Doc Tottes Welt

Essays, Skizzen und Gedanken

Schlagwort: Wassili Grossman

Ismail Kadare, Die Dämmerung der Steppengötter

Der albanische Autor Kadare schildert in diesem Roman die Zeit, die er als Student in den späten 50ern in Moskau verbrachte. Eine Zeit, die dort geprägt war einerseits aus der Abkehr von Stalin und neuen Aufbrüchen unter Chruschtschow. Dabei war es auch dann noch für Autoren schwierig, auf dem richtigen Grat zu balancieren. Kadare schildert diesen Part am Beispiel Pasternak und der Hexenjagd auf ihn nach dem Nobelpreis. Aber auch Grossman litt in dieser wechselhaften Zeit und konnte sein Hauptwerk Leben und Schicksal nicht publizieren.

Die Dämmerung ist spannend zu lesen. Sie kombiniert den Blick von außen mit Mythen vom Balken, wildem Studenten- und Künstlerleben (das allerdings eher blass, wie durch eine Milchglasscheibe geschildert) und der ein oder anderen Kleinromanze vor der Leinwand politischer Querelen und Spitzeleien.

Und nicht zu vergessen: Kadare weiß zu formulieren und der Übersetzer Joachim Röhm weiß gelungen zu übertragen.

Wassili Grossman, Leben und Schicksal

Was wäre gewesen, wenn Tolstoi während des zweiten Weltkriegs gelebt hätte? Richtig. Er hätte Grossman geheißen. Zugegeben, das ist kein Zufall. Denn Tolstoi war Grossmans Idol, dem er nacheifern wollte. Und ich muss sagen: Es ist ihm gelungen. Er hat wirklich ein Gemälde der Schlacht um Stalingrad geschaffen, das keine dümmliche Verherrlichung einer Seite oder des Krieges oder sonst wessen ist. Es stellt einfach dar. Es stellt dar, wie die Menschen lebten in der Sowjetunion der 40er, wie sie von Stalin verfolgt wurden, wie sie dennoch alles dafür gaben, um zu überleben, um ihr Leben zu leben. Und wie sie dabei letztlich den großen vaterländischen Krieg, wie er an der Wolga bezeichnet wird, gewannen. Wegen dieser ungeschönten Darstellungen war das Buch, Grossmans Lebenswerk, lange Zeit in der UdSSR verboten. Bitter sind seine Briefe an Chruschtschow, in denen er um die Veröffentlichung fleht – ohne Erfolg (in der Ausgabe des Claasen-Verlags im Anhang zu finden). Umso dankbarer dürfen wir heutigen Zeitgenossen sein, dass wir dieses Denkmal wider den Totalitarismus jeglicher Couleur bewundern dürfen. Sehr zu empfehlen!

Joseph Conrad, Herz der Finsternis

Ach, was ärgere ich mich heute, Conrad erst so spät angefasst zu haben. Allerdings möchte ich nicht ausschließen, dass ich ihn auch weniger gut verstanden hätte, wenn ich ihn 20 Jahre früher gelesen hätte, als ich es getan habe. Kurz zum Herz der Finsternis, einem Klassiker, der schon längst Topos geworden ist. So wichtig der Klassiker für Conrad ist, so farblos erscheint er mir ehrlich gesagt im Vergleich zu manch anderem Buch von ihm. Es ist beinah mehr eine Art Einführung in Conrads Welt.

Übrigens ist bei Conrad eines besonders interessant: Er stammt als Sohn polnischer Russen (russischer Polen?) aus Berdytschiw, der Stadt, aus der auch Wassili Grossman stammt. Einmal vormerken bitte. Mit 20 begann Conrad Englisch zu lernen und war ein sprachliches Wunderkind, weil er es vorzüglich beherrschte.

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