Doc Tottes Welt

Essays, Skizzen und Gedanken

Michael Rau (Hrsg.), Rakes Handbuch für Leidende

Eine seltsame Anthologie, die mich als Weihnachtsgeschenk erreichte. Seltsam vor allem deswegen, weil das Cover von Perscheid und das einleitende Vorwort von Michael Rau noch verheißungsvoll klangen – hier ist vom Pech als dem viel verlässlicheren Partner die Rede –, die Qualität der einzelnen Texte und das Lektorat aber schwankt wie die Gezeiten bei Mont Saint Michel. Die Texte selbst stammen von 10 Menschen, oft aus dem norddeutschen Raum, die durchweg als Autoren zu bezeichnen ich mich weigere.

Namentlich Stephanie Claußen und Sara Johannsen haben eine miserable Art und Weise Wörter zu Sätzen zu formen, dass man bei der Lektüre nur noch laut schreien möchte. Oder um deutlicher zu werden: Die laut Infotext als Redakteurin werkende Frau Claußen befasst sich in ihrem Text auf Schülerzeitungsniveau mit dem Vegetarismus, dem sie selbst frönt. Was sie sich hier zusammengestümpert hat, ließ mich dermaßen wütend werden, dass man nach der Lektüre denken könnte, vegetarische Ernährung mache strunzendumm. Eine ganze Reihe von Vegetariern in meinem Bekanntenkreis bestätigt mich allerdings in der Meinung, dass Frau Claußen eher die strunzendumme Ausnahme von der Regel ist. Über Frau Johannsens Überlegungen zur Soap-Opera-Sucht möchte ich lediglich anmerken, dass die langweiligsten Befindlichkeiten von Langweilern in einer langweiligen Darstellung – ABSOLUT UNINTERESSANT SIND!

Wenn man dann auch noch – auffallenderweise vor allem in den ohnehin schlechtesten Texten – permanent Kommafehler und „das“ statt „dass“ und vice versa und andere Stümpereien der Lektorin Michaela Kenklies lesen muss, dann steht man spätestens ab Seite 100 kurz vorm ersten Axtmord. (Überraschend genug, dass Frau Kenklies sich im Buch hat nennen lassen, es sei denn, es handele sich darum um ein Pseudonym, um den Verdacht auf eine verhasste Nachbarin zu lenken.)

Doch ich möchte nicht nur meckern. Mindestens ein Text war mehr als angenehm in der Lektüre. Die Geschichte über die „ersten Leiden des jungen G.“ von Gerlis Zillgens zeugt von gewissem Ideenreichtum und einer Grundfähigkeit, mit dem deutschen Wort umgehen zu können, die man den meisten anderen Satzkillern dieser Anthologie absprechen muss.

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Michel Serres, Kleine Chroniken. Sonntagsgespräche mit Michel Polacco

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Hans Henny Jahnn, 13 nicht geheure Geschichten

  1. Oh, mein einziger sehr vorsichtiger Verriss (u.a. auch wegen RS-Fehlern) hat dem Bücherportal, für das ich rezensiere, fast eine wütende Klage vom Verlag eingebracht. Die gute Frau hat dann aber doch eingesehen, dass in Deutschland Meinungsfreiheit herrscht und begründete Meinungen zulässig sind. Ich würde aber trotzdem jederzeit wieder Klartext schreiben, vielleicht sogar noch deutlicher, und freue mich, dass es auch andere Rezensenten gibt, welche die Leser vor solchen Fehlkäufen bewahren. Bei der Masse an Neuerscheinungen ist es heute auch wichtig zu wissen, was man nicht lesen muss.

    • Was für ein lächerlicher Verlag. Anstatt die Leute anzugehen, die klar machen, wo er Mist gebaut hat, sollte er in Zukunft eben mehr Geld ins Lektorat stecken.
      Und da ich das ne ganze Zeit selbst als Alleinerwerb betrieben habe, kenn ich die Spielchen drumherum.

  2. Wie erfrischend, jemanden zu lesen, der auch nicht über Anhäufungen von Fehlern hinweglesen kann. Meistens höre ich nur: ach, Du übertreibst, Rechtschreibung ist ja nicht wichtig, der Inhalt ist es. Wenn der dann auch noch nicht stimmt…ich kann Deine Wut gut verstehen, auch wenn ich das Werk nicht kenne.

    • Viele begreifen ja auch nicht, dass die Rechtschreibung sich z.T. massiv aus den Inhalt auswirkt. Eine Kollegin bekam z.B. neulich eine Mail von einer Kundin, die eigentlich eine Webseite löschen wollte; stattdessen fragte sie: „Können Sie mir erklären, wie ich Sie eliminieren kann?“
      Und das ist ja schon nur ein kleiner Fehler (über den man wenigstens lachen kann).

      • Hehe, das ist wirklich lustig… kann aber verheerende Folgen nach sich ziehen 🙂
        Mich ärgert es auch, wenn Menschen einfach nicht darauf achten (natürlich kann immer mal ein Fehler passieren, darum geht es nicht). Aber wenn das in einem Buch ist, für das ich Geld ausgegeben habe… puh. Ich hab vor gar nicht allzu langer Zeit erst eine sehr wütende Mail an den Insel-Verlag geschrieben, für die Ausgabe vom Glöckner von Notre-Dame. Das wurde gegen Ende unerträglich. Ob es was genützt hat – ich wage es zu bezweifeln.

        • Ein Bekannter von mir ist Lektor bei Rowohlt. Von dem weiß ich explizit, dass sie sich freuen, wenn sie richtige Hinweise bekommen. Er merkte aber auch an, dass die meisten „Korrekturen“, die sie bekommen, eher vom orthografischen Unwissen der Sender zeugen als tatsächliche Fehler zu enthalten.

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