Doc Tottes Welt

Essays, Skizzen und Gedanken

Schlagwort: Philip K. Dick (Seite 1 von 2)

Haruki, Murakami, Kafka am Strand

Es gab keinen bestimmten Grund, warum dieses Buch die Lesereihenfolge des Buchpakets abschloss. Ich fürchte aber, es war gut so. Denn von allem, das ich von Murakami kenne, fand ich es bisher am schwächsten.

Sicher, es hat auch sehr viele schöne Beobachtungen, enthält zahlreiche kluge Gedanken, die es wert waren, gedacht, niedergeschrieben und gelesen zu werden. Aber eben diese guten Gedanken hätten problemlos auf die zu zahlreichen Szenen verzichten können, die sich aus den schwülstigen Pseudosehnsüchten eines pubertierenden Jungen speisen.

Ja, es war vielfach ermüdend, diesen klebrigen Schilderungen zu folgen. Sie pusten die Geschichte unnötig auf, die sich ansonsten aus allerlei Ausflügen in Historie, Märchen und – ja, man fast schon sagen – üblichen Murakami-Traumwelten zusammensetzt.

Mehrfach fragte ich mich während der Lektüre, ob Murakami das Buch mit derselben Technik geschrieben hat wie Dick seinem Orakel vom Berg. Letzteres ist bekanntlich entstanden, indem Dick die Entscheidungen der Figuren seinem I-Ging überließ. Das merkt man dem fahrigen und an den meisten Stellen offenen Buch auch an, weshalb ich Dicks Experiment zwar interessant finde, aber für gnadenlos gescheitert halte.

Darauf lässt sich übrigens auch Kafka am Strand herunterbrechen: sehr interessant, aber irgendwie gescheitert.

Heiko Arntz, Gerd Haffmans (Hrsg.), Der phantastische Rabe. Mit großem Philip.-K.-Dick-Sonderteil

Nach dem ich mich zuletzt eher über Raben beklagt habe, kann ich nun mit einem meiner Lieblingsraben aufwarten: Die Nr. 59 ist quasi Philip K. Dick gewidmet und enthält daher u.a. Ausschnitte aus seinen Werken. Dazu gesellen sich verschiedenste Arbeiten von Egner, Bruno Schulz, Holbein, Conan Doyle und anderen. Zwei besondere Highlights sind und bleiben aber der grandiose Essay „Wie man eine Welt erbaut, die nicht nach zwei Tagen wieder auseinanderfällt“ von Dick himself sowie der aufschlussreiche Strip „Die religiöse Erleuchtung des Philip K. Dick“ von Robert Crumb, in der er wundervoll die Visionen schildert, die Dick nach Einnahme von Natriumpentothal im Rahmen einer Zahnarztbehandlung hatte (und die er u.a. im genannten Essay schildert). Diese Visionen waren prägend für seine letzten Jahre und mündeten bekanntlich in die verstörende VALIS-Trilogie und Dicks Paranoia.*

Kurz: Ich liebe diesen Raben. Ich liebe ganz besonders Dicks Essay und bedaure es ja u.a. deswegen, dass der Essayband, den der Heyne-Verlag vor Jahren ankündigte, weiterhin auf Eis liegt. Zum Abschluss möchte ich meinen Lieblingssatz von Dick zitieren, der Satz, der der Schlüssel zu seinem Werk ist und mit dem er einst die Frage einer Studentin beantwortet hatte, die ihn für eine Philosophiearbeit um eine möglichst kurze Definition der Wirklichkeit bat:

Wirklichkeit ist das, was übrig bleibt, wenn man aufhört, daran zu glauben.

* Die von Dick prophezeiten polizeistaatähnlichen Zustände in den USA werden in den vergangenen Jahren übrigens erschreckend real.

Carl Gustav Jung, Bewusstes und Unbewusstes

Ich habe zwar bereits einen Jung angesprochen, möchte aber heute nachholen, etwas allgemeiner über ihn zu sprechen. Wer sich mit professionellen Schreibern darüber austauscht, wer einen guten Schreibstil hat, wird über kurz oder lang nicht bei bei Romanciers stehenbleiben. Auch auf anderen Feldern gibt es da manches zu entdecken. Dazu gehört der Journalismus, aber dazu gehört auch die Wissenschaft. Und ein Wissenschaftler, dem man einen guten Stil zusprechen kann, ist auf jeden Fall Carl Gustav Jung. Ich mag seine Schreibe. Sein Stil ist angenehm zu lesen, gut verständlich auch für den Laien. Es macht Spaß, sich mit seinen Werken zu beschäftigen. Nun räume ich gern ein, dass beim Spaß ein grundsätzliches Interesse am Wirken der menschlichen Psyche nicht schaden kann.

An dieser Stelle finde ich den Titel des vorliegenden Buchs etwas irreführend. Gut, zumeist lässt sich die Psyche in das Bewusste und Unbewusste gliedern. Aber der Inhalt dieses kleinen Taschenbüchleins beschäftigt sich doch mehr mit sehr speziellen Ideen Jungs. Da ist zunächst das – wie er es genannt hat – kollektive Unbewusste. Hier sieht er eine Art Gruppenunbewusstsein, das sich in bestimmten Figuren niederschlägt, die Jung als Archetypen bezeichnete. Das klingt zuweilen etwas seltsam, gerade wenn man so weit geht, die Götter einzelner Völker als Archetypen zu betrachten. Bricht man es allerdings auf eine grobe Stufe hinunter, wird die Betrachtung deutlicher und es erscheinen Grundfiguren, die auf der ganzen Welt in Träumen und Erzählungen und Märchen wiederkehren.

Von diesem Thema ausgehend wird im Buch ferner die Figur „Geist“ im Märchen behandelt, zuletzt befasst Jung sich mit der Psychologie der östlichen Meditation. Fernöstliche Kulturen hatten es ihm besonders angetan. Das lag unter anderem daran, dass sie sich im Gegensatz zu den europäisch-mediterranen Kulturen weniger mit der Außenschau befassen, sondern mehr nach innen blicken. Auch verhalfen ihm die Kulturen mit ihren wichtigsten Grundelementen zur Entwicklung seiner Lehre, die im Gegensatz zu Freud den ewigen Dualismus herausarbeitet. Platt gesagt: Jung hat das Yin und Yang auf die westliche Psychologie übertragen und modern weiterentwickelt.

Ich kann jetzt nicht sagen, ob diese Sichtweisen auch etwas damit zu tun haben, dass ich mit Jung mehr anfangen kann als mit Freud. Aber ich weiß mit Sicherheit, dass mir Jungs Lehren näherstehen. Sie sind im Aufbau schlüssiger und auch ihre Anwendung halte ich für wirkungsvoller als bei Freud. Wenn ich dann noch daran denke, dass auch der hochverehrte Philip K. Dick den Psychologen Jung sehr schätzte – nun, was soll ich da noch sagen?

Philip K. Dick, Simulacra

In Simulacra gelingt Dick eine sehr intelligente Annäherung an die Frage: Was unterscheidet einen natürlichen Menschen von einem künstlichen? Können natürliche Menschen das überhaupt merken? Und ist das überhaupt wichtig? Oder stecken vielleicht andere Gründe hinter dem Ganzen?

Trau, schau, wem – das Zentrum aller Dick-Lektüre feiert hier eine besondere Party, inklusive eines kleinen Exkurses zum Thema Frauen, denen er kaum mehr traute als einer Maschine.

Philip K. Dick, Die Lincoln-Maschine

Für mich ein ganz besonderes Buch. Ich bin mir aber nicht sicher, ob andere es ähnlich sehen. Als ich es las, erging es mir ähnlich wie der Hauptfigur: Ich war ziemlich unglücklich in eine Frau verliebt und während der Lektüre – die Hauptfigur landet schließlich in einer Neurose – überkam mich mehr und mehr der Eindruck, dass es mir ähnlich erging. Besonders schlimm fand ich, dass Dick das Zielobjekt der Hauptfigur ziemlich genau so beschreibt, wie mein Schwarm aussah.

Kurz – man kann sich denken, dass ich bei der Lektüre ziemlich durcheinander war und mich ziemlich hineinfraß. So beeindruckend ich das damals fand, möchte ich doch einräumen, dass ich es zur halbwegs objektiven Beurteilung ich vermutlich erneut lesen müsste.

Philip K. Dick, Warte auf das letzte Jahr

Das ist definitiv wieder eins der besseren Dick-Bücher, etwa in der Liga von Ubik. Es handelt von einem Arzt, der den mächtigsten Mann der Welt behandelt. Komischerweise gibt es von diesem aber gleich mehrere Ausgaben.

Dick spielt hier einmal mehr mit einer Droge, die die Realität verändert. Diesmal hilft sie bei Zeitreisen. Ein faszinierendes Stück Dick!

Philip K. Dick, Irrgarten des Todes

Im Ansatz ist dieser Roman eigentlich ähnlich zu Ubik oder den Stigmata. Jedenfalls ist die Realität einer kleinen Siedlergruppe auf einem fremden Planeten alles andere als sicher. Der Unterschied ist, dass die Siedler Teil eines Experiments sind – ohne es zu wissen. Vielleicht nicht eins der stärksten Bücher von Dick, aber durchaus kurzweilig, wenn nicht lesenswert.

Philip K. Dick, Der galaktische Topfheiler

Damit ich mir nicht nachsagen lassen muss, ich würde jeden Dick-Text bis in den Himmel loben, kann ich in diesem Beispiel mal sagen: Finger weg. Die Story um ein gottähnliches außerirdisches Wesen, das einen terrestrischen Topfheiler braucht ist so ziemlich der schwächste Roman, den ich von Dick kenne. Zum Glück gibt es genug gute Texte von ihm, da kann man getrost auf diesen Band verzichten.

Philip K. Dick, The Three Stigmata of Palmer Eldritch

Nach Ubik der zweite wichtige Roman Dicks. Die Geschichte behandelt einen sehr skurrile Verquickung aus Drogengeschichten und Konsumgeilheit. Zunächst versinken die Menschen anfangs mit Hilfe einer Droge in einer Puppenwelt, dann kommt eine Konkurrenzdroge ins Spiel, die den Nutzern eine echte Parallelwelt bietet. Doch wer in dieser Parallelwelt einmal versunken ist, weiß nie mehr, ob und wann er in die echte Welt gelangt. Das ganze Buch ist ein sehr spannendes Spiel zwischen Realitäten und Wahrheiten. Besonders eindrucksvolle Bilder wie das überdimensionale Gesicht des Palmer Eldritch am Himmel stammen übrigens direkt aus Dicks Welt der Halluzinationen. Erst später ist ihm bewusst geworden, dass es das Bild seines Vaters mit der Gasmaske war, die der in seiner Army-Ausrüstung hatte. Dick hatte sich als Kind einfach schrecklich vor diesem Maskengesicht gefürchtet, und das wirkte nach.

U n b e d i n g t  lesen, sag ich!

PS: Übrigens einer der wenigen Texte, die ich von Dick im Original gelesen und genossen habe.

Philip K. Dick, Das Orakel vom Berge

Das Orakel vom Berge ist ein sehr ungewöhnliches Stück von Dick. Das liegt sowohl am Inhalt als auch an der Herangehensweise, mit der Dick den Text entstehen ließ. Ja, richtig: „Entstehen lassen“ ist wohl die rechte Bezeichnung, denn der I-Ging-Gläubige Dick ließ das chinesische Münzorakel darüber entscheiden, wie die Personen an Scheidewegen im Buch handeln. Das erzeugt oft recht ungewöhnliche Handlungsweisen, als man es aus „normalen“ Büchern kennt – selbst von Dick.

Kurz zum Inhalt: Der Autor spinnt die Idee aus, dass die Nazis und die Japaner den zweiten Weltkrieg gewonnen und die Welt untereinander aufgeteilt haben. In dieser faschistischen Besatzerwelt treiben sich nun die Hauptfiguren herum und entdecken eine Parallelwelt, in der alles ganz anders kam …

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