Essays, Skizzen und Gedanken

Kategorie: 2017 gelesen

Golo Mann, Wallenstein

Wer hier öfter liest, kennt vielleicht meine Einsatzrezi zu Allens Zelig, einem meiner absoluten Lieblingsfilme. Aufs Detail möchte ich hier gar nicht eingehen, wer den Film aber nicht kennt, möge wissen, dass ein wichtiger Auslöser der Geschichte das Buch Moby Dick ist, das die Hauptfigur Zelig in der Schule nicht gelesen hat.

Den Gag, der aus diesem Ursprungsproblem entsteht, finde ich so amüsant, dass ich Bücher, durch die ich mich einfach nicht durchkämpfen kann, gern als meinen Moby bezeichne – wobei der Witz zugegebenerweise ist, dass ich ausgerechnet den gelesen habe, wenn auch nicht im Original (in dieser Hinsicht ist Moby Dick auch mein Moby Dick, um die Selbstreferenzialität ins Absurde zu treiben).

Golo Manns Wallenstein war so ein Moby Dick für mich. Ein Riese, der mir im zweiten Semester von einem Prof ans Herz gelegt wurde als Beispiel für wohlformulierte wissenschaftliche Arbeit. Ich, damals noch im Wahn, mir eine ausgiebige Bibliothek zuzulegen, die mir in schwachen Momenten heute eher wie ein Klotz am Bein vorkommt, ging natürlich in die Unibücherei und erwarb das Monster. Ja, ich begann sogar kurz darauf mit der Lektüre, brach sie aber bereits nach etwas über 100 Seiten ab, weil ich es furchtbar zu lesen fand: so viele Figuren und Personen, die Mann kaum näher erklärt, sie stattdessen kurz anreißt und mit ihnen arbeitet, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt, jeden Hinz und Kunz des 17. Jahrhunderts zu kennen, der mal irgendwo an einem Hof Europas den Mund aufgemacht hatte.

Es war eine Schmach für mich. Ich, der ich mit dem Ansatz an praktisch jedes Buch gehe, es zu Ende lesen zu müssen, weil ich es nicht beurteilen möchte, bevor ich es nicht ganz kenne. Man denke nur an Eco: Wie viele seiner Bücher fangen mit superlangweiligen ersten 100 Seiten an, bevor sie richtig durchstarten?

Auch heute gibt es nur eine Handvoll Bücher, die ich ernsthaft angefangen und nicht zu Ende gelesen habe (Sartres Sein und Nichts z.B.; bislang zwei Versuche, beide kurz nach Seite  200 gescheitert). Daher war es nur eine Frage der Zeit, mich irgendwann noch mal an Mann zu versuchen.

Es ging einher mit einer Ausrümpelaktion meiner Bibliothek. Ich wollte das Buch loswerden, nicht aber, bevor ich es gelesen hatte. Als begann ich. Und litt. Im Prinzip an denselben Problemen übrigens wie damals, obwohl mein historischer Horizont mittlerweile um ein Vielfaches gewachsen ist. Es war eine Qual. Kaum las ich drei Absätze, konnte ich schon einschlafen. (K)Eine perfekte Bettlektüre also. Trotzdem kroch ich nach und nach durch die Seiten, erst zu Dutzenden, dann en gros, irgendwann – ich prüfte natürlich permanent, wie viele Seiten noch anstanden – blieben nur noch wenige Hundert Seiten. Dann kam der totale Durchhänger. Ich ließ das Buch auf dem Nachttisch liegen, als Erinnerung. Irgendwann mutierte es eher zum Mahnmal, schließlich zum Möbel, das ich bequem ignorierte, um mein bisschen freie Zeit unterhaltsamer zu verbringen. Dort lag das Möbel ungelogen und unaufgeschlagen fast zwei Jahre.

Vor wenigen Wochen ging es mir dann doch auf den Keks, dass dieser Block neben meinem Wecker Platz beanspruchte, den ich sinnvoller nutzen wollte. Ich nahm Wallenstein also in die Hand und stellte zu meinem Vergnügen fest, dass ich nur noch schmale 150 Seiten zu lesen hatte (von knapp 1.000 eng bedruckten Seiten, der Rest sind für meine Zwecke uninteressante Anmerkungen). Diese positive Überraschung spornte mich an. Ich nahm den Ziegel also in Hand, quälte und ärgerte mich weiter über diesen geschraubten Schrott, der fraglos super recherchiert war. So super, wie ich vermute, dass Mann schließlich seine Gehirnfalten in die pathetische Hinrissigkeit gebogen hatte, dass er nicht mehr normal schreiben konnte und selbst noch die schlimmsten Wurstsätze seines Vaters toppt.

Und ja, ich habe es schließlich geschafft: Der Mist ist durch. Dem Professor könnte ich für diese „Empfehlung“ heute noch auf dem Flur ein Bein stellen. Zu unser beider Glück hatte er aber auch ein paar Empfehlungen auf Lager, die ich wesentlich gewinnbringender umsetzen konnte – daher verzichte ich mal auf diesen Gewaltausbruch.

Mal was anderes – Buch zu verschenken: Golo Manns Wallenstein. Eins a Liegeware, erst einmal gelesen. Abholung oder gegen Porto.

Georges Perec, Die Dinge

Perec, der Artist der Aufzählung, der Satzspieler, der Worte wie feinste Pinselstreiche punktgenau auch auf größten Leinwänden verteilt, dieser George also hat mit diesem Debüt seinen Durchbruch gefeiert. In den Dingen erzählt er vom jungen Paar Jerome und Sylvie, einem französischen Pärchen, das in den 60ern in Paris und der Provinz und Tunesien lebt. Im engeren Sinne bleibt das Paar furchtbar blass, im weiteren Sinne skizziert Perec es mit dem, was das Paar gern hätte, was es sich erträumt, wie es sich vorstellt, leben zu können, wenn es denn endlich richtig leben könnte und sich nicht mit Marktforschungsjobs und Quereinsteigerjobs und Agenturjobs doof über Wasser hielte, um eine kleine, eine viel zu kleine Bude in Paris zu finanzieren und später erst in die nordafrikanische und dann in die französische Provinz zu ziehen, als sie längst aufgegeben und sich endgültig selbst verkauft haben, also sozusagen zu Dingen geworden sind, die käuflich sind.

Perec hat es nicht nötig, solche Figuren schlecht zu machen. Er erzählt einfach. Er zählt auf und schildert und berichtet und fasst zusammen und erklärt und stellt dar. Und anhand dieser Striche zeichnet sich ein Bild ab, das so detailliert wie erschreckend ist, so zeitlos wie aktuell. Lesen.

John Williams, Augustus

Bis ich dieses Buch geschenkt bekam, war Williams mir ehrlich gesagt unbekannt. Offenbar eine Lücke, die ich in den kommenden Jahren mal schließen sollte, um Stoner und Butcher’s Crossing von ihm zu lesen.

Denn was er hier im Augustus präsentiert – eine kluge Zusammenstellung, schön erzählt und trotz aller Zeitsprünge sauber miteinander verzahnt –, macht wirklich Lust auf mehr Williams.

Da stört es nicht, dass er mit Mitteln des Brief- und Tagebuchromans leicht anachronistisch aus einer so anderen, aber doch so ähnlichen Epoche erzählt. Gleichzeitig stellt er mit der Antike um die Zeitenwende kundig ein Panorama einer Zeit und einer Region vor, die unsere Zivilisation bis heute so sehr prägen.

Ich möchte aber auch nicht verschweigen, dass die zweite Hälfte dramaturgisch ein wenig schwächelt – wenn nämlich der erste Kaiser rückblickend merkt, was er alles nicht vermochte.

Meine Empfehlung für den intelligenten Leser, nicht nur für Menschen, die sich für die Antike interessieren!

Hugo Pratt, Corto Maltese. Die geheimnisvolle Lagune

Pratt, der sein Venedig wohl sehr schätzte, gelangt mit Kapitän Corto Maltese in diesem Band über zwei Umwege in die berühmte Lagunenstadt Venetiens. Hier gerät er schließlich in die Wirren des Ersten Weltkriegs, wo Maltese zwischen den Frontlinien ein Husarenstück abliefert. Dabei zog ihn eigentlich nur die Suche nach einem Goldschatz dorthin.

Ein interessantes Puzzlestück im Maltesiversum, für sich genommen aber an einigen Stellen etwas flüchtig.

Hugo Pratt, Corto Maltese. Das goldene Haus von Samarkand

Der Italiener Pratt war ein ganz besonderer Schwadronierer. Er saugte Geschichten und Legenden auf und verschmolz sie zu einem Abenteueramalgan, dem er mit einer flinken, aber treffsicheren Feder beikam.

Aus diesem Kessel ist auch Corto Maltese geboren. Maltese ist ein Weltenbummler, ein Herumtreiber, immer auf der Suche nach dem nächsten Schatz oder Abenteuer, hier und dort bekannt, verbunden mit einer seltsamen Hassliebe zu der ein oder anderen Figur, die immer wieder vorkommt.

So sucht Maltese in diesem Band das goldene Haus von Samarkand, einem Gefängnis, in dem ein Freund einsitzt, den man eigentlich nicht Freund nennen kann. Eine spannende, interessante, mit vielen historischen Fakten angereicherte grafische Novelle, die wundervoll gezeichnet ist.

Simon Spruyt, Junker. Ein preußischer Blues

Comics und Graphic Novels kommen hier eher selten vor. Das finde ich eigentlich schade, denn ich lese gute gezeichnete Geschichten wirklich sehr gern.

Als ich nebenbei über Junker stolperte, war ich recht schnell daran interessiert. Eine Zeitlang lag die Idee, mir die Novel zu besorgen, etwas flach. Irgendwann ergab es sich dann aber doch und ich griff zu.

Die Zeichnungen sind wirklich herrlich. Sauber, sehr bedacht und immer auf den Punkt. Die Geschichte selbst geht sich ebenfalls gut an. Je weiter man zum Ende gelangt, desto mehr fragt man sich aber: Wie will Spruyt das noch auf den paar Seiten auflösen? Gab es etwa einen zweiten Band, von dem ich noch nichts wusste?

Den scheint es aber partout nicht zu geben und ja, richtig, am Ende, eine im Vergleich zur Vorgeschichte etwas banale Wendung, von der ich nichts verraten möchte.

Trotz diesem Knackpunkt fand Junker dennoch mein Gefallen.

Boris Sawinkow, Das fahle Pferd

Wenn jemand was verbockt hat, man aber nicht weiß, wer es verbockt hat, ist es nicht ganz einfach zu meckern, weil man den genauen Adressaten nicht kennt.
Gleichwohl nervt, wenn die Böcke ein Produkt verfälschen oder sogar in einem nicht nicht wirklich abschätzbaren Maß verschlechtern.

Das ist bei der Neuübersetezung vom fahlen Pferd leider der Fall. Für die Übersetzung zeichnet Alexander Nitzberg verantwortlich, ein im Klappentext hochgelobter Übersetzer aus dem Russischen, selbst aus Moskau gebürtig.
Auch wenn Nitzberg in Moskau geboren wurde, entzieht es sich meiner Kenntnis, mit welcher Muttersprache er aufgewachsen ist. Sollte es Russisch gewesen sein, könnte dies schon das ein oder andere Manko erklären, denn gewöhnlich übersetzt man in seine Muttersprache. Schließlich sind die Färbungen, die ein Muttersprachler übers Leben lernt, beim Zweitspracherwerb niemals aufholbar. Womöglich liegen hier also schon erste Hinweise auf den Hintergrund der sprachlichen Mankos.

Andererseits würde ich dann erwarten, dass ein deutschsprachiger Verlag mit einem deutschsprachigen Lektorat solche Mankos ausbügelt. Lektorin war Anke Albrecht. Aus eigener Erfahrung weiß ich leider, dass sich der Lektor nicht immer durchsetzen kann mit seinen Korrekturwünschen.

Kommen wir aber zur Übersetzung an sich: Sie liest sich insgesamt recht hölzern. Ob Sawinkow im Original seines ersten Buchs so schlecht geschrieben hat, vermag ich nicht zu beurteilen. Falls ja, sind seine „Erinnerung eines Terroristen“ jedenfalls wesentlich besser geschrieben – oder der dortige Übersetzer ist besser als Nitzberg und hat sich mehr Freiheiten genommen.

Man kann Sawinkow aber nicht in die Schuhe schieben, dass so manche deutsche Wortwahl schlicht falsch ist. Ein paar Beispiele:
Herr Nitzberg mag es nicht wissen, aber es gibt einen semantischen Unterschied zwischen O und Oh. Wenn ich „O Tannenbaum“ sage, ist das was anderes als „Oh, du hast den Tannenbaum schon aufgestellt?“ Das eine ist Anrufung, das andere Verwunderung. Herr Nitzberg jedenfalls (oder die Lektorin) wählt grundsätzlich die falsche Form. Die Kunst der korrekten Zeichensetzung, in dem Fall Komma oder nicht, geht dem Gespann ebenfalls ab.

Aber auch grammatisch zeigen sich Schwächen. Deutlichste Anzeichen sind umgangssprachliche Wendungen wie der Imperativ „Wickel!“ anstelle des korrekten „Wickle!“ mit obligatorischem End-e. (Deshalb heißt es ja auch richtig „fei(e)re mit uns“ und nicht „feier mit uns“). Herr Nitzberg scheint auch das nicht zu wissen oder ignoriert es schlicht. Solche Beispiele gibt es immer wieder. Es ist schon Deutsch, aber nicht korrekt. Aber auch bei Fremdsprachen patzt das Team. So zitiert Sawinkow an einer Stelle angeblich die lateinische Wendung „suum ciuque“. Wer sich wundert, hat Latinum. Dem Rest klingt es vermutlich mehr oder weniger vertraut. Trotzdem heißt die Wendung „Jedem das Seine“ auf Latein „suum cuique“. Höre ich da jemanden „Buchstabendreher!“ sagen? Okay. Könnte sein. Dann frag ich mich aber, warum derselbe Fehler sowohl im Text als auch in der Anmerkung so steht. Und wenn Sawinkow es schon falsch gemacht haben sollte, erwartete ich eine Kenntlichmachung durch [sic!] oder Ähnliches.

Das alles mag jetzt wie totales Korinthenkackertum wirken. Das Problem ist aber Folgendes: Wenn ich bei einigen fehl eingesetzten Ausdrücken erkennen kann, dass da jemand die Sprache nicht beherrscht, wer garantiert mir dann, dass der Rest korrekt übertragen ist? Wie oft sind Bedeutungen falsch, ohne dass der des Russischen unkundige Leser es merken oder beurteilen kann?

Um auf den Anfang zurückzukommen: Natürlich kann ich nicht wissen, wer der eigentliche Urheber der Böcke ist. Die Fehler können von Herrn Nitzberg gemacht und von der Lektorin übersehen worden sein. Vielleicht hat er sich auch über ihr Urteil hinweggesetzt. Vielleicht hat sie sogar erst Fehler in den Text gebracht, denn wer sagt uns, dass ihr Lektorat gut genug ist, solche Macken zu beurteilen? Aber wer auch immer es verbockt hat, zuletzt hat der Verlag Galiani versagt. Und auf diese Weise nimmt er dem Text viel Wert. Denn der Leser kann nicht sagen, ob der Text eher wegen Sawinkow oder wegen Nitzberg so mau ist. Zudem fällt es schwer, dem Text zu trauen. Das finde ich angesichts der Aktualität des Themas Terrorismus besonders ärgerlich.

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