Doc Tottes Welt

Essays, Skizzen und Gedanken

Schlagwort: Joseph Conrad

Boris Savinkov, Erinnerungen eines Terroristen

Als jemand, der in dem letzten Viertel des 20. Jahrhunderts aufgewachsen ist, sind die Begriffe Terror und Terrorismus durchaus prägend. Schon als Kind habe ich – wenigstens zum Teil – mitbekommen, wie der deutsche Herbst ablief, ich kann mich noch sehr gut an all die Fahndungsplakate erinnern, an die Sympathiebekundgebungen, an Terror aus dem Nahen Osten, an die Terrorwarnungen im BFBS. Da war es für mich schon eine kleine Überraschung, als ich vor etlichen Jahren dieses Buch entdeckte, in dem ein russischer Terrorist von seinen Versuchen berichtet, den russischen Zaren zu töten.

Insgesamt ist der Text durchaus interessant, insbesondere als zeitgeschichtlich ergänzender Text zu Conrads Geheimagent. Wobei ich es besonders frappierend finde, wie dilettantisch die Terroristen Ende des 19. Jahrhunderts noch sind. Viele Attentatsversuche gehen dermaßen schief, dass man sich in einen Slapstick-Film versetzt fühlt. Trotzdem oder gerade deswegen sehr empfehlenswert!

Joseph Conrad, Lord Jim

Ja, es ist wahr, ich schätze in diesem Fall nicht allein das sehr gute und spannende Buch, sondern auch die herrliche Verfilmung mit Peter O’Toole in der Hauptrolle, obwohl der Film in so manchem Detail eklatant vom Buch abweicht. Aber letztlich ist es wirklich ein ganz besonderer Text, weil Conrad hier praktisch ganz großes Kino geschrieben hat, ohne es zu kennen. Einfach toll, einfach zu empfehlen.

Joseph Conrad, Almayers Luftschloss

Bei diesem Text (verschiedentlich auch Almayers Wahn transkribiert) tritt der umgekehrte Effekt ein, den ich bei der Lektüre vom Herz der Finsternis hatte: Zunächst erscheint Almayer platt, er gewinnt aber eine Tiefe, die den Text wesentlich kraftvoller macht. Besonders beängstigend für mich: eine Stelle, in der der Hauptfigur eine schlimme psychische Krise widerfährt. Die Bilder, die Conrad hier nutzt, kamen mir bei der Lektüre sehr bekannt vor. Die Tatsache, dass er dasselbe Bild wieder und wieder verwendet, lässt mich vermuten, dass er es selbst genau so erlebt hat. Jedenfalls schildert er es sehr lebendig und persönlich. Das erinnert mich daran, dass ich vielleicht mal nach einer Conrad-Biografie Ausschau halten sollte …

Joseph Conrad, Herz der Finsternis

Ach, was ärgere ich mich heute, Conrad erst so spät angefasst zu haben. Allerdings möchte ich nicht ausschließen, dass ich ihn auch weniger gut verstanden hätte, wenn ich ihn 20 Jahre früher gelesen hätte, als ich es getan habe. Kurz zum Herz der Finsternis, einem Klassiker, der schon längst Topos geworden ist. So wichtig der Klassiker für Conrad ist, so farblos erscheint er mir ehrlich gesagt im Vergleich zu manch anderem Buch von ihm. Es ist beinah mehr eine Art Einführung in Conrads Welt.

Übrigens ist bei Conrad eines besonders interessant: Er stammt als Sohn polnischer Russen (russischer Polen?) aus Berdytschiw, der Stadt, aus der auch Wassili Grossman stammt. Einmal vormerken bitte. Mit 20 begann Conrad Englisch zu lernen und war ein sprachliches Wunderkind, weil er es vorzüglich beherrschte.

Joseph Conrad, Der Geheimagent

Ich bin ja ein großer Conrad-Fan. Das zeigt sich nicht zuletzt darin, dass ich mich in eine wiederholt vorkommende Szene seiner Hauptfiguren aus persönlicher Erfahrung sehr gut einfinden kann (ich erspare jetzt den Lesern und mir, diese Szene anzusprechen und auszuklamüsern). Der Geheimagent (im Deutschen geht in der Übersetzung leider die Zweitbedeutung des Titels verloren) ist allerdings ein sehr untypischer Conrad – sowohl hinsichtlich der Geographie als auch bezüglich der Architektur des Textes. Und dennoch hat er mir viel Spaß gemacht. Das mag in Teilen daran liegen, dass ich viele Bilder aus der angenehmen 96er-Verfilmung mit Bob Hoskins in der Rolle des Geheimagenten vor dem geistigen Auge hatte.

Präsentiert von WordPress & Theme erstellt von Anders Norén