Doc Tottes Welt

Essays, Skizzen und Gedanken

Schlagwort: SPD

Von Parteien und Plakaten

Werbung und Politik ist so eine Sache. Zahlreiche Werber, Agenturen und Zulieferer entscheiden sich bewusst dagegen, für Parteien und Politiker die Marketingmaschine anzuwerfen. Kein Wunder – der Stress brummt nach Vorhersage pünktlich vor Wahlen, langfristige Kundenbindung findet kaum statt, weil die Wahrscheinlichkeit, die Kundenerwartung nicht zu erfüllen, äußerst hoch ist.

Ich erinnere mich an ein Gespräch mit dem Chef der Agentur, die die Rösler-FDP im Bundestagswahlkampf beraten hatte. Vollmundig erklärte er vor der Wahl, er habe Rösler gleich im ersten Gespräch verordnet, Krawatte und Jackett abzulegen („Stehen Sie nicht da wie ein Liftboy!“). Kurz nachdem er mir das erzählt hat, blamierte sich seine Agentur damit, für die FDP dasselbe Videostockmaterial wie die NPD verwendet zu haben. Schließlich setzte die FDP (oder die Agentur – wie immer man das sehen möchte), die Wahl total in den Sand.

Auch bei der diesmaligen Bundestagswahl sind die Plakate spannender als die Programme. Durch die notwendige Konzentration auf Kürze verraten sie viel über Selbstverständnis oder Dämlichkeit derjenigen, die sie konzipiert und entworfen haben, aber auch derjenigen, die sie freigegeben haben. So ergeben sich interessante Einblicke, auch in die Denke der Parteivorstände.

Beispielsweise blähen die Grünen jedes mir aufgefallene Plakat mit witzlosen Binsenweisheiten und Belanglosigkeiten, die inhaltlich fast jeder unterschreiben kann. McDonald’s-Werbung, bekanntlich für die Masse gemacht, polarisert da stärker. In ihrer bräsigen Fantasielosigkeit unterschreiben die Grünen damit unfreiwillig den Slogan der PARTEI („Inhalte überwinden“). Die Quittung für diese Leere werden die Grünen höchstwahrscheinlich nächste Woche bekommen – und wenn sie Glück haben, werden ihre Spitzenkandidaten endlich die nötigen Konsequenzen ziehen.

Die FDP konnte im letzten NRW-Landeswahlkampf noch mit wirklich cleveren Fotos glänzen, über die ich hier gern geschrieben hätte, was mir aus Zeitgründen leider nicht gelang. Zum Bundestagswahlkampf übersteigern sie ihre 18/1-Plakate (für den Laien: Das sind diese großen Plakatwände) allerdings maßlos. Diese sind mit Überschriften versehen, die den Leser stolpern lassen sollen („Ungeduld ist auch eine Tugend“), letztlich aber leeres Blabla bleiben. Nichts über den Kandidaten, nichts über die Partei und nichts über die Politik, für die sie stehen sollen. Möglicherweise erklärende Worte finden sich zwar ebenfalls auf den Plakaten, aber in nahezu enzyklopädischer Länge und so winzig gedruckt, dass man sich schon eine Viertelstunde davor stellen müsste, um es lesen zu können. Das macht doch keiner! Oder freundlich gesagt: Zumindest aus werberischer Sicht eine Katastrophe.

Die Union warb in den ersten Wochen in meiner Region hauptsächlich mit ihrem Sloganmonster FeDidwgugl, für das sie schon bei der Vorstellung zu Recht Häme einstecken durfte, das aber erst durch die PARTEI auf die verdiente Spitze getrieben wurde. Neuerdings schwenkt die Union jedoch um auf merkelbestimmte Leere. Inhalte zu finden, ist auch hier unmöglich. Immerhin erfüllen die Plakate aber halbwegs das Prinzip des Auffallens, ohne zu viel Worte zu machen.

Anders die SPD. Zu Beginn plakatierte sie auf den 18/1 zwar echte Botschaften, die sogar in großen Lettern geschrieben waren. Aber die Botschaften waren oft so lang, dass selbst ein Schnellleser wie ich zwei-, dreimal an den Plakaten vorbeigekommen sein musste, um den Inhalt beiläufig erfassen zu können. Aktuell blamiert sich der gewesene Arbeiterverein in der Schlussphase durch neue Aspekte. Plötzlich beschränken sich die Plakate auf das Schulz-Ponem, verbunden mit dem Sprüchlein: „Es ist Zeit für Gerechtigkeit.“ Fraglos ein schöner, vermutlich auch richtiger Spruch. Doof ist nur, dass die trübe Tasse von Gestalter die ersten drei Wörter überdimensional aufbläst, den Schluss dagegen schriftgrößentechnisch quasi zu einer Fußnote degradiert.
Man kennt die Methode aus anderen Zusammenhängen: Telekommunikationsunternehmen und die Automobilindustrie versprechen das Blaue vom Himmel in großen Lettern. Die unliebsamen, aber erforderlichen Nutzungsbedingungen bzw. CO2-Angaben der vertriebenen Fahrzeuge schrumpfen dagegen auf den Plakaten zu gedrucktem Fliegendreck.
Was also soll es dem Betrachter sagen, dass die SPD dem Wort Zeit so viel mehr Bedeutung schenkt als dem Wort Gerechtigkeit? Ich hab da so meine Theorie, möchte aber so kurz vor der Wahl niemanden beeinflussen. (Sehr kleiner Scherz.)

Überhaupt fällt auf, dass eigentlich nur die Parteien an den Rändern wie die Linke, die lange eine Agentur suchende AfD oder die MLPD in der Lage sind, griffige Überschriften und Botschaften zu plakatieren. Ich möchte einschränken, dass man deren Botschaften zum Glück nicht mögen muss, um ihnen werberische Aspekte zusprechen zu können. (Und die Sprüche der MLPD wirken zudem dermaßen selbstvergessen historisch daneben, dass sie fast schon wieder putzig klingen.) Diese Parteien haben, aus welchen Gründen auch immer, das Medium Plakat verstanden und setzen es aus werberischer Sicht so ein, dass es bestmöglich wirken kann.

Insgesamt bleibt es dennoch ein Trauerspiel. Die beste Lösung wäre wohl, den Parteien die Werbung gleich ganz zu verbieten. Das würde zugleich Geld sparen und die Umwelt schonen.

Betrachtung über den Misserfolg der SPD

Viel Aufhebens wird um das TV-Duell am heutigen Abend gemacht. Viel Rätselraten beschäftigt auch die Menschen in meinem weiten Umfeld. Ehrlich, ich bin noch bei keiner Wahl so oft von Freunden und Verwandten gefragt worden: Was soll ich eigentlich wählen?

Demjenigen, dem keins der Angebote gefällt, rate ich dringend, wenigstens zur Wahl zu gehen und den Wahlschein ungültig zu machen. Auf diese Weise ist es wenigstens möglich, die Ausschüttung der Wahlkampfkostenerstattung ein wenig zu steuern.

Nicht zum ersten Mal stellt vor allem die SPD die Wähler vor ein besonderes Dilemma. Es mag zwar wie eine Platitüde wirken, aber auch die Agenda 2010 hat die Partei für viele Menschen unwählbar gemacht. Ich selbst sehe über diese Agenda hinaus ein massives Zielgruppenproblem der Partei.

Obwohl sie in der Außendarstellung weiterhin Wert darauf legt, eine Volkspartei zu sein, die sämtliche gesellschaftliche Gruppen bedienen soll, spielen die Genossen doch auch im 21. Jahrhundert das alte Lied der „Arbeiterpartei“. In dieser Fehleinschätzung liegt eine der Wurzeln für den Erfolg der Partei, den man nicht einmal mehr mau nennen kann. Erstens sinkt der Anteil der Arbeiter in diesem Land spätestens seit den 80er-Jahren massiv. Zweitens macht die Partei so gut wie keine Arbeiterpolitik. Sie trägt also nur das alte Deckmäntelchen, das längst wie eine Pferdedecke müffelt, die seit mehreren Dekaden nicht mehr gewaschen wurde. Hier setzt teilweise auch die Agenda 2010 ein: Sie war der Tritt in den Arsch der arbeitenden Massen – sofern man noch von Massen sprechen möchte –, damit diese endlich in der Dienstleistungsgesellschaft ankommt.

Das Doofe ist nur: Die SPD ist und wird keine Dienstleistungspartei. Schlimmer, es gibt praktisch überhaupt keine Partei für Dienstleister. Klar, erfolgreiche Freiberufler wählen vielleicht die Wirtschaftsliberalen um Liftboy Rösler. Weniger erfolgreiche Freiberufler aus den Bereichen der neuen Medien (vulgo: digitales Prekariat) können sich vielleicht bei den Wirtschaftsliberalen der Piraten wiederentdecken, die sich mit ihrem roten Make-up einen sozialen Anstrich verpassen. Aber die Masse der Dienstleister, all die um ihren wahren Lohn betrogenen Reinigungsdienstleister, Friseure, Verkäufer und Wachdienstleister – die haben keine Partei, die sich für sie einsetzt. Im Gegenteil sorgen sämtliche Parteien dafür, dass deren Konkurrenz von Tag zu Tag größer wird, während der reale Lohn proportional dazu schrumpft. Die Forderung nach Mindestlöhnen ist der erste Versuch, wenigstens an diesem Problem eine Kleinigkeit zu ändern. Interessant war bei dieser Forderung lediglich die Beobachtung, aus welchen politischen Milieus sie kam, bis inzwischen sogar die Bundesangie so tut, als wäre sie schon immer dafür gewesen.

Was also, fragt man sich unwillkürlich, will die Führung der SPD eigentlich? Sie setzt sich nicht für ihre vorgebliche Wählergruppe ein; sie setzt sich nicht für die wirtschaftlichen Nachfolger ihrer vorgeblichen Wählergruppe ein; ja sie setzt sich praktisch für niemanden ein – außer für ihre eigenen Funktionäre.

Der Parteiapparat ist längst zu einer Maschine verkommen, die den Selbsterhalt sichert, aber nur durch Energie von außen funktioniert. Schaut man sich den Apparat selbst an, merkt man schnell, dass der Motor rechtsseitig konstruiert ist. Die Partei hat sich zur Geisel des Seeheimer Kreises gemacht, der nach außen durch Strohmänner wie Johannes Kahrs geführt wird, während hinter den Kulissen weiterhin die Schröder-Bagage die Strippen zieht. Wie anders soll man es schließlich nennen, dass Kanzlerkandidatversager Steinmeier nach der letzten Bundestagswahl den Job als Fraktionschef ohne Wahl usurpiert hat? Wie anders soll man es nennen, dass Steinmeier und andere Heimtücker nach einer monatelangen Vorbereitungsphase Dauerversager Steinbrück – ich erinnere an seine Zeiten als Pleiteminister Schleswig-Holsteins, als Pleiteminister Nordrhein-Westfalens und als Loserministerpräsident, der gegen die Obernulpe Rüttgers die Wahl verloren hat; da brauche ich Steinbrücks ahnungslose Politik als Bundesfinanzminister nicht einmal anzuführen – in die Position des Kanzlerkandidaten gehievt haben?

Der Seeheimer Kreis ist nicht nur auf falschem politischen Kurs für die Partei, schlimmer, er hat sie gekapert und missbraucht sie, damit seine Mitglieder wenigstens an den Fleischtöpfen innerhalb des Systems sitzenbleiben können. Warum sollte es sie interessieren, die Regierungsmacht zu übernehmen, wenn sie im eigenen Haus auf dicken Macker machen können, dem das Hausweibchen abends die Pulle Bier an die Couch bringt?

Und die Partei? Lässt sich wie das Entführungsopfer mit Stockholm-Syndrom missbrauchen. „Gabriel!“ höre ich die Apologeten des Ausgleichs rufen und „Nahles!“. Ach, ihr Optimisten. Erstens ist Gabriel trotz seines vorgeblichen Linksseins viel zu sehr mit diesem Kreis verbunden (nicht nur Wikipedia führt ihn als Mitglied des erweitertes Leitungskreises der Seeheimer). Und zweitens fehlt sowohl Gabriel als auch Nahles das Zeug dazu, den Strippenziehern die Fäden zu kappen. Selbst wenn die Wahl im September dem Kreis endlich das Genick brechen sollte – und das ist das Beste, das man einer Partei wünschen kann, die ihre Grundsätze seit dem ersten Weltkrieg immer wieder verraten hat –, selbst dann wird eine andere Erneuerung fällig. Gabriel wird sie nicht leisten können, für mehr als ein Interregnum wird es kaum reichen. Ein solches Interregnum muss aber zu einem neuen Aufbruch führen wie weiland unter Brandt. Nur dann trüge die Erneuerung ihren Namen zu Recht. Und ohne sie ist diese Partei nicht mehr zu retten.

Dagegen wäre es eine Katastrophe, wenn es den Seeheimern gelänge, einfach nur auf Merkels Abtritt zu warten und mangels Nachfolger(in) das faule Fallobst zu ernten, das auf dem Boden vergammelt.

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