Wie ich neulich schilderte, ist nicht ausgeschlossen, dass meine Familie mehr oder weniger von Euthanasie betroffen war, wenn auch der Grad selbst nicht mehr zu klären ist. Autor Kinast lernte ich bei einer Führung auf dem Gelände der ehemaligen Kinderfachabteilung Waldniel kennen. Dort erzählte er auch von seinem Buch, das damals sprichwörtlich frisch vergriffen war (den letzten Band hatte er wenige Minuten zuvor einem Lokalpolitiker verkauft). Im Zuge unseres kurzen Kontakts bat ich ihn, mich darüber zu unterrichten, wann es eine Neuauflage geben würde.

Als ich das Buch schließlich bekam, lieh meine Mutter es sich zuerst aus. Sie war verständlicherweise besonders daran interessiert, was mit Kindern wie ihrem älteren Bruder damals passierte. Und nach der Lektüre war sie umso entsetzter. Leider erlaubte es mir meine immer schlechter werdende Zeitplanung lange nicht, mit der Lektüre zu beginnen, aber vor kurzem war es dann so weit. Wie zuvor meine Mutter war nun auch ich umso entsetzter.

Kinast, der immerhin kein studierter Historiker ist, hat hier nach ausführlichsten Studien in Archiven Informationen zusammengestellt, vor denen ich als promovierter Wissenschaftler nur den Hut ziehen kann (ich kenne jedenfalls Arbeiten, die deutlich schlechter recherchiert und geschrieben sind, aber trotzdem für einen guten Abschluss reichten). Fundiert und detailreich schildert er, welche Grundlagen es für die Euthanasie gab, welche Ärzte und Funktionäre darin verwickelt waren. Er stellt beispielhaft ausgewählte Opfer und deren Angehörige vor sowie verantwortliche Pflegerinnen. Außerdem macht er deutlich, wie die frisch gegründete Bundesrepublik mit der Euthanasie und ihren Protagonisten umgegangen war. Wo es noch möglich war, sprach er direkt mit Opfern und Tätern, wo nicht, versuchte er zumindest über Nachkommen und Verwandte an Informationen zu gelangen.

Persil wäscht auch Kittel rein

Ja, dass Nazis direkt nach dem Krieg fleißig alte Seilschaften für Persilscheine nutzten und westlich der Elbe auch ohne größere Verzögerung wieder in entscheidende Positionen kamen, war mir allgemein nicht neu. In diesem speziellen Fall sind die Abläufe aber vielfach noch widerlicher.
Nachdem erste Fälle ruchbar wurden, dass staatliche Stellen „unwertes Leben“ vernichteten, gab es starken Widerstand von der Kirche, besonders durch den Münsteraner Bischof Clemens August Graf von Galen (nebenbei: zur Abwechslung mal ein positives Beispiel dieses Vereins). Danach wurde die Reichskanzlei vorsichtig und arbeitete lediglich mit einem Runderlass. Außerdem wurde die Euthanasie eher still durchgeführt, also nicht mehr durch Vergasung, sondern durch die medikamentöse Förderung von Krankheiten, die Unterversorgung und miserable Ausstattung von Kinderheimen. Es gab also im dritten Reich anders als bei der Verfolgung anderer Minderheiten kein Gesetz, das die Euthanasie erlaubte – daher konnte sich hinterher kein Arzt auf irgendeinen Befehlsnotstand herausreden. Das Glück der meisten Ärzte und Pflegerinnen bestand nun darin, dass sie die Todesumstände so geschickt verborgen hatten, dass man ihnen auch hinterher nur wenig direktes Töten nachweisen konnte. Dabei deckten sich vor allem die Ärzte gegenseitig selbst und landeten so schnell wieder auf Entscheiderpositionen in der medizinischen Versorgung Westdeutschlands. Trotzdem gab es auch Ausnahmen, so wie den Waldnieler Arzt Wesse. Der hatte, nachdem er von Waldniel in eine hessische Fachabteilung versetzt worden war, schriftlich um Nachschub für die Euthanasie gebeten. Das kann man angesichts der Rechtslage in den 40er-Jahren einerseits schon nicht mehr anders als dämlich nennen. Andererseits war es für die Gerechtigkeit natürlich ein Glücksfall, weil auf diese Weise wenigstens einem der zahllosen involvierten Unmenschen die Verantwortung für den Tod vieler Kinder nachgewiesen werden konnte.

Wenigstens ein Fall von Gerechtigkeit

Wesse, der sich zudem offenbar den Doktortitel erschlichen hatte, verbrachte etliche Jahre hinter Gittern. Da für seinen Fall zwei Bundesländer verantwortlich waren (NRW und Hessen) entstand zusätzlich Chaos bei seinen Anträgen auf Begnadigung, sodass er besonders lange für seine Taten büßen musste. Kollegen konnten sich dagegen entsprechend decken, dass sie nichts gewusst hatten, oder am besten noch Widerstand aus dem System heraus geleistet hätten. Andere waren bei neuen Ermittlung Anfang der 60er-Jahre körperlich so krank, dass sie Atteste über Verhandlungsunfähigkeit vorlegen konnten, anschließend aber noch gesund und munter weitere dreißig Jahre auf dem Erdenball verbrachten (der geneigte Leser mag sich ausmalen, wie ein mordender Mediziner zu einem entsprechenden Attest kommt, ich persönlich hab da eine Theorie).

So sehr mich das Durchgreifen der Gerechtigkeit im genannten Fall freut, so sehr widert es mich also an, dass Hunderte Täter aus diesem Bereich schon Anfang der 50er-Jahre wieder fleißig praktizierten und oftmals als Kinderarzt tätig waren. Was müssen das für Menschen gewesen sein?
Zurück zum Buch: Abgesehen von einer persönlichen Betroffenheit kann ich es jedem empfehlen, der mehr über das Euthanasieprogramm im dritten Reich erfahren möchte. Das Buch kann direkt beim Böhlau-Verlag bestellt werden.