Doc Tottes Welt

Essays, Skizzen und Gedanken

Schlagwort: Berlin

Jason Lutes, Berlin

Klappentexte sind ja immer so eine Sache. Entweder sind sie total bescheuert am Thema vorbei – oder sie treffen den Apfel in den Kern.

Bei Lutes’ Berlin fand ich es sehr amüsant, dass ich nach den ersten Seiten zu meiner Freundin gesagt habe: wie Döblin als Comic. Anschließend hab ich ausschweifend versucht, ihr von Döblins grandiosem 1918 zu erzählen (was leider auf wenig Interesse gestoßen ist). Dabei gehört 1918 fraglos zu der Handvoll Bücher, die bei mir auch Jahre nach der einmaligen Lektüre noch äußerst intensiv nachwirken.

Erst Tage später fiel mir auf der Rückseite auf, dass Denis Scheck die gleiche Analogie gezogen hat.

Zurück zu Lutes. Warum auch immer ist mir diese Graphic Novel tatsächlich erst nach Vollendung über den Weg gelaufen, als sie als dicker Einbänder erschien. Das ist so unpraktisch nicht, denn so erhielt ich mit einem Schlag die gesamte Geschichte und brauchte während der Lektüre nicht zu warten. Das fantastische Werk erzählt in einem wunderbaren Panoramagemälde vom Berlin in den letzten Jahren vor der Machtergreifung der Faschisten. Hierzu greift Lutes auf zig Charaktere aus verschiedensten Schichten zurück und bindet viele historische Details ein.

Nicht nur für den Döblin-Fan äußerst zu empfehlen, sondern auch für Leser, die gute Graphic Novels zu schätzen wissen!

Glück gehabt (mit mir in einer tragenden Nebenrolle)

Mir ist neulich, im Nachklapp zum Münchner Amoklaufs, etwas aufgefallen, das mir zu denken gibt.

Ich hab eine Bekannte in München, die ich leider schon länger nicht mehr gesehen habe und mit der ich auch nur noch sehr sporadisch in Kontakt stehe. An dem besagten Abend hatte ich dennoch das Bedürfnis zu erfahren, wie es ihr geht. Sie meldete sich leider nicht. Als später Alter und Nationalität der Opfer durch die Presse gingen, wusste ich zumindest, dass sie nicht darunter war. Mich hatte aber an den Bildern stutzig gemacht, dass ich glaubte, dass sie nahe dem Einkaufszentrum wohnte und auch der McDonalds kam mir bekannt vor – was ich zunächst beiseite schob nach dem Motto: Sehen sowieso alle gleich aus.

Wochen später meldete sie sich zurück und schrieb mir, sie sei im Urlaub gewesen. Den Amoklauf hatte sie allerdings noch mitbekommen. Mein Gedächtnis war nämlich besser, als ich es ihm hatte zugestehen wollen: Das Einkaufszentrum bei ihr um die Ecke ist tatsächlich das betroffene Zentrum, wir waren sogar miteinander bei dem McDonalds gewesen, um einen Kaffee trinken.

Schlimmer: Am besagten Tag selbst war sie keine Stunde vor dem Amoklauf im Einkaufszentrum gewesen, später war ihre Straße vom SEK und ähnlichen Einheiten besetzt, niemand durfte in den umgebenden Straße die Wohnung verlassen. Das war vor allem deshalb doof, weil meine Bekannte an dem Abend in Urlaub fahren wollte und erst spät nachts samt Gepäck zu Fuß zu ihrer Mitfahrgelegenheit laufen durfte.

Im Großen und Ganzen hatte sie also dennoch Glück im Unglück. Und darauf möchte ich hinaus. Als ich mit Kollegen darüber sprach, wurde mir ein wiederkehrendes Phänomen bewusst: Einmal mehr kannte ich jemanden, der – aus welchen Gründen auch immer – knapp an einer Katastrophe vorbeigeschlittert ist. Ich zähle auf:*

1998 beim Zugunglück in Eschede hatte der Sohn einer früheren Nachbarin Glück gehabt: Er hatte ein Ticket für den ICE, musste dringend nach Hamburg, hatte aber den Zug verpasst.

Als 2000 die Concorde abstürzte, war ich auf einer Ausgrabung in Norddeutschland. Eine Mitarbeiterin war geschockt, als sie die Nachrichten sah. Denn sie wusste, dass eine Cousine an dem Tag mit der Concorde fliegen sollte – die den Flug aber ebenfalls verpasst hatte, wie wir im Laufe des Tages erfuhren.

2001 waren im New Yorker WTC zwei Cousins einer Straubinger Bekannten. Beide sind mit dem Leben davongekommen, wobei dem einen ein Arm amputiert werden musste (ich weiß nicht mehr, ob wegen einer Quetschung oder einem Trümmerteil).

In Bonn scheiterte 2006 ein Kofferbombenanschlag. Eine Freundin war zu der Zeit zufällig am Bonner Hauptbahnhof, weil sie die U-Bahn nahm. Sie selbst betont noch heute, dass sie sonst nie mit der U-Bahn fährt.

Als 2011 am Flughafen Moskau-Domodedowo eine Bombe explodiert, hatte die Mutter derselben Freundin dort kurz zuvor den Flieger gewechselt.

Als als jetzt 2016 der Lkw-Fahrer durch Nizza walzte, hatte die Freundin einer Kollegin kurz zuvor die Promenade verlassen.

Und nun eben – München.

Nun kann man davon halten, was man möchte. Schließlich gilt auch, dass man über sechs Ecken jeden Menschen kennt (ein älterer Kommiliton von mir kannte sogar Haile Selassie, Kaiser von Abessinien, König der Könige, siegreicher Löwe Judas, noch persönlich). Man könnte diese Reihung daher als puren Zufall abtun. Man könnte aber auch sagen, dass es in solchen Situationen hilfreich ist, mich direkt oder über eine Ecke zu kennen.

Nebenbei: Ich bin gern bereit, gegen kleine Geld- oder Sachspenden neue Bekanntschaften einzugehen. Sozusagen gegen eine kleine *räusper* Schutzgebühr. Ansonsten hoffe ich, dass ich mit dieser Liste keinen Verdacht beim Verfassungsschutz errege.

Update: Ich brauche kaum zu erwähnen, dass ich auch zum Fall Berlin zwei indirekte Kontakte habe. A hat den Weihnachtsmarktbesuch kurz zurvor abgesagt, B hat den Markt keine Stunde vorher verlassen.

* Die Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Falls einer meiner Leser weitere überzeugende Fälle für meine schützende Hand beisteuern kann, beteilige ich ihn gern am Erlös der angeführten Spendenaktion.

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