Die Geschichte, wie ich über Anna Kim gestolpert bin oder vielmehr sie über mich, besitzt einen ganz eigenen amüsanten Charakter. Sie spielt hier aber eine untergeordnete Rolle, wenn man mal davon absieht, dass ich deswegen überhaupt erfahren habe, dass es sie gibt. Nach dieser Begegnung befragte ich jedenfalls das Internet und erfuhr Wundersames über ihre literarischen Fähigkeiten. Insbesondere ein gewisser Vergleich mit dem von mir hochgeschätzten Raoul Schrott überzeugte mich, mir ihr neustes Buch zu kaufen.

And now the tricky part …

Als gelernter Skandinavist habe ich natürlich ein besonderes Verhältnis zu Skandinavien. Das gilt fürs Festland, für die Inseln, aber auch für die dänische Kolonie Grönland, die ich leider selbst noch nicht besuchen durfte. Vielleicht war ja auch der ein oder andere Leser meines Blogs schon einmal in Norwegen oder auf Island und kennt von daher diese tiefen Fjorde mit ihren hohen Bergen und abrupten Ufern. Diese Ufer sind bisweilen sehr eigen, beispielsweise kenne ich aus den isländischen Westfjorden so eine ganz bestimmte Art von Stränden, die aus vielen, vielen runden Steinen bestehen, die total vollgealgt und vollgetangt sind (nicht vollgetankt!).

Was das mit Anna Kims Buch zu tun hat? Gemach, gemach!

In ihrem Buch beschreibt sie die Abläufe einer Nacht in einem grönländischen Kaff an der besonders unwirtlichen Ostküste. Zehn Menschen, so erfährt man bereits im Klappentext, werden sich in dieser Nacht das Leben nehmen. Und ehrlich gesagt ist es mehr als sinnvoll, dass das im Klappentext so deutlich gesagt wird. Im Buch nun sollen die Lebenssituationen, zum Teil auch die Geschichten dieser zehn und manch anderer Menschen dargestellt werden. Und jetzt beginnen die Probleme.

Ich habe keine Strichliste geführt, glaube daher einfach mal, dass in dieser Nacht wirklich zehn Menschen gestorben sind. Aber zusätzlich werden die Lebensläufe oder einzelne Schlaglichter vieler, vieler anderer Menschen geschildert, die sich auch fast alle umgebracht haben. Wenige werden von Dritten abgemurkst, aber Suizid ist das Grundthema, das auf jeder Seite den Ton angibt. Dafür sorgt die Autorin stellenweise mit einer Detailliebe (und Recherchearbeit bei einer Gerichtsmedizinerin), die zwischen fast schon pervers und schnarchlangweilig angesiedelt ist. Das allein ist sicher keine Bewertungsgrundlage für das Buch. Die Art und Weise, wie Kim diesen suizidalen Ton angibt, dagegen schon.

Ich komme noch mal auf die runden Steine aus den Fjorden zurück. Wer so einen Strand schon mal gesehen hat, weiß, dass man kaum zwei Steine auseinanderhalten kann. Und genau das ist das Problem im Buch. Kim hält keine zwei Figuren auseinander. Eine ist wie die andere. Sie unterscheiden sich in dermaßen uninteressanten Details (mal halbgrönländisch, halbdänisch, mal Lehrer, Obdachloser, Jäger), dass sie schon für sich genommen stinkelangweilig sind. Wenn man diese Steinpersonen dann aber auch noch durcheinanderrührt wie mit einem Mixer, mehreren Figuren dieselben(!) Namen verabreicht, dann ist das Chaos perfekt. Sie springt durch Gegenwart und Vergangenheit. Sie hopst von Grönland nach Dänemark und zurück. Von der West- zur Ostküste. Von jenem Haus zu diesem. Von einem Besäufnis zu einem Selbstmord …

Kurz: Es gibt keine, wirklich keine einzige Figur, mit der man sich auch nur mal im Ansatz identifizieren mag. Dementsprechend schnuppe bleibt es dem Leser auch, ob sie sich erschießen, erdrosseln, aufhängen, ersäufen oder sonst wie draufgehen.

Das ist besonders ärgerlich, weil es zwei Elemente gibt, die zeigen, dass Kim durchaus schreiben kann. Das sind erstens einige sehr gute Kapiteleinleitungen. Hier breitet sie wie in einem langen, ruhigen Lied die Szenerie vor den Augen des Lesers auf, dass es Spaß macht, im Text zu versinken (bis dann eben die erste Figur in einer Szene auftritt). Zum anderen sind es einige kluge Gedanken über das Leben sowie über das Verständnis davon im Allgemeinen und im Besonderen auf Grönland.

Ich mag mich täuschen, aber dieses Buch hätte ein besseres Lektorat verdient. Und zwar nicht bezüglich Fehler, sondern hinsichtlich des Aufbaus. Hier hätte jemand kräftig wegstreichen und einen roten Faden herausarbeiten müssen, bevor der Text gedruckt wurde.

Zuletzt bekäme ich gern ein Rätsel gelöst: Ich selbst kenne Islands Augustnächte aus eigener Anschauung. Obwohl die Insel zu 99 % südlich des Polarkreises liegt, bleibt es im Hochsommer durchweg dämmerig, wird praktisch nicht richtig dunkel. Wenn ich bei der Lektüre des Buchs nicht eine ganz brisante Stelle überlesen habe, wird nie gesagt, welche Jahreszeit genau ist. Man weiß aber, dass es nicht der Winter sein kann (die Mädels laufen in dünnen Kleidern herum, immer wieder werden Pflanzen angesprochen, Schnee und Eis dagegen lediglich in der Erinnerung). Gleichzeitig betont Kim unablässig, wie schrecklich finster die Nacht sei. Nun frage ich mich: In welcher Jahreszeit spielt das Buch? Der arktische Winter fällt aus, der Sommer vermutlich auch, weil es dann nicht so dunkel sein dürfte. Hat wer eine Idee? Oder kann wer von einem eigenen Besuch Grönlands berichten?