Doc Tottes Welt

Essays, Skizzen und Gedanken

Schlagwort: Zelig

Golo Mann, Wallenstein

Wer hier öfter liest, kennt vielleicht meine Einsatzrezi zu Allens Zelig, einem meiner absoluten Lieblingsfilme. Aufs Detail möchte ich hier gar nicht eingehen, wer den Film aber nicht kennt, möge wissen, dass ein wichtiger Auslöser der Geschichte das Buch Moby Dick ist, das die Hauptfigur Zelig in der Schule nicht gelesen hat.

Den Gag, der aus diesem Ursprungsproblem entsteht, finde ich so amüsant, dass ich Bücher, durch die ich mich einfach nicht durchkämpfen kann, gern als meinen Moby bezeichne – wobei der Witz zugegebenerweise ist, dass ich ausgerechnet den gelesen habe, wenn auch nicht im Original (in dieser Hinsicht ist Moby Dick auch mein Moby Dick, um die Selbstreferenzialität ins Absurde zu treiben).

Golo Manns Wallenstein war so ein Moby Dick für mich. Ein Riese, der mir im zweiten Semester von einem Prof ans Herz gelegt wurde als Beispiel für wohlformulierte wissenschaftliche Arbeit. Ich, damals noch im Wahn, mir eine ausgiebige Bibliothek zuzulegen, die mir in schwachen Momenten heute eher wie ein Klotz am Bein vorkommt, ging natürlich in die Unibücherei und erwarb das Monster. Ja, ich begann sogar kurz darauf mit der Lektüre, brach sie aber bereits nach etwas über 100 Seiten ab, weil ich es furchtbar zu lesen fand: so viele Figuren und Personen, die Mann kaum näher erklärt, sie stattdessen kurz anreißt und mit ihnen arbeitet, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt, jeden Hinz und Kunz des 17. Jahrhunderts zu kennen, der mal irgendwo an einem Hof Europas den Mund aufgemacht hatte.

Es war eine Schmach für mich. Ich, der ich mit dem Ansatz an praktisch jedes Buch gehe, es zu Ende lesen zu müssen, weil ich es nicht beurteilen möchte, bevor ich es nicht ganz kenne. Man denke nur an Eco: Wie viele seiner Bücher fangen mit superlangweiligen ersten 100 Seiten an, bevor sie richtig durchstarten?

Auch heute gibt es nur eine Handvoll Bücher, die ich ernsthaft angefangen und nicht zu Ende gelesen habe (Sartres Sein und Nichts z.B.; bislang zwei Versuche, beide kurz nach Seite  200 gescheitert). Daher war es nur eine Frage der Zeit, mich irgendwann noch mal an Mann zu versuchen.

Es ging einher mit einer Ausrümpelaktion meiner Bibliothek. Ich wollte das Buch loswerden, nicht aber, bevor ich es gelesen hatte. Als begann ich. Und litt. Im Prinzip an denselben Problemen übrigens wie damals, obwohl mein historischer Horizont mittlerweile um ein Vielfaches gewachsen ist. Es war eine Qual. Kaum las ich drei Absätze, konnte ich schon einschlafen. (K)Eine perfekte Bettlektüre also. Trotzdem kroch ich nach und nach durch die Seiten, erst zu Dutzenden, dann en gros, irgendwann – ich prüfte natürlich permanent, wie viele Seiten noch anstanden – blieben nur noch wenige Hundert Seiten. Dann kam der totale Durchhänger. Ich ließ das Buch auf dem Nachttisch liegen, als Erinnerung. Irgendwann mutierte es eher zum Mahnmal, schließlich zum Möbel, das ich bequem ignorierte, um mein bisschen freie Zeit unterhaltsamer zu verbringen. Dort lag das Möbel ungelogen und unaufgeschlagen fast zwei Jahre.

Vor wenigen Wochen ging es mir dann doch auf den Keks, dass dieser Block neben meinem Wecker Platz beanspruchte, den ich sinnvoller nutzen wollte. Ich nahm Wallenstein also in die Hand und stellte zu meinem Vergnügen fest, dass ich nur noch schmale 150 Seiten zu lesen hatte (von knapp 1.000 eng bedruckten Seiten, der Rest sind für meine Zwecke uninteressante Anmerkungen). Diese positive Überraschung spornte mich an. Ich nahm den Ziegel also in Hand, quälte und ärgerte mich weiter über diesen geschraubten Schrott, der fraglos super recherchiert war. So super, wie ich vermute, dass Mann schließlich seine Gehirnfalten in die pathetische Hinrissigkeit gebogen hatte, dass er nicht mehr normal schreiben konnte und selbst noch die schlimmsten Wurstsätze seines Vaters toppt.

Und ja, ich habe es schließlich geschafft: Der Mist ist durch. Dem Professor könnte ich für diese „Empfehlung“ heute noch auf dem Flur ein Bein stellen. Zu unser beider Glück hatte er aber auch ein paar Empfehlungen auf Lager, die ich wesentlich gewinnbringender umsetzen konnte – daher verzichte ich mal auf diesen Gewaltausbruch.

Mal was anderes – Buch zu verschenken: Golo Manns Wallenstein. Eins a Liegeware, erst einmal gelesen. Abholung oder gegen Porto.

Zelig

Einer meiner All-time-favorites ist dieser Pseudo-Dokumentarfilm über ein menschliches Chamäleon, das sich stets in die Menschen seiner Umgebung verwandelt, nachdem es als Kind nicht hatte zugeben wollte, Moby Dick nicht zu Ende gelesen zu haben.

Fazit: ein Muss

Herman Melville, Moby-Dick oder Der Wal

Es gibt wohl nur wenige Bücher, die so aussehen und sind wie ihr Thema. Moby-Dick gehört definitiv dazu. Was uns Deutschen Goethe mit seinem ewig besserwisserischen Salbadern scheint dem US-Amerikaner Melvilles Meisterwerk. Ich erinnre nur an den Grundgag in Woody Allens Zelig, der zum menschlichen Chamäleon wurde, weil er in der Schule nicht zugeben wollte, Moby-Dick nicht gelesen zu haben.
Nicht immer, aber in diesem Fall macht dieses Merkmal den Text so spannend. Er ist wie ein 8000er, den man einfach mal erklimmen muss. Klar, die Geschichte kannte ich längst in einer Kinderversion, auch die tolle John-Huston-Verfilmung mit Gregory Peck als Captain Ahab (Peck spielte nebenbei in der tollen TV-Verfilmung von 98 ebenfalls mit, diesmal allerdings als Prediger).
Lange ist’s her, da hatte ich es auf englisch probiert und bin kläglich im Basislager meiner Penguin-Ausgabe gescheitert. Jahre später hörte ich dann davon, dass sich Friedhelm Rathjen, seines Zeichens ein Satellit im Universum Schmidt-Joyce-Wollschläger, einer Neuübersetzung verschrieben hatte, weil ihm die bisherigen deutschen Übersetzungen zu verstümmelt und/oder zu frei übersetzt waren.
Irgendwann im Verlauf der Arbeit gab es ein Probekapitel in einer Zeitung zu lesen (war es die Frankfurter Rundschau? Ich glaube, sie war es), das mir durchaus gefallen hat. Zu der Zeit war ich im Rahmen eines Saga-Seminars selbst mit dem Thema Übersetzungen beschäftigt, in dem es um die Frage ging: so nah wie möglich am Original oder so nah wie möglich an der aktuellen Sprache? Dialekte übertragen? Damals war ich noch der Meinung, möglichst textnah sei am besten – Rathjen ausweislich der Probearbeit ebenfalls. Vermutlich fand ich seine Arbeit wegen dieser gleichen Herangehensweise so spannend. Gut, leider gab es Zores zwischen Rathjen und dem ursprünglichen Verlag, das Werk blieb zunächst liegen, bis sich Zweitausendeins der Sache annahm. Als es erschien, war ich natürlich elektrisiert und besorgte mir die schön gestaltete Ausgabe sofort. Der Neuübersetzung wurden wunderbare Holzschnitte von Rockwell Kent zur Seite gestellt.
Und dann las ich. Und las. Ich kämpfte mich durch die Seiten, erfuhr vielerlei interessante, aber auch belanglose Details über Wale, den Walfang, vor allem aber über das überdimensionierte Wissen des Unnützen, das Melville nicht nur angehäuft, sondern auch wie einen Popanz vor sich herträgt. Und je mehr Seiten ich las, desto mehr nahm ich Abschied von der Übersetzerphilosophie, nah am Original zu bleiben. Oder um mit einer meiner Professorinnen zu sprechen: „Wenn Sie die Sagas nah am Original übersetzen wollen, müssen Sie sie ins Mittelhochdeutsche übersetzen. Das wäre nämlich nah am Original.“
Kurzum: Ich weiß nicht, ob ich Moby-Dick jemals wieder lesen werde, vor allem in dieser Übersetzung; aber ich weiß, dass mir der Text sehr vieles sehr nahe gebracht hat, über das ich mir zuvor nur wenig Gedanken gemacht habe. Das Buch bleibt eben ein 8000er, ich habe ihn ohne Sauerstoff bestiegen und bin glücklich über die Leistung, habe aber ein paar Erfrierungen davongetragen.

E.T.A. Hoffmann, Die Elixiere des Teufels

Was Woody Allens „Zelig“ das Buch Moby Dick ist, waren mir über lange Jahre die Elixiere. Irgendwann mal bis Seite 140 geschleppt hatte ich das Buch wieder ins Regal gepackt. Und nichts vermisst. Jetzt hab ich es aus verschiedensten Gründen (Format, fast nur noch dicke, pendeluntaugliche Bücher ungelesen) wieder in die Hand genommen, geschafft und – zu Tode gelangweilt.

Dass ein talentierter Mann wie Hoffmann auch so schnurzöde schreiben konnte … ich kann es einfach nicht verstehen.

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