Essays, Skizzen und Gedanken

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Martin Ernstsen, Hunger: Nach dem Roman von Knut Hamsun

Es gibt zugegebenerweise echt wenig Bücher, die ich mehrfach gelesen habe. Nicht, weil sie es nicht wert wären, sondern eher weil es viel zu viele gute Bücher gibt, die einfach auch gelesen werden wollen.

Hamsuns Hunger gehört definitiv zu den Büchern, die mir mehrfach auf dem Leseplan standen. Diese Ausgabe ist ein ungewöhnliches, aber gutes Exemplar. Es versinnbildlicht in gutem Maße die hungergetriebene Verkorkstheit des Erzählers. Hamsunfans zu empfehlen. Anderen auch.

Michael Palin, Erebus

Palin, den ich fast mehr wegen seiner Reisereportagen schätze als wegen seiner Monty-Python-Nummern (aber nur fast), hat hier lesenswert zusammengefasst, was man über die Expedition der Erebus weiß. Angefangen bei der Antarktisexpedition bis zur katastrophalen Suche nach der Nordwestpassage, die (mehr oder weniger) bekanntlich im Untergang der gesamten Expedition führte.

Wer sich ein klein wenig mehr Information erhofft, als im ein oder anderen Jahr durch die Presse geistert, wird leider enttäuscht: Der Wissensstand über das total Scheitern der Expedition ist auch bei Palin unverändert. Schade. Trotzdem interessante Lektüre.

Alcante, Laurent-Frédéric Bollée, Denis Rodier, Die Bombe – 75 Jahre Hiroshima. Die Entwicklung der Atombombe

Viel zu selten leider, aber doch ab und an komme ich bei mir in der Gegend zu einem kleinen netten Comicladen. Wenn ich ihn besuche, dann zum Stöbern. Ich möchte dann nichts bestellen, sondern ich möchte finden. Nicht immer glückt das, manchmal aber schon. Zum Beispiel bei meinem letzten Besuch, als dieser Band aus den ihn umgebenden Büchern herausstach.

In die Hand nahm ich ihn sofort, vor dem Kauf stöberte ich nur kurz weiter, kam aber schnell wieder zurück. Fast so schnell, wie ich den durchaus dicken Comic verschlungen habe.

Es ist witzig: Ich mag gerade ehrlich gesagt keine Reihen sammeln. Ich wünsche mir gern mehr Corto Maltese, gern mehr Blueberry zu Hause. Aber selbst diese Reihen kaufe ich nur sehr sporadisch. Und neue Reihen mag ich praktisch gar nicht beginnen, auch wenn sie – wie z.B. 100 Bullets – durchaus interessant klingen. Da kaufe und lese ich lieber in einem Satz so eine Schwarte, verschlinge sie aber gern direkt am Stück.

Womit wir beim Thema wären, beim Buch selbst. „Die Bombe“ ist wirklich ein Monstrum. Sie schildert detailliert aus den verschiedensten Perspektiven, wie der zweite Weltkrieg endet, und eigentlich auch, wie der Kalte Krieg begonnen hat.

Insgesamt scheint mir die Geschichte gut recherchiert zu sein, obwohl sie natürlich erzählerische Freiheiten nutzt. Besonders schön arbeitet der Comic meiner Meinung nach den Charakter der höchst unterschiedlichen Protagonisten rund um das Manhattan Project, aber auch rund um den Globus heraus.

So bitter die Geschichte als Ganzes ist, vor allem weil man vom Cover an weiß, wie sie enden wird, so eindringlich erzählt sie von Seite zu Seite. Einmal begonnen, möchte man den Comic nicht mehr zur Seite legen.
Meine Empfehlung für jeden, der keine Furcht vor Graphic Novels hat.

Thomas Hettche, Herzfaden

Wo fange ich an?

Hätte mir das Buch rundum gefallen, wäre diese Kurzrezension sicher im Stil einer Augsburger-Puppenkisten-Geschichte geschrieben.

Mit Sprachfehlern, Wackelarmen und mindestens einem Lied. Da all das hier fehlt, ist klar, was ich davon halte.

Die Idee des Buchs, ein nettes Geschenklein, fand ich eigentlich hübsch. „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten“ kann ich auch heute nur so denken: „Öch weuß nöcht, wös söll ös bedoitööön“. (Wer das nicht versteht: Stichwort Urmel.) Ich freute mich richtig vor der Lektüre darauf.

Und dann dieser Einstieg. Eine grottendumme Rahmengeschichte, die immer wieder den Erzählfluss stört. Ja, richtiggehend stört in ihrer Blödheit.

Hettches Erzählweise an sich, gut, da mag man gespaltener Meinung sein. Das Meiste ist okay, richtig glänzt aber wirklich gar nichts. Ich erinnere an meine Bookdarts für schöne Zitate, die ihren Weg in meine Kladden finden. Die Menge bei Herzfaden ist null, nada, niente, nullkommanix. Richtig gelesen.

Und genau genommen finde ich den Titel sogar Schwindel. Er bezieht sich zwar auf eine vorgebliche Äußerung des Puppenkistengründers. Aber in diesem Buch stellt sich kein einziger Herzfaden ein. Nicht mal zur Hauptfigur Hatü, obwohl sie allen Grund dafür hätte, dass man als Leser einer romanesken Biographie genau den zu ihr entwickelt.
Ach, ich möchte das Buch nicht empfehlen. Und ich möchte auch nie wieder was von Hettche lesen.

James Fenimore Cooper, Der letzte Mohikaner

Als Kind hatte ich den einen oder anderen Klassiker gelesen, in der Regel dürften es „Jugendversionen“ gewesen sein, jedenfalls war mein Robinson Crusoe damals deutlich kürzer als die Fassung, die ich Jahre später gelesen habe.

Cooper hat mich als Kind seltsamerweise nie recht gefesselt. Ich bin mir nicht sicher, ob mir die Schilderungen einfach zu kompliziert waren im Vergleich zur Winnetou-Welt (die ich zugegebenerweise eher aus Fernsehen und Filmfestspielen kannte, weil ich Mays Bücher auch furchtbar fand – wenn auch anders als Cooper).

Im Nachhinein muss ich mich aber fast fragen, ob das bei Cooper nicht vielleicht ein Glück war. Denn dadurch, dass ich ihn erst spät zu lesen angefangen habe, konnte ich ihn ganz anders und wie ich glaube: tiefgreifender genießen, als es mir als Kind/Jugendlicher hätte möglich sein können.

Zurück zum Titel: Der letzte Mohikaner ist ein enorm kurzweiliges Stück, in dem eigentlich nur wenige Szenen eine eigentlich überschaubare Handlung unglaublich spannend schildern.

Und ja: Ich bin dank Ticonderoga mal wieder auf die Fährte gestoßen worden, die ich allerdings schon vor Jahren anhand der Schmidt’schen Übersetzungen aufzunehmen begonnen hatte.

Cooper ist auch in diesem Fall eine Lektüre wert!

Caroline Alexander, Die Endurance. Shackletons legendäre Expedition in die Antarktis

So spektakulär die Shackleton-Expedition an sich schon war, so spannend ist diese eigentlich recht nüchterne Schilderung des Scheiterns. Die Fotografien – zugegebenerweise von vornherein als Marketinginstrument geplant – sind enorm beeindruckende Zeugnisse des Überlebenwillens. Und nicht zuletzt erscheint Shackleton als vorbildliche Führungskraft, die auch in ausweglosen Situationen die Ruhe bewahrt, um die Mannschaft noch geschlossen mitzunehmen, egal welche Entbehrungen noch drohen. Dabei geht er genau auf die psychologischen Bedürfnisse aller Expeditionsmitglieder ein.

Unbedingt Leseempfehlung!

Karl-Ove Knausgård, Kämpfen

Es ist nur wenige Rezensionen her, da erwähnte ich etwas über die Korrelation zwischen Buchqualität und meinen Markierungen im Text. Damals merkte ich an, wenige Markierungen seien ein untrügliches Zeichen für eher maue Qualität und vice versa. Ganz so klar ist es leider doch nicht immer.

Bei Kämpfen von Knausgård hatte ich nämlich einige Darts gesetzt. Dabei handelte es sich selten um stilistisch besonders gelungene Formulierungen. Öfter waren es Ähnlichkeiten oder aber das totale Gegenteil, die ich zwischen Knausgårds und meinem Leben ausmachte, und seine Gedanken dazu.

Das ist für mich der eigentliche Witz Knausgårds, wie mir hier erst wirklich bewusst wurde: Sein Kampf fesselt mich nicht aufgrund des Stils oder des scheinbar ungehörigen Ansatzes. Nein, er fesselt mich durchs Wiedererkennen von Handlungsmustern, Gefühlen, Erfahrungen, Reaktionen darauf.

Deshalb war Kämpfen, in dem Knausgård über Hunderte Seiten über Hitler, Celan etc. (!) essayiert, über weite Strecken echt nervig. Besonders schlimm war es, weil er seine Interpretation von Celangedichten mit dem Geständnis einleitet, Gedichte nicht interpretieren zu können. Er hat recht. Er kann es nicht und sollte es dringend lassen.

Eine Empfehlung möchte ich angesichts des Seitenbergs und meines vielleicht etwas speziellen Zugangs daher nicht aussprechen.

Herman Melville, Typee

So sehr ich Geschichten rund um die Seefahrt mag, so hadere ich ja auch ein wenig mit Melville, gerade wegen seines Monstrums. Als ich diese Ausgabe von Typee in die Finger bekam, konnte ich aber nicht nein sagen. Ich kaufte, las und amüsierte mich.

Hier schreibt ein unbekümmerter Autor ohne jede Last, auch wenn er sich teilweise anderer Schriften bedient. Die Geschichte mag insgesamt recht belanglos sein. Die Atmosphäre von Nuku Hiva zur Mitte des 19. Jahrhunderts fängt er aber so gekonnt ein, dass ich mich während und auch noch nach der Lektüre immer wieder dabei ertappte, in den Gedanken in die Südsee abzuschweifen.

Das gelang in dieser Art eigentlich nur Stevenson.

Rundum zu empfehlen, insbesondere Leuten, die gern in Gedanken in die Ferne schweifen (auch ein Beitrag zur Klimaverbesserung).

Frank Witzel, Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969

Ich finde es nach der Lektüre eines Buchs immer schlagend, mir den Schnitt anzuschauen. Vor vielen Jahren hatte ich damit begonnen, mir beim Lesen Notizen zu machen. Ich begann, mir Sätze und Absätze zu notieren, die ich besonders schön formuliert fand, die einen Gedanken enthielten, über den weiter nachzudenken ich für sinnvoll erachtete oder die mir schlicht und einfach gefielen.

Schrieb ich zu Beginn die Sätze meist direkt ab, entwickelte ich über die Jahre eine alternative Technik. Dazu verwende ich diese Bookdarts, mit denen ich während der Lektüre schnell markiere, was ich später notieren möchte.

Daher, um zum Anfang zurückzukommen, ist es leicht, nach dem Ende einer Lektüre zu erkennen, wie sehr mir ein Buch gefallen hat: Stecken im Schnitt viele Bookdarts, ist viel Notierenswürdiges auf den Seiten. Finde ich nach der Lektüre keinen einzigen Marker, war das Buch irgendwas zwischen belanglos und Zeitverschwendung. So z.B. beim dritten Subutex.

Der Witzel, an dem ich zugegebenerweise lange gelesen habe, auch weil aufgrund äußerer Umstände immer wieder Unterbrechungen der Lektüre notwendig wurden, ist dagegen am Ende meiner Reise durch das Jahr 1969 gespickt mit Bookdarts. (Ich rechne damit, dass mich die Niederschrift meiner Notizen noch eine Reihe von Abenden kosten wird, aber die Sätze, die ich notieren werde, sind diese Abende wert.)

Zum Buch: Witzel schildert in einer grandiosen Tapisserie, die in den verschiedensten Mustern und Farben gestaltet ist, eine herrliche Geschichte. Wirken Teile zunächst verworren, geht das nicht zulasten des Lesers, sondern löst sich an anderer Stelle. Dabei geht es um eine Figur, die selbst ordentliche Probleme mit der Trennung zwischen Realität und Vorstellung hat – und diese Probleme zwangsläufig weitergibt. An die Obrigkeiten, an die Therapeuten, aber eben auch an den Leser. Dennoch kristallisieren sich auf clevere Weise Themen heraus, mit denen die Figur auf die ein oder andere Weise kämpfen muss: der gottgleiche Vater, der Bruder als Ziel der Eifersucht, die Fehlstelle der kranken Mutter, die von einer verhassten Pflegerin von der Caritas nicht aufzufüllen ist,  falsche und mehr oder weniger wahre Freunde, die prägenden Erfahrungen durch die katholische Kirche und ihre Pfarrer und, und, und. Gleichzeitig präsentiert Witzel ein im positivsten Sinne fast schon enzyklopädisches Sammelsurium an Kindheitserinnerungen der Spätsechziger in Hinblick auf Musik, Naschzeug, dessen Preise und Spielzeug. Kurz: Das Ganze ist einfach köstlich.

Das freut mich umso mehr, als ich noch erinnere, dass mich die ersten Rezensionen, die ich beim Erscheinen las, sofort elektrisierten. Ich kam lediglich nicht dazu, mir das Buch zügig zu besorgen und irgendwann fiel es etwas in Vergessenheit, bis ich es zufällig in einer Buchhandlung liegen sah – und mitnahm. Das war definitiv die richtige Entscheidung!

Virginie Despentes, Vernon Subutex (3)

Was hatte ich auf das Erscheinen des dritten Bandes gewartet! Schon der erste Band hatte mich ziemlich angefixt, Band zwei kam mir dann zwar bereits schwächer vor, hielt aber eine gewisse Spannung fürs Erscheinen des Abschlusses. Das galt umso mehr, als breit angekündigt war, Despentes würde in diesem Band auch die Anschläge in Paris zum Thema machen.

Und dann das. Die Geschichte ist so mau-flau, dass ich zwar gut von Kapitel zu Kapitel kam, mich aber ständig gefragt hatte, was da kommen soll. Inhaltlich jedenfalls nicht viel. Denn die eigentliche abschließende Subutex-Geschichte wäre problemlos und ohne ästhetischen Verlust in einem Absatz erzählbar.

Blieb also noch das, was mich zusätzlich interessiert hatte. Doch auch hier: Bei der ersten Erwähnung, die so indirekt und schon im Nachklapp stattfand, wunderte ich mich über die Perspektive (die Sorge von Frauen, abends in Paris auf hohen Hacken rauszugehen, weil sie vielleicht schnell rennen müssten). Dann kam lange erst mal gar nichts. Und schließlich die ein oder andere Anspielung auf Paris, Berlin und anderes. Aber praktisch nie viel mehr als ein Sätzlein.

Mit einigermaßen guten Willen kann man dann ein zum Ende hin gesetztes Ereignis so verstehen, dass Despentes hier dem Thema gerecht werden wollte. Aber um ehrlich zu sein, finde ich auch das gescheitert.

Kurz: Das äußerst lahme Fazit aus Band drei hat mir insgesamt die Lektüre der Trilogie etwas versaut. Danach möchte ich die Trilogie ehrlich gesagt nicht mehr empfehlen.

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