Doc Tottes Welt

Essays, Skizzen und Gedanken

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James Joyce, Briefe

Diesen Band hatte ich schon ziemlich lange im Regal stehen, u.a. deswegen, weil ich davon überzeugt war, ihn kurz nach dem Kauf gelesen zu haben. Ein Irrglaube, wie ich beim durcharbeiten meiner Regalreihen feststellen musste. Da ich zurzeit an einem Punkt angekommen bin, an dem ich mir wenig Neues zulege, finde ich nun endlich auch die Zeit, Liegengebliebenes zu lesen.

Joyce’ Briefe waren dazu ein wunderbarer Start. Ich glaube, viel interessanter als seine Schreibe finde ich sein Leben, den Menschen, der hinter seinen Zeilen steckt. Man kann sicher nicht behaupten, dass er ein einfacher Mensch gewesen ist, im gegenteil wird er für seine Umgebung oft genug sehr anstrengend gewesen sein, nach allem, was wir wissen. Aber dennoch gehört er zu den historischen Figuren, die ich gern kennengelernt hätte. Ein Abend mit ihm wäre ganz bestimmt ein unvergessliches Erlebnis gewesen.

Diesen spannenden, oft bittenden und bettelnden, witzigen und fordernden, immer aber menschlichen Joyce findet man an so vielen Stellen in dieser Briefauswahl wieder. Und auch, wenn sie gewiss nur einen müden Abklatsch des wahren Menschen liefern können, bleiben sie für uns Nachkommende so wichtig.

Uwe Johnson, Jahrestage

Es ist lange her, dass ich kurz angesprochen hatte, die Jahrestage zu lesen. Nun konnte ich die Lektüre beenden, die überraschend fast genau ein Jahr in Anspruch genommen hat.

Hauptthema des Buchs ist ein Jahr im Leben der Gesine Cresspahl, von August 67 bis August 68. Gemeinsam mit ihrer Tochter befindet sie sich in den USA (meist New York). Sie schildert, Tagebucheinträgen ähnlich, was in New York passiert, was die N.Y. Times (die alte Tante) so berichtet und erzählt darüber hinaus ihrer Tochter die Geschichte ihrer Familie „für wenn ich tot bin“.

Johnson, der als Genosse Autor sogar leibhaftig in Gesines Erzählung angesprochen wird, verknüpft so auf sehr geschickte Weise Ereignisse wie die Unruhen in den USA, die Kämpfe in Vietnam und den Prager Frühling samt Niederschlagung mit der Rezession der Zwanziger- und Dreißigerjahre in Norddeutschland, dem Aufstieg der Nazis, dem zweiten Weltkrieg, der Besatzungszeit in Mecklenburg und der Gründung wie den ersten Jahren in der DDR.

Das Buch ist in vier Großteile gegliedert; vor allem die Niederschrift des letzten Teils scheint für Johnson schwierig gewesen zu sein. Einerseits hat er sehr lange gebraucht, um diesen Teil (und somit das Buch) zu beenden, andererseits merkte man es dem Buch meines Erachtens auch bei der Lektüre an. In den vorhergehenden Teilen glänzt Johnson mit einem Füllhorn an Informationen, eigenen, aber doch sehr exakten Wortverbindungen und einer Vielzahl wunderbarer Formulierungen. Das lässt zum Ende leider etwas nach; der Inhalt scheint immer gedrängter präsentiert, die Fabulierlust verliert sich etwas. Und doch war ich nun ein Jahr lang gefesselt an der Seite Gesine Cresspahls.

Die Lektüredauer war ursprünglich nicht so geplant, wurde aber durch verschiedene äußere Einflüsse erzwungen. Schon bald ergab sich daraus aber eine amüsante jahreszeitliche Parallelität zum Inhalt. Fror Gesine im New Yorker Winter, befand auch ich mich auch bei der Lektüre im Winter. Litten die Menschen unter sommerlichen Temperaturen an der Ostküste, brannte auch hier der Lorenz (also im Prinzip, nicht tagesaktuell).

Dadurch und durch die nahezu tägliche Lektüre schlich sich Gesine Cresspahls Familie auf eine ganz ungewöhnliche Weise in meine Gedankenwelt. Es war oft fast, als würde mir eine Freundin häppchenweise ihre (Familien-)Geschichte erzählen; bei einem Treffen diesen Teil, bei einem anderen Treffen jenen Teil. Und genau wie man durch diese Teilerzählungen langsam eine Vorstellung von der Person entwickelt und diese Person immer besser kennenlernt, so lernte ich in diesem Jahr Gesine kennen. Gerade die Abschweifungen, die Splitter, was sie selbst erlebt hat, was ihr erzählt worden war, was sie aktuell erlebt – all das machte gerade die Figur aus. Hierin sehe ich die besondere Qualität des Buchs. Denn mir ist auf Buchseiten selten ein Charakter so persönlich vorgestellt worden wie hier.

Alles in allem halte ich es bei allen Schwierigkeiten daher für ein wichtiges und gutes Stück deutscher Literatur. Trotz der Gesamtqualität bin ich jedoch realistisch genug zuzugeben, dass es keine Lektüre für jedermann ist.

Nebenbei empfehle ich den Farblinolschnitt von Valentino.

Monty Python’s Flying Circus, Sämtliche Worte (1 und 2)

Ich würde gern schreiben, dass ich hierzu nicht viel zu schreiben hätte. Aber in jüngster Zeit entdecke ich in meiner Umgebung immer größere Wissenslücken hinsichtlich Monty Python. Das ist einerseits praktisch, weil man – ausgestattet mit einem passablen Python-Witzefundus – so problemlos ganze Abende lang als scheinbar genialer Alleinunterhalter wirken kann. Andererseits ist es natürlich schrecklich furchtbar, dass solch kreative Klassiker jetzt schon Vergessenheit geraten (und ja, ich weiß, dass auch die Pythons geklaut haben: bei Peter Sellers mit A Show Called Fred oder der Goon Show und der hat wiederum bei Buster Keaton geklaut …).

Zurück auf Start. In diesem praktischen Doppelband sind die Texte für alle Folgen des Circus’ vereint – leider auf Deutsch, obwohl die Übersetzung für die Umstände vielfach erstaunlich gut ist. Aber im Original wäre es selbstverständlich noch besser. Dafür kann ich Glücklicher aber immerhin auf meine DVD-Ausgabe zurückgreifen, die ich mir vor Jahren ebenfalls gegönnt habe.

Wer es kennt, weiß, dass es gut ist. Wer es nicht kennt, hat eine Bildungslücke. Basta.

Ernst Jünger, In Stahlgewittern

Ich kann mich an die Nachrichten erinnern, als Jünger 100 wurde. Die Titanic amüsierte sich über den Drogenopa und ich erntete wenig Verständnis, als ich der Mutter einer Exfreundin anlässlich dieses Geburtstags erzählte, dass ich In Stahlgewittern mal lesen wollte. Für mich ging es dabei ums Prinzip: Auch wenn Jünger als Blut-und-Boden-Autor verschrien war, wollte ich einfach wissen, was dahintersteckt.

Es lang nicht am fundamentalen Unverständnis dieser Dame, dass ich Jünger aus den Augen verloren hatte. Irgendwie ergab es sich einfach nicht. Nun, da Hundert Jahre verstrichen sein werden, seit die moderne Urkatastrophe Europa verwüstete, nahm ich mir die Gelegenheit einfach.

Ich kann sagen, ich war positiv überrascht. (Und muss insofern mit vieljähriger Verspätung die Ex-Schwiegermutter in spe einmal mehr der Ahnungslosigkeit zeihen.) Denn in den Stahlgewittern gelingt Jünger etwas auf faszinierende Weise.

Er verherrlicht nicht den Krieg, wie landläufig getan wird, im Gegenteil, er schildert ihn im Grundsatz recht nüchtern, wenn er dem Leser gerade in den ersten Kapiteln auch so manches Detail erspart. Er schlendert beinah wie ein neugieriger Naturforscher durch dieses vermatschte Panorama des Todes. Diese Art sorgt dafür, dass Jünger die Zeiten, die er als angenehm empfunden hat, nüchtern schildert. Er parliert also wie beiläufig, wie er in ruhigeren Tagen durch die Natur spaziert und Landschaften genießt. Er lässt sich in einem Bombentrichter ein Sonnenbad einrichten, in dem er sich bisweilen von Granaten gestört fühlt. Er beschreibt aber genauso unaufgeregt, wie er mit seinem Zug gegen indische Einheiten kämpft, wie ihn in der Schlacht die Angst beschleicht oder wie seine besten Freunde im Trommelfeuer laute Lieder singen, um sich selbst zu beruhigen.

Jünger schreibt dabei stilistisch sicher nicht besonders ausgefeilt. Aber es ist doch ein sauberer Stil, oft mit einem interessanten, manchmal etwas gestelzten Vokabular gewürzt. In Stahlgewittern ist weniger ein Roman – schon aufgrund der Basis, nämlich Tagebuch-Einträge Jüngers selbst –, sondern vielmehr eine Art Bericht, die Einblick in die Psyche derjenigen gewährt, die vor Hundert Jahren mit Hurra in die Schlachten zogen, bis sie spät, oft zu spät merkten, welch bitterer Illusion sie da verfallen gewesen waren.

Letztlich leidet das Buch unter einem ähnlichen Problem wie Nabokovs Lolita. Beide werden von vielen Lesern abgelehnt, weil sie sich vor lauter schwerem Gepäck an Vorurteilen gar nicht an die Bücher trauen. It’s their loss.

Laura Joplin, Janis Joplin. Biographie mit bisher unveröffentlichten Briefen

Eine weitere Biographie über ein unfreiwilliges Klub-27-Mitglied. Joplin gehört als Frau innerhalb dieses Kreises (siehe auch Jimi Hendrix) zu einer Minderheit.  Das macht ihre Musik aber nicht schlechter. Ich glaube, es gibt wenige Stimmen, zu denen die Bezeichnung Röhre so treffend passt wie bei ihr – natürlich als Kompliment gemeint, denn sie wusste dieses Röhrige auf den Punkt einzusetzen.

Die Biographie von Laura Joplin, Janis’ jüngere Schwester, fand ich bei der Lektüre vor inzwischen 20 Jahren sehr interessant, vor allem ihre Ausflüge in die bildnerische Kunst waren mir zuvor unbekannt (sie hat beispielsweise einen Porsche wunderschön bemalt – natürlich ist er im Buch abgebildet). Ein Buch, das sich lohnt!

Noch besser wird die Biographie übrigens in Kombination mit Bildern der Fotografin Linda McCartney.* So bekommt man einen sehr guten Eindruck von der Persönlichkeit der Texanerin, die uns viel gegeben hat und sicher noch mehr hätte geben können.

* Es gibt einen wunderschönen Bildband mit einer Auswahl ihrer Fotos, den ich demnächst vorstellen möchte.

Uwe Johnson, Mutmaßungen über Jakob

Wie ich neulich schon kurz erzählte, lese ich derzeit Johnsons Jahrestage (deren Besprechung wird sicher noch etwas dauern, weil ich das Buch in sehr kleinen Häppchen genieße und sich die Lektüre angesichts der zahlreichen Seiten noch über einige Wochen oder Monate hinziehen wird). Ich hatte die Jahrestage kaum angefangen, da hatte ich günstige Gelegenheit, einen weiteren Johnson zu erwerben. Als ich – bis dahin noch ahnungslos – erfuhr, dass die Mutmaßungen im Universum derselben Protagonisten spielen, dachte ich: Perfekt – ein dünnes Buch für die Bahn, das die Jahrestage inhaltlich ergänzt.

Die Mutmaßungen, das kann ich an dieser Stelle gleich verraten, hat Johnson recht früh geschrieben. Es war sogar die erste größere Veröffentlichung (wenn auch nicht sein erstes Buch, denn das wurde erst postum verlegt). Vor Beginn der Lektüre hatte ich zumindest schon mitbekommen, dass die Kritik sehr gespalten reagiert hatte, als die Mutmaßungen Ende der 50er-Jahre erschienen waren. Karlheinz Deschner verriss es wegen sprachlicher Mängel, Hans Magnus Enzensberger lobte es über den Klee als Detektivroman zum Mitmachen. Wer sich jetzt wundert, dass ich das erzähle, wird sofort den Grund erfahren. Denn ich selbst war beim Lesen sehr gespalten:

Johnsons Schreibe ist in den Mutmaßungen oft verstümmelt, Zeichensetzung findet seltener statt als eigentlich nötig. Und trotzdem blüht hin und wieder eine Formulierung auf, die zeigt, dass es kein Unvermögen war, sondern dass Johnson hier sehr bewusst geschrieben hat, wie er geschrieben hat. Und trotzdem gab es etliche Seiten, bei denen meine Gedanken einem anderen bekannten Schreiber und Literaturkritiker galten: Kurt Tucholsky.

Der hatte nämlich 1927 in der Weltbühne unter dem Pseudonym Peter Panter die Goyert-Übersetzung des Joyce’schen Ulysses besprochen. Diese unterhaltsame Kritik kulminierte in der Aussage:

„Hier ist entweder ein Mord geschehen oder eine Leiche fotografiert.“

Ich weiß nicht, wie oft ich beim Lesen der Mutmaßungen an diesen Satz gedacht habe. Aber es war sehr häufig. Das lag häufig daran, dass es ganze Absätze gibt, bei denen man nur durch längeres Nachdenken erfährt, wessen Sicht sie gerade schildern. Das mag dem Leser, der einen Text strukturalistisch auseinander nimmt, große Freude machen. Mich, der ich meist in der Bahn als Wortgourmand lese, hat es einige Male zu oft geärgert. Völlig verwirrt stolperte ich durch Sätze, mutmaßte diesen oder jenen Charakter hinter den Aussagen, nur um am Ende der Seite zu erfahren, dass es doch wieder jemand anders war. Und es hat mich übrigens noch aus einem anderen Grund geärgert: Die Parallellektüre der Jahrestage verriet mir, dass Johnson diese Sprünge auch deutlich besser beherrschte (jedenfalls später in seiner Karriere). Hier hopst er zwar auch innerhalb eines Absatzes durch drei Epochen und die Leben von acht Figuren – aber man merkt es wenigstens beim Lesen und braucht die Puzzlestücke im Kopf lediglich zu sortieren. Aber halt! Dies ist noch nicht die Zeit, die Jahrestage zu besprechen! Noch geht es um die Mutmaßungen. Und mein Fazit dazu lautet: ein interessantes Stück deutscher Literaturgeschichte – aber Lektürespaß ist was anderes.

Carl Gustav Jung, Traum und Traumdeutung

Von den Büchern, die ich von Jung besitze, handelt es sich in diesem Fall um die dickste Zusammenstellung einzelner Arbeiten. Man kann es quasi als Fortsetzung oder Ergänzung des Archetypen-Bandes betrachten, denn hier werden diese theoretischen Überlegungen sozusagen fortgeführt und „praktisch“ angewandt. Jung betrachtet Träume in Form von Beispielen und zeigt daran anschaulich, wie und warum die Archetypen dort auftreten. Ferner befasst er sich mit dem Prinzip der Dualität und religiöser Symboliken. Die Gedanken, die er sich über Mandalas gemacht hat – auch im Rahmen der Träume vorgestellt –, kann ich dagegen eher weniger nachvollziehen, und zwar vor allem, weil mir manche seiner Ausführungen in diesem Zusammenhang entweder zu platt oder zu abgefahren erscheinen.

Trotz allem ein wichtiges Buch!

Stanislaus Joyce, Dubliner Tagebuch

Das erste Mal erfuhr ich von diesem Tagebuch durch einen Essay von Arno Schmidt. Es handelt sich um das Tagebuch des Bruders von James Joyce, der nicht nur in Irland, sondern auch in Triest zusammen mit James gelebt hat. Praktischerweise hat Arno Schmidt auch die Übersetzung dieses Textes übernommen. Das Buch ist ein unheimlich spannender und wichtiger Einblick in das Leben der Familie Joyce. Man erfährt so vieles darüber, was für ein Mensch James war, dass es beinah erschreckend ist. Und gleichzeitig ist es für das Verständnis von James Büchern so enorm wichtig, diese Einblicke aus erster Hand zu erhalten. Sehr zu empfehlen!

Carl Gustav Jung, Archetypen

Okay. Diese Zusammenstellung verschiedener Arbeiten ist natürlich der Schlüssel für das Verständnis von Jung. Neben der Grundsatzerklärung, was er unter Archetypen versteht, dekliniert Jung in diesem Bändchen die einzelnen Typen der typischen Archetypen durch. Das erfolgt insbesondere anhand der Figuren der Anima, anhand des Mutterarchetypus und den damit verwandten Formen sowie anhand des Kindarchetypus und den zugehörigen Formen. Sehr zu empfehlen, vor allem für psychologisch interessierte Leser.

Carl Gustav Jung, Die Beziehung zwischen dem Ich und dem Unbewussten

Ich hatte bereits ein anderes Bändchen von Jung angesprochen, in dem es – nach Auskunft des Titels – um das Bewusste und das Unbewusste gehen sollte. Der Band von heute wird seinem Titel allerdings deutlich gerechter. Jung entwickelt in den hier versammelten Texten das persönliche und das kollektive Unbewusste. Er leitet die Probleme her, die aus dort vorliegenden Brüchen entstehen können und erklärt das psychologische Individuum an sich.

Dieses Buch ist für mich in dieser Zusammenstellung eins der Schlüsselwerke zum Verständnis seines Ansatzes. Ich bin ein Mensch, der äußerst ungern in Büchern herummalt. Zwei Autoren bilden da allerdings aus gutem Grund regelmäßig eine Ausnahme: Deschner und Jung. Ihre Inhalte sind hochwichtig und so spannend wie wichtig. Da darf man nicht mit Exzerpten warten, sondern muss sofort handeln.

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