Doc Tottes Welt

Essays, Skizzen und Gedanken

Kategorie: Bücher Seite 1 von 62

Daniel Defoe, Der Consolidator

Bücher aus der Anderen Bibliothek habe ich sehr lange sehr geschätzt. Nicht erst seit dem Weggang von Enzensberger sind meine Erlebnisse mit dieser Reiher leider enorm wechselhaft geworden. Ich bin schon vorsichtig, aber trotzdem tapse ich immer wieder in die Falle, dass ich entweder denke:

a „Boah! Interessantes Buch eines mir unbekannten Autors!“

oder

b „Boah! Interessantes Buch eines Autor, den ich zwar kenne [und schätze], von dem ich aber nicht wusste, dass er SOWAS geschrieben hat!“

Der Consolidator war eindeutig Variante b. Dabei hätten mich die Schmerzen, die ich bei der Lektüre des Crusoes hatte, mich warnen müssen. Sei es, wie es ich – im Laden dachte ich: Mensch, dit musste probieren.

Tja. Leider Armlecken. Das Buch ist – wie üblich in der Reihe – natürlich wieder fantastisch gestaltet, toll gesetzt etc. Aber der Inhalt? Ich will mal so sagen: Ich hab mich lange nicht mehr so bei der Lektüre geärgert. Das Ganze wird verkauft als „Mondbuch“. Wer nun aber eine Art frühen Jules Verne erwartet, fällt mächtig auf die Fresse. Defoe platscht einfach die zeitgenössischen politischen Entwicklungen Europas und insbesondere Englands auf die Mondoberfläche, verballhornt Länder- und Königsnamen und meckert in einem fort über Gesellschaft und Politik.

Lange hatte ich gedacht, ich würde gern mal mehr über Cromwell und seine Folgen lesen. Aber der dreifach verschlüsselte Quatsch, der selbst für einen halbwegs historisch bewanderten Menschen nur dank Anhang wenigstens ansatzweise verständlich wird, verursacht bei der Lektüre doch arge Störungen im limbischen System (und woanders). Die einzige Lehre, die ich daraus zu ziehen vermag ist: Die Briten waren schon 300 Jahre vor dem Brexit bescheuert.

Dringende Lesewarnung! Nicht kaufen! Vor allem nicht für den gepfefferten Arschpreis, der höchstens ansatzweise aufgrund der schönen Gestaltung gerechtfertigt ist!

James Fenimore Cooper, Der letzte Mohikaner

Als Kind hatte ich den einen oder anderen Klassiker gelesen, in der Regel dürften es „Jugendversionen“ gewesen sein, jedenfalls war mein Robinson Crusoe damals deutlich kürzer als die Fassung, die ich Jahre später gelesen habe.

Cooper hat mich als Kind seltsamerweise nie recht gefesselt. Ich bin mir nicht sicher, ob mir die Schilderungen einfach zu kompliziert waren im Vergleich zur Winnetou-Welt (die ich zugegebenerweise eher aus Fernsehen und Filmfestspielen kannte, weil ich Mays Bücher auch furchtbar fand – wenn auch anders als Cooper).

Im Nachhinein muss ich mich aber fast fragen, ob das bei Cooper nicht vielleicht ein Glück war. Denn dadurch, dass ich ihn erst spät zu lesen angefangen habe, konnte ich ihn ganz anders und wie ich glaube: tiefgreifender genießen, als es mir als Kind/Jugendlicher hätte möglich sein können.

Zurück zum Titel: Der letzte Mohikaner ist ein enorm kurzweiliges Stück, in dem eigentlich nur wenige Szenen eine eigentlich überschaubare Handlung unglaublich spannend schildern.

Und ja: Ich bin dank Ticonderoga mal wieder auf die Fährte gestoßen worden, die ich allerdings schon vor Jahren anhand der Schmidt’schen Übersetzungen aufzunehmen begonnen hatte.

Cooper ist auch in diesem Fall eine Lektüre wert!

Caroline Alexander, Die Endurance. Shackletons legendäre Expedition in die Antarktis

So spektakulär die Shackleton-Expedition an sich schon war, so spannend ist diese eigentlich recht nüchterne Schilderung des Scheiterns. Die Fotografien – zugegebenerweise von vornherein als Marketinginstrument geplant – sind enorm beeindruckende Zeugnisse des Überlebenwillens. Und nicht zuletzt erscheint Shackleton als vorbildliche Führungskraft, die auch in ausweglosen Situationen die Ruhe bewahrt, um die Mannschaft noch geschlossen mitzunehmen, egal welche Entbehrungen noch drohen. Dabei geht er genau auf die psychologischen Bedürfnisse aller Expeditionsmitglieder ein.

Unbedingt Leseempfehlung!

Haruki Murakami, Die Ermordung des Commandatore

Zu Silvester 2018/2019 war mir von diesem Buch erzählt worden. Der Erzähler hatte es noch nicht zu Ende gelesen, aber so positiv davon berichtet, dass ich mehr als neugierig wurde.

Der Zweibänder erreichte mich dann als Leihgabe und die Leihgeberin bat mich, ihr den Schluss zu erklären, sollte ich ihn verstehen.

Ich fing schon bald mit der Lektüre an. Vor allem zu Beginn war ich schnell in die Geschichte vertieft, aber je mehr ich mich dem Ende näherte, desto beknackter fand ich sie ehrlich gesagt. Und wo ich zu Beginn der Lektüre noch dachte: „Wird ja wohl ein Klacks, den Schluss später zu erklären!“, verlor ich Seite um Seite die Lust, den Schluss überhaupt noch verstehen zu wollen. Die Verschachtelung in sprachliche Stilmittel ist mir einfach zu aufgesetzt – aber vielleicht bin ich auch nicht in der Lage, daraus die rechte Freude zu entwickeln, um dort die Pointen zu begreifen.

David Bowie, Stardust Interviews: Ein Leben in Gesprächen

Ein Leihbuch, auf das ich mich im Vorfeld richtig gefreut hatte. Leider ist es ein treffender Beweis dafür, dass jemand, der gute Musik macht, nicht zwangsläufig ein guter Interviewpartner ist.

Im Buch finden sich einige Interviews, die im Verlauf seiner Karriere geführt wurden. Insbesondere die frühen Interviews zeigen, wie unsicher und vorsichtig auch ein Musikgenie wie Bowie wird, wenn es bekannte Pfade verlässt. Im Prinzip redet er bei den frühen Interviews nur Unsinn, macht sich vielmals klein.
Positiv bleibt mir aus den Interviews allerdings seine Bescheidenheit und Verbundheit in Erinnerung, dass er auch über Jahrzehnte alte Schulfreundschaften pflegte oder nach Jahrzehnten seinen Saxofonlehrer zu Aufnahmen bestellte, dem er als Kind noch erklärt hatte, er würde ein Star werden.

Insgesamt ließ mich der Band aber doch etwas desillusioniert zurück. Bowie wird eben für seine Musik unvergessen bleiben, nicht für seine Interviews.

Hugo Pratt, Héctor Germán Oesterheld, Ticonderoga

Es gibt Leute, die betrachten mich wenig differenziert als Comicleser, ohne zu verstehen, worauf es mir bei einem Comic ankommt.

Dabei kann das so vieles sein: eine gut recherchierte und spannend erzählte Geschichte (z.B. Maus), amüsante Unterhaltung (z.B. Gilbert Shelton) oder einfach reizvolle Abenteuer, wie Hugo Pratt sie erzählte.

Lange vor dem bekannten Corto Maltese hatte Pratt gemeinsam mit Oesterheld die Figur Ticonderoga aus dem Universum James Fenimore Coopers erstehen lassen.
In dieser hübschen Ausgabe kann man die Abenteuer der jungen (und älteren) Helden in beeindruckenden Bildern bewundern.

Nebenbei: Amazon-Bewertungen, die sich über den Formatwechsel des Zweibänders beschweren, kann man getrost ignorieren – so wie sie selbst die Entstehungsgeschichte des Comics und die damit verbundenen Erfordernisse ignorieren.

Karl Wezel, Hermann und Ulrike

Irgendwie unglückliche Gestalten gibt es in der Literaturgeschichte ohne Frage mehr als genug. Von der einen Gestalt hat kaum jemand etwas gehört, von anderen hat zumindest irgendetwas überlebt.

Wezel gehört eher zur zweiten Gattung. Zum Teil weil er zu seiner Zeit schon bekannt war, es sich aber mit seinen Zeitgenossen verscherzte – oder die es sich mit ihm. Zum Teil aber natürlich auch, weil er von Multiplikator Arno Schmidt ausgegraben und im Rahmen von dessen Radioessays präsentiert wurde.
Der konzentrierte sich allerdings auf Wezels Belphegor, ein zwar lesenswertes, aber milzsüchtiges Buch.

Amüsanter ist dagegen Hermann und Ulrike. Das präsentiert zwar eine ähnlich bösartige Welt. Aber um die Hauptfiguren entwickelt sich insgesamt eine positivere Geschichte, wenn auch mit mehrfachen Redundanzen.

In der aktuellen Ausgabe der Anderen Bibliothek sollte man als Leser allerdings die Bereitschaft mitbringen, nicht auf moderne Rechtschreibung zu bestehen. Dann macht der Doppelband auf jeden Fall Freude.

Karl-Ove Knausgård, Kämpfen

Es ist nur wenige Rezensionen her, da erwähnte ich etwas über die Korrelation zwischen Buchqualität und meinen Markierungen im Text. Damals merkte ich an, wenige Markierungen seien ein untrügliches Zeichen für eher maue Qualität und vice versa. Ganz so klar ist es leider doch nicht immer.

Bei Kämpfen von Knausgård hatte ich nämlich einige Darts gesetzt. Dabei handelte es sich selten um stilistisch besonders gelungene Formulierungen. Öfter waren es Ähnlichkeiten oder aber das totale Gegenteil, die ich zwischen Knausgårds und meinem Leben ausmachte, und seine Gedanken dazu.

Das ist für mich der eigentliche Witz Knausgårds, wie mir hier erst wirklich bewusst wurde: Sein Kampf fesselt mich nicht aufgrund des Stils oder des scheinbar ungehörigen Ansatzes. Nein, er fesselt mich durchs Wiedererkennen von Handlungsmustern, Gefühlen, Erfahrungen, Reaktionen darauf.

Deshalb war Kämpfen, in dem Knausgård über Hunderte Seiten über Hitler, Celan etc. (!) essayiert, über weite Strecken echt nervig. Besonders schlimm war es, weil er seine Interpretation von Celangedichten mit dem Geständnis einleitet, Gedichte nicht interpretieren zu können. Er hat recht. Er kann es nicht und sollte es dringend lassen.

Eine Empfehlung möchte ich angesichts des Seitenbergs und meines vielleicht etwas speziellen Zugangs daher nicht aussprechen.

Herman Melville, Typee

So sehr ich Geschichten rund um die Seefahrt mag, so hadere ich ja auch ein wenig mit Melville, gerade wegen seines Monstrums. Als ich diese Ausgabe von Typee in die Finger bekam, konnte ich aber nicht nein sagen. Ich kaufte, las und amüsierte mich.

Hier schreibt ein unbekümmerter Autor ohne jede Last, auch wenn er sich teilweise anderer Schriften bedient. Die Geschichte mag insgesamt recht belanglos sein. Die Atmosphäre von Nuku Hiva zur Mitte des 19. Jahrhunderts fängt er aber so gekonnt ein, dass ich mich während und auch noch nach der Lektüre immer wieder dabei ertappte, in den Gedanken in die Südsee abzuschweifen.

Das gelang in dieser Art eigentlich nur Stevenson.

Rundum zu empfehlen, insbesondere Leuten, die gern in Gedanken in die Ferne schweifen (auch ein Beitrag zur Klimaverbesserung).

Jason Lutes, Berlin

Klappentexte sind ja immer so eine Sache. Entweder sind sie total bescheuert am Thema vorbei – oder sie treffen den Apfel in den Kern.

Bei Lutes’ Berlin fand ich es sehr amüsant, dass ich nach den ersten Seiten zu meiner Freundin gesagt habe: wie Döblin als Comic. Anschließend hab ich ausschweifend versucht, ihr von Döblins grandiosem 1918 zu erzählen (was leider auf wenig Interesse gestoßen ist). Dabei gehört 1918 fraglos zu der Handvoll Bücher, die bei mir auch Jahre nach der einmaligen Lektüre noch äußerst intensiv nachwirken.

Erst Tage später fiel mir auf der Rückseite auf, dass Denis Scheck die gleiche Analogie gezogen hat.

Zurück zu Lutes. Warum auch immer ist mir diese Graphic Novel tatsächlich erst nach Vollendung über den Weg gelaufen, als sie als dicker Einbänder erschien. Das ist so unpraktisch nicht, denn so erhielt ich mit einem Schlag die gesamte Geschichte und brauchte während der Lektüre nicht zu warten. Das fantastische Werk erzählt in einem wunderbaren Panoramagemälde vom Berlin in den letzten Jahren vor der Machtergreifung der Faschisten. Hierzu greift Lutes auf zig Charaktere aus verschiedensten Schichten zurück und bindet viele historische Details ein.

Nicht nur für den Döblin-Fan äußerst zu empfehlen, sondern auch für Leser, die gute Graphic Novels zu schätzen wissen!

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