Doc Tottes Welt

Essays, Skizzen und Gedanken

Schlagwort: Robert Crumb

Heiko Arntz, Gerd Haffmans (Hrsg.), Der phantastische Rabe. Mit großem Philip.-K.-Dick-Sonderteil

Nach dem ich mich zuletzt eher über Raben beklagt habe, kann ich nun mit einem meiner Lieblingsraben aufwarten: Die Nr. 59 ist quasi Philip K. Dick gewidmet und enthält daher u.a. Ausschnitte aus seinen Werken. Dazu gesellen sich verschiedenste Arbeiten von Egner, Bruno Schulz, Holbein, Conan Doyle und anderen. Zwei besondere Highlights sind und bleiben aber der grandiose Essay „Wie man eine Welt erbaut, die nicht nach zwei Tagen wieder auseinanderfällt“ von Dick himself sowie der aufschlussreiche Strip „Die religiöse Erleuchtung des Philip K. Dick“ von Robert Crumb, in der er wundervoll die Visionen schildert, die Dick nach Einnahme von Natriumpentothal im Rahmen einer Zahnarztbehandlung hatte (und die er u.a. im genannten Essay schildert). Diese Visionen waren prägend für seine letzten Jahre und mündeten bekanntlich in die verstörende VALIS-Trilogie und Dicks Paranoia.*

Kurz: Ich liebe diesen Raben. Ich liebe ganz besonders Dicks Essay und bedaure es ja u.a. deswegen, dass der Essayband, den der Heyne-Verlag vor Jahren ankündigte, weiterhin auf Eis liegt. Zum Abschluss möchte ich meinen Lieblingssatz von Dick zitieren, der Satz, der der Schlüssel zu seinem Werk ist und mit dem er einst die Frage einer Studentin beantwortet hatte, die ihn für eine Philosophiearbeit um eine möglichst kurze Definition der Wirklichkeit bat:

Wirklichkeit ist das, was übrig bleibt, wenn man aufhört, daran zu glauben.

* Die von Dick prophezeiten polizeistaatähnlichen Zustände in den USA werden in den vergangenen Jahren übrigens erschreckend real.

David Zane Mairowitz, Robert Crumb, Kafka. Kurz und knapp

Erst neulich wurde ich unsanft damit konfrontiert, dass die Menschen Kafka erstaunlich wenig kennen. Egal, ob 45, 30 oder 25 – ein Raum voller Kolleginnen kannte KEINE einzige Kafka-Geschichte. Gut, nun mag man meinen, dass Kafka insbesondere von Deutschlehrern (dazu empfehle ich Sebastian Krämers Deutschlehrerlied) leicht überschätzt wird. Aber das ändert nichts daran, dass er für die Literatur, und nicht nur für die deutschsprachige Literatur ein Meilenstein ist und war. Dementsprechend wichtig ist es auch heute noch, sich mit Kafka und seinen Texten zu befassen. Ein interessanter Zugang ist dieser Einstieg auf Comic-Ebene. Wer Kafka und/oder Crumb schätzt, wird diesen Band sehr mögen. Wer Kafka tatsächlich noch nicht kennt, sollte wenigstens hiermit anfangen – oder besser gleich die Klassiker lesen. Die sind nun wirklich gut erreichbar.

Robert Crumb, Peter Poplaski, The R. Crumb Handbook

Eine wunderbare Zusammenstellung von Strips, Zeichnungen und Fotos von und mit Crumb. Das Buch war eine nette Entdeckung in einer Entdeckung selbst: Ich habe es in einem versteckten Kreuzberger Comic-Shop gefunden, den ich zuvor nur deswegen gefunden habe, weil ich im nebenan liegenden Plattenladen gestöbert (und eingekauft) hatte. Dem Buch beigelegt war übrigens eine wunderbare CD mit tollen Aufnahmen von Crumb und seinen Bands von 1972 bis 2003 (darunter der köstliche Klassiker „My Girl’s Pussy“). Ein sehr empfehlenswertes Bundle!

Philip K. Dick, Die VALIS-Trilogie

Okay, spätestens jetzt wird es jeder Dick-Leser merken: Ich stelle meine Dick-Sammlung hier weder alphabetisch noch chronologisch vor. Stattdessen gehe ich die Bücher so durch, wie sie nach dem letzten Umzug ins Bücherregal gefallen sind. Das wird in Einzelfällen seltsam anmuten, so wie heute.

Die VALIS-Trilogie ist ein Monster. Ich kenne Leute, die Dick sehr schätzen, aber an dieser Trilogie scheiterten. Und das kann ich durchaus verstehen. VALIS ist nicht nur optisch ein Monster, sondern auch inhaltlich. Die Trilogie besteht aus den drei Romanen VALIS, Die göttliche Invasion und Die Wiedergeburt des Timothy Archer. Die Wiedergeburt gehört eher locker zu den anderen beiden Romanen, was aber weniger Dick als vielmehr dem Verlagswesen geschuldet ist, weil der ursprünglich geplante letzte Roman der Trilogie unvollendet blieb. Aus mir unverständlichen Gründen klatschte man dann eben den „irgendwie“ passenden Timothy Archer dazu, das letzte Buch, das Dick vollendet hat.

Dick begann mit der Niederschrift des Romans nach einem einschneidenden Erlebnis. Er hatte nach einer zahnärztlichen Behandlung Natriumpenthotal bekommen und unter Einfluss dieser Droge Halluzinationen gehabt, die sein Weltbild endgültig umkrempelten. Alles schien ihm nur noch Gaukelei, zeitweise glaubte er, wir lebten immer noch in der Zeit des Römischen Reichs und alle Realität würde uns lediglich vorgespielt werden. (Es gibt dazu einen wunderbaren Strip von Robert Crumb.) Wer da übrigens ein Klingeln hört, dem gratuliere ich herzlich: Ja, die Wachowski-Brüder haben sich fleißig bei VALIS bedient.

Dick hat sich nach diesen Visionen damit beschäftigt, herauszubekommen, was hinter unserer Realität liegt. Das Ergebnis ist VALIS.

VALIS – ein Akronym für Vast Active Living Intelligence System (oder in der deutschen Fassung: Voluminöses Aktives Lebendes Intelligenz-System) – ist ein Satellit, der mit einer rosa(!) Strahlung in unsere Gedanken eindringt und dafür sorgt, dass wir die Welt sehen, wie wir sie sehen. In der Hauptsache geht es dabei natürlich um einen versteckten Polizeistaat. Die Handlung in VALIS ist (meiner Erinnerung nach) recht bescheiden. Der Ich-Erzähler (Philip Dick) erzählt von der Hauptfigur Horselover Fat, der sich mit Kumpels trifft, irgendwann hinter VALIS kommt und danach forscht. Sie lernen einen Musiker kennen, der ähnliche Erfahrungen gemacht hat, und suchen schließlich die zweijährige Sophia, eine Art Orakel. Am Ende muss der Ich-Erzähler feststellen, dass er selbst Horselover Fat ist: Phil-hip (gr. der Pferdefreund/Horselover) Dick (engl. Fat). Das ganze Werk ist durchsetzt mit 52 Punkten aus Dicks eigenen Tractates Cryptica Scriptura, Anweisungen, Hinweisen, Sätzen, Überlegungen, die Dick selbst in seinem persönlichen Wahn gehört haben will. Manche kommen nur einmal vor, andere wiederholen sich permanent, so wie N° 6 „Das Reich endet nie.“
VALIS ist schrecklich und interessant zugleich. Es ist das Ergebnis eines Nervenzusammenbruchs und schenkt gerade psychologisch interessierten Menschen tiefe Einblicke in das, was in einem Menschen vorgeht, der im absoluten Wortsinne neben sich steht. Zugleich halte ich es für eine Art Therapie, der Dick sich unbewusst selbst unterworfen hat. Ohne die Niederschrift von VALIS, so glaube ich, hätte er den ohnehin kurzen Rest seines Lebens in der Anstalt verbracht.

Die göttliche Invasion ist in der in Trilogie der Roman, mit dem ich die größten Probleme hatte. Daher möchte ich mich extrem kurz fassen: Es geht um eine seltsame Parallelgeschichte eines Mannes, der nach einem Unfall in einem kryonischen Zustand liegt und dort seine Vergangenheit wiederträumt. So weit, so gut. Aber diese Vergangenheit beinhaltet eine seltsam isolierte Kolonie auf einem fremden Planeten und zahlreichen Engels- und Gottesquatsch. (Anders kann ich es nicht nennen, tschuldigung).

Der dritte, eigentlich nicht zur Trilogie gehörige Roman Die Wiedergeburt des Timothy Archer fiel mir bei der Lektüre deutlich leichter. Es geht um allerlei Wirrungen im Umfeld eines Gurus und die Kopplung der Leben verschiedener Menschen. Ich kann mich erinnern, dass mich die Schilderung von Bill, einem schizophrenen Sohn einer Figur, sehr beeindruckt hat. Hier gelingt Dick, was er vorher in anderen Büchern besonders gut konnte: psychische Erkrankungen darzustellen.

Summa summarum: VALIS ist grässlich. VALIS ist wichtig. Zumindest für das Verständnis des späten Phil Dick. Was immer mit ihm passiert ist in seinen letzten Jahren – VALIS ist das Ergebnis davon. Wer es sich zutraut, wird in bizarre Welten geführt, die Dick realer waren als vieles andere. Aber er braucht nicht Dick at it’s best zu erwarten. Leider.

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