein Vater sich mit einem Bekannten unterhielt, wollte ich nun eine Szene aus dem Stück nachspielen: Ein Indianer hatte mit dem Tomahawk nach den Beinen eines Bleichgesichts geschlagen, das aber reaktionsschnell genug war, im rechten Moment in die Höhe zu springen.

Mein Vater sprang nicht. Ich lachte, erklärte ihm die Szene, dass er springen und die Beine heben müsse. Also hob er erst ein Bein, ließ den Tomahawk vorbei und hob dann wie in Zeitlupe das andere Bein.

Mein Vater (25)

Mein Vater hatte eine Kindheit. Überraschenderweise weiß ich nahezu nichts darüber. Ich kenne wenige Geschichten, einzelne Schlaglichter. Ich kenne Baldur, weiß, dass mein Vater in Hessen mal Schlitten gefahren ist, ich weiß, dass er eine Lehre als Schreiner und eine als Maurer absolviert hat. Ich weiß, dass er als Kind einen Heidenrespekt vor seiner Mutti hatte. Beispielsweise erzählte mir Onkel Peter viele Jahre später, wie beide zusammen im Kino gewesen waren (vermutlich in der Lichtburg). Nach dem Film mussten sie sich beeilen, um pünktlich nach Hause zu kommen. Dazu wollten sie durch den Stadtgarten abkürzen und mein Vater musste – sei es durch die Aufregung, sei es durch die Motion – plötzlich dringend kacken. Und wie es bei meinem Vater so war: Wenn er musste, dann musste er auch, dann gab es kein Halten mehr. Nicht umsonst sang er beim Wandern gern sein Endloslied: „Und scheint die Sonne so warm, dann klemm ich mir Papier untern Arm. Und scheint die Sonne so heiß, dann setz ich mich nieder und schei…nt die Sonne so warm …“

Also schlug er sich im Stadtgarten ins Gebüsch, düngte das Grünzeug und kam natürlich erst recht zu spät. Vermutlich, aber das weiß ich nicht, hat er dafür zu Hause eine Tracht Prügel bekommen.

Die Angst vor seiner Mutter ging übrigens noch viele Jahre weiter. Einmal, da kannten meine Eltern sich bereits, wollten mein Vater und Onkel Peter mit ihren Freundinnen (also meiner Mutter und Tante Gisela) an der Ruhr zelten. Meine Großmutter durfte aber partout nicht erfahren, dass die beiden Jungs gemeinsam mit Mädchen zelten wollten. Sie hätte es meinem Vater garantiert verboten. Also verschwiegen die Jungs es.

Mein Vater (24)

Mein Vater hatte Freude daran, anderen Menschen einen Scherz zu bereiten. Wichtig war ihm aber, dass niemand zu Schaden kam. Entsprechend üblich war es, dass wir Kinder in den April geschickt wurden. Ich erinnre mich an einen 1. April, es muss ein Sonntag gewesen sein, den wir im Westerwald verbrachten. Beim Frühstück eröffnete mein Vater mir, für mich sei im Windfang ein Windvogel. Damals waren das fremde Vokabeln für mich. Drache im Flur hätte ich sofort verstanden. So musste ich mir erst erklären lassen, worum es ging. Als die entscheidenden Wörter gefallen waren, sprang ich auf, rannte zum Windfang und schaute. Aber da war nichts. Zumindest kein Windvogel. Ich lief zurück und musste mich mit „April, April!“ auslachen lassen. In meiner Erinnerung habe ich damals mitgelacht.

Viele Jahre lang hab ich mich aber äußerst ungern auslachen lassen. Heute kann ich es je nach Situation stoisch aufnehmen oder mitlachen. Aber es war ein Lernprozess, genau wie das Verlierenkönnen beim Spielen.

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