Essays, Skizzen und Gedanken

Schlagwort: Marcel Reich-Ranicki

Mesdames et Messieurs – wir erheben uns von den Plätzen

Amüsant, schroff, kategorisch – man kann vieles über Marcel Reich-Ranicki sagen, aber er war vor allem wichtig. Wichtig für unsere Literatur, wichtig für unsere Kultur und auch wichtig für mich persönlich. Ich bin froh, in einem Zeitalter gelebt zu haben, das sich mit dem seinen überschnitten hat. In stillem Gedenken.

Hermann Hesse, Der Steppenwolf

Der alte Klassiker. Vermutlich bis heute DAS Buch für alle Teenager, meines Erachtens mehr noch als der Fänger im Roggen. Ich glaube, wenn man nachvollziehen möchte, wie Goethes Werther im 18. Jahrhundert eingeschlagen hat, braucht man nur Teenager über den Steppenwolf zu sprechen hören. Dieser „Das bin ich!“-Effekt dürfte bei wenigen Büchern höher sein.

Übrigens gibt es von Robert Crumb einen wunderbaren kurzen Text über die raffinierte Technik der Ich-Identifikation, auf der praktisch die gesamte Popkultur basiert. Ich schweife ab – nur um gleich wieder abzuschweifen: Ich hatte mich doch mal zu Büchern geäußert, die nur in bestimmten Altersstufen funktionieren. Ja, richtig geraten, dasselbe gilt für den Steppenwolf. Deshalb passt an dieser Stelle wunderbar eine Anmerkung von Reich-Ranicki. Der sagte nämlich einmal, er habe den Steppenwolf dreimal gelesen: einmal als Jugendlicher, da war er entzückt. Einmal nach dem zweiten Weltkrieg, da war er enttäuscht. Und einmal Jahre später im Rahmen einer Untersuchung – da war er entsetzt.

Imre Kertesz, Der Roman eines Schicksallosen

Ein großartiges Buch. Eins der wenigen Bücher, die ich auf Anraten der Kritik Reich-Ranickis erworben und dann auch noch grandios gefunden habe. Der spätere Nobelpreisträger Kertesz entwirft in diesem Buch die Geschichte eines Jungen, der in ein KZ kommt, aber von Tag zu Tag lebt und stets nur das Beste annimmt. Er kann (oder will) nicht verstehen, was um ihn herum passiert, findet für alles und jedes Entschuldigungen. Diese ungewöhnliche Perspektive hebt das Buch weit aus dem üblichen Kanon heraus, es lässt Dinge schildern, die eigentlich unaussprechbar sind.
Nach der Lektüre habe ich es einer befreundeten Lehrerin empfohlen, die es im Geschichts-Leistungskurs gelesen hat. Ich bekam mit, dass Kertesz damals in Berlin ein Stipendium hatte, und empfahl ihr, die Schüler einen Brief schreiben zu lassen. Das taten sie auch und bekamen zunächst lange keine Antwort. Immer fragten sie nach, ob er schon geschrieben hätte, bis sie selbst daran zweifelten. Aber genau zu der Zeit kam von ihm ein unglaublich persönlicher und freundlicher Brief, in dem er sich sogar für die Verzögerung entschuldigte und sich bei den Schülern sehr für das große Interesse bedankte.

Man kann es kaum anders sagen: Kertesz ist eher eine Art wunderbares Gesamtkunstwerk.

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