Doc Tottes Welt

Essays, Skizzen und Gedanken

Schlagwort: James Joyce (Seite 1 von 2)

James Joyce, Briefe

Diesen Band hatte ich schon ziemlich lange im Regal stehen, u.a. deswegen, weil ich davon überzeugt war, ihn kurz nach dem Kauf gelesen zu haben. Ein Irrglaube, wie ich beim durcharbeiten meiner Regalreihen feststellen musste. Da ich zurzeit an einem Punkt angekommen bin, an dem ich mir wenig Neues zulege, finde ich nun endlich auch die Zeit, Liegengebliebenes zu lesen.

Joyce’ Briefe waren dazu ein wunderbarer Start. Ich glaube, viel interessanter als seine Schreibe finde ich sein Leben, den Menschen, der hinter seinen Zeilen steckt. Man kann sicher nicht behaupten, dass er ein einfacher Mensch gewesen ist, im gegenteil wird er für seine Umgebung oft genug sehr anstrengend gewesen sein, nach allem, was wir wissen. Aber dennoch gehört er zu den historischen Figuren, die ich gern kennengelernt hätte. Ein Abend mit ihm wäre ganz bestimmt ein unvergessliches Erlebnis gewesen.

Diesen spannenden, oft bittenden und bettelnden, witzigen und fordernden, immer aber menschlichen Joyce findet man an so vielen Stellen in dieser Briefauswahl wieder. Und auch, wenn sie gewiss nur einen müden Abklatsch des wahren Menschen liefern können, bleiben sie für uns Nachkommende so wichtig.

Mara Mauermann (Hrsg.), Der heilige Rabe

Das Wort heilig ist schnell in den Mund genommen. Aber was ist das eigentlich – heilig? Der Rabe Nr. 37 führt es vor. Ob Artmann, Joyce oder Traxler mit seiner kurzgefassten Geschichte der Römischen Päpste („Der 1. Papst, den man hier kennt, kam aus dem Vorderen Orient …“), ob Mystizismus, Wunder oder biblische Rezepte nach Toulouse-Lautrec („geröstete Heuschrecken nach der Art von Johannes dem Täufer“). Hier ist alles vereint, was man wissen muss über SEine HEiligkeit. Ergänzend empfiehlt sich bestenfalls die parallele Lektüre des aktuellen Wachturms und eines frei gewählten Buchs von Karlheinz Deschner.

Italo Svevo, Schriften über Joyce

Natürlich tut man Svevo unrecht, wenn man ihn auf seine Beziehung zu James Joyce beschränkt. Der Triestiner war eben auch literarisch eine wichtige eigenständige Persönlichkeit. Trotzdem kann man auch nicht ignorieren, dass die beiden sich kannten und miteinander befreundet waren. Diese Sammlung kleiner Schriften sind zwar nur eine Teil des Puzzles aus Dublin, aber dennoch interessante Lektüre für Freunde der Texte aus den Häusern Joyce und Svevo.

Vladimir Nabokov, Ada oder das Verlangen

Ich weiß gar nicht recht, wo ich bei dem Buch anfangen soll. Entdeckt hatte ich es ja kurz vor meinem letzten Geburtstag bei Zweitausendeins. Und da ich noch etwas anderes „brauchte“, legte ich es gleich mit in den Warenkorb. Hier lag es dann fast ein halbes Jahr, weil mir dauernd andere Bücher in die Quere kamen. Monatelang freute ich mich auf den Nabokov und neulich war es dann so weit: Ich packte mir das wirklich sehr hübsch gestaltete Buch in die Tasche, um mich bei der Pendelei angenehm unterhalten zu lassen. Doch schon nach wenigen Seiten begann das Erstaunen.

Kein Witz: Bevor ich die ersten 40 Seiten zu Ende gelesen habe, hatte ich dreimal auf dem Umschlag kontrolliert, ob das Buch auch wirklich von DEM Vladimir N. ist und nicht von irgendeinem Halbbruder oder entfernten Cousin verfasst wurde.

Ja, schon der Anfang von Ada tut weh. Es ist ein krauses Feld an Schwurbeleien, bei dessen Lektüre man das Fragezeichen überm Kopf problemlos beim Wachsen beobachten kann.

Dann irgendwann kam der Bruch. Es begann, eine erzähltechnisch halbwegs normale Geschichte zu werden. Gut, ich wunderte mich über vereinzelte Anachronismen, bis ich merkte, dass sie kein Fehler Nabokovs waren, sondern dass das, was ich hier las, in einer Art Parallelwelt spielen sollte. Diese Parallelwelt entwickelt sich technisch etwas anders, auch politisch und in Bezug auf Landesgrenzen.

Nabokov hat das Buch 1969 geschrieben, daher kam es mir an vielen Stellen so vor, als sei es ein Gedankenspiel, wie sich Russland und die russische Kultur im Verhältnis zu anderen Ländern entwickelt hätten, wenn es keine Revolution gegeben hätte.

Denn in der Hauptsache geht es um die Geschichte von Ada und Van. Die Eltern von beiden sind über Kreuz miteinander verheiratete Zwillinge, und obwohl Ada und Van bereits als Teenager herausfinden, dass sie gar nicht Cousin und Cousine, sondern mindestens Halbgeschwister, wenn nicht richtige Geschwister sind, entwickelt sich zwischen beiden eine Beziehung. Und wer jetzt „Inzest!“ denkt, liegt nicht falsch. Denn anders als bei Nabokovs Lolita, das im Volksmund unberechtigterweise für Schweinkram berühmt ist, dreht er in Ada das große Rad.

Dabei gibt es eigentlich nicht viel Sex, das Meiste spielt sich in oder hinter Gebüschen ab und wird eher verblümt angedeutet. Aber es ist doch durchgehend klar, was die beiden miteinander treiben.

Insgesamt erzählt das Buch mehr oder weniger die Lebensgeschichte Vans, etwa in der Art eines psychologischen Berichts. Der Text ist gespickt mit Anleihen aus der französischen und russischen Literatur. Überhaupt gibt es zahlreiche Sprachspiele und Wortwitzeleien auf Russisch, Französisch, Englisch, die zwar weitgehend im Anmerkungsapparat kurz erklärt sind, aber für meinen Geschmack unangenehm blass bleiben. Was bei Joyce oder Schmidt noch Spaß macht, ist bei Nabokovs Ada einfach aufgesetzt und stellenweise gezwungen. Trotzdem, und gerade deswegen habe ich das oft quälende Buch zu Ende gelesen, gibt es immer wieder ein Bündel Seiten, die viele nachdenkenswerte Überlegungen und philosophische Betrachtungen, beispielsweise zur Zeit beinhalten. Und dann kommen wieder Seiten, bei deren Lektüre man eigentlich vor Schmerz nur laut schreien möchte.

Ich weiß nicht genau zu sagen, woran diese Wechsel liegt. Mein erster Verdacht war, dass es daran liegt, dass der Text von zwei Übersetzern übertragen wurde. Wenn ich die Lektüre nicht so furchtbar quälend gefunden hätte, würde ich vielleicht ins Original schauen. Aber ehrlich: Meine Zeit ist mir zu schade, nur um das zu prüfen.

Brenda Maddox, Nora. Das Leben der Nora Joyce

Eine nette Entdeckung in einem kleinen Stader Antiquariat. Eigentlich war es ein Zufall, weil ich wenige Häuser weiter eine mittelalterliche Kloake ausgraben durfte und in der Mittagspause an dem Laden vorbeikam, in dessen Auslage dieses Taschenbuch lag. Gut, bringen wir die Vor- und Nachteile in einem Satz: Nicht so brillant wie der Ellmann, aber eine wunderbare Ergänzung, denn natürlich legt die Autorin Maddox einen ergänzenden Schwerpunkt, wenn sie auch nicht so ein ausführliches Quellenstudium betrieben hat wie Ellmann. Trotzdem ein empfehlenswerter Geheimtipp, wie ich meine!

Richard Ellmann, James Joyce. Biographie

Das ist nicht eine, sondern DIE ultimative Joyce-Biographie. Was Ellmann hier wissbegierig zusammengetragen und dem Joyce-Fan sehr angenehm lesbar überreicht hat, kann ich wirklich nur jedem empfehlen, der ein bisschen im Universum des Iren herumstöbern möchte. Ellmann ist an Unterlagen gelangt, die vor ihm kaum jemand kannte und an die die Erben vermutlich auch heute keinen mehr lassen. (Und schlimmer: Er weiß recht genau von weiteren Quellen, die die Erben aber höchstwahrscheinlich bereits vernichtet haben!). Mehr möchte ich eigentlich gar nicht sagen, denn ich habe gemerkt: Es gibt Leute, die lesen Biographien, und es gibt Leute, die lesen keine. Wer sie liest und Interesse an Joyce hat, wird über kurz oder lang am Ellmann sowieso nicht vorbeikommen.

Stanislaus Joyce, Dubliner Tagebuch

Das erste Mal erfuhr ich von diesem Tagebuch durch einen Essay von Arno Schmidt. Es handelt sich um das Tagebuch des Bruders von James Joyce, der nicht nur in Irland, sondern auch in Triest zusammen mit James gelebt hat. Praktischerweise hat Arno Schmidt auch die Übersetzung dieses Textes übernommen. Das Buch ist ein unheimlich spannender und wichtiger Einblick in das Leben der Familie Joyce. Man erfährt so vieles darüber, was für ein Mensch James war, dass es beinah erschreckend ist. Und gleichzeitig ist es für das Verständnis von James Büchern so enorm wichtig, diese Einblicke aus erster Hand zu erhalten. Sehr zu empfehlen!

Arthur Power, Gespräche mit James Joyce

Der irische Maler und Kunstkritiker Power lernte Joyce in dessen Zeit in Paris kennen. Beide freundeten sich an und führten ausgiebige Gespräche, die sich um allerlei vor allem aus dem Literaturbetrieb drehten. Ich gestehe, dass ich von der Lektüre vor zig Jahren fast nichts mehr weiß, außer dass man Kleinigkeiten über Joyce erfuhr, die ihn als Mensch realer werden lassen. Er kommt dem Leser auf diese Weise näher, wird in all seinem menschlichen, allzumenschlichen Handeln verständlicher.

James Joyce, Stephen der Held, Ein Porträt des Künstlers als junger Mann

Das Porträt des Künstlers habe ich an anderer Stelle schon einmal sehr kurz besprochen. Der heute thematisierte Band ist eher literaturhistorisch von Interesse.

Joyce hatte, als er Irland verließ, einen längeren Roman im Gepäck, den er allerdings vernichten wollte, weil niemand Interesse daran zeigte. Seine Schwester, so will es die Legende, rettete einen Teil: Stephen der Held. Joyce selbst nahm diesen Teil und das, was er im Kopf hatte, erneut in die Hand und fertigte daraus das Porträt des Künstlers als junger Mann. Ja, der Text ist interessant für die, die tiefer in Joyce’ Universum eintauchen wollen. Die Vorarbeit in Form des Stephen Hero ist dagegen weniger spannend. Ich betrachte sie als ein Kann, nicht als ein Muss.

James Joyce, Ulysses

Es ist doch verblüffend, dass es Menschen gibt, die Joyce’ Werk auf lediglich ein einziges Thema reduzieren. Dabei zeichnet es doch gerade Joyce aus, dass er Wörter, Sätze, Sprachen, Geschichten, Ideen und Überlegungen aus aller Welt wie ein Schwamm aufsaugte, genüsslich darauf herumlutschte (mit Beißen war ja irgendwann nicht mehr viel) und ein Kleinod ausspuckte. Manchmal war es ein Carbochon, manchmal aber auch ein Brillant.

Der Ulysses ist so ein Brillant. Er hat gerade genau die richtigen Facetten, um ein rundes Buch zu sein. Auf jeder Seite kann man sie entdecken, manchmal auch erst bei der zweiten oder späteren Lektüre. (Ganz anders dagegen der Finnegans Wake, der praktisch nur noch aus Facetten besteht, sodass es schwierig ist, hier noch ein Ganzes zu erkennen.)

Umso lustiger, dass mir erst neulich jemand „selektive Wahrnehmung“ vorgeworfen hat, weil ich mehr als ein Thema im Buch dieses so kurzsichtigen wie abergläubischen Autortenorsprachlehrerdichtersäufers sehe. Aber gegen billige Verbohrtheit gibt es nun einmal kein Mittel. Menschen, die nicht sehen wollen, sehen auch nicht, wenn man ihnen sagt, was es zu sehen gibt.

Und weil mehr in Joyce steckt als nur 1 Thema, braucht man sich bei seiner Lektüre auch nicht zu langweilen. Im Gegenteil sind gerade die beiden letzten Werke aktives Gehirnjogging. Dabei erscheint mir der Ulysses noch eleganter, weil er deutlicher die Brücke zwischen lesbarer Literatur und Wortklang schlägt als Finnegans Wake. Aber auch beim Ulysses muss man sich eben auf so manches einlassen.

Seite 1 von 2

Läuft mit WordPress & Theme erstellt von Anders Norén