Ich habe keine Ahnung, wie viele Leute in der Bahn dachten, ich läse einen Alpenroman über Bergsteiger, als ich mich durch das Matterhorn gekämpft habe. Aber natürlich hat das Buch nichts mit dem Schweizer Berg zu tun. Es geht vielmehr um den Vietnamkrieg und eine fiktive Höhe, die von den Militärs Matterhorn getauft wird. Der Roman beginnt am vietnamesischen Matterhorn und hier schließt sich auch der Kreis am Ende.

Erzählt wird in der Hauptsache die Geschichte des Second Lieutenant Mellas, der frisch nach Vietnam kommt, um einen Zug zu übernehmen. Im Gegensatz zu den meisten anderen Marines hat er eine gute Ausbildung und betrachtet den Einsatz als Möglichkeit, Punkte für eine spätere Karriere als Politiker zu sammeln. Er unterscheidet sich daher nicht nur in seiner Vergangenheit, sondern auch in seinen Plänen von seinen Kameraden. Wiederholt wird angesprochen, dass seine Freunde seinen freiwilligen Schritt in den Krieg nicht verstehen. Mellas torkelt nun in dieses fremde Land, dessen Klima, Pflanzen und Tiere ihm komplett unbekannt sind – etwa genauso wie die vielen, vielen anderen Marine, auf die Mellas auf den fast 700 eng bedruckten Seiten trifft.

Und hier sind wir beim ersten von zwei Problemen, die der Roman mit sich bringt: Marlantes verbraucht viel Personal. Das wäre allein nicht schlimm, aber er kann oder will nicht richtig charakterisieren. Viele Leser werden sagen, jaha, damit möchte er eben auch darstellen, wie man sich vor Ort gefühlt hat. Aber das lasse ich nicht gelten. Es gibt zig Figuren, die recht ähnlich heißen, etliche kursieren auch noch unter einem Spitznamen. Sehr wenige Figuren werden überhaupt halbwegs charakterisiert und selbst diese Charakterisierung erfolgt entweder halbherzig oder spät – meist hat man sich dann aus anderen Punkten bereits eine Meinung gebildet.

Deshalb bin ich an dieser Stelle geneigt, hier eher eine Schwäche in der Schreibe des Autors zu sehen. Eine vergleichbare Schwäche zeigt er nämlich in einem anderen Bereich. Immer wieder werden kurze Ausflüge in die Welt der höheren Offiziere gemacht. Hier soll gezeigt werden, was für ein dreckiges, dummes Geschäft der Krieg eigentlich ist. Dass blödeste Überlegungen, falscher Ehrgeiz oder Druck von oben für zahlreiche falsche Entscheidungen verantwortlich sind. Das ist natürlich im Grundsatz richtig und interessant, wird aber von Marlantes enorm platt geschildert. Man hätte stattdessen auch die Abbildung eines Holzhammers abdrucken können. Überhaupt ist sein Stil sehr nüchtern bis einfach. Nur wenige Absätze regen zum Nachdenken an.*

Besonders seltsam wird diese Plattheit im Kontrast zu den Stellen, an denen Marlantes am stärksten ist: Seine unauffälligen Detailbeschreibungen sind einfach beeindruckend. Es gibt viele, viele Seiten, die fast schon nebensächlich, aber trotzdem äußerst intensiv Krankheiten, Verletzungen, Pflanzen, Tiere, Gerüche, Geräusche und Lichter schildern, die mit dem Kampf im Dschungel verbunden waren.

Nun bin ich aus persönlichen Gründen hinsichtlich des Vietnamkriegs durchaus nicht unbelesen, aber so fies-elegant und detailgenau wie von Marlantes habe ich die dortigen Plagen und Erscheinungen noch nicht geschildert bekommen. Dabei ist er nicht der erste Veteran, dessen Schilderungen aus dem Krieg ich gelesen habe (nebenbei waren die Lehren aus dem Vietnamkrieg mein persönlicher Knackpunkt, nicht zur Bundeswehr zu gehen; er lag mir zeitlich-kulturell einfach näher als der zweite Weltkrieg).

Ob Dschungelfäule, Wundbrand, Malaria, Blutegel allerorten, Rasiermessergras oder Tiger – ich habe mich nur gewundert, wo die Giftschlangen bleiben. Dagegen stehen Schusswechsel für lange Zeit weit im Hintergrund. In den ersten Kapiteln passiert in dieser Hinsicht fast nichts und wenn, kürzt der Autor die Stellen angenehm ab. Erst zum Ende kommt es zu einer blutigen Schlacht um das Matterhorn, in der Marlantes dem Leser keine anatomischen Details bei den Verstümmelungen erspart, die Maschinengewehre, Minen und Granaten so hinterlassen.

Alles in allem muss ich gestehen, dass mich das Buch bei aller stilistischen Schlichtheit beeindruckt hat. Wenn ich aus nach der Lektüre aus der Bahn ausgestiegen bin, war es jedes Mal, als verließe ich gerade den Dschungel.

Wer einfach mal reinschnuppern mag: Der Verlag bietet eine kostenlose Leseprobe.

* Ein praktisches Kennzeichen für die Qualität von Büchern ist für mich Folgendes: Finde ich Sätze oder Absätze, die ich besonders schön formuliert finde oder für nachdenkenswert halte, notiere ich mir diese Sätze in einem Moleskine. Auf diese Weise ist über die Jahre eine große Zitatesammlung entstanden. Je mehr ich mir aus einem Buch notiere, desto qualitätvoller dürften also Stil und Inhalt sein. Und bei Marlantes habe ich mir nur sehr, sehr wenig rausgeschrieben.