Doc Tottes Welt

Essays, Skizzen und Gedanken

Kategorie: Erzählung (Page 1 of 7)

John Williams, Stoner

Williams war für mich Anfang 2017 eine sehr erfrischende Entdeckung. Im Nachwort von Augustus war u.a. das Buch Stoner empfohlen worden. Mit kleiner Verzögerung hatte ich mir das Buch nun besorgt und recht zügig durchgelesen.
In diesem Werk, das (auch) autobiographische Züge enthält, schildert Williams das Leben eines Mannes, der aus einfachen Verhältnissen kommt und dem – von außen betrachtet – eine akademische Karriere gelingt, bis er in ein seltsames Intrigenspiel gerät. Ähnlich ergeht es ihm privat: Er heiratet eine Tochter aus gutem Hause, beide finden aber nie recht zusammen. Obwohl sie sogar eine Tochter bekommen, führen sie eine sehr unschöne Ehe, die zeitweise sogar in eine Affäre mündet.
Williams schreibt hier wunderbar. Ganz schlicht und unprätentiös. Die Erzählung wirkt teilweise unbeteiligt objektiv und erzeugt gerade durch diesen Trick eine tiefe Sympathie für den Helden.

Das Buch möchte ich uneingeschränkt empfehlen.

Björn Larsson, Long John Silver

Vor der Idee, die Larsson hatte, kann man nur den Hut ziehen: Er nimmt sich eine der profiliertesten Gestalten der Literaturgeschichte und lässt sie die eigene Biographie schildern. Da es sich bei der Figur um Long John Silver handelt, ist die Aufmerksamkeit jedes Treasure-Island-Fans gewiss. So auch meine.

Silver erzählt also in diesem Roman, wie er zur Seefahrt und schließlich zur Piraterie gekommen ist. Er berichtet (in Kürze) von seiner Zeit unter Captain Flint und wie er auf Madagaskar seine Ruhe gefunden hat.

Die Anfänge sind passend zur Lebenszeit Silvers vergleichbar mit den für seine Zeit populären Bildungsromanen, wenn man vom modernen Rahmen absieht, in dem der Erzähler durch die Zeiten springt. Wer diese Literatur mag, kommt hier voll auf seine Kosten. Larsson kombiniert Silver dazu mit anderen echten oder erfundenen Gestalten. Er lässt ihn Bekanntschaft mit Defoe schließen, mit verschiedenen anderen bekannten Piraten fahren und an berüchtigten Kaperfahrten teilnehmen.

Erst zum Ende hin scheint Larsson nicht recht gewusst zu haben, wie er den Bogen schlagen soll zu der Zeit, die für die Treasure-Island-Fans am interessantesten sein dürfte: die Zeit unter Flint.

Dazu bedient er sich eines Tricks, der meines Erachtens übertrieben ahistorisch ist. Er lässt Jim Hawkins selbst Autor werden und schiebt diesem die Niederschrift der Abenteuer in Bristol, auf der Hispaniola und auf Treasure Island zu. Silver bekommt dieses Buch in die Finger und schreibt Hawkins einen langen Brief, in dem er aus der Zeit mit Flint erzählt.

Das Merkwürdige ist: Nachdem Flint zu Beginn kurz vorkommt, wartete ich viele Seiten lang darauf, dass Silvers Abenteuer mit Flint geschildert werden. Als es dann so weit war, zeigte sich, dass der McGuffin, also der Verzicht auf diese Darstellung, dramaturgisch besser gewesen wäre. Larssons Schilderung macht den Erzpiraten nämlich dermaßen langweilig, dass ich mir gewünscht hätte, die letzten 50 Seiten nicht mehr gelesen zu haben. Davon abgesehen ist das Buch aber wirklich jedem Schatzinselfan zu empfehlen!

Ismail Kadare, Die Dämmerung der Steppengötter

Der albanische Autor Kadare schildert in diesem Roman die Zeit, die er als Student in den späten 50ern in Moskau verbrachte. Eine Zeit, die dort geprägt war einerseits aus der Abkehr von Stalin und neuen Aufbrüchen unter Chruschtschow. Dabei war es auch dann noch für Autoren schwierig, auf dem richtigen Grat zu balancieren. Kadare schildert diesen Part am Beispiel Pasternak und der Hexenjagd auf ihn nach dem Nobelpreis. Aber auch Grossman litt in dieser wechselhaften Zeit und konnte sein Hauptwerk Leben und Schicksal nicht publizieren.

Die Dämmerung ist spannend zu lesen. Sie kombiniert den Blick von außen mit Mythen vom Balken, wildem Studenten- und Künstlerleben (das allerdings eher blass, wie durch eine Milchglasscheibe geschildert) und der ein oder anderen Kleinromanze vor der Leinwand politischer Querelen und Spitzeleien.

Und nicht zu vergessen: Kadare weiß zu formulieren und der Übersetzer Joachim Röhm weiß gelungen zu übertragen.

Frank Schulz, Onno Viets und der weiße Hirsch

Schulz, vermutlich einer der, wenn nicht sogar der wortgewaltigste aktuell lebende und schreibende deutschsprachige Schriftsteller hat mit dem weißen Hirschen den dritten Band seiner Viets-Reihe vorgelegt. (Anmerkung: Korrekt, Teil 2 habe ich noch nicht gelesen.)

Neben einer kleinen Kriminalgeschichte, deren Auflösung ich im Abgang ehrlich gesagt etwas platt fand, stellt er hier ein Gemälde niedersächsischen Dorftreibens dar, das sowohl in Nah- als auch in Fernsicht überzeugend bestehen kann.

Er präsentiert Jagdwesen vorurteilslos, greift zurück auf Themen wie Vertreibung, Umsiedlung, dem Finden einer neuen Heimat, Linksterrorismus, Traumata von Kriegskindern und posttraumatischen Belastungsstörungen aus der Jetztzeit. Alles ist geflochten in eine penibel & amüsiert aufgezeichnete Sprache mit viel Sinn für Witz in Satz und Wort.

Ich mag sowas. Ehrlich.

Robert Louis Stevenson, Der Strandräuber

Stevenson, Spross des bekannten schottischen Leuchtturmbauers, ist vor allem für Schatzinsel sowie Jekyll und Hyde bekannt. Dass er auch darüber hinaus andere gut erzählte Stile beherrschte, war mir bereits länger bekannt. Der Strandräuber, eine Verschmelzung aus Kriminal- und Künstlerroman, war mir dagegen bis vor kurzem unbekannt.

Nach der sehr befriedigenden Lektüre, während der ich Seiten & Kapitel wie schon lange nicht mehr verschlungen habe, bin ich mehr als froh, diese Lücke nun geschlossen zu haben.

Stevenson serviert ein detailliertes Panoptikum amerikanischer, schottischer und Pariser Schilderungen, die er gekonnt mit einer komplexen Mischung aus Südseeerlebnissen würzt.

Alles ist so lebendig, so farbenfroh geschildert, dass man den Hunger der Kunststudenten nahezu genauso spürt wie man den Salzgeruch der Meere schmeckt oder Möwen wie Eisenbahnen kreischen sowie Taue und Masten knarzen und ächzen hört. Zudem präsentiert er einen Krimi, der im Ergebnis kaum vorhersehbar ist und trotzdem auf einen Deus ex machina verzichtet.

So gelungen ich andere Werke Stevensons finde, so sehr sticht dieses Werkt noch einmal heraus, bei dem an auch den enormen Spaß mitlesen kann, den Stevenson bei der Abfassung gehabt haben muss.

Wirklich uneingeschränkte Leseempfehlung für sämtliche Fans von Abenteuer- und Kriminalromanen!

Georges Perec, Die Dinge

Perec, der Artist der Aufzählung, der Satzspieler, der Worte wie feinste Pinselstreiche punktgenau auch auf größten Leinwänden verteilt, dieser George also hat mit diesem Debüt seinen Durchbruch gefeiert. In den Dingen erzählt er vom jungen Paar Jerome und Sylvie, einem französischen Pärchen, das in den 60ern in Paris und der Provinz und Tunesien lebt. Im engeren Sinne bleibt das Paar furchtbar blass, im weiteren Sinne skizziert Perec es mit dem, was das Paar gern hätte, was es sich erträumt, wie es sich vorstellt, leben zu können, wenn es denn endlich richtig leben könnte und sich nicht mit Marktforschungsjobs und Quereinsteigerjobs und Agenturjobs doof über Wasser hielte, um eine kleine, eine viel zu kleine Bude in Paris zu finanzieren und später erst in die nordafrikanische und dann in die französische Provinz zu ziehen, als sie längst aufgegeben und sich endgültig selbst verkauft haben, also sozusagen zu Dingen geworden sind, die käuflich sind.

Perec hat es nicht nötig, solche Figuren schlecht zu machen. Er erzählt einfach. Er zählt auf und schildert und berichtet und fasst zusammen und erklärt und stellt dar. Und anhand dieser Striche zeichnet sich ein Bild ab, das so detailliert wie erschreckend ist, so zeitlos wie aktuell. Lesen.

Boris Sawinkow, Das fahle Pferd

Wenn jemand was verbockt hat, man aber nicht weiß, wer es verbockt hat, ist es nicht ganz einfach zu meckern, weil man den genauen Adressaten nicht kennt.
Gleichwohl nervt, wenn die Böcke ein Produkt verfälschen oder sogar in einem nicht nicht wirklich abschätzbaren Maß verschlechtern.

Das ist bei der Neuübersetezung vom fahlen Pferd leider der Fall. Für die Übersetzung zeichnet Alexander Nitzberg verantwortlich, ein im Klappentext hochgelobter Übersetzer aus dem Russischen, selbst aus Moskau gebürtig.
Auch wenn Nitzberg in Moskau geboren wurde, entzieht es sich meiner Kenntnis, mit welcher Muttersprache er aufgewachsen ist. Sollte es Russisch gewesen sein, könnte dies schon das ein oder andere Manko erklären, denn gewöhnlich übersetzt man in seine Muttersprache. Schließlich sind die Färbungen, die ein Muttersprachler übers Leben lernt, beim Zweitspracherwerb niemals aufholbar. Womöglich liegen hier also schon erste Hinweise auf den Hintergrund der sprachlichen Mankos.

Andererseits würde ich dann erwarten, dass ein deutschsprachiger Verlag mit einem deutschsprachigen Lektorat solche Mankos ausbügelt. Lektorin war Anke Albrecht. Aus eigener Erfahrung weiß ich leider, dass sich der Lektor nicht immer durchsetzen kann mit seinen Korrekturwünschen.

Kommen wir aber zur Übersetzung an sich: Sie liest sich insgesamt recht hölzern. Ob Sawinkow im Original seines ersten Buchs so schlecht geschrieben hat, vermag ich nicht zu beurteilen. Falls ja, sind seine „Erinnerung eines Terroristen“ jedenfalls wesentlich besser geschrieben – oder der dortige Übersetzer ist besser als Nitzberg und hat sich mehr Freiheiten genommen.

Man kann Sawinkow aber nicht in die Schuhe schieben, dass so manche deutsche Wortwahl schlicht falsch ist. Ein paar Beispiele:
Herr Nitzberg mag es nicht wissen, aber es gibt einen semantischen Unterschied zwischen O und Oh. Wenn ich „O Tannenbaum“ sage, ist das was anderes als „Oh, du hast den Tannenbaum schon aufgestellt?“ Das eine ist Anrufung, das andere Verwunderung. Herr Nitzberg jedenfalls (oder die Lektorin) wählt grundsätzlich die falsche Form. Die Kunst der korrekten Zeichensetzung, in dem Fall Komma oder nicht, geht dem Gespann ebenfalls ab.

Aber auch grammatisch zeigen sich Schwächen. Deutlichste Anzeichen sind umgangssprachliche Wendungen wie der Imperativ „Wickel!“ anstelle des korrekten „Wickle!“ mit obligatorischem End-e. (Deshalb heißt es ja auch richtig „fei(e)re mit uns“ und nicht „feier mit uns“). Herr Nitzberg scheint auch das nicht zu wissen oder ignoriert es schlicht. Solche Beispiele gibt es immer wieder. Es ist schon Deutsch, aber nicht korrekt. Aber auch bei Fremdsprachen patzt das Team. So zitiert Sawinkow an einer Stelle angeblich die lateinische Wendung „suum ciuque“. Wer sich wundert, hat Latinum. Dem Rest klingt es vermutlich mehr oder weniger vertraut. Trotzdem heißt die Wendung „Jedem das Seine“ auf Latein „suum cuique“. Höre ich da jemanden „Buchstabendreher!“ sagen? Okay. Könnte sein. Dann frag ich mich aber, warum derselbe Fehler sowohl im Text als auch in der Anmerkung so steht. Und wenn Sawinkow es schon falsch gemacht haben sollte, erwartete ich eine Kenntlichmachung durch [sic!] oder Ähnliches.

Das alles mag jetzt wie totales Korinthenkackertum wirken. Das Problem ist aber Folgendes: Wenn ich bei einigen fehl eingesetzten Ausdrücken erkennen kann, dass da jemand die Sprache nicht beherrscht, wer garantiert mir dann, dass der Rest korrekt übertragen ist? Wie oft sind Bedeutungen falsch, ohne dass der des Russischen unkundige Leser es merken oder beurteilen kann?

Um auf den Anfang zurückzukommen: Natürlich kann ich nicht wissen, wer der eigentliche Urheber der Böcke ist. Die Fehler können von Herrn Nitzberg gemacht und von der Lektorin übersehen worden sein. Vielleicht hat er sich auch über ihr Urteil hinweggesetzt. Vielleicht hat sie sogar erst Fehler in den Text gebracht, denn wer sagt uns, dass ihr Lektorat gut genug ist, solche Macken zu beurteilen? Aber wer auch immer es verbockt hat, zuletzt hat der Verlag Galiani versagt. Und auf diese Weise nimmt er dem Text viel Wert. Denn der Leser kann nicht sagen, ob der Text eher wegen Sawinkow oder wegen Nitzberg so mau ist. Zudem fällt es schwer, dem Text zu trauen. Das finde ich angesichts der Aktualität des Themas Terrorismus besonders ärgerlich.

Gerhard Polt, Von Heimat und Geschichte

Zweitausendeins bietet nicht mehr oft, aber immer wieder mal nette Zusammenstellungen. Seit ein paar Monaten ist es aus dem Hause Kein & Aber eine schöne elfbändige Polt-Ausgabe.

Inzwischen steht sie bei mir schon ein paar Wochen und kämpft gegen den Bücherberg an, der mir von anderen angetragen wurde. Es war daher nachgerade ein Akt wildesten Rebellentums, dass ich aus dieser quasi erzwungenen Leseliste ausgebrochen bin und mir den ersten Band Polt geschnappt habe.

Der hat mich doch arg zum Schmunzeln gebracht. Denn er bringt rund um die Themen (bayrische) Heimat und (bayrische) Geschichte eine Reihe von Klassikern wie » Toleranz, die auch gelesen ein großer Zwerchfellschmaus sind.

Lesetipp und nebenbei Geschenktipp für Weihnachten!

Helge Timmerberg, Die rote Olivetti

Lakonisch ist so ein gespaltenes Wort. Oft trägt es einen abwertenden Beigeschmack mit sich. Es kann aber genauso ein sehr unterhaltsames Element sein.

Timmerberg ist so ein Beispiel. In der roten Olivetti (benannt nach seiner Reiseschreibmaschine) berichtet er lakonisch, auf welchen Umwegen er Journalist wurde und wie es ihm auf den verschlungenen Pfaden im Wald der flotten Spätachtziger- und Neunziger-Zeitschriften erging. Und er macht es eben amüsant lakonisch.

Er beschreibt wunderbar. Er scheut sich nicht, für Vergleiche in den Fundus der hemmungslosen Kneipensprache abzutauchen. Stilsicher verzichtet er dabei auf das zotig Plumpe. Er schreckt auch nicht zurück, sich in ein schlechtes Licht zu stellen, was den Text ehrlich wirken lässt und ihn letztlich zu seinen Wurzeln zurückbringt: dem Gonzo-Journalismus.

Denn man merkt der Olivetti Timmerbergs Herkommen aus den damals angesagten Zeitschriften an. Aber das tut dem Text keinen Abbruch. Im Gegenteil möchte ich behaupten: Timmerberg stolziert wie eine aufmerksame Thompson-Gazelle durch die Savanne, die zwischen den beiden Buchdeckeln liegt. Und das zu Recht.

Ein leichtes, aber sehr schönes Lesevergnügen.

Ernest Hemingway, Der alte Mann und das Meer

Es gibt ja so eine populäre Dichotomie in der Literatur, nach der es den Genius-Schriftsteller und den arbeitenden Autor gibt. Ersterem fließt jedes Wort direkt druckreif aus der Feder. Letzterer feilt an Worten, Sätzen und Absätzen, bis auch jedes überflüssige Gran entfernt ist (oft fallen die Resultate hier quantitativ etwas schmaler aus).

Obwohl ich selbst so manchen Genius wie Döblin oder Balzac schätze, gebe ich gern zu, dass ich vor den Feilern (ja, richtig, mit F) doch eine ganz andere Art der Hochachtung hege, insbesondere wenn das Ergebnis stimmt. Denn aus eigener Erfahrung weiß ich, wie mühselig dieses Finden eines Worts ist, das noch passender ist, eines Ausdrucks, der noch treffender ist.

Hemingway ist so ein Fall. Er hat an seinen Texten gearbeitet und obwohl man die Arbeit an sich nicht sieht, merkt der aufmerksame Leser doch, dass hier jemand wirklich jedes unnötige Beiwerk weggekürzt hat.

Das ist mir bereits hier aufgefallen, beim alten Mann und dem Meer ist es noch deutlicher – vermutlich auch angesichts der Gesamtlänge des Texts.
Die Novelle ist insgesamt sehr schlicht, aber nicht simpel. In ihrer Schlichtheit ist sie zugleich bestechend.

Wie ein Foto, auf dem Motiv, Ausschnitt, Proportionen und Farbgebung einfach perfekt sind. Klar, es ist „nur“ ein Foto und kein hyperrealistisches Ölgemälde. Aber auch beim Foto gibt es ästhetische Vorgaben, die ein Motiv gut aussehen lassen.
Beim alten Mann und dem Meer hat Hemingway diese Vorgaben definitiv erfüllt. Großartig!

Page 1 of 7

Präsentiert von WordPress & Theme erstellt von Anders Norén