Doc Tottes Welt

Essays, Skizzen und Gedanken

Kategorie: 2012 gelesen (Seite 2 von 3)

Raoul Schrott, Das schweigende Kind

Dieser kleine Roman – fast eher schon eine Erzählung – ist mir nur zufällig in die Hand gefallen. Eigentlich sollte ich einer Freundin ein Buch besorgen und wollte mir bei dieser Gelegenheit ein anderes mitbringen (auch das wird schon bald besprochen). Es geht um einen Vater, der seiner Tochter erklärt, wie es dazu gekommen ist, dass beide früh voneinander getrennt wurden.

Schrott versammelt im Buch interessante Gedanken über Schicksal und freien Willen. Und dazu nutzt er einmal mehr seine pointierte Sprache und eine Wortwahl, die zeigt, dass er jeden Satz auf die Waage legt, bevor er ihn niederschreibt. Ja, ich schätze Schrott sehr und halte ihn für einen, der aktuell am feinsten mit der deutschen Sprache umgehen kann.

Übrigens erfuhr ich heute nebenbei, dass Schrott eine Zeit lang Sekretär bei Philippe Soupault war. Das erklärt für mich einiges.

Norbert Golluch, Glücklicherweise waren nur Putzfrauen an Bord

„Die schönsten sprachlichen Abstürze von Politikern, Behörden und Mediengrößen“ verspricht der Untertitel dieses typischen Klobuchs. Klobuch deshalb, weil es so praktisch kleine Häppchen bietet, durch die man springen kann. Neben den Klassikern aus Politik und Sport sind auch eine Reihe lustiger Beispiele aus Zeitung, Fernsehen und Radio dabei. Aus den vielen, vielen Beispielen möchte ich nur eins zitieren: „Wussten Sie, dass jeder vierte Chinese ein Mensch ist?“ (Gut aufgelegt, WDR 4).

Jonas Jonasson, Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand

Erst gerade hab ich kurz den Simplicissimus angesprochen. Der ist – gerade aufgrund seiner Rundreise während des 30-jährigen Kriegs – bis heute topaktuell, wenn man etwas über Mitteleuropa und seine Wurzeln erfahren möchte. Ähnlich ist der Ansatz in Laxness’ Islandglocke, in der der Bauer Jón u. a. durch Teile Nordeuropas zieht.

Durch einen merkwürdigen Zufall bin ich nun über den Hundertjährigen gestolpert. Ursprünglich hatte ich seit Langem endlich mal wieder etwas bei Zweitausendeins bestellen wollen. Weil ich aber zu geizig war, für ein Buch die Versandkosten zu zahlen, entschied ich mich kurzerhand, noch ein paar andere Bücher zubestellen. Beim Hundertjährigen amüsierte mich vor allem der Titel. Wie konnte ich ahnen, ausgerechnet auf diesem Weg ein modernes Pendant zum Simplicissimus zu finden? Der Schwede Jonassen jedenfalls lässt seine Hauptfigur Allan durch die Geschichte des 20. Jahrhunderts stolpern, dass man nur so staunen kann. Und freundlicherweise erledigt er das auch noch gleich auf unterhaltsame, aber trotzdem recht intelligente Weise. Gut, es mag nicht das beste Buch der Welt sein, aber es ist auffallend kurzweilig und soll daher von mir an dieser Stelle empfohlen werden.

PS: Die Überraschung war übrigens groß, als ich wenige Wochen nach dem Kauf – ich steckte bereits mitten in der Lektüre – zum Geburtstag das Buch geschenkt bekam. Das war aber durchaus praktisch, weil sich schon mehrere Leute anboten, denen ich das Buch leihen sollte. Auf diese Weise kann ich ein gutes Buch gleich doppelt verleihen.

Jurij Trifonow, Das Haus an der Moskwa

Ein kleiner, aber durchaus interessanter Roman, der anhand allerlei Zeitsprünge durch die UdSSR wunderbar das in sich verdorbene Funktionärswesen sammelt, schildert und auf den Punkt bringt. Manchmal war mir die Hüpferei durch die Kapitel etwas zu wild (vor allem wenn dann auch noch die Perspektive gewechselt wurde), aber ich möchte nicht ausschließen, dass ich damit weniger Probleme gehabt hätte, wenn ich das Buch schön ausgeschlafen im Park gelesen hätte und nicht zu unmöglichen Zeiten in der sich ewig verspätenden Bahn (womit wir wieder beim Thema wären).

Mark Twain, Kannibalismus im Zug und andere Erzählungen

Eine wunderbare kleine Neuerwerbung ist dieses Buch. Es enthält folgende Twain-Erzählungen: Eine burleske Autobiographie, Wie man eine Erkältung kuriert, Der berühmte Springfrosch von Calaveras County, Kannibalismus im Zug (super Bahnlektüre!), Ein Tag an den Niagara-Fällen, Die Wahrheit über den großen Rindfleischvertrag, Wie ich einmal eine landwirtschaftliche Zeitung herausgab, Ein geheimnisvoller Besuch, Meine Uhr, Die Geschichte des Vertreters, Der gestohlene weiße Elefant, Die Eine-Million-Pfund-Note, Der Mann, der Hadleyburg korrumpierte, Das Dreißigtausend-Dollar-Vermächtnis, Das Tagebuch von Adam und Eva.

Nicht alles ist zum Schreien komisch, durchweg kann man aber Twains Technik der schamlosen Übertreibung und Zuspitzung beobachten. Meine Favoriten sind vor allem der Springfrosch, die Million-Pfund-Note, der Hadleyburg korrumpierende Mann und natürlich – das Tagebuch von Adam und Eva. Gerade beim Tagebuch habe ich mich sehr über Adams Nöte im Paradies amüsiert, nachdem ihm ein Wesen an die Seite gestellt wurde („Mein Leben ist nicht mehr so schön wie früher“, „Fühle mich hier eingeengt. Brauche Ortswechsel.“, „Ich wünschte, es [das neue Wesen] würde nicht reden. Es redet pausenlos.“, „Wenn sie anfängt zu erklären, hört sie nicht mehr auf.“)

Mein aktueller Sommertipp!

Harper Lee, To Kill a Mockingbird

Es gibt doch noch erstaunlich viele Mottenlöcher im Teppich der Literatur. Umso angenehmer bin ich überrascht, wenn ich mal wieder eins stopfen kann. Es handelt sich um einen Klassiker aus dem Englischunterricht – der wie zu erwarten von meiner Englischlehrerin nicht einmal angeboten wurde, da sie die mieseste Englischlehrerin aller Zeiten war.

Zum Inhalt möchte ich mich hier gar nicht näher auslassen, sondern lieber betonen, dass es ein gutes Buch ist. Hatte ich beim Lesen selbst manchmal den Eindruck „Warum erzählt sie jetzt diese Episode?“, merkt man später, dass wirklich keine der erzählten Geschichten fehlen darf, ohne das Ganze einzuschränken. Der Stil selbst gefällt mir ebenfalls.

Das größte Manko, wenn es denn eins ist, sehe ich in Capotes Behauptung, er hätte Teile für Lees Buch geschrieben (s. z.B. hier). Das erinnert mich nämlich sträflich daran, dass ich seit Jahren schon mal was von Capote lesen möchte, aber irgendwie nicht dazu komme.

Zuletzt möchte ich erwähnen, dass ich den Anstoß und das Buch zur Lektüre George verdanke. Merci dafür! (BTW: Hatte ich Dich eigentlich richtig verstanden, dass Du die Bücher loswerden wolltest oder war das leihweise? Dann könnte ich Mockingbird nämlich schon zurücksenden.)

Will Bingley, Anthony Hope-Smith, Gonzo – die grafische Biografie von Hunter S. Thompson

Graphic Novels sind derzeit noch etwas unüblich in der hiesigen Leseliste. Aus zweierlei Gründen möchte ich dennoch damit beginnen. Erstens plane ich, nach den Büchern auch das Regal mit Comics und dergleichen anzusprechen. Zweitens hatte ich mir dieses Werk als Thompson-Fan mit großer Vorfreude gegönnt – und wurde bitterlich enttäuscht.

Mit Verzögerung ist diese deutsche Übersetzung nun erstmals im Tolkemitt-Verlag erschienen. Tolkemitt, das ist der Mensch, der jahrelang das Merkheft von Zweitausendeins prägte und jetzt quasi direkt zuarbeitet. Zu den zugehörigen Qualitäten möchte ich mich an dieser Stelle nicht äußern, zur Qualität der Graphic Novel dagegen schon.

Bingley ist für die Geschichte und die Texte verantwortlich, Hope-Smith ist der Zeichner der Novel. Und ich habe echte Schwiergkeiten zu entscheiden, wer von beiden weniger fähig ist. Bingley gibt am Ende die Texte an, auf die er sich beruft. Das ist klasse, denn es sind bis auf wenige Ausnahmen Quellen von Thompson selbst. Quellen, die ich größtenteils sogar kenne. Umso überraschter war ich, als ich etwas lesen musste, was mit diesen Quellen nichts zu tun hat. Das Leben, das Bingley von Thompson zeichnet, ist eine blasse, langweilige Selbsttäuschung.

Holla? Selbsttäuschung? Blass? Langweilig? Okay, mir ist klar, dass man das Leben des Mannes, der Gonzo erfunden hat, von seinen Texten trennen muss. Aber dass Thompson langweilig gelebt hat, kann man wohl getrost vergessen. Wichtige Zeiträume in Thompsons Leben kürzt Bingley erschreckend ab. Andere lässt er gleich unter den Tisch fallen.

Thompsons Leben bei den Hell’s Angels, die ihn schon mal nachts auf ne Party besucht haben und viel Spaß mit ihm hatten? Geschenkt. Für Bingley sind die Angels von Anfang an das, was sie heute schon sind: Verbrecher. Thompsons lebenslange Faszination für Motorräder interessiert kaum.

Thompson’s Schilderungen des Angriffs auf Grenada und sein Bezug zu Reagan? Och ist schon nicht wichtig. Weg damit!

Thompson erzählt immer und immer wieder, wie sehr es ihm gefiel, unter Drogeneinfluss nachts in der Wüste herumzuballern, weil er das Mündungsfeuer so mochte. Für Bingley vollkommen uninteressant.

So könnte ich seitenweise weitermachen. Dazu kommen dann noch so Kleinigkeiten, bei denen ich Details wesentlich anders in Erinnerung habe. Zugegeben, ich könnte mich da täuschen. Einmal, zweimal, dreimal. Aber gleich Dutzende Male? Das würde mich doch etwas wundern. Wen es interessiert, dem empfehle ich einen Vergleich der Episode „Der Briefkasten“ in der Graphic Novel (Seiten 21–24) mit dem gleichnamigen Kapitel in Königreich der Angst (Seiten 28–33). In diesem Beispiel gibt Bingley zwar den Inhalt grob wieder, übertreibt aber an einer Stelle unnötig und erhöht den kleinen Hunter ohne jede Not.

Das Schlimmste, was Bingley verbricht, ist aber eindeutig, dass er überhaupt nicht in der Lage ist, Thompsons Witz auch nur im Ansatz einzufangen, darzustellen oder wiederzugeben. Vermutlich wirkt Thompson deswegen eher als Langweiler denn als der Großkotz, der er auch sein konnte.

So. Und jetzt noch ein Ton zu den Bildern. Hope-Smith, so kann man hinten lesen, hat sich ebenso wie Bingley zum ersten Mal an einer Graphic Novel versucht. Das merkt man auch an den Zeichnungen. Viele sind etwas ungelenk, oft etwas unfertig und vermutlich unabsichtlich unanatomisch. Ein guter Gag ist beispielsweise das Bild oben links auf der Seite 48, hier hat Hope-Smith mal eben den rechten Arm von Thompson vergessen. (Oder soll der Arm plötzlich oberdürr sein und hinter die Tür reichen? Man weiß es nicht.)

Nun ja, ich hatte es in der Einleitung bereits verraten: Ich bin enttäuscht. Der Thompson-Fan wird mit diesem Buch nicht bedient. Schade, Bingley, schade, Hope-Smith, und schade, Tolkemitt. Euer vorgeblich großer Wurf ist leider ein Murmelschnipps.

James Palmer, Der blutige weiße Baron

Dieser Band war eine nette kleine Überraschung, als ich neulich in einer Bücherei war. Eigentlich mag ich die Andere Bibliothek ja nicht mehr so seit dem Weggang von Enzensberger. Aber in diesem Fall fand ich das Thema spannend genug, dass ich mal wieder zugreifen wollte.

Es geht um das Leben des Freiherrn Roman Nikolaj Maximilian von Ungern-Sternberg, der seines Zeichens quasi letzter Khan der Mongolei wurde. Die Geschichte ich leider manchmal etwas konfus geschildert, obwohl ich bei Palmer durchaus gewisse Qualitäten in der Schreibe entdecken kann. Hilfreich ist es daher, wenn man wenigstens etwas mit der Geschichte der Bolschewiken, der Weißen und Admiral Koltschaks vertraut ist. Darüber hinaus habe ich aber endlich verstanden, was es mit dem Gehampel um die Mongolei auf sich hat. Immerhin haben sich über Jahrzehnte Russen, Chinesen und Sowjets darüber in den Haaren gehangen, was ich lange nicht verstehen konnte.

Eine Anmerkung noch zum Übersetzer: Bitte die Kenntnisse der Altsprachen auffrischen. Die Tatsache, dass Beowulf, den Palmer in einer Anmerkung korrekt zum Thema „Bär“ aufführt, vom Übersetzer nämlich blank mit dem „Bienenwulf = Insekt“ übertragen wird, zeigt mir, dass er keinen blassen Schimmer von germanischen Stilfiguren hat. Gut, man muss nicht alles wissen. Aber wenn einem etwas spanisch vorkommt, sollte man sich vielleicht die Mühe machen, Hilfe von Fachleuten ranzuholen. Und dass Beowulf = Bienenwulf = Bär ist, weiß jeder halbwegs gebildete Anglist.

Jens Lapidus, Spür die Angst

Ein hier etwas ungewöhnliches Stück stelle ich heute vor. Darüber gestolpert bin ich, als ein Freund, mit dem ich mich königlich über „In China essen sie Hunde“, „Old Men in New Cars“ und die Pusher-Trilogie amüsiert habe, von einem Film erzählte, der jüngst auf DVD erschienen sein soll. Wir forschten ein klein wenig und fanden heraus, dass Lapidus in Schweden längst als Erbe von Stieg Larsson gehandelt wird. Ich sag es gleich: Von Larsson habe ich nichts gelesen, kenne nur die Verfilmungen (sowohl die schwedische als auch den ersten Teil der unnötigen neuen Verfilmung mit Daniel Craig).

Bei dieser Kombination Pusher/Larsson musste ich einfach zuschlagen. Und obwohl ich Lapidus’ Schreibe uninspiriert finde (sehr abgehackt, alles stakkatohaft), muss ich doch zugeben, dass mich die Geschichte gepackt hat.

Kurz zum Inhalt: Es geht um einen Streber aus einfachen Verhältnissen, der mit allen Mitteln Geld machen möchte, einen dealenden Araber, einen dealenden Chilenen und die serbischen Mafia. Anfangs sind die einzelnen Fäden noch sehr weit voneinander getrennt, lösen sich aber am Ende perfekt auf. Wie gut die Geschichte selbst ist, dafür spricht die Zeit, in der ich das Buch verschlungen habe: 150 Seiten waren das Mindeste am Tag. In der Woche wohlgemerkt, ohne Urlaub.

Wer Larsson mag und ein Faible für skandinavische Gangster hat, wird mit Lapidus gut fahren. Viel Spaß!

Nachtrag: Inzwischen habe ich auch die Verfilmung (Easy Money) gesehen. Nicht ganz schlecht umgesetzt, aber einerseits lassen sie vieles weg und andererseits fürchte ich, dass der Film jemandem, der das Buch nicht kennt, schrecklich konfus erscheinen muss. Aber vielleicht täusche ich mich da auch.

Frank Schulz, Onno Viets und der Irre vom Kiez

Ja, Schulz hat wieder zugeschlagen. Und nachdem ich ihn mit der Hagener Trilogie erst vor wenigen Monaten kennen- und schätzengelernt habe, war es natürlich Ehrensache, den Viets zu erstehen, sobald ich davon erfuhr. Die Rezension im Freitag klang noch etwas gemischt, die Lektüre fand ich deutlich erfrischender als der Rezensent (und offenbar auch andere Rezensenten; mir wird permanent von irgendwelchen Verrissen berichtet).

Worum geht es? Der beim Finanzamt verschuldete Onno Viets verdingt sich aus Not und einer Laune als Privatdetektiv, stellt sich dabei eher dämlich an, hat aber etliche Male Glück im Unglück (und das auf eine amüsante, slapstickartige Weise). Schließlich lernt er ein Tier von einem Kerl vom Kiez kennen, der mit seinem Auftrag als Private Eye zu tun hat. Natürlich geht zum Ende so einiges schief, bis sogar … je nun, das Ende möchte ich nicht verraten.

Schulz bedient sich zahlreicher Techniken bei diesem Werk. Er greift nicht nur klassische Themen und Beschreibungen auf, springt behende zwischen den Perspektiven. Nein, es gelingt ihm auch, das YouTube-Phänomen zwischen zwei Buchdeckel zu pressen (und YouPorn ganz nebenbei auch). Natürlich erreicht der Viets nicht die Tiefe der Hagener Trilogie, dafür fehlen ihr schon die Seiten und die Ansichten. Aber eigentlich ist Viets eine Reinkarnation von Kolk – nur anders. Wer sich amüsieren möchte, und mehr als zwei Fremdwörter kennt, wird mit der Kiezerzählung nichts falsch machen.

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