Doc Tottes Welt

Essays, Skizzen und Gedanken

Schlagwort: Jan Philipp Reemtsma

Stephan Opitz, Bernd Rauschenbach (Hrsg.), Der maritime Rabe

Ich kann es nicht beschwören, aber ich glaube, der Rabe Nr. 39 war in etwa der erste Rabe, den ich erwerben durfte. Er passt schon thematisch so offensichtlich in meine Bibliothek (vgl. den Bücherkoffer), dass er sich auch außerhalb meiner Raben-Abteilung problemlos in die Regale schmiegte. Wer erzählt hier von und über die Seefahrt? Viel Bekanntes und (mir ansonsten) weniger Bekanntes. Eugen Egner erklärt, wie die Seefahrt erfunden wurde, Rühmkorf grüßt Schiff ahoi! Reemtsma präsentiert einen Auszug aus seiner Übersetzung des Tacitus, die ich ganz ausdrücklich empfehlen möchte, weil ich sie besonders gut finde.

Wieder eine sehr angenehme Lektüre, oft erfrischend wie eine Seebrise.

Joachim Kersten (Hrsg.), Der Tagebuch-Rabe

Tagebücher sind eine seltsame literarische Gattung. Vermutlich gibt es kaum eine andere, die so oft begonnen, aber nicht fortgeführt, geschweige denn veröffentlich wird. Letzteres ist allerdings in den allermeisten Fällen wohl auch eher weniger wünschenswert. Umgekehrt ist es aber in zahlreichen Fällen enorm spannend, was manche Leute so notiert haben. Nicht zuletzt gilt vielen das tägliche Schreiben als wertvolle Übung oder wie Italo Svevo zu Beginn des Tagebuch-Raben (Rabe Nr. 34) zitiert wird:

„Ich glaube, glaube aufrichtig, dass es kein besseres Mittel gibt, um eines Tages richtig schreiben zu können, als täglich etwas hinzukritzeln.“

Dementsprechend changieren die Texte in diesem Raben zwischen amüsant und nachdenkenswert. Immer stillen sie aber diesen Voyeurismus, über den man als ambitionierter Leser wohl genauso verfügen muss wie gute Autoren. Denn dann und vermutlich nur dann kommt man zu Erkenntnissen, wie Jan Philipp Reemtsma sie hier in seinem Rom-Tagebuch niederschreibt:

„Das Pantheon ist der schönste Raum der Welt.“

Jan Philipp Reemtsma, Bernd Rauschenbach (Hrsg.), „Wu hi?“ Arno Schmidt in Görlitz Lauban Greiffenberg

Diese Sammlung war ein erster Versuch, biografisches Material über den frühen Arno Schmidt zu sammeln. Es sind etliche kleine, fast durchweg interessante Einzelheiten, die dabei helfen, sich ein Bild von den frühen Jahren dieses Mannes zu machen, dessen Leben höchstwahrscheinlich schon damals nicht anders als seltsam bezeichnet werden kann. Besonders schön finde ich die eponyme Geschichte: Der junge Schmidt fuhr erstmals mit der Bahn in Schlesien zur weiterführenden Schule und wurde von einem alten Schlesier gefragt: „Wu hi?“ Schmidt, damals des Schlesischen nicht mächtig, deutete die Frage („Wo geht’s hin?“) fehl, nämlich als Frage nach seinem Namen. Daher stand der gut erzogene Junge auf, verbeugte sich und stellte sich höflich vor.

Solange Bernd Rauschenbach seine Schmidt-Biografie noch nicht vollendet hat, müssen wir uns hinsichtlich der Frühzeit u.a. hiermit begnügen.

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