Es ist lange her, dass ich kurz angesprochen hatte, die Jahrestage zu lesen. Nun konnte ich die Lektüre beenden, die überraschend fast genau ein Jahr in Anspruch genommen hat.

Hauptthema des Buchs ist ein Jahr im Leben der Gesine Cresspahl, von August 67 bis August 68. Gemeinsam mit ihrer Tochter befindet sie sich in den USA (meist New York). Sie schildert, Tagebucheinträgen ähnlich, was in New York passiert, was die N.Y. Times (die alte Tante) so berichtet und erzählt darüber hinaus ihrer Tochter die Geschichte ihrer Familie „für wenn ich tot bin“.

Johnson, der als Genosse Autor sogar leibhaftig in Gesines Erzählung angesprochen wird, verknüpft so auf sehr geschickte Weise Ereignisse wie die Unruhen in den USA, die Kämpfe in Vietnam und den Prager Frühling samt Niederschlagung mit der Rezession der Zwanziger- und Dreißigerjahre in Norddeutschland, dem Aufstieg der Nazis, dem zweiten Weltkrieg, der Besatzungszeit in Mecklenburg und der Gründung wie den ersten Jahren in der DDR.

Das Buch ist in vier Großteile gegliedert; vor allem die Niederschrift des letzten Teils scheint für Johnson schwierig gewesen zu sein. Einerseits hat er sehr lange gebraucht, um diesen Teil (und somit das Buch) zu beenden, andererseits merkte man es dem Buch meines Erachtens auch bei der Lektüre an. In den vorhergehenden Teilen glänzt Johnson mit einem Füllhorn an Informationen, eigenen, aber doch sehr exakten Wortverbindungen und einer Vielzahl wunderbarer Formulierungen. Das lässt zum Ende leider etwas nach; der Inhalt scheint immer gedrängter präsentiert, die Fabulierlust verliert sich etwas. Und doch war ich nun ein Jahr lang gefesselt an der Seite Gesine Cresspahls.

Die Lektüredauer war ursprünglich nicht so geplant, wurde aber durch verschiedene äußere Einflüsse erzwungen. Schon bald ergab sich daraus aber eine amüsante jahreszeitliche Parallelität zum Inhalt. Fror Gesine im New Yorker Winter, befand auch ich mich auch bei der Lektüre im Winter. Litten die Menschen unter sommerlichen Temperaturen an der Ostküste, brannte auch hier der Lorenz (also im Prinzip, nicht tagesaktuell).

Dadurch und durch die nahezu tägliche Lektüre schlich sich Gesine Cresspahls Familie auf eine ganz ungewöhnliche Weise in meine Gedankenwelt. Es war oft fast, als würde mir eine Freundin häppchenweise ihre (Familien-)Geschichte erzählen; bei einem Treffen diesen Teil, bei einem anderen Treffen jenen Teil. Und genau wie man durch diese Teilerzählungen langsam eine Vorstellung von der Person entwickelt und diese Person immer besser kennenlernt, so lernte ich in diesem Jahr Gesine kennen. Gerade die Abschweifungen, die Splitter, was sie selbst erlebt hat, was ihr erzählt worden war, was sie aktuell erlebt – all das machte gerade die Figur aus. Hierin sehe ich die besondere Qualität des Buchs. Denn mir ist auf Buchseiten selten ein Charakter so persönlich vorgestellt worden wie hier.

Alles in allem halte ich es bei allen Schwierigkeiten daher für ein wichtiges und gutes Stück deutscher Literatur. Trotz der Gesamtqualität bin ich jedoch realistisch genug zuzugeben, dass es keine Lektüre für jedermann ist.

Nebenbei empfehle ich den Farblinolschnitt von Valentino.