Doc Tottes Welt

Essays, Skizzen und Gedanken

Kategorie: Erzählung Seite 1 von 8

Herman Melville, Typee

So sehr ich Geschichten rund um die Seefahrt mag, so hadere ich ja auch ein wenig mit Melville, gerade wegen seines Monstrums. Als ich diese Ausgabe von Typee in die Finger bekam, konnte ich aber nicht nein sagen. Ich kaufte, las und amüsierte mich.

Hier schreibt ein unbekümmerter Autor ohne jede Last, auch wenn er sich teilweise anderer Schriften bedient. Die Geschichte mag insgesamt recht belanglos sein. Die Atmosphäre von Nuku Hiva zur Mitte des 19. Jahrhunderts fängt er aber so gekonnt ein, dass ich mich während und auch noch nach der Lektüre immer wieder dabei ertappte, in den Gedanken in die Südsee abzuschweifen.

Das gelang in dieser Art eigentlich nur Stevenson.

Rundum zu empfehlen, insbesondere Leuten, die gern in Gedanken in die Ferne schweifen (auch ein Beitrag zur Klimaverbesserung).

Adelbert von Chamisso, E.T.A. Hoffmann, Karl Wilhelm Salice-Comtessa, Friedrich de la Motte Fouqué, Der Roman des Freiherrn von Vieren

In der Romantik ist ja einiges experimentiert worden. Manches zum Glück, auf anderes hätte man auch verzichten können. Ein schönes Beispiel fürs Glück ist der zerbrochene Krug, den Kleist im Wettstreit mit Wem-noch-gleich? aus einem Kupferstich entwickelt hat. Sprich, jeder nahm sich das Bild und erfand um die Szene eine Geschichte.

Einen anderen Ansatz wählten die Serapionsbrüder Chamisso, Hoffmann, Salice-Comtessa und de la Motte Fouqué. Sie schrieben einfach einen kurzen Roman in Arbeitsteilung. Der eine begann, der andere setzte fort und so weiter. Die Idee fand ich enorm amüsant, die Autoren gut bis spannend. Aber leider, leider muss ich sagen, ist dieses Experiment gescheitert. Die Geschichte, die die vier hier zusammengebraut haben, hinkt auf allen Beinen. Besser wird es erst, als Salice-Comtessa und Hoffmann Teile und Szenen des Experiments nehmen und daraus eigene Geschichten entwickeln (Das Bild der Mutter bzw. Die Doppeltgänger). Allerdings muss man sagen, dass auch diese Geschichten nicht auf dem höchsten Niveau sind. Schade.

James Baldwin, Von dieser Welt

Es gibt gehypte Bücher, die sind gut. Und es gibt gehypte Bücher, die nur für einen bestimmten Leserkreis geeignet sind. Baldwins Welt ist definitiv nicht für mich geeignet.

Von Anfang an nervte mich dieses dauernde Mittelmaß: Die Figuren waren nicht uninteressant, aber absolut auch nicht interessant. Die Schreibe war nicht schlecht, aber absolut auch nicht gut. Die Erzählweise war größtenteils nicht überragend, an einzelnen Stellen aber richtig nervig.

Zum Beispiel wenn zwischen Figuren, über die gerade erzählt wird, dermaßen hin- und hergesprungen wird, dass man nicht mehr weiß, wer was sagt und wer wessen Vater ist oder nicht. Wenn ich so einen Absatz zwei-, dreimal lesen muss, ohne nachvollziehen zu können, was der Erzähler mir mitteilen möchte, fühle ich mich gelinde gesagt verarscht.

Und wenn das Buch schließlich mehr und mehr den Stil einer Predigt annimmt, bin ich schlicht nicht das Publikum.

Stephen Crane, Das offene Boot und andere Erzählungen

Als ich die schön gestalteten mare-Bändchen im letzten Jahr zum ersten Mal entdeckt hatte, hatte ich mich sehr gefreut. Als jemand, der gern Geschichten rund um die Seefahrt konsumiert, war es ein interessantes Konzept für mich. Als Leser, der gern Neues entdeckt, erst recht.

Auf diese Weise bin ich an Crane geraten. Klappentext und Nachwort klingen sehr verheißungsvoll und berichten von einem Frühvollendeten, der u.a. Hemingway Wegweiser gewesen sei. Was, so dachte ich, will ich da mehr? Und freute mich schon im Voraus sehr auf die Lektüre.

Leider, und da will ich gar nicht lange um den Brei herumreden, umsonst.

Wenn man etwas in Übersetzung liest, weiß man freilich nicht immer ganz genau, wie es im Original lautet. In vorliegenden Fall kann man aber ausschließen, dass der Übersetzer der Übeltäter ist.

Crane hatte zwar in der Tat vor allem mit einem Schiffbruch in der Karibik und dem Versuch, in einem kleinen Boot zu überleben, einiges erlebt. Dieses Erleben hat er sogar mindestens zweimal ausführlich geschildert. Aber dieses Erleben allein macht noch keinen guten Autor. Sein Stil ist ein seltsamer Mix aus dümmlichen Wiederholungen, wirklich nervigen Übertreibungen (und anders als die Beatniks und Gonzo-Autoren Jahrzehnte später vergisst Crane das zugehörige Augenzwinkern) und dümmlichen Wiederholungen. Die dümmlichen Wiederholungen sollte man übrigens nicht oft genug ansprechen.

Kurz: Crane war eine ziemliche Enttäuschung und somit ein echter Fehlkauf.

John Williams, Stoner

Williams war für mich Anfang 2017 eine sehr erfrischende Entdeckung. Im Nachwort von Augustus war u.a. das Buch Stoner empfohlen worden. Mit kleiner Verzögerung hatte ich mir das Buch nun besorgt und recht zügig durchgelesen.
In diesem Werk, das (auch) autobiographische Züge enthält, schildert Williams das Leben eines Mannes, der aus einfachen Verhältnissen kommt und dem – von außen betrachtet – eine akademische Karriere gelingt, bis er in ein seltsames Intrigenspiel gerät. Ähnlich ergeht es ihm privat: Er heiratet eine Tochter aus gutem Hause, beide finden aber nie recht zusammen. Obwohl sie sogar eine Tochter bekommen, führen sie eine sehr unschöne Ehe, die zeitweise sogar in eine Affäre mündet.
Williams schreibt hier wunderbar. Ganz schlicht und unprätentiös. Die Erzählung wirkt teilweise unbeteiligt objektiv und erzeugt gerade durch diesen Trick eine tiefe Sympathie für den Helden.

Das Buch möchte ich uneingeschränkt empfehlen.

Björn Larsson, Long John Silver

Vor der Idee, die Larsson hatte, kann man nur den Hut ziehen: Er nimmt sich eine der profiliertesten Gestalten der Literaturgeschichte und lässt sie die eigene Biographie schildern. Da es sich bei der Figur um Long John Silver handelt, ist die Aufmerksamkeit jedes Treasure-Island-Fans gewiss. So auch meine.

Silver erzählt also in diesem Roman, wie er zur Seefahrt und schließlich zur Piraterie gekommen ist. Er berichtet (in Kürze) von seiner Zeit unter Captain Flint und wie er auf Madagaskar seine Ruhe gefunden hat.

Die Anfänge sind passend zur Lebenszeit Silvers vergleichbar mit den für seine Zeit populären Bildungsromanen, wenn man vom modernen Rahmen absieht, in dem der Erzähler durch die Zeiten springt. Wer diese Literatur mag, kommt hier voll auf seine Kosten. Larsson kombiniert Silver dazu mit anderen echten oder erfundenen Gestalten. Er lässt ihn Bekanntschaft mit Defoe schließen, mit verschiedenen anderen bekannten Piraten fahren und an berüchtigten Kaperfahrten teilnehmen.

Erst zum Ende hin scheint Larsson nicht recht gewusst zu haben, wie er den Bogen schlagen soll zu der Zeit, die für die Treasure-Island-Fans am interessantesten sein dürfte: die Zeit unter Flint.

Dazu bedient er sich eines Tricks, der meines Erachtens übertrieben ahistorisch ist. Er lässt Jim Hawkins selbst Autor werden und schiebt diesem die Niederschrift der Abenteuer in Bristol, auf der Hispaniola und auf Treasure Island zu. Silver bekommt dieses Buch in die Finger und schreibt Hawkins einen langen Brief, in dem er aus der Zeit mit Flint erzählt.

Das Merkwürdige ist: Nachdem Flint zu Beginn kurz vorkommt, wartete ich viele Seiten lang darauf, dass Silvers Abenteuer mit Flint geschildert werden. Als es dann so weit war, zeigte sich, dass der McGuffin, also der Verzicht auf diese Darstellung, dramaturgisch besser gewesen wäre. Larssons Schilderung macht den Erzpiraten nämlich dermaßen langweilig, dass ich mir gewünscht hätte, die letzten 50 Seiten nicht mehr gelesen zu haben. Davon abgesehen ist das Buch aber wirklich jedem Schatzinselfan zu empfehlen!

Ismail Kadare, Die Dämmerung der Steppengötter

Der albanische Autor Kadare schildert in diesem Roman die Zeit, die er als Student in den späten 50ern in Moskau verbrachte. Eine Zeit, die dort geprägt war einerseits aus der Abkehr von Stalin und neuen Aufbrüchen unter Chruschtschow. Dabei war es auch dann noch für Autoren schwierig, auf dem richtigen Grat zu balancieren. Kadare schildert diesen Part am Beispiel Pasternak und der Hexenjagd auf ihn nach dem Nobelpreis. Aber auch Grossman litt in dieser wechselhaften Zeit und konnte sein Hauptwerk Leben und Schicksal nicht publizieren.

Die Dämmerung ist spannend zu lesen. Sie kombiniert den Blick von außen mit Mythen vom Balken, wildem Studenten- und Künstlerleben (das allerdings eher blass, wie durch eine Milchglasscheibe geschildert) und der ein oder anderen Kleinromanze vor der Leinwand politischer Querelen und Spitzeleien.

Und nicht zu vergessen: Kadare weiß zu formulieren und der Übersetzer Joachim Röhm weiß gelungen zu übertragen.

Frank Schulz, Onno Viets und der weiße Hirsch

Schulz, vermutlich einer der, wenn nicht sogar der wortgewaltigste aktuell lebende und schreibende deutschsprachige Schriftsteller hat mit dem weißen Hirschen den dritten Band seiner Viets-Reihe vorgelegt. (Anmerkung: Korrekt, Teil 2 habe ich noch nicht gelesen.)

Neben einer kleinen Kriminalgeschichte, deren Auflösung ich im Abgang ehrlich gesagt etwas platt fand, stellt er hier ein Gemälde niedersächsischen Dorftreibens dar, das sowohl in Nah- als auch in Fernsicht überzeugend bestehen kann.

Er präsentiert Jagdwesen vorurteilslos, greift zurück auf Themen wie Vertreibung, Umsiedlung, dem Finden einer neuen Heimat, Linksterrorismus, Traumata von Kriegskindern und posttraumatischen Belastungsstörungen aus der Jetztzeit. Alles ist geflochten in eine penibel & amüsiert aufgezeichnete Sprache mit viel Sinn für Witz in Satz und Wort.

Ich mag sowas. Ehrlich.

Robert Louis Stevenson, Der Strandräuber

Stevenson, Spross des bekannten schottischen Leuchtturmbauers, ist vor allem für Schatzinsel sowie Jekyll und Hyde bekannt. Dass er auch darüber hinaus andere gut erzählte Stile beherrschte, war mir bereits länger bekannt. Der Strandräuber, eine Verschmelzung aus Kriminal- und Künstlerroman, war mir dagegen bis vor kurzem unbekannt.

Nach der sehr befriedigenden Lektüre, während der ich Seiten & Kapitel wie schon lange nicht mehr verschlungen habe, bin ich mehr als froh, diese Lücke nun geschlossen zu haben.

Stevenson serviert ein detailliertes Panoptikum amerikanischer, schottischer und Pariser Schilderungen, die er gekonnt mit einer komplexen Mischung aus Südseeerlebnissen würzt.

Alles ist so lebendig, so farbenfroh geschildert, dass man den Hunger der Kunststudenten nahezu genauso spürt wie man den Salzgeruch der Meere schmeckt oder Möwen wie Eisenbahnen kreischen sowie Taue und Masten knarzen und ächzen hört. Zudem präsentiert er einen Krimi, der im Ergebnis kaum vorhersehbar ist und trotzdem auf einen Deus ex machina verzichtet.

So gelungen ich andere Werke Stevensons finde, so sehr sticht dieses Werkt noch einmal heraus, bei dem an auch den enormen Spaß mitlesen kann, den Stevenson bei der Abfassung gehabt haben muss.

Wirklich uneingeschränkte Leseempfehlung für sämtliche Fans von Abenteuer- und Kriminalromanen!

Georges Perec, Die Dinge

Perec, der Artist der Aufzählung, der Satzspieler, der Worte wie feinste Pinselstreiche punktgenau auch auf größten Leinwänden verteilt, dieser George also hat mit diesem Debüt seinen Durchbruch gefeiert. In den Dingen erzählt er vom jungen Paar Jerome und Sylvie, einem französischen Pärchen, das in den 60ern in Paris und der Provinz und Tunesien lebt. Im engeren Sinne bleibt das Paar furchtbar blass, im weiteren Sinne skizziert Perec es mit dem, was das Paar gern hätte, was es sich erträumt, wie es sich vorstellt, leben zu können, wenn es denn endlich richtig leben könnte und sich nicht mit Marktforschungsjobs und Quereinsteigerjobs und Agenturjobs doof über Wasser hielte, um eine kleine, eine viel zu kleine Bude in Paris zu finanzieren und später erst in die nordafrikanische und dann in die französische Provinz zu ziehen, als sie längst aufgegeben und sich endgültig selbst verkauft haben, also sozusagen zu Dingen geworden sind, die käuflich sind.

Perec hat es nicht nötig, solche Figuren schlecht zu machen. Er erzählt einfach. Er zählt auf und schildert und berichtet und fasst zusammen und erklärt und stellt dar. Und anhand dieser Striche zeichnet sich ein Bild ab, das so detailliert wie erschreckend ist, so zeitlos wie aktuell. Lesen.

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