Doc Tottes Welt

Essays, Skizzen und Gedanken

Kategorie: 2012 gelesen (Page 1 of 3)

Heinrich Mann, Die Jugend des Königs Henri Quatre

Das Buch war ein Beifang bei einem größeren Raubzug in einem modernen Antiquariat. Dementsprechend niedrig hatte ich seine Priorität eingeschätzt, was ein großer Irrtum war. Die Lektüre fand ich wirklich sehr interessant, zumal ich dummerweise erst während des Lesens wieder darauf gestoßen wurde, dass es sich doch ausgerechnet um den französischen König handelt, der mit dem von mir geschätzten Montaigne befreundet war!

Auch wenn ich diesen ersten Teil (die Jugend) vielleicht nicht für das Beste Werk von Heinrich Mann halte, so gehört es eindeutig in die erste Liga. Es erklärt nebenbei und nahezu spielerisch historische Zusammenhänge, die für mich als Nichtfachmann lange Zeit aus kaum mehr als Namen, Daten und Begriffe bestanden (Katharina de Medici, Bartholäusnacht &c.). Deshalb werde ich mir sicher auch eines Tages den zweiten Teil, die Vollendung des Königs Henri Quatre besorgen.

Michael Rau (Hrsg.), Rakes Handbuch für Leidende

Eine seltsame Anthologie, die mich als Weihnachtsgeschenk erreichte. Seltsam vor allem deswegen, weil das Cover von Perscheid und das einleitende Vorwort von Michael Rau noch verheißungsvoll klangen – hier ist vom Pech als dem viel verlässlicheren Partner die Rede –, die Qualität der einzelnen Texte und das Lektorat aber schwankt wie die Gezeiten bei Mont Saint Michel. Die Texte selbst stammen von 10 Menschen, oft aus dem norddeutschen Raum, die durchweg als Autoren zu bezeichnen ich mich weigere.

Namentlich Stephanie Claußen und Sara Johannsen haben eine miserable Art und Weise Wörter zu Sätzen zu formen, dass man bei der Lektüre nur noch laut schreien möchte. Oder um deutlicher zu werden: Die laut Infotext als Redakteurin werkende Frau Claußen befasst sich in ihrem Text auf Schülerzeitungsniveau mit dem Vegetarismus, dem sie selbst frönt. Was sie sich hier zusammengestümpert hat, ließ mich dermaßen wütend werden, dass man nach der Lektüre denken könnte, vegetarische Ernährung mache strunzendumm. Eine ganze Reihe von Vegetariern in meinem Bekanntenkreis bestätigt mich allerdings in der Meinung, dass Frau Claußen eher die strunzendumme Ausnahme von der Regel ist. Über Frau Johannsens Überlegungen zur Soap-Opera-Sucht möchte ich lediglich anmerken, dass die langweiligsten Befindlichkeiten von Langweilern in einer langweiligen Darstellung – ABSOLUT UNINTERESSANT SIND!

Wenn man dann auch noch – auffallenderweise vor allem in den ohnehin schlechtesten Texten – permanent Kommafehler und „das“ statt „dass“ und vice versa und andere Stümpereien der Lektorin Michaela Kenklies lesen muss, dann steht man spätestens ab Seite 100 kurz vorm ersten Axtmord. (Überraschend genug, dass Frau Kenklies sich im Buch hat nennen lassen, es sei denn, es handele sich darum um ein Pseudonym, um den Verdacht auf eine verhasste Nachbarin zu lenken.)

Doch ich möchte nicht nur meckern. Mindestens ein Text war mehr als angenehm in der Lektüre. Die Geschichte über die „ersten Leiden des jungen G.“ von Gerlis Zillgens zeugt von gewissem Ideenreichtum und einer Grundfähigkeit, mit dem deutschen Wort umgehen zu können, die man den meisten anderen Satzkillern dieser Anthologie absprechen muss.

Anna Kim, Anatomie einer Nacht

Die Geschichte, wie ich über Anna Kim gestolpert bin oder vielmehr sie über mich, besitzt einen ganz eigenen amüsanten Charakter. Sie spielt hier aber eine untergeordnete Rolle, wenn man mal davon absieht, dass ich deswegen überhaupt erfahren habe, dass es sie gibt. Nach dieser Begegnung befragte ich jedenfalls das Internet und erfuhr Wundersames über ihre literarischen Fähigkeiten. Insbesondere ein gewisser Vergleich mit dem von mir hochgeschätzten Raoul Schrott überzeugte mich, mir ihr neustes Buch zu kaufen.

And now the tricky part …

Als gelernter Skandinavist habe ich natürlich ein besonderes Verhältnis zu Skandinavien. Das gilt fürs Festland, für die Inseln, aber auch für die dänische Kolonie Grönland, die ich leider selbst noch nicht besuchen durfte. Vielleicht war ja auch der ein oder andere Leser meines Blogs schon einmal in Norwegen oder auf Island und kennt von daher diese tiefen Fjorde mit ihren hohen Bergen und abrupten Ufern. Diese Ufer sind bisweilen sehr eigen, beispielsweise kenne ich aus den isländischen Westfjorden so eine ganz bestimmte Art von Stränden, die aus vielen, vielen runden Steinen bestehen, die total vollgealgt und vollgetangt sind (nicht vollgetankt!).

Was das mit Anna Kims Buch zu tun hat? Gemach, gemach!

In ihrem Buch beschreibt sie die Abläufe einer Nacht in einem grönländischen Kaff an der besonders unwirtlichen Ostküste. Zehn Menschen, so erfährt man bereits im Klappentext, werden sich in dieser Nacht das Leben nehmen. Und ehrlich gesagt ist es mehr als sinnvoll, dass das im Klappentext so deutlich gesagt wird. Im Buch nun sollen die Lebenssituationen, zum Teil auch die Geschichten dieser zehn und manch anderer Menschen dargestellt werden. Und jetzt beginnen die Probleme.

Ich habe keine Strichliste geführt, glaube daher einfach mal, dass in dieser Nacht wirklich zehn Menschen gestorben sind. Aber zusätzlich werden die Lebensläufe oder einzelne Schlaglichter vieler, vieler anderer Menschen geschildert, die sich auch fast alle umgebracht haben. Wenige werden von Dritten abgemurkst, aber Suizid ist das Grundthema, das auf jeder Seite den Ton angibt. Dafür sorgt die Autorin stellenweise mit einer Detailliebe (und Recherchearbeit bei einer Gerichtsmedizinerin), die zwischen fast schon pervers und schnarchlangweilig angesiedelt ist. Das allein ist sicher keine Bewertungsgrundlage für das Buch. Die Art und Weise, wie Kim diesen suizidalen Ton angibt, dagegen schon.

Ich komme noch mal auf die runden Steine aus den Fjorden zurück. Wer so einen Strand schon mal gesehen hat, weiß, dass man kaum zwei Steine auseinanderhalten kann. Und genau das ist das Problem im Buch. Kim hält keine zwei Figuren auseinander. Eine ist wie die andere. Sie unterscheiden sich in dermaßen uninteressanten Details (mal halbgrönländisch, halbdänisch, mal Lehrer, Obdachloser, Jäger), dass sie schon für sich genommen stinkelangweilig sind. Wenn man diese Steinpersonen dann aber auch noch durcheinanderrührt wie mit einem Mixer, mehreren Figuren dieselben(!) Namen verabreicht, dann ist das Chaos perfekt. Sie springt durch Gegenwart und Vergangenheit. Sie hopst von Grönland nach Dänemark und zurück. Von der West- zur Ostküste. Von jenem Haus zu diesem. Von einem Besäufnis zu einem Selbstmord …

Kurz: Es gibt keine, wirklich keine einzige Figur, mit der man sich auch nur mal im Ansatz identifizieren mag. Dementsprechend schnuppe bleibt es dem Leser auch, ob sie sich erschießen, erdrosseln, aufhängen, ersäufen oder sonst wie draufgehen.

Das ist besonders ärgerlich, weil es zwei Elemente gibt, die zeigen, dass Kim durchaus schreiben kann. Das sind erstens einige sehr gute Kapiteleinleitungen. Hier breitet sie wie in einem langen, ruhigen Lied die Szenerie vor den Augen des Lesers auf, dass es Spaß macht, im Text zu versinken (bis dann eben die erste Figur in einer Szene auftritt). Zum anderen sind es einige kluge Gedanken über das Leben sowie über das Verständnis davon im Allgemeinen und im Besonderen auf Grönland.

Ich mag mich täuschen, aber dieses Buch hätte ein besseres Lektorat verdient. Und zwar nicht bezüglich Fehler, sondern hinsichtlich des Aufbaus. Hier hätte jemand kräftig wegstreichen und einen roten Faden herausarbeiten müssen, bevor der Text gedruckt wurde.

Zuletzt bekäme ich gern ein Rätsel gelöst: Ich selbst kenne Islands Augustnächte aus eigener Anschauung. Obwohl die Insel zu 99 % südlich des Polarkreises liegt, bleibt es im Hochsommer durchweg dämmerig, wird praktisch nicht richtig dunkel. Wenn ich bei der Lektüre des Buchs nicht eine ganz brisante Stelle überlesen habe, wird nie gesagt, welche Jahreszeit genau ist. Man weiß aber, dass es nicht der Winter sein kann (die Mädels laufen in dünnen Kleidern herum, immer wieder werden Pflanzen angesprochen, Schnee und Eis dagegen lediglich in der Erinnerung). Gleichzeitig betont Kim unablässig, wie schrecklich finster die Nacht sei. Nun frage ich mich: In welcher Jahreszeit spielt das Buch? Der arktische Winter fällt aus, der Sommer vermutlich auch, weil es dann nicht so dunkel sein dürfte. Hat wer eine Idee? Oder kann wer von einem eigenen Besuch Grönlands berichten?

Wolfgang Herrndorf, Tschick

Eine enorm kurzweilige Lektüre ist diese witzige und einfallsreiche Geschichte um zwei Vierzehnjährige, die in den Sommerferien das Abenteuer ihres Lebens machen. Furioses zwischen erster (und zweiter) Liebe, einen geklauten Lada, eine Reise in die Walachei, Schüsse und Verfolgungsjagden – ach, es steckt so vieles in der Geschichte, man muss sie einfach lesen.

David Gilmore, The Film Club

Das Buch ist ein Geschenk eines Freundes, der hoffentlich nicht nur seine Bibliothek mit diesem und anderen Büchern entlasten, sondern mir auch etwas Gutes tun wollte (was ich einfach mal so unterstellen möchte). Er ist ein noch größerer Filmfan, als ich es bin, aber dennoch kann ich die Freude nachvollziehen, die man als Zelluloidliebhaber bei der Grundidee dieses Buchs empfinden mag. Kurz zur Handlung: Der Sohn eines kanadischen Journalisten hat Probleme mit der Schule. Der Vater macht einen ungewöhnlichen Vorschlag. Er lässt den Jungen die Schule verlassen und erspart ihm Tagelöhnerei, wenn er sich darauf einlässt, mit ihm drei Filme die Woche anzuschauen. Wer nun glaubt, dass der Sohnemann anhand der Filme das Leben kennenlernen soll, irrt. Es geht vielmehr darum, dass der Vater seinen Kontakt zum Sohn intensiviert. Die Filme sieht mehr ein Vehikel, um dem Sohn aufzuzeigen, dass und wie man sich für Dinge interessieren kann. Natürlich gibt es Probleme, nicht alles läuft glatt. Vieles dreht sich um die Beziehungen des Sohnes zu irgendwelchen Freundinnen, aber auch um die Jobsituation des Vaters, der die meiste Zeit arbeitslos bleibt. Dennoch geht alles gut aus, der Sohn findet seinen eigenen Weg in der Musik und geht am Ende sogar wieder zur Schule.

Das Buch soll wohl auf einer wahren Begebenheit beruhen. Das mag insoweit stimmen, als es über ungewöhnliche Längen verfügt, über seltsame Wendungen, die so eigentlich nur das Leben schreiben kann. So gesehen war es eine nette Lektüre mit einer interessanten Idee, aber bestmöglich umgesetzt möchte ich sie dann doch nicht bezeichnen. Immerhin hat mir das Buch ein paar Filmtipps vermittelt, die ich nachholen möchte. Danke also auch für diese Anregungen!

Raoul Schrott (Hrsg.), Gilgamesh

Seit zig Jahren hatte ich das Gilgamesh-Epos auf meiner ewigen Leseliste. Es war zugegebenerweise immer tiefer gerutscht, bis ich neulich durch einen dummen Zufall darauf gestoßen wurde. Also beschloss ich, jetzt sei die Zeit, das Langverschobene nachzuholen und mehr über die Wurzeln auch aller europäischen Schriftkultur zu erfahren. Zum Glück ist der Heilige Raoul Schrott zu uns Menschen auf die Erde herniedergefahren, um uns mit wundervollen Texten, Übersetzungen, Übertragungen und Nachdichtungen zu beglücken. So auch im Fall Gilgamesh.

Unter Hinzuziehung diverser Fachgelehrter sammelte, begutachtete und verband der Komparatist Schrott bekannte Fragmente über das Epos zusammen und schuf daraus das, was man nicht anders als die wunderbar heutige Form des Gilgamesh nennen kann. (Zusätzlich finden sich Vorworte und Nachworte rund um das Thema Mesopotamien, denen man schlimmstenfalls ankreiden kann, dass die Fachleute nicht über ihren Tellerrand gucken. Aber das ist ja nun wirklich nichts Neues auf der Welt.)

Die Geschichte von Gilgamesh ist wirklich toll, sowohl der Inhalt als auch die Darstellung durch Schrott. Ich bin dem Österreicher wirklich einmal mehr dankbar für eine Reihe schöner Momente in meinem Leben!

PS: Im Zuge der Beschäftigung bin ich auch noch einmal über die gewagten Thesen Schrotts gestolpert, nach denen Homer womöglich aus Mesopotamien stammt, zumindest aber die dortigen Epen kannte. Nach den höchstvergnüglichen Stunden im literarischen Mesopotamien werde ich mir sicher bald auch Schrotts Neuübersetzung der Ilias zu Gemüte führen. Und ja, nach meiner früheren Lektüre der Voss’schen Fassung sind meine Erwartungen an das, was Schrott daraus gemacht hat, sehr hoch gesteckt.

Leopold von Sacher-Masoch, Venus im Pelz

Au ha. Das ist das Erste, was mir hierzu einfällt. Auf einer theoretischen „Wird irgendwann mal gelesen“-Liste steht der Text spätestens, seitdem ich Venus in Furs von Velvet Underground kenne und schätze – und erst neulich hab ich eine ganz eigenständige und sehr gute Venus in Furs von Electric Wizard kennenlernen dürfen – aber genug der Musik!
Meine Neugierde war jedoch nie groß genug, um den Text zu kaufen. Zum Glück, wie ich heute weiß. Denn nach dem Kauf eines Tablets kreuzten sich zwei Neugierden: die Neugierde auf den Text und die Neugierde, wie es sich auf einem Tablet liest. Da das Buch alt genug ist, um als freier Text durchs Netz zu geistern, war es eine willkommene Probe.

Also, willkommen war es nur, bis ich die ersten Seiten gelesen hatte. Ich wurde nämlich permanent von allen Seiten abgelenkt. Das schob ich anfangs noch auf die ungewohnte Tabletleserei, musste mir aber irgendwann eingestehen, dass es wohl doch eher am Text lag.

Der Text selbst, um endlich mal zum Punkt zu kommen, ist ein Rahmen im Rahmen im Rahmen (hab ich einen Rahmen vergessen?), die notwendigen Figuren (Stücker 3 bis 4) sind durchaus interessant, werden aber durch ein exzessiv retardierendes Element immer nervtötender. Anders gesagt: Man könnte die gesamte Geschichte problemlos auf einem Zehntel der Seiten zusammendampfen ohne auch nur ein einziges Detail auszulassen. Im Gegenteil – man behielte immer noch genug Raum, eine der Figuren ein mittleres Epos vortragen zu lassen, um den Leser zu amüsieren.

Leopold? Danke, aber nein danke!

Ror Wolf, Fortsetzung des Berichts

Ich frage den geneigten Leser, ob er schon einmal beobachtet hat, wie ein Hund, ein kleines glückliches Etwas, sich auf einem Teppich gewälzt hat, wie er sich in die Fasern gedrückt hat, Rücken, Flanken und noch mehr geschubbert.

In etwa so fühlte ich mich bei der Lektüre der Fortsetzung des Berichts. Ror Wolfs Debüt macht mich wünschen, in diesem Wortteppich zu versinken, mich an den Sätzen und Absätzen zu schubbern, Tage, Wochen, Jahre, ja mich selbst zu vergessen. Und hinüberzugehen in die Welt der Bücher, in der alles ein klares Ende hat.

Man merkt’s schon: Ich mag Wolfs Texte. Und abgesehen von seinem großartigen Humor musste ich bei diesem wegweisenden Debut feststellen, wie sehr jedes einzelne Wort, jedes einzelne Satzzeichen exakt abgewogen wurde. Es ist kein leichter Text. Es ist ein Text, der eigentlich danach schreit, dass man ihn mit viel Muße liest. Und genau das ist noch das einzige, was ich daran auszusetzen hatte: dass ich zurzeit nicht die Muße habe, die solche Bücher verdienen, um sie richtig genießen zu können.

Dringender Nachtrag (peinlich, peinlich): Das Buch war eine Schenkung zum Geburtstag und weil ich mich so gefreut habe, hab ich es auffallend schnell verschlungen. Deshalb ist mir etwas unterm Radar durchgeflogen, worauf ich heute nebenbei hingewiesen wurde. Die Schenkende – eine sehr liebe Freundin – hat es tatsächlich gedeichselt, dass Ror Wolf dem Buch, meinem Buch, seinem Buch, meinem Buch von ihm eine persönliche Widmung verpasst hat. Es ist keine irgend dahergelaufene Widmung, sondern etwas für mich Bestimmtes, das ich auf meinem Lebensweg mitnehmen werde. Danke, liebe Marlen, danke, lieber Ror Wolf! (Und jetzt geh ich in die Kammer, werde rot und hyperventiliere ein bisschen.)

Vladimir Sorokin, Der Schneesturm

Bisweilen liest man ja, dass Dick für die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts das war, was Kafka für die erste war. Da kann man sich denken, dass ich nicht wenig überrascht war, zu Beginn des 21. Jahrhunderts ein Buch zu lesen, dass zu Beginn an Kafka erinnert und mittendrin wie beste Ware von Dick wirkt.

Mit der „Schlange“ hatte ich zwar bereits einen Sorokin gelesen, aber das hier ist anders. Auch stark, aber ganz anders stark. Sorokin sprüht vor Einfällen, bringt sie aber so lapidar vor, dass dem Leser alles ganz normal vorkommt. Seien es Zwerge, Riesen, Mini- und Mammutpferde oder sogar Zombies (bei denen er sich fleißig der Mauerschau bedient). Selbst Sex und Etliches an Kraftausdrücken und Beleidigungen kommt wieder breit vor. Hier bin ich übrigens auf das Urteil meiner russischen Bekannten gespannt, die mir verraten haben, dass die „Schlange“ auf Deutsch deutlich harmloser ist als das russische Original.

Gut, der Schluss wirkte dann etwas unmotiviert – ich hatte den Eindruck, dass er nicht mehr wusste, wie er aus der Sackgasse rauskommen sollte –, aber gnädigerweise hat er ihn dann auch nicht übermäßig ausgewalzt. Wer also durchaus eine Prise Phantasie in der Lektüre verträgt, kommt hier nicht zu kurz.

Und hier noch ein kleiner Lesetipp zu einer Parallelrezension.

Michael Schmidt-Salomon, Keine Macht den Doofen. Eine Streitschrift

Ein recht dünnes Bändchen, das überraschend viel Freude bereitet. Schmidt-Salomon nimmt hier mit viel Spaß und Wortwitz die herrschende Idiotie aus Religion, Wirtschaft und Politik auseinander und verweist sie auf ihre Plätze. Besonders hübsch seine Deutungen, dass der heutige Mensch eher Homo demens als Homo sapiens ist.

Schon auf der ersten Textseite hab ich mich amüsiert, weil ich fast ein wörtliches Zitat aus meinem Roman von 2007 wiederentdeckte: „Die Dummheit – sie ist die große Konstante in der menschlichen Geschichte“.* Deshalb und wegen des folgenden Amüsements kann ich das Buch von Schmidt-Salomon durch die Bank empfehlen!

* Bei mir lautet der Text (Quelle):

Arnold sah die Gelegenheit, weit auszuholen: „Wissta, dat passt sehr gut zu meina Theorie der Weltgeschichte.“
„Welche Theorie?“, fragte ich, während Jan sieben Becher mit Bier füllte und sie über den Tisch verteilte. Wir stießen mit den Bechern an und tranken einen Schluck.
Arnold wischte sich den Schaum vom Mund und erwiderte: „Cazzo, hab ich dir die no‘ nich erzählt?“
„Nein.“
Jan jubelte dazwischen: „Sagt ma, aus dem Fass schmeckt das doch tausendmal besser als aus der Flasche, oder?“
Micha und Wieland nickten stumm, Arnold fuhr fort: „Ah, skidegodt! Et gibt doch Theorien von sich wiederholenda Weltgeschichte. Marx zum Beispiel sachte, Geschichte ereignet sich zweimal. Und nach Hegel läuft sie eima als Tragödie ab und dann noch ma als Farce.“
„Genau.“
„Und das is beschissena Quatsch! Et gibt keine Wiederholungen, sondern alles dreht sich um einen verkackten Punkt.“ Er drehte die Gabel um einen imaginären Punkt in der Luft und erklärte: „Die Konstante.“
„Welche Konstante?“
„Die Konstante der Weltgeschichte, Stronzo!“ Er trank einen Schluck.
„Mir kam es immer eher vor, als würde sich die Geschichte pendelförmig bewegen. Mal schlägt es eher zu der einen Seite aus, mal zu der anderen.“ Ich ließ meine Hand hin und her fallen.
„Hm-ja, das is nich ganz falsch. Aber dat dämliche Pendel bewecht sich eben nich von links nach rechts, sondann kreisförmich.“ Jetzt imitierte Arnold ein kreisendes Pendel.
„Kreisförmig? Aber dann würde es sich doch durch den nachlassenden Schwung eher spiralförmig bewegen?“
„Auf die Konstante zu.“ Er schnipste einmal in die Luft. „Genau! Und weil die spiralförmigen Bewegungen sich manchma annähann, sieht dat wie Wiedaholungen aus.“
„Und was ist die Konstante?“
„Blödheit! Einfach – extreme – Blödheit! Die ganze fakackte Menschheitsgeschichte wird davon bestimmt, dat alle Menschen zu allen Zeiten imma total bescheuat warn. Dat siehsse doch jedn Tach! Kuck dich nur um. Alle spinnen herum, drehn durch. Und dann kuck dir den Mist an, den’e beim Buddeln findess: alles Ausdruck des ewigen Irrsinns. Einfach jeda beschissene Dreck!“

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