Doc Tottes Welt

Essays, Skizzen und Gedanken

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Sensation DocTotte

Die Tage war ich zur Mittagspause bei einem Bäcker nahe meinem Büro. Ich hatte ein nettes Buch dabei (darüber demnächst mehr), holte mir eine Art Sandwich, setzte mich an einen Tisch, auf den die Sonne schien, und las.

Nach vielleicht einer Viertelstunde – ich war etwas im Text versunken – merkte ich, wie am Nachbartisch ein Herr mit silbergrauen Haaren und einem gepflegten kurzen Bart aufstand. Während er sich seinen Schal um den Hals legte, sprach er mich plötzlich an und meinte: „Entschuldigen Sie, aber das muss ich Ihnen jetzt sagen.“

Ich schaute etwas sprachlos auf, weil ich nicht ahnte, was mich erwartete.

„Sie sind eine echte Sensation“, sagte er, „wie Sie hier mitten am helllichten Tag ein Buch lesen.“ Heutzutage, so sprach er weiter, lese ja kaum jemand und wenn, dann maximal die Bildzeitung. Ich solle doch mal in Cafés und Lokalen darauf achten. Dann wiederholte er mit feinsinnigem Grinsen und leuchtenden Augen: „Sie sind wirklich eine Sensation.“

Ich blieb etwas baff, bedankte mich artig ehrlich. Er grinste, knöpfte sich den Mantel zu, ging hinaus, stieg auf sein Rad und fuhr davon.

Von Parteien und Plakaten

Werbung und Politik ist so eine Sache. Zahlreiche Werber, Agenturen und Zulieferer entscheiden sich bewusst dagegen, für Parteien und Politiker die Marketingmaschine anzuwerfen. Kein Wunder – der Stress brummt nach Vorhersage pünktlich vor Wahlen, langfristige Kundenbindung findet kaum statt, weil die Wahrscheinlichkeit, die Kundenerwartung nicht zu erfüllen, äußerst hoch ist.

Ich erinnere mich an ein Gespräch mit dem Chef der Agentur, die die Rösler-FDP im Bundestagswahlkampf beraten hatte. Vollmundig erklärte er vor der Wahl, er habe Rösler gleich im ersten Gespräch verordnet, Krawatte und Jackett abzulegen („Stehen Sie nicht da wie ein Liftboy!“). Kurz nachdem er mir das erzählt hat, blamierte sich seine Agentur damit, für die FDP dasselbe Videostockmaterial wie die NPD verwendet zu haben. Schließlich setzte die FDP (oder die Agentur – wie immer man das sehen möchte), die Wahl total in den Sand.

Auch bei der diesmaligen Bundestagswahl sind die Plakate spannender als die Programme. Durch die notwendige Konzentration auf Kürze verraten sie viel über Selbstverständnis oder Dämlichkeit derjenigen, die sie konzipiert und entworfen haben, aber auch derjenigen, die sie freigegeben haben. So ergeben sich interessante Einblicke, auch in die Denke der Parteivorstände.

Beispielsweise blähen die Grünen jedes mir aufgefallene Plakat mit witzlosen Binsenweisheiten und Belanglosigkeiten, die inhaltlich fast jeder unterschreiben kann. McDonald’s-Werbung, bekanntlich für die Masse gemacht, polarisert da stärker. In ihrer bräsigen Fantasielosigkeit unterschreiben die Grünen damit unfreiwillig den Slogan der PARTEI („Inhalte überwinden“). Die Quittung für diese Leere werden die Grünen höchstwahrscheinlich nächste Woche bekommen – und wenn sie Glück haben, werden ihre Spitzenkandidaten endlich die nötigen Konsequenzen ziehen.

Die FDP konnte im letzten NRW-Landeswahlkampf noch mit wirklich cleveren Fotos glänzen, über die ich hier gern geschrieben hätte, was mir aus Zeitgründen leider nicht gelang. Zum Bundestagswahlkampf übersteigern sie ihre 18/1-Plakate (für den Laien: Das sind diese großen Plakatwände) allerdings maßlos. Diese sind mit Überschriften versehen, die den Leser stolpern lassen sollen („Ungeduld ist auch eine Tugend“), letztlich aber leeres Blabla bleiben. Nichts über den Kandidaten, nichts über die Partei und nichts über die Politik, für die sie stehen sollen. Möglicherweise erklärende Worte finden sich zwar ebenfalls auf den Plakaten, aber in nahezu enzyklopädischer Länge und so winzig gedruckt, dass man sich schon eine Viertelstunde davor stellen müsste, um es lesen zu können. Das macht doch keiner! Oder freundlich gesagt: Zumindest aus werberischer Sicht eine Katastrophe.

Die Union warb in den ersten Wochen in meiner Region hauptsächlich mit ihrem Sloganmonster FeDidwgugl, für das sie schon bei der Vorstellung zu Recht Häme einstecken durfte, das aber erst durch die PARTEI auf die verdiente Spitze getrieben wurde. Neuerdings schwenkt die Union jedoch um auf merkelbestimmte Leere. Inhalte zu finden, ist auch hier unmöglich. Immerhin erfüllen die Plakate aber halbwegs das Prinzip des Auffallens, ohne zu viel Worte zu machen.

Anders die SPD. Zu Beginn plakatierte sie auf den 18/1 zwar echte Botschaften, die sogar in großen Lettern geschrieben waren. Aber die Botschaften waren oft so lang, dass selbst ein Schnellleser wie ich zwei-, dreimal an den Plakaten vorbeigekommen sein musste, um den Inhalt beiläufig erfassen zu können. Aktuell blamiert sich der gewesene Arbeiterverein in der Schlussphase durch neue Aspekte. Plötzlich beschränken sich die Plakate auf das Schulz-Ponem, verbunden mit dem Sprüchlein: „Es ist Zeit für Gerechtigkeit.“ Fraglos ein schöner, vermutlich auch richtiger Spruch. Doof ist nur, dass die trübe Tasse von Gestalter die ersten drei Wörter überdimensional aufbläst, den Schluss dagegen schriftgrößentechnisch quasi zu einer Fußnote degradiert.
Man kennt die Methode aus anderen Zusammenhängen: Telekommunikationsunternehmen und die Automobilindustrie versprechen das Blaue vom Himmel in großen Lettern. Die unliebsamen, aber erforderlichen Nutzungsbedingungen bzw. CO2-Angaben der vertriebenen Fahrzeuge schrumpfen dagegen auf den Plakaten zu gedrucktem Fliegendreck.
Was also soll es dem Betrachter sagen, dass die SPD dem Wort Zeit so viel mehr Bedeutung schenkt als dem Wort Gerechtigkeit? Ich hab da so meine Theorie, möchte aber so kurz vor der Wahl niemanden beeinflussen. (Sehr kleiner Scherz.)

Überhaupt fällt auf, dass eigentlich nur die Parteien an den Rändern wie die Linke, die lange eine Agentur suchende AfD oder die MLPD in der Lage sind, griffige Überschriften und Botschaften zu plakatieren. Ich möchte einschränken, dass man deren Botschaften zum Glück nicht mögen muss, um ihnen werberische Aspekte zusprechen zu können. (Und die Sprüche der MLPD wirken zudem dermaßen selbstvergessen historisch daneben, dass sie fast schon wieder putzig klingen.) Diese Parteien haben, aus welchen Gründen auch immer, das Medium Plakat verstanden und setzen es aus werberischer Sicht so ein, dass es bestmöglich wirken kann.

Insgesamt bleibt es dennoch ein Trauerspiel. Die beste Lösung wäre wohl, den Parteien die Werbung gleich ganz zu verbieten. Das würde zugleich Geld sparen und die Umwelt schonen.

1 Trauerspiel in 4 kurzen Aufzügen mit (sehr) kurzem Singspiel

Ein Gang in die Stadt ist deprimierend. Destilliertes Wasser auf den Mühlen eines jeden Kulturpessimisten sozusagen. Über die vergangenen Jahre hinweg haben sich die lebendigsten und unterhaltsamsten Einkaufsstraßen in einen undurchschaubaren Komplex an Dauerramsch verwandelt. Ein unsäglicher Mix aus immergleichen Plastikketten, die „Café“ zu nennen der gute Geschmack streng verbietet. Dazu gesellen sich immer unappetitlicher aussehende und müffelnde Dönerbuden sowie Klamottenläden, aus deren Eingangsbereich schon der Gestank der krebserregenden Färbemittel strömt – da mag man nur weglaufen.

Teils ist das Publikum schuld, teils die Läden selbst. Auswahl findet man praktisch kaum noch. Gerade noch überlebende Buchläden schrumpfen ihre Klassikerabteilung mittlerweile auf ein daumennagelgroßes Regal, in dem dann feilgeboten wird: Orwells 1984, ein paar Werke Mark Twains sowie Jules Vernes und – Humor ist, wenn man trotzdem lacht – ein halber Meter Jean-Paul Sartre. Leute, wenn der Rest des Ladens nur noch aus Kalender- und Postkartenmüll sowie dem Abverkauf der Spiegelbestsellerliste besteht, braucht ihr euch auch nicht zu wundern, wenn die Leute, die überhaupt noch lesen, sich ihren Stoff woanders besorgen.

In der Stadt übrig geblieben sind größtenteils nur noch zweibeinige Ruinen, die durch die Gassen und Zeilen torkeln. Meist übergewichtig, auf jeden Fall aber überproportional rauchend – längst optischer Beleg für körperliche und geistige Verkommenheit. Da wird bewusst, an welcher Stelle Marx aus heutiger Sicht besonders Unrecht hatte. Der Prolet will gar kein besseres Leben nicht:

Der Prolet will schlicht
fressen & saufen,
ficken & kaufen.
Andres nämlich kennt er nicht.

Selbst Brecht hat heute Unrecht, denn nicht mal nach dem Fressen kommt Moral. Moral, die gibt es nicht. Weder in den Hütten noch in den Palästen. Und zu kaufen gibt es sie auch nicht mehr, weil sie als Produkt nämlich für die ganzen 1-Euro-Läden viel zu teuer wäre.

Bewerbung ans Weiße Haus, Washington, D.C.

Sehr geehrter Mr. President!

Ich falle gleich mit der Tür ins Weiße Haus, denn ich kann nicht anders. Ich bin begeistert davon, mit welcher Leichtigkeit Sie es fertigbringen, diese lächerlich-oligarchische Scheindemokratie jenseits des Atlantiks nach und nach zu reinem Faschismus zu formen. Nichts anderes wird nämlich das, was Sie da fabrizieren.

Ich muss es wissen. Denn als Biodeutscher mit Ariernachweis bis ins 17. Jahrhundert (kann auf Wunsch nachgereicht werden) bin ich sozusagen von Natur aus Faschismusexperte. Als Beleg können Sie jeden Hollywoodfilm der letzten 70 Jahre heranziehen, bei dem auch nur einer deutscher Schauspieler mitgetan hat. Zudem wird mir nachgesagt, dass ich schon als Kind ein kleiner Tyrann sein konnte.

Mr. President, ich bin schlicht fasziniert, wie Sie immer stärker der Presse aufs Dach geben! Wie Sie sich nach und nach von möglichen Wadenbeißern befreien! Ja ich bin dermaßen erfreut, dass ich mich bei Ihnen als persönlicher Faschismusbeauftragter bewerben möchte.

Ich hab auch schon ein paar Ideen ausgearbeitet, die Ihnen fraglos schmeicheln werden. So habe ich per Google Earth ein paar interessante Flecken an den sonnenreichsten Stellen Nevadas ausfindig gemacht, wo man die prominentesten Vertreter der sogenannten Demokratischen Partei konzentriert campen lassen könnte – natürlich lediglich zu deren eigenen Schutz! Auch könnte ich mir vorstellen, Bernie Sanders zu einem Grillabend ins Kapitol einzuladen – man müsste natürlich „aufpassen“, dass bei dieser Gelegenheit das Gebäude nicht durch Funkenflug abfackelt.

Gern möchte ich Ihnen diese und weitere tolle Vorschläge ausführlich in einer Präsentation im Oval Office vorstellen. Ich würde mich daher sehr über eine Einladung zu einem persönlichen Vorstellungsgespräch freuen. Dann könnte ich auch endlich einmal live erleben, wie Sie beim Sprechen Ihre sexy Lippen vorstülpen! Es erinnert mich stets an das erotische Kieselnuckeln gründelnder Karpfen – wie jeder weiß, ein besonders potenter und aphrodisierender Fisch!*

In diesem Sinne

DocTotte

* Wenn auch mit sehr kleinen Flossen.

Two-night Tom

Tom war nicht der Mann für einen One-Night-Stand.
Er spielte Schlagzeug dann und wann in einer kleinen Band.

Nach dollen Gigs nahm er dann oft Groupies schamlos in sein Loft.

Am Schlagzeug brauchte er zwei Sticks.
Einer nur reicht für die Ficks.

Er verwöhnt die Damen stets zwei volle Nächte, verspritzt den Samen aus dem Gemächte nicht zu knapp, weshalb man ihn – sei’s in Brüssel, sei’s in Wien – nur Two-Night Tom benannte.
Wozu er sich auch gern bekannte, der Trommler, der schon bald in deiner Stadt die Felle knallt.

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DocTotte spricht zu euch

(Zur Erinnerung: das » Ritual hier zum Mitlesen.)

Namen der Verkehrsschilder

Die Tage fiel mir etwas Lustiges ein. Ich erinnerte mich daran, wie ich zu der Zeit, als ich Verkehrsschilder lernte, das Vorfahrtsschild aus welchen Gründen auch immer mit einer Mitschülerin assoziierte. Ich kann nicht sagen, warum, aber für mich standen Vorfahrtsschilder einfach für „Sonja“. Ob es an der gelben Farbe lag – ich weiß es nicht.

Eingedenk dieser Erinnerung fiel mir auf, dass ich heute auch andere Verkehrsschilder mit Namen verknüpfen könnte. Eine synästhetische Abart sozusagen. Merkwürdigerweise kamen mir lediglich Namen von Grundschulmitschülern in den Sinn, ganz so, als wären ihre Namen für mich appelativ geworden. Halteverbotsschilder sind für mich z.B. eindeutig Andreas. Die Einbahnstraße ist Rita. Sackgasse ist Thomas und Radfahrer ist Michael. Peter, der ist für mich am ehesten ein Links-(oder Rechts-)Abbiegen-Schild.

So könnte ich ewig weitermachen. Aber das wäre natürlich langweilig. Wie sieht das bei euch aus? Habt ihr ähnliche Assoziationen?

Paybackgedanken

Kennt ihr das auch? Diese ewige Fragerei an den Kassen, ob man eine Payback-Karte hat?

Ich hab vor vielen Jahren mal son Plättchen geschickt bekommen, als ich noch Telekomkunde war. Die Anmeldung hatte ich aber nicht durchgezogen, weil es mich genervt hat, den versammelten Einzelhändlern Hinweise darauf zu geben, was ich so einkaufe.

Auch heute noch nervt mich diese Vorstellung. Sogar noch mehr als die dauernde Fragerei nach dieser asseligen Karte, mit der man pro Einkauf Anteile am Bruchteil eines Bruchteils von irgendwelchem billigen Werbemittelschrott erwirbt.

Wenn ich mir aber so anschaue, wie bereitwillig andere Leute ihre Payback-Karte zücken, frage ich mich langsam, ob das Payback-Konsortium sehr wohl weiß, was ich so kaufe. Sie schauen einfach nach, was sonst noch so gekauft wurde, und schließen daraus, das war ich. Hat sich was mit Datenschutz.

Ruhrpottskizzen

Samstagmorgen. Ich hab ein vollgepacktes Programm und daher einen frühen Termin beim Friseur. Als ich vor die Tür trete, liegen da zwei Weihnachtsbäume. Bei einem der beiden waren die Äste abgeschnitten, damit man ihn einfacher auf die Straße runtertragen konnte.
Bei den Bäumen steht eine ältere Frau mit Einkaufstaschen. Sie war wohl schon auf dem Markt und schaut auf die Bäume. Als sie mich hört, dreht sie sich um und spricht mich an.
– Der sieht aber schäbbich aus, meint sie zu dem Baum ohne Äste.
Der Baum tut mir leid, ich verteidige ihn.
– Aber die Äste sind doch abgeschnitten. Schauen Sie mal. So schäbbich ist er gar nicht.
– Doch, doch, schauen Sie doch mal auf die Spitze, der ist richtich schäbbich.

Die Überglücklichen

Ein etwas seltsamer, mit einem komischen Spannungsbogen versehener Film über zwei Insassinnen einer Nervenheilanstalt (oder wie man das heute nennt), die nach einem Ausbruch das mal mehr, mal weniger unterhaltsame Abenteuer bestehen.

Fazit: Es war schon irgendwie kurzweilig, aber so sehr ich mir auch den Kopf zerbreche, ich wüsste niemanden, dem ich diesen Film ernsthaft empfehlen könnte.

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