Doc Tottes Welt

Essays, Skizzen und Gedanken

Kategorie: Anthologie (Page 1 of 4)

Wiglaf Droste, Nikolaus Heidelbach, Vincent Klink, Weihnachten

Ich muss ein durch und durch bösartiger Mensch sein. Warum sage ich das? Es ist ein Rückschluss von einer Aussage Christine Westermanns.

Zur Erklärung: Von einer lieben Freundin bekam ich zu Weihnachten das im Titel genannte Buch. Aus terminlichen Gründen fand die Übergabe kurz nach Weihnachten statt, daher verzögerte sich auch meine Lektüre. Bei der Geschenkübergabe teilte mir besagte Freundin nun mit, dass Frau Westermann das Buch beim Literarischen Quartett angepriesen hatte mit der Wertung, es sei ein richtig böses Buch.

Ob Frau Westermann das so gesagt hat, weiß ich zugegebenerweise nicht; ich traue dort der Aussage der Freundin. Aber dass ich das Buch für alles andere als böse halte, das weiß ich mit Gewissheit. Sicher, es ist gekonnt geschrieben, enthält eine Reihe von Weihnachtsrezepten (bei einigen kommt mir die Zubereitung etwas zu knapp vor, aber gut) und viele treffliche Zeichnungen. Aber böse? Hier ist keine einzige Zeile böse. Nicht mal im Ansatz. Das bedeutet, Frau Westermann ist entweder sanft und unschuldig wie ein Lamm – oder ich bin der böse Zwilling Satans.

Heiko Arntz, Gerd Haffmans (Hrsg.), Der phantastische Rabe. Mit großem Philip.-K.-Dick-Sonderteil

Nach dem ich mich zuletzt eher über Raben beklagt habe, kann ich nun mit einem meiner Lieblingsraben aufwarten: Die Nr. 59 ist quasi Philip K. Dick gewidmet und enthält daher u.a. Ausschnitte aus seinen Werken. Dazu gesellen sich verschiedenste Arbeiten von Egner, Bruno Schulz, Holbein, Conan Doyle und anderen. Zwei besondere Highlights sind und bleiben aber der grandiose Essay „Wie man eine Welt erbaut, die nicht nach zwei Tagen wieder auseinanderfällt“ von Dick himself sowie der aufschlussreiche Strip „Die religiöse Erleuchtung des Philip K. Dick“ von Robert Crumb, in der er wundervoll die Visionen schildert, die Dick nach Einnahme von Natriumpentothal im Rahmen einer Zahnarztbehandlung hatte (und die er u.a. im genannten Essay schildert). Diese Visionen waren prägend für seine letzten Jahre und mündeten bekanntlich in die verstörende VALIS-Trilogie und Dicks Paranoia.*

Kurz: Ich liebe diesen Raben. Ich liebe ganz besonders Dicks Essay und bedaure es ja u.a. deswegen, dass der Essayband, den der Heyne-Verlag vor Jahren ankündigte, weiterhin auf Eis liegt. Zum Abschluss möchte ich meinen Lieblingssatz von Dick zitieren, der Satz, der der Schlüssel zu seinem Werk ist und mit dem er einst die Frage einer Studentin beantwortet hatte, die ihn für eine Philosophiearbeit um eine möglichst kurze Definition der Wirklichkeit bat:

Wirklichkeit ist das, was übrig bleibt, wenn man aufhört, daran zu glauben.

* Die von Dick prophezeiten polizeistaatähnlichen Zustände in den USA werden in den vergangenen Jahren übrigens erschreckend real.

Michael Rudolf (Hrsg.), Der Pilz-Rabe

Ob es Zufall ist, dass ich nach dem eher enttäuschenden lebendigen irischen Raben schon wieder einen hier vorstelle, den ich überraschend langweilig finde, ich weiß es nicht. Eigentlich sollte man ja glauben, dass man beim Thema Pilze einiges zusammentragen können sollte, aber was Rudolf hier präsentiert, fällt eher unter Humorlimbo. Praktisch konnten mich nur zwei Texte überzeugen: Henschels Schilderung von Brunos Pilzsuppe („Selbst für Pumanasen wäre der Geruch, den Brunos Suppe machte, eine Provokation gewesen.“) und Harald Lipperts Schilderungen der Ereignisse in der Raumstation MIR, die zahlreichen Besuch empfängt in Form eines vielköpfigen sowjetischen Blockflötenorchesters, amerikanischer Astronauten und verdienter Kolchosbauern, die eigentlich einen Urlaub in Kuba erwartet hatten und allerlei typisch russische Spezereien ins All tragen.

Tja. Der Rabe Nr. 53.

Anne T. Clune (Hrsg.), Der lebendige irische Rabe

Wer sich hier ein wenig umschaut, wird merken, dass ich irischer Literatur (und anderen Dingen aus Irland) durchaus aufgeschlossen bin. Deshalb gab es für mich auch keinen Moment des Zweifels, Raben Nr. 46 zu erwerben. Ich sollte dazu sagen: Es gibt einen weiteren irischen Raben, den ich leider nicht besitze; dieser hier konzentriert sich auf Autoren, die zur Zeit der Drucklegung unter den Lebenden weilten.

Nun soll man ja nie sagen: Früher war alles besser. Aber ehrlich, die früheren Iren gefallen mir besser. In diesem lebendigen Raben ist so vieles so schrecklich bemüht darin, geistreich zu sein, erfrischend, tiefgründig oder spielend leicht witzig. Und diese Mühen ermüden umgemein – mich zu sehr. Da lese ich dann doch lieber O’Brien oder Wilde oder Joyce oder Behan oder die Blume in einem ordentlichen Glas Kilkenny.

Heinrich Detering, Stephan Opitz (Hrsg.), Der nordische Rabe

Ja, beim Raben Nr. 52 schlug mein Skandinavistenherz höher! Hier ist allerlei Skandinavisches und Finnisches miteinander vereint in einem Tableau vorgestellt. Als Autoren fungieren neben den Herausgebern auch Thomas Krömmelbein (den ich mal auf einem Kolloquium oberflächlich kennengelernt habe, ohne dass er sich noch an mich erinnern wird), Carl von Linné, aber auch Spezialisten wie Monty Python (hier mit „Finland“ vertreten; für ihre Version der Njáls Saga fehlte der Platz) oder Gerhard Polt, sowie Tex Rubinowitz, Max Goldt und Volker Kriegel. (Den Großteil der skandinavischen Autoren lasse ich mit Absicht weg, weil ich durch die Bank andere Skandinavier als die hier versammelten lese. Und zwar wirklich durch die Bank. Das ändert aber nichts daran, dass es ein spaßiger Rabe ist.)

Vermutlich nichts für Fans von Wallander. Aber wer sich über skandinavische Eigenheiten zu amüsieren weiß, wird an diesem Band viel Freude finden.

Susanne Fischer, Bernd Rauschenbach (Hrsg.), Der Schwindel-Rabe

Wie Stefan Schwarz zu Recht anmerkt, ist „Jemand Lästigen oder auch nur Unpassenden mit einer befriedigenden und plausiblen Lüge abspeisen zu können […] eine der wichtigsten Zivilisationstechniken überhaupt.“* Daher ist klar, dass das Thema des Raben Nr. 51 – Lügen und Schwindel –  schon an sich hochspannend ist. Es wird aber umso spannender, wenn man weiß, dass es hierin Arbeiten gibt von Egner, Barnes, Fanny Müller, Max Goldt, Frank Schulz, Gerhard Polt, Friedrich Forssman und vielen mehr. Diesen Raben muss man also lesen!

* Weiter heißt es: „Man muss länger arbeiten, alle Termine einhalten und sich dauernd mit doofen Bekannten treffen, wenn man nicht lügen kann. Ja, seriöse Lebensgestaltung ist nahezu unmöglich, wenn man nicht aus dem Stand heimische Wasserrohre gebrochen oder über Nacht Autobatterien entleert sein lassen kann.“

Heiko Arntz, Gerd Haffmans (Hrsg.), Der Robert-Gernhardt-Rabe

Beim Raben Nr. 50 handelt es sich eindeutig um ein Fanprojekt. Wen die Frage nicht juckt, warum Gernhardt Falksocken trug, und wer auch sonst eher wenig Interesse an Gernhardt hat, den wird dieser Rabe nicht interessieren. Ich persönlich stehe da etwas in der Mitte. Ich kann durchaus über Gernhardt lachen, renne seinen Ideen und Gags aber nicht hinterher. Insofern ließ mich dieser Rabe – zum 60. Geburtstag des Gefeierten, also eine Art Festschrift – hin und wieder schmunzeln. Für überzeugendes Amüsement müsste ich Gernhardt aber wohl höher schätzen.

Thomas Mohr, Patrick Niemeyer, Robert Vito (Hrsg.), Der Vampir-Rabe

Schon viele Jahre vor der endgültigen Verpopisierung des Vampirthemas hatte sich der Rabe in seiner Nr. 49 mit dem Blutsauger an sich beschäftigt. Leute wie Bela Lugosi, Gerhard Polt, Woody Allen und Gary Larson steuerten hierzu viele interessante Gedanken und spaßige Ideen bei. Ein amüsanter Spaß für die ganze Gruft!

Inge Hammelmann (Hrsg.), Der Geld-und-Gold-Rabe

Der Wert oder Unwert von Geld und Gold ist ein Thema, das sich des Streits seit Jahrtausenden mehr als würdig erweist. Was Wunder, dass der Rabe sich ebenfalls des Themas annahm. Im Raben Nr. 48 war es so weit. Es unterhalten u.a. William Somerset Maugham, Erik Satie und Dmitrij Schostakowitsch, Wilhelm Busch, Bernd Pfarr erklärt, warum Atlantis untergehen musste („Die umständlichen sechzehnstelligen Geheimzahlen der Geldautomaten in Atlantis nervten Gott schließlich so ungemein, daß er Atlantis untergehen ließ.“), Simone Borowiak und F.K. Waechter erzählen und Robert Gernhardt erklärt. Besonders angetan hat mir nebenbei das bebilderte Devisen-Gedicht von Hans Traxler (noch Jahre vor dem Euro, deshalb gibts entsprechend viele Strophen).

Alles in allem ein besonders amüsanter Rabe!

Volker Kriegel (Hrsg.), Der Flaubert-Rabe

Ich sags gleich frei heraus – ich besitze nichts von Flaubert und kenne aus eigener Lektüre tatsächlich nur wenige Auszüge von ihm. Diese konnten bei mir auch nicht so viel Interesse wecken, dass ich unbedingt zum nächsten Buchladen laufen und mir etwas von Flaubert kaufen musste. Trotzdem fand der Flaubert-Rabe (Rabe Nr. 47) recht früh den Weg in meine Sammlung. Und auf diese Weise – andere Leute wie die Goncourts schreiben über oder von Flaubert – finde ich ihn durchaus amüsant präsentiert.

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