Doc Tottes Welt

Essays, Skizzen und Gedanken

Schlagwort: Anthologie

Karl Liebknecht, Briefe aus dem Zuchthaus

Ein weiterer Band aus meiner DDR-Miniatur-Bibliothek. Karl Liebknecht ist in der Geschichte des modernen Deutschen Reichs eine enorm wichtige Person, auch wenn er aufgrund des Mords durch Rechtsextreme viel zu früh aus unserer Politikerlandschaft gerissen wurde (und ich muss nicht seine politische Meinung teilen, um seine Wichtigkeit anzuerkennen). Ohne ihn wäre die Novemberrevolution anders abgelaufen, ohne ihn wäre die KPD nicht oder bestenfalls anders gegründet worden und ohne die KPD wären auch weitere politische Entwicklungen wesentlich anders abgelaufen.

Liebknecht wurde aufgrund seines Pazifismus im Jahre 1916 zu Zuchthaus verurteilt, das er kurz vor Kriegesende verlassen durfte. Aus dieser Zeit ist eine Reihe von Briefen überliefert, von denen ein Teil im vorliegenden Büchlein versammelt ist. Es sind Briefe an Verwandte und politische Freunde. Und so schwankt auch der Inhalt zwischen Privatem und Kampfparolen im Sinne der „internationalen Arbeiterschaft“.

Gut, ich gebe zu, dass ich sowas nicht lese, weil ich mich an Stil oder Inhalt ergötzte. Das sicher nicht. Aber auch diese Zusammenstellung ist ein lebendiges Stück Zeitgeschichte, und zwar sowohl im Inhalt als auch in Form. Und daher gehört es zu den der kleinen Auswahl besonderer Bücher in meiner Bibliothek.

Michael Rau (Hrsg.), Rakes Handbuch für Leidende

Eine seltsame Anthologie, die mich als Weihnachtsgeschenk erreichte. Seltsam vor allem deswegen, weil das Cover von Perscheid und das einleitende Vorwort von Michael Rau noch verheißungsvoll klangen – hier ist vom Pech als dem viel verlässlicheren Partner die Rede –, die Qualität der einzelnen Texte und das Lektorat aber schwankt wie die Gezeiten bei Mont Saint Michel. Die Texte selbst stammen von 10 Menschen, oft aus dem norddeutschen Raum, die durchweg als Autoren zu bezeichnen ich mich weigere.

Namentlich Stephanie Claußen und Sara Johannsen haben eine miserable Art und Weise Wörter zu Sätzen zu formen, dass man bei der Lektüre nur noch laut schreien möchte. Oder um deutlicher zu werden: Die laut Infotext als Redakteurin werkende Frau Claußen befasst sich in ihrem Text auf Schülerzeitungsniveau mit dem Vegetarismus, dem sie selbst frönt. Was sie sich hier zusammengestümpert hat, ließ mich dermaßen wütend werden, dass man nach der Lektüre denken könnte, vegetarische Ernährung mache strunzendumm. Eine ganze Reihe von Vegetariern in meinem Bekanntenkreis bestätigt mich allerdings in der Meinung, dass Frau Claußen eher die strunzendumme Ausnahme von der Regel ist. Über Frau Johannsens Überlegungen zur Soap-Opera-Sucht möchte ich lediglich anmerken, dass die langweiligsten Befindlichkeiten von Langweilern in einer langweiligen Darstellung – ABSOLUT UNINTERESSANT SIND!

Wenn man dann auch noch – auffallenderweise vor allem in den ohnehin schlechtesten Texten – permanent Kommafehler und „das“ statt „dass“ und vice versa und andere Stümpereien der Lektorin Michaela Kenklies lesen muss, dann steht man spätestens ab Seite 100 kurz vorm ersten Axtmord. (Überraschend genug, dass Frau Kenklies sich im Buch hat nennen lassen, es sei denn, es handele sich darum um ein Pseudonym, um den Verdacht auf eine verhasste Nachbarin zu lenken.)

Doch ich möchte nicht nur meckern. Mindestens ein Text war mehr als angenehm in der Lektüre. Die Geschichte über die „ersten Leiden des jungen G.“ von Gerlis Zillgens zeugt von gewissem Ideenreichtum und einer Grundfähigkeit, mit dem deutschen Wort umgehen zu können, die man den meisten anderen Satzkillern dieser Anthologie absprechen muss.

Gogols Mantel – Erzählungen aus Russland

Eine nette kleine Anthologie russischer Autoren durch etliche Jahrzehnte russischer Kultur. Gogol, Dostojewskij und Tolstoj dürften noch die meisten kennen, aber hat hier wer schon Babel, Charms und Terz gelesen? Also ich abgesehen von der Anthologie jedenfalls noch nicht. Und ich finde es durchaus spannend, welche Wege sich intelligente Autoren suchten, um in der sozialistischen Diktatur überleben zu können. Die Texte muten bisweilen an wie Schachspiele mit dem FSB. Die Autoren, die das Spiel gewannen, brauchten nicht nach Sibirien.
Hier einmal die Liste der einzelnen Texte:

  • Nikolaj Gogol, Der Mantel
  • Fjodor Michailowitsch Dostojewski, Die Sanfte
  • Lew Tolstoj, Der Tod des Iwan Iljitsch
  • Anton Tschechow, Die Dame mit dem Hündchen
  • Isaak Babel, Es waren ihrer neun
  • Daniil Charms, Störung
  • Iwan Bunin, In Paris
  • Abram Terz, Pchenz

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