Doc Tottes Welt

Essays, Skizzen und Gedanken

Meine Mutter (2)

Meine Mutter ist streng aufgezogen worden, in einem protestantischen Arbeiterhaushalt voller Pflichtbewusstsein. Ihre Mutter war der cleverste und fleißgste Stern der eigenen Familie, arbeitete früh bei Henkel und nervte noch mit 70 die ganze Familie mit den Vorzügen von Waschmittel aus rein deutscher Produktion. Sie war im Vertrieb tätig und in dieser Position sehr viel unterwegs, weswegen meine Mutter früh in die Rolle gedrängt wurde, sich um die Familie zu Hause zu kümmern. Sie sorgte jeden Tag dafür, dass etwas Ordentliches zu essen auf dem Tisch stand und wusch und bügelte Vater und Bruder die Sachen, damit der eine bei Krupp als Bauzeichner ordentlich aussah und der andere als Kellnerlehrling, denn mein Onkel hatte sich von der Pike auf bis zum Personalchef von Schneekoppe hochgearbeitet.

Meine Oma hatte wie meine Mutter und ich ein Bein, das kürzer war als das andere. Bei uns dreien ist der Unterschied verschieden (gewesen), daher variieren auch die Probleme. Meine Mutter hat damit gar keine, ich nur zeitweise, meine Oma wohl regelmäßig, bis sie nach einem schweren Autounfall eine künstliche Hüfte bekam. Wenn sie morgens vor der Arbeit richtig Probleme mit dem Ischias hatte, lief sie sich wohl erst warm, indem sie lange um den Esszimmertisch herumlief, wie meine Mutter erzählt.

In unserer Familie gab es das eben nicht, dass man Zipperlein nutzte, um nicht zur Schule oder zur Arbeit zu gehen. Ein Fluch, den ich noch heute mit mir herumschleppe.

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  1. Das muss typisch für unsere Elterngeneration sein. Mein Vater ist auch so einer, der sich irgendwann tot arbeiten wird. Unsereins kann da schon eher die Notbremse ziehen.

    • Durchs „schlechte“ Beispiel, richtig. Man braucht ja nicht gleich faul zu sein, aber man sollte die eigenen Grenzen kennen und rechtzeitig erkennen.

  2. Die Sache mit den Zipperlein kenne ich aus meiner eigenen Familie. Wer nicht so krank ist, dass er das Bett hüten muss, kann auch arbeiten. 🙂 Das ist es wohl, was man eine „deutsche Tugend“ nennt.

    • Wobei es in Wahrheit natürlich nur bis zu einem gewissen Grad eine Tugend ist. Irgendwann ist es pure Dummheit, wenn man sich mit etwas quält, was schon lange kein Zipperlein wäre. Meine Mutter hat deswegen z.B. schon zweimal kurz vor Exitus gestanden. Aber dazu irgendwann später in dieser Reihe.

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