Doc Tottes Welt

Essays, Skizzen und Gedanken

Schlagwort: Ernest Hemingway

Ernest Hemingway, Der alte Mann und das Meer

Es gibt ja so eine populäre Dichotomie in der Literatur, nach der es den Genius-Schriftsteller und den arbeitenden Autor gibt. Ersterem fließt jedes Wort direkt druckreif aus der Feder. Letzterer feilt an Worten, Sätzen und Absätzen, bis auch jedes überflüssige Gran entfernt ist (oft fallen die Resultate hier quantitativ etwas schmaler aus).

Obwohl ich selbst so manchen Genius wie Döblin oder Balzac schätze, gebe ich gern zu, dass ich vor den Feilern (ja, richtig, mit F) doch eine ganz andere Art der Hochachtung hege, insbesondere wenn das Ergebnis stimmt. Denn aus eigener Erfahrung weiß ich, wie mühselig dieses Finden eines Worts ist, das noch passender ist, eines Ausdrucks, der noch treffender ist.

Hemingway ist so ein Fall. Er hat an seinen Texten gearbeitet und obwohl man die Arbeit an sich nicht sieht, merkt der aufmerksame Leser doch, dass hier jemand wirklich jedes unnötige Beiwerk weggekürzt hat.

Das ist mir bereits hier aufgefallen, beim alten Mann und dem Meer ist es noch deutlicher – vermutlich auch angesichts der Gesamtlänge des Texts.
Die Novelle ist insgesamt sehr schlicht, aber nicht simpel. In ihrer Schlichtheit ist sie zugleich bestechend.

Wie ein Foto, auf dem Motiv, Ausschnitt, Proportionen und Farbgebung einfach perfekt sind. Klar, es ist „nur“ ein Foto und kein hyperrealistisches Ölgemälde. Aber auch beim Foto gibt es ästhetische Vorgaben, die ein Motiv gut aussehen lassen.
Beim alten Mann und dem Meer hat Hemingway diese Vorgaben definitiv erfüllt. Großartig!

Ernest Hemingway, For Whom the Bell Tolls

Ich glaube, es war ein Fluch, dass ich als Kind die Verfilmungen von „Schnee auf dem Kilimandscharo“ und „Der alte Mann und das Meer“ gesehen und wirklich sehr, sehr gemocht habe. Ich möchte nicht beschwören, dass ich damals den Kilimandscharo überhaupt begriffen habe, aber der Kampf mit dem Marlin ist dermaßen auf das Grundprinzip des Lebens gekürzt, dass ihn jeder verstehen kann. Obwohl ich nun Hemingway als Erzähler von Geschichten also schon früh sehr schätzte, hatte ich tatsächlich bis neulich keine einzige Zeile von ihm gelesen. Das musste geändert werden, also erstand ich „For Whom the Bell Tolls“, auch weil ich mich angesichts aktueller Krisen auf der Welt ein wenig über den spanischen Bürgerkrieg informieren wollte.

Was soll ich sagen? Ich war vorher bereits über Hemingway als Erzähler hocherfreut. Jetzt – da ich ihn zum Glück im Original gelesen habe – muss ich auch noch einräumen, dass er wirklich schreiben konnte. Okay, er nutzt auch unnötige Tricks (so lässt er die Spanier ein altertümliches Englisch reden, das vorgeblich einen kastilianischen Dialekt imitieren soll), verhüllt Unflätigkeiten in Fremdsprachen, die bei der Veröffentlichung keinem Zensor aufgefallen sein dürften, oder tauscht sie aus gegen Wörter wie „obscenity“ („I obcenity in your milk!“). Aber er weiß auch sehr genau mit Literatur umzugehen. Sätze wie „An onion is an onion is an onion … a stone is a stein is a rock is a boulder is a pebble“ zeigen z.B. recht deutlich, was und wen Hemingway kannte. Andere Szenen wiederum nutzen so intensiv den Rhythmus der Sprache, dass Hemingway gar nicht erst zu schildern braucht, was da genau gerade zwischen zwei Menschen passiert (ja, so eine Szene). Außerdem sind Hemingways Wechsel von reiner Erzählung zu den Gedanken der erzählten Person einfach genial elegant und gelungen. Gerade das schafft er deutlich weniger bescheuert als Joyce.

Leider ist mein Bücherberg immer noch viel zu hoch, weshalb ich mir ungern neue Bücher anschaffe zurzeit. Aber wenn ich mich ein wenig weiter durchgearbeitet haben werde, wird dieses Buch sicher nicht mein letztes von Hemingway gewesen sein.

Präsentiert von WordPress & Theme erstellt von Anders Norén